Die europäischen Gasspeicher sind gut gefüllt, doch die eigentliche Herausforderung bleibt der Preis. Energieexperte Johannes Benigni sieht Europa zwar kurzfristig gut gerüstet, warnt jedoch vor strukturellen Wettbewerbsnachteilen. Vor allem Österreich stehe aufgrund seiner geographischen Lage und politischen Entscheidungen schlechter da als die Nachbarn. Aber auch Europa habe sich „selbst in eine erpressbare Situation gebracht“, kritisiert Benigni.
Österreich zahlt nach Benignis Einschätzung sieben bis zehn Prozent mehr für Gas als Nachbarn wie Deutschland oder Italien, seit es keine Gaslieferungen mehr aus dem Osten gibt. „Am Ende der Pipeline ist es eben teurer und Österreich ist keine Gasdrehscheibe mehr. Das ist so, seit wir aus dem Osten kein Gas mehr beziehen, und wird in Zukunft noch stärker werden, wenn Ungarn über die TurkStream kein Gas mehr bekommt“, so der Experte. Politisch fehle es an einer klaren Strategie, um die Wettbewerbsnachteile der Industrie abzufedern.
Europa müsse auf eine breitere Versorgungsbasis setzen, derzeit entwickle man sich aber in die andere Richtung. So gelte die Lieferkettenverordnung auch für Gas, was Katar abschrecken könnte, während die Methanverordnung speziell Schiefergas-Exporte nach Europa unattraktiver machen könnte, was wiederum für die USA relevant ist. „Wir sind leider systematisch dabei, unsere globalen Gasanbieter zu reduzieren“, so Benigni. Benigni fordert eine klare Drittel-Strategie bei Lieferanten: „Jede Abhängigkeit führt am Ende des Tages zu einer Erpressung bei kostengünstiger Energie.“
Dass in Deutschland nun neue Gaskraftwerke gebaut werden müssen, ist dem Dunkelflauten-Risiko bei erneuerbaren Quellen wie Photovoltaik oder Wind zu verschulden. Die Debatte, ob diese Gaskraftwerke nun „Wasserstoff-ready“ sein sollen oder nicht, hält der Experte für überflüssig, da Wasserstoff die Grundlast-Versorgung ungeeignet sei – im Unterschied zu Gas, Atomkraft in Frankreich oder die Wasserkraft in Österreich. „Deutschland wird für seine Grundlast keine Alternative haben, als zu Atomkraft zurückzukehren“, so Benigni.
Bei Wasserstoff sei das Timing wichtig – wenn Österreich hier vorpresche, habe das große Nachteile, da gemäß der Merit-Order der teuerste Energieträger den Strompreis bestimmt. Wasserstoff sei viermal so teuer wie Erdgas. „Wenn ich um ein Jahr schneller bin, habe ich deutlich höhere Kosten, aber noch keinen Ertrag und das ist ökonomisch Harakiri. Wenn wir in Österreich fünf Jahre schneller sind als Deutschland, zehn Jahre schneller als die EU, 20 Jahre schneller als China und 30 Jahre schneller als Indien, dann ist das gesamtwirtschaftlich nicht vorteilhaft.“
Langfristig sieht Benigni für Österreich auch Atomkraft als Option: „In ca. fünf Jahren werden Small Modular-Reaktoren (SMR) marktreif werden, die für Österreich auch interessant sein könnten. Wir brauchen nicht so große Mengen, aber ein paar kleine Reaktoren wären wahrscheinlich kostengünstiger als Wasserstoff.“
Die europäischen Gasspeicher sind gut gefüllt, sind wir für den Winter gerüstet?
Johannes Benigni: Ja, momentan mache ich mir da keine Sorgen. Die Gaspreise für Verbraucher sind zuletzt sogar ein wenig gesunken, aber noch immer doppelt so hoch wie vor dem Ukraine Krieg.
Auch die Preise sind derzeit moderat – rechnen Sie in den kommenden Monaten mit Preisanstiegen?
Die Preisfindungen finden jetzt primär aufgrund von Schwankungen im internationalen Bereich statt – wir sind in Österreich eher Beobachter. Weil sich bei der Nachfrage anderswo gerade nicht so viel tut, sind die Preise bei uns stabil und eben nicht in Rekordhöhe. Wenn in Asien oder wie eben im Sommer in Ägypten die Nachfrage steigt, wird auch bei uns der Preis wieder hinaufgehen. Gerade in Asien gibt es keine so großen Speicher und die kaufen dort dann erst wenn es richtig kalt wird oder wenn es richtig heiß ist gerade auch zum Kühlen, wie etwa dies bei Ägypten erst der Fall war.
Unsere gut gefüllten Speicher können uns über den teuren Winter hinweghelfen?
Ja, aber es geht nicht nur darum, dass wir genug Gas haben, der Preis ist das Thema. Der Gaspreis wird wieder steigen, wenn wir Gaslieferquellen sperren – zum Beispiel, wenn auch über die TurkStream-Leitung keine russischen Lieferungen mehr nach Osteuropa kommen sollten. Natürlich ist Gas substituierbar, aber zu welchem Preis? Derzeit ist der Preis eben noch recht moderat, aber in Österreich dennoch um sieben bis zehn Prozent höher als in Deutschland, Italien oder den Niederlanden. Das ist ein relativer Wettbewerbsnachteil und für viele Betriebe kaum leistbar.
Woran liegt das?
Weil nur bei höherem Preis für Gas, überhaupt Gas von den Niederlanden oder Italien nach Österreich fließt. Am Ende der Pipeline ist es eben teurer und Österreich ist keine Gasdrehscheibe mehr. Das ist so, seit wir aus dem Osten kein Gas mehr beziehen, und wird in Zukunft noch stärker werden, wenn Ungarn über die TurkStream kein Gas mehr bekommt. Das hätte auf Bestreben der EU erst am 1.1. 2028 soweit sein sollen, jetzt will die EU das aber um ein Jahr vorziehen. Ich sehe bei uns leider auf politischer Seite niemanden, der sich in dieser Sache für uns als Österreich einsetzt – es sind aber unsere Betriebe, die einen Wettbewerbsnachteil aufgrund des höheren Gaspreises haben.
Die EU will ab 2027 auch kein Flüssiggas (LNG) mehr aus Russland importieren. Welchen Impact wird das haben?
Flüssiggas lässt sich am leichtesten kompensieren, da zusätzliche Volumina aus den USA und Katar in den kommenden Jahren erwartet werden. Meine Sorge ist eher, dass die TurkStream gefüllt bleibt und dass sich die EU nicht im Einkauf von teurem Gas via USA systematisch selbst schädigt. Wenn die USA und Katar den Preis diktieren, kann es in der EU nur teurer werden.
Wenn die USA und Katar den Preis diktieren, kann es in der EU nur teurer werden.
Johannes Benigni
Inwiefern?
Wir sind in vielen Dingen heiliger als der Papst. Die EU ist beim Gas zu mehr als 90 Prozent Importabhängig. Die Lieferkettenverordnung gilt auch für Gas und wird auch im Gasbereich greifen. Lieferanten müssen dann bestimmte Auflagen erfüllen oder bis zu vier Prozent ihres Umsatzes an Strafe zahlen. Katar hat schon gesagt, dass sie da nicht mitmachen werden, weil das ein massiver administrativer Aufwand ist und Unsummen an Geld kosten könnte.
Spielt das Donald Trump in die Hände, der von Europa ja erwartet, sehr viel größere Mengen US-LNG zu kaufen?
Ich glaube, das hat sich eher zufällig ergeben. Wir sind leider systematisch dabei, unsere globalen Gasanbieter zu reduzieren. Der nächste Bereich, wo wir uns selbst schaden, ist die Methanverordnung. Anbieter müssen die Methanemissionen bei der Produktion und Lieferung nachweisen. Es ist natürlich sinnvoll, Methan zu vermeiden, da wird international auch sehr viel gemacht. Methanemissionen spielen aber gerade beim Gas-Fracking eine Rolle und damit würden wir die Amerikaner treffen. Da ist man nun dabei, eine Ausnahme zu formulieren. Das ist mittlerweile typisch für Europa, wir versuchen grüner als grün zu sein, ohne auf die flächendeckende Durchsetzbarkeit zu achten und die wirtschaftlichen Auswirkungen ausreichend zu berücksichtigen.
Das ist mittlerweile typisch für Europa, wir versuchen grüner als grün zu sein.
Johannes Benigni
Die Diversifizierung von Energieanbietern wird also schwieriger.
Das ist etwas, was ich unserer Regierung ins Stammbuch schreibe: Unser Ziel muss bei Lieferanten eine Drittel-Lösung sein. Jede Abhängigkeit führt am Ende des Tages zu einer Erpressung bei kostengünstiger Energie. Wir haben uns in Wirklichkeit selbst in eine erpressbare Situation gebracht. In Trumps erster Amtszeit haben die Amerikaner gesagt, sie wollen die Nord Stream-2-Leitung nicht, Biden hat das umgesetzt und Nord Stream 2 ist jetzt Geschichte. Nun bekommen wir die Rechnung präsentiert und sollen in der EU um 275 Milliarden Dollar Energie aus den USA kaufen. Das ist zwar gar nicht möglich, aber wir haben uns in der EU in eine Situation gebracht, in der wir eigentlich nicht sein sollten.
Jede Abhängigkeit führt am Ende des Tages zu einer Erpressung bei kostengünstiger Energie.
Johannes Benigni
Hat es nicht auch Vorteile, wenn die USA und auch Katar LNG-Kapazitäten ausbauen – ein größeres Angebot würde ja den Preis senken.
Vor allem in der Periode 2026-2030 kommt einiges an zusätzlichen Gaskapazitäten auf den Markt. Das sollte dazu führen, dass die Preise sich entspannen, dies hängt aber auch von der Nachfrage in Asien ab. In Asien war man eigentlich schon in den frühen 2020ern dabei, von Kohle auf Gas umzusteigen, dann ist der Preis für Flüssiggas gestiegen, weil Europa vermehrt Flüssiggas statt russisches Pipelinegas kaufte, dadurch ist man in Asien wieder zur Kohle zurückgegangen. Die Hoffnung ist nun, dass man in Asien wieder mehr Gas kauft, um die Dekarbonisierung voranzutreiben. In dem Moment, wo dort die Nachfrage allerdings steigt, wird der Preis in Europa für Gas wieder stärker werden.

In Deutschland ist eine Debatte um die Notwendigkeit neuer Gaskraftwerke entbrannt. Warum braucht Deutschland diese Kraftwerke?
Die Deutschen brauchen ausreichend günstige Energie. In Zeiten der Dunkelflaute gibt es nicht genug Strom aus Photovoltaik und Wind. Kohle will man auslaufen lassen, also braucht man eine andere Energieform. Im Gegensatz zu Österreich hat Deutschland nicht so viel Wasserkraft und von Atomenergie hat man sich verabschiedet. Also muss alternativ Gas herhalten, denn Gas ist wegen des geringeren CO2-Ausstoßes immer noch besser als Kohle. Die Frage ist nun, ob die Gaskraftwerke schon Wasserstoff-ready sein sollen, weil man ja auch prinzipiell längerfristig wieder weg will vom Gas. Kanzler Merz hat nun gemeint, ja, Wasserstoff-ready sein ist gut, aber nicht alles jetzt gleich. Auch in Österreich hat man das mit der Geschwindigkeit für den Umstieg auf Erneuerbare nicht durchgedacht. Es wird in ein Wasserstoffkernnetz investiert, damit man am Südkorridor teilhaben kann. Das ist gut, aber wir wollen ja unbedingt schon 2040 klimaneutral sein und das wird Unsummen für diesen Umstieg verschlingen.
Und dafür brauchen wir Wasserstoff…
Genau. Es gibt aber ein Problem damit, weil wir werden in Österreich nur einen gewissen Teil des eigenen Strombedarfs mit Wasserstoff produzieren können, der im Sommer mit billigem Photovoltaikstrom produziert wird. Dann kommt aber die Merit-Order ins Spiel. Der teuerste Energieträger setzt den Energiepreis fest. Das ist meistens Erdgas. Wenn wir aber in Österreich mit Wasserstoff auch Strom generieren, wird bei uns aber Wasserstoff den Strompreis setzen. Wasserstoff ist viermal so teuer wie Erdgas. Für die Stromwirtschaft ist das natürlich super: Wenn wir Wasserstoff haben und Wasserstoff den Preis bestimmt, können sie Strom aus Wasserkraft, PV und Wind um den vierfachen Preis verkaufen. Das wird man nur dann machen, wenn es im gesamten Binnenmarkt gleichzeitig passiert, wenn das aber nur in Österreich passiert, dann werden wir Wasserstoff dafür nicht verwenden, sondern zunächst billigen Strom importieren und auf den teureren Wasserstoff verzichten.
Wenn wir in Österreich mit Wasserstoff Strom generieren, wird bei uns Wasserstoff den Strompreis setzen. Wasserstoff ist viermal so teuer wie Erdgas.
Johannes Benigni
Was wäre eine Lösung für dieses Problem?
Man muss diese Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff planen und zeitlich anpassen. Wenn ich zwei, drei Monate in der Umsetzung schneller bin, habe ich vielleicht einen Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern. Wenn ich aber um ein Jahr schneller bin, habe ich deutlich höhere Kosten, aber noch keinen Ertrag und das ist ökonomisch Harakiri. Wenn wir in Österreich fünf Jahre schneller sind als Deutschland, zehn Jahre schneller als die EU, 20 Jahre schneller als China und 30 Jahre schneller als Indien, dann ist das gesamtwirtschaftlich nicht vorteilhaft.
In Europa sollten also alle gleichzeitig auf Wasserstoff umstellen und dementsprechend ihre Klimaziele anpassen?
Wenn alle gleichzeitig handeln, muss jeder Energie in einer Dunkelflaute mit Wasserkraft, Atomstrom oder z.B. Wasserstoff erzeugen. Jeder wird aber genau schauen, wie viel Volumen wirklich unbedingt notwendig ist. Wasserstoff ist wie Champagner sehr teuer und nicht als Base-load Energie gedacht, sondern rechnet sich nur für den Spitzenausgleich. Damit stellt sich für jedes Land die Frage, was ist die Base-load Energie, wenn Wasserstoff für die Spitzenlast gedacht ist? In Frankreich ist das Atomenergie, in Österreich Wasserkraft. Deutschland hat dann ein großes Problem, wenn sie dann mit den ganzen Gaskraftwerken sauteuer Wasserstoff verheizen. Deutschland wird für seine Grundlast keine Alternative haben, als zu Atomkraft zurückzukehren. Ich bin hier auf Deutschland in naher Zukunft sehr gespannt.
Sollte auch Österreich seine Einstellung zu Atomenergie überdenken?
In ca. fünf Jahren werden Small Modular-Reaktoren (SMR) marktreif werden, die für Österreich auch interessant sein könnten. Wir brauchen nicht so große Mengen, aber ein paar kleine Reaktoren wären wahrscheinlich kostengünstiger als Wasserstoff.
In den nächsten Jahrzehnten wird die Nachfrage nach Erdgas also wahrscheinlich weiter steigen – die Internationale Energieagentur geht nun sogar davon aus, dass das bis 2050 der Fall sein wird. Müssen wir unsere Klimaziele grundsätzlich überdenken?
Die IEA ist draufgekommen, dass wir eine Energie-Versorgungskrise haben, wenn jetzt nicht mehr auch in Fossile investiert wird, obwohl die IEA seit Jahren propagiert hat, dass lediglich in Erneuerbare investiert werden soll. Man kann allerdings angesichts der globalen wirtschaftlichen Anforderungen nicht überall so schnell umsteigen. Natürlich wird die Nachfrage nach Öl und Gas irgendwann einen Höhepunkt haben, das gilt aber auch für Uran und seltenen Erden etc. Es gibt aber leider noch immer sehr viele Menschen auf der Welt, die gar keinen Zugang zu Energie haben. Diese Menschen können und werden nicht die teuerste, sondern die billigste Energie kaufen. Gleichzeitig ist man in Asien froh, wenn man Kohle durch Gas ersetzen kann und dadurch die CO2-Emissionen um die Hälfte reduziert. Die Länder Asiens versuchen das nachzumachen, was in den USA vorgemacht wurde. Dort ist man von Kohle auf Schiefergas umgestiegen und hat so die Emissionen massiv gesenkt. Das versuchen jetzt viele Entwicklungsländer auch umzusetzen. Wir sehen, dass die Stromgenerierung mehr und mehr mit Erneuerbaren stattfinden wird, aber auch das braucht Zeit. Es ist ein Fehler, hier falsche Erwartungen zu wecken und zu glauben, dass man global schneller klimaneutral wird, wenn wir in Europa die Geschwindigkeit erhöhen. Die Begleitkosten dafür sind einfach zu hoch. Donald Trump betrachtet günstige Energie als Frage der nationalen Sicherheit und auch die Sichtweise auf CO2 ist differenzierter als bei uns. So wurde CO2 als Schadstoff aus dem Clean Air Act gestrichen und man anerkennt auch positive Aspekte von CO2, wie der Beitrag zu einer deutlichen Begrünung des Planeten durch Photosynthese. Wenn man das so bei uns diskutieren will, ist man sofort ein Klimaleugner. In den USA ist der wissenschaftliche Diskurs dazu viel ausgeglichener und zudem steht dort die Sicherstellung ausreichender günstiger Energie für die eigene Bevölkerung und Wirtschaft an vorderster Stelle.