Kern sondiert herum, Stocker holt den Kurz-Mann
Rainer Nowak ist CEO der Tageszeitung „Die Presse“. Zuvor war er Journalist und Ressortleiter für Wirtschaft und Politik bei der „Kronen Zeitung“ und davor Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer der Tageszeitung „Die Presse“.
Personalspekulationen gehören als Suppensalz zur Politik. Journalistisch werden sie offiziell – weil unseriös – ungerne gesehen. Gelesen werden sie immer. So auch hier als an dieser Stelle, ähm zu diesem morgendlichen Zeitpunkt vor einigen Wochen über die Ambitionen eines gewissen Christian Kern, der Andreas Babler als SPÖ-Chef beerben woll(t)e. Zugegeben: Der Ehrgeiz war bei den Mitstreitern vielleicht höher als bei ihm selbst. Zumal der Manager privat wie beruflich gut ausgelastet ist. Aber als Kandidat für die Stichwahl am Parteitag der Sozialdemokraten darf man ihn noch nicht ganz abschreiben, obwohl Wiens Bürgermeister Michael Ludwig die Personaldebatte in Medien bereits für beendet erklärt hat.
Das ist insofern bemerkenswert, als der Wiener Machtmann Kern am 2. Jänner für fast zwei Stunden getroffen hatte, der Termin weder in seinem Büro abgehalten noch in seinem Kalender notiert oder den Mitarbeitern kommuniziert wurde. Kern solle ein klares Konzept verfassen, wie er es diesmal besser zu machen gedenke, so Ludwig. Drei Tage zuvor hatte Kern einen Termin mit Wolfgang Katzian, dem klügsten Gewerkschafter seit Langem. Aber das alles sind sicher nur Erfindungen der Medien, wie Andreas Babler glaubt. In Traiskirchen schläft man tiefer.
Aber wenn die bösen Medien schon spekulieren: Eine Personalrochade dürfte, so sie jetzt durchgezogen wird, die ÖVP in den kommenden Tagen/Wochen beschäftigen. Markus Gstöttner kehrt in die Politik zurück, der treue Sebastian-Kurz-Mann soll stellvertretender Kabinettschef von Kanzler Christian Stocker werden. Nach Presseguru Gerald Fleischmann und Stratege Stefan Steiner ist das der dritte Mann aus der engsten Kurz-Truppe, der ÖVP-Chef Stocker verstärkt oder berät. Der ehemalige McKinsey-Berater Gstöttner war vor allem während der Corona-Krise mit seiner analytischen, wenig tagespolitisch hysterischen Herangehensweise ein stabiler Faktor im Kanzleramt. Dass er zurückkehren dürfte, wird bestimmte Spekulationen anheizen: Ist er ein Vorbote für eine Rückkehr von seinem alten Chef und vertrauten Mentor Kurz? Oder orientiert sich Stocker personalpolitisch einfach an den Stärken seines Vorvorgängers? Zwischen-ÖVP-Kanzler Karl Nehammer sah das differenzierter – vorsichtig formuliert.
Wie auch immer: Christian Kern scheiterte gegen Kurz, im Gegensatz zu ihm, nicht zuletzt an den falschen engen Mitarbeitern. Stocker weiß das vermutlich. Kern könnte sich seine bei einem erneuten Antreten wieder nur bedingt aussuchen, sie haben ihn dieser Tage gerade demonstrativ ausgesucht. Oder haben es versucht.