Polanyis Paradoxon: Der entscheidende Vorteil älterer Mitarbeiter

1. Oktober 2025Lesezeit: 3 Min.
Kommentar von Markus Hengstschläger

Der Genetiker Markus Hengstschläger ist Leiter des Instituts für Medizinische Genetik und Organisationseinheitsleiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik an der Medizinischen Universität Wien und u.a. auch stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich, Kuratoriumsmitglied des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds und Gründer und Leiter des Symposiums „Impact Lech“.

Ab 2026 wird in Österreich das Pensionsantrittsalter für die Korridorpension schrittweise angehoben und durch die Einführung der Teilpension wird es möglich sein, reduziert zu arbeiten und gleichzeitig einen Teil der Pension zu beziehen. In diesem Zusammenhang ist es unverzichtbar, Maßnahmen zu setzen, die einerseits ein altersgerechtes gesundes Arbeiten unterstützen und andererseits Unternehmen motivieren, ältere Menschen weiter zu beschäftigen oder einzustellen.

Viele Gründe werden dafür angeführt, warum es wichtig ist, „Silver Worker“ länger im Arbeitsprozess zu halten und den Übergang in den Ruhestand flexibler zu gestalten: Entsprechend einer Empfehlung der OECD soll in Österreich das Pensionsantrittsalter an die gestiegene Lebenserwartung angepasst werden. Außerdem muss das österreichische Budget saniert werden und es braucht ein wirklichkeitsnahes Pensionssystem, das auch langfristig finanzierbar ist. Für den länger arbeitenden Menschen wird die Bedeutung des Sinns von Arbeit, einer zusätzlichen finanziellen Sicherheit, der sozialen Interaktion und des positiven Effekts von Aktivität für die Gesundheit hervorgehoben.

Und aus der Sicht der Unternehmen? In vielen Branchen kann der Stellenwert von älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit ihren Erfahrungen, Fachkenntnissen und Fähigkeiten nicht hoch genug eingeschätzt werden. In vielen Bereichen können sie Mentoren für jüngere Kolleginnen und Kollegen sein. Natürlich müssen auch „Silver Worker“ im Zeitalter der digitalen Revolution ihre Kompetenzen an der Schnittstelle von Mensch und Maschine stetig am neuesten Stand halten. Aber ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben zusätzliche Qualifikationen von unschätzbarem Wert: Ein nach dem Philosophen Michael Polanyi benanntes Paradoxon beschreibt das Phänomen, dass der Mensch im Laufe seines Lebens sehr viel Wissen implizit besitzt und vermehrt, es aber nicht in Form von Anleitungen aufschreiben und einfach übertragen kann. Umso länger und umso öfter man es macht umso besser kann man Fahrrad fahren oder, wie zum Beispiel in dem Bereich in dem ich arbeite, ein kompliziertes Experiment im Labor durchführen.

In vielen Branchen kann der Stellenwert von älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit ihren Erfahrungen, Fachkenntnissen und Fähigkeiten nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Markus Hengstschläger

Implizites Wissen beruht auf Übung, Praxis und Erfahrung. Ob bestimmte soziale Kompetenzen oder die intuitive Lösung einer individuellen vielleicht seltenen Problemstellung, da es sich nicht um bewusstes Wissen handelt, ist es kaum möglich eine nachvollziehbare Anleitung, die alle Details festhält und richtig gewichtet, zu entwerfen. Daher ist implizites Wissen auch schwer auf Computer übertragbar. Aber erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können es den jüngeren Kolleginnen und Kollegen einfach zeigen, vormachen und ihnen über die Schulter schauen, wenn sie es dann das erste Mal selbst probieren. Und solch ein von sozialer Interaktion geprägtes Lehren und Lernen von Radfahren ist auch effizient und macht Spaß.

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