René Tritscher ist Geschäftsführer der Austrian Business Agency © ABA/Patricia Weisskirchner / Montage: Selektiv
René Tritscher ist Geschäftsführer der Austrian Business Agency © ABA/Patricia Weisskirchner / Montage: Selektiv
Interview

ABA-Chef: „USA im Spitzenfeld qualifizierter Zuwanderer“

René Tritscher, Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA), zieht trotz geopolitischer Unsicherheiten und Schwächeln des traditionell stärksten Markts Deutschland eine positive Bilanz für 2025: Die ABA begleitete Investitionen von 900 Mio. Euro und die Schaffung von knapp 2.800 neuen Arbeitsplätzen. Besonders stark wuchsen Projekte aus Nordamerika (USA/Kanada), dem CEE-Raum, sowie in der IKT-Branche (72 Projekte). Künftig werde die ABA einen größeren Fokus auf die Fachkräfteanwerbung in den Schlüsseltechnologien der Industriestrategie legen. Jährlich werden inzwischen rund 10.000 Rot-Weiß-Rot-Karten ausgestellt – dennoch muss die Zuwanderung qualifizierter Kräfte weiter steigen. „Auf Basis der demografischen Daten, die wir haben, wird es weiterhin einen Arbeitskräftemangel geben und der wird nicht durch inländisches Personal allein abgedeckt werden können.“ Fachkräfte sollen gezielt aus Asien (z. B. Philippinen, Indonesien) sowie Lateinamerika (Brasilien) via bilateraler Abkommen gewonnen werden.

Herr Tritscher, welche Kennzahlen (angesiedelte Projekte, Investitionen, Jobs) markieren die Bilanz der ABA 2025 als Erfolg bzw. Rückschlag?

René Tritscher: Wenn man Bilanz zieht, muss man sich meines Erachtens erst einmal die Rahmenbedingungen anschauen. Die Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahren sehr schwierig geworden. Nicht nur durch geopolitische Verwerfungen, auch durch die schlechte konjunkturelle Entwicklung. In Österreich aber auch in vielen anderen EU-Ländern. Und wir sind ja immer noch sehr stark bei Ansiedelungen und Expansionen von internationalen Unternehmen von Europa abhängig. Trotzdem sind wir, was die Investitionen dieser Unternehmen in Österreich betrifft, die durch die ABA begleitet wurden, mit 900 Millionen Euro, auf einem sehr hohen Niveau – wenn auch nicht ganz auf den Rekordwerten der Vorjahre. Und auch, was zusätzliche Jobs betrifft, liegen wir mit knapp 2.800 zusätzlichen Arbeitsplätzen sogar über dem Jahr 2024. Vor diesem Hintergrund war es für uns ein außergewöhnlich erfolgreiches Jahr.

Vor allem, wenn man sich anschaut, dass unser wichtigster Markt Deutschland, aus dem jahrzehntelang die meisten Unternehmen nach Österreich gekommen sind, einen deutlichen Rückgang verzeichnen musste. Uns ist es aber gelungen diesen Rückgang mit anderen Märkten zu kompensieren. Sehr positiv war für uns z. B. der CEE-Raum, aber auch in den USA bzw. in Kanada waren wir sehr erfolgreich.

Wie lässt sich dieser Zuwachs in Nordamerika, sowohl in Kanada als auch den USA, erklären?

Einerseits sehen wir ein sehr großes Interesse, nicht nur US-amerikanischer Unternehmen, sondern insbesondere auch kanadischer Unternehmen am europäischen Markt. Das spiegelt auch die geopolitische Situation wider. Nordamerikanische Unternehmen überlegen, wie sie in Europa zusätzliche Kapazitäten schaffen, um diesen riesigen Binnenmarkt zu bearbeiten. Hier haben wir als Österreich große Chancen.

Die nordamerikanischen Unternehmen schätzen Österreich als Eintrittstor in den EU-Markt. Dieses Argument verwenden wir beispielsweise auch sehr stark bei Unternehmen aus der Schweiz . Auch dort gibt es Diskussionen, zusätzliche Hubs innerhalb der Europäischen Union zu schaffen. Und das muss nicht immer ein ganz großes Land sein, bei einer Erstansiedelung. Das kann man auch als Diversifizierungsstrategie verstehen, weil die Schweizer Unternehmen denken, die Bilateralen Abkommen könnten irgendwann auslaufen. Dann könnte man Probleme bekommen, den europäischen Markt zu beliefern. Oder eben US-Unternehmen, die sich vor weiteren Zöllen absichern wollen.

Welches war das größte Einzelprojekt 2025 und welchen Mehrwert hat es für den österreichischen Standort gebracht?  

Über einzelne Unternehmen dürfen wir leider nicht sprechen. Man muss sich aber auch die Frage stellen, was ist das größte Projekt? Es gibt ja, was die Wertschöpfung betrifft, unterschiedliche Parameter. Also ich habe zuvor die Investitionssumme und die Arbeitsplätze genannt. Ich nehme jetzt einen großen Bereich heraus, der sehr wichtig ist, Rechenzentren. Rechenzentren haben eine hohe Investitionssumme, aber relativ wenige Arbeitsplätze im Vergleich zu manchen anderen Projekten. Wir schauen immer darauf, dass der Mix stimmt und da gibt es gewisse Branchen, die wir identifiziert haben, die jetzt und in Zukunft sehr wichtig sind. Das ist vor allem der IKT-Bereich und der Life-Science-Bereich, die beide in Zukunft noch Wachstumspotential haben.

Welche Staaten und Branchen haben in den letzten Jahren besonders zugelegt?

Wir sehen, dass unsere Fokusbranche IKT, sowohl IT als auch IT-Dienstleistungen (Telekommunikation, Software, etc.) tendenziell am stärksten zulegen konnte. Wir hatten 72 Projekte daraus in 2025, das ist deutlich stärker als in anderen Sektoren. Was auch tendenziell immer sehr stark ist, ist der Handel, auch wenn dieser im letzten Jahr leicht zurückging. Was uns sehr freut ist, dass die Bereiche Pharma, Biotech, also Life Science generell wieder viel stärker waren als im Vorjahr, Stichwort: Schlüsseltechnologien der Industriestrategie. Es ist uns gelungen, dass wir diese beiden Schlüsselsektoren immer unter den Top 5 Sektoren gehalten haben.

Sie sagten, Sie wollen einen Schwerpunkt auf die Anwerbung in den in der Industriestrategie festgelegten Schlüsseltechnologien setzen. Wie werden Sie Ihre bisherige Arbeit darauf anpassen?

Wir sind jetzt gerade dabei, das im Detail zu analysieren. Schon bisher sind wir im IKT-Sektor oder im Life Sciences-Bereich sehr stark aufgestellt. Wir schauen uns jetzt das Potenzial in den einzelnen Schlüsseltechnologien an und werden dann proaktiv die Unternehmen aus diesen Sektoren ansprechen. Gleichzeitig werden wir auch schauen, dass wir in der Beratung intern noch mehr Know-how in diesen Bereichen aufbauen, um Unternehmen mit noch mehr Expertise auf ihrem Weg nach Österreich betreuen können. Das heißt, es wird einerseits in Kommunikation investiert werden, aber andererseits auch in Beratung und Begleitung.

Wir beraten internationale Unternehmen nicht nur bei der Erstansiedelung, sondern auch, und das darf man nicht vergessen, bei der Expansion in Österreich. Hohe Wertschöpfungsquoten haben wir vor allem bei jenen Unternehmen, die in Österreich schon Standorte haben und diese dann erweitern. Das Thema Expansion wird daher in Zukunft noch eine größere Bedeutung haben. Weil das ist Standortabsicherung mittel- und langfristig. Und langfristige Wertschöpfung muss immer unser Ziel sein.

Ein weiterer Reformschwerpunkt der ABA soll im Bereich der Digitalisierung liegen. Kann man hier konkrete Schritte benennen?

Wir sind jetzt als ABA in einer Situation, wo wir durch die vielen Anfragen in der ABA, insbesondere im Servicebereich der internationalen Fachkräfteanwerbung („Work in Austria“), insgesamt haben wir im Vorjahr über 26.000 Beratungen abgewickelt, Prioritäten setzen müssen. Weil wir jenen Unternehmen oder Projekten, die mehr Wertschöpfung schaffen,  auch mehr Ressourcen zur Verfügung stellen wollen. Aufgrund dessen wollen wir unsere Stärke der individuellen Beratung vermehrt mit digitalen Services kombinieren. Es gibt bereits einzelne Services für internationale Fachkräfte, durch die man zum Beispiel durch Selbstchecks ein ideales Rot-Weiß-Rot-Karten-Verfahren inklusive aller notwendigen Dokumente online bekommt.

Vor allem in der Erstinformation bzw. Erstorientierung wollen wir mehr digitalen Selbstservice bieten und dann in weiterer Folge diese digitale Beratung mit persönlicher Beratung kombinieren. Wir werden den großen Launch unseres Fachkräfteportals wahrscheinlich im Herbst haben, wo wir dann  auch in der Lage sein werden, dass wir in großem Stil eine Plattform anbieten, auf der sich alle österreichischen Unternehmen unabhängig von der Eigentümerstruktur mit internationalen Fachkräften digital matchen können.

Sie haben auch angesprochen, dass Verfahren beschleunigt werden müssen. Welche gesetzlichen Änderungen braucht es auf Bundesebene?

In der Industriestrategie sind schon einige Dinge angesprochen und mittlerweile auch Gesetzesentwürfe auf dem Weg ins Parlament, die uns positiv stimmen. Vor allem was das Thema Energiepreise betrifft und auch Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte.  Ich sehe, dass da schon vieles auf dem Weg ist.

Die Industriestrategie brachte auch Erleichterungen bei der Rot-Weiß-Rot-Karte. Reicht das schon? 

Aus unserer Sicht funktioniert das System schon sehr gut. Wir sehen im Vorjahr bei den knapp 4.000 Beratungen, die wir zu Rot-Weiß-Rot-Karten für Fachkräfte und Familienangehörige oder Blaue Karten EU begleitet haben, dass die Antragsteller:innen meistens schon innerhalb der gesetzlichen Frist einen positiven Bescheid erhalten. Hier hat sich viel getan. Wir erhalten, was die Rot-Weiß-Rot-Karte betrifft, auch sehr viele positive Rückmeldungen von den Unternehmen, wenn sie mit uns gemeinsam so ein Verfahren bei den Behörden durchführen. Sicherlich noch Potenzial gibt es im Bereich der RWR-Karten für Start-up-Gründerinnen und -Gründer. Hier sehen wir, dass vor allem aus den osteuropäischen Ländern viele Start-ups zu uns nach Österreich kommen. Wenn da noch etwas passieren würde, wäre das gut.

Was mir besonders wichtig ist, ist ein weiterer Aspekt. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen einheitlich vollzogen werden. Wir sehen uns daher auch als Drehscheibe und  Vermittler zwischen den Behörden und den Unternehmen bzw. Antragsteller:innen.  Manchmal hakt es nicht an der gesetzlichen Regelung, sondern anderswo im Verfahren. Wichtig ist daher auch der Vollzug und das konkrete Verfahren, vor allem die Verfahrensdauer.

Wir sehen, dass sich die USA immer im Spitzenfeld bei den qualifizierten Zuwanderern befinden.

René Tritscher

Stichwort: Fachkräfte aus den USA. Hier wurde im vergangenen Jahr ein Schwerpunkt gesetzt, vor allem im Bereich der Forschung. Wie hat sich der Zuzug aus den USA entwickelt?

Einerseits muss man sagen, dass sich die Rot-Weiß-Rot-Karten in den letzten Jahren gesteigert haben, in Richtung 10.000 positive Bescheide. Auf Basis der demografischen Daten, die wir haben, wird es weiterhin einen Arbeitskräftemangel geben und der wird nicht durch inländisches Personal allein abgedeckt werden können. Wir sehen auch, dass sich die USA immer im Spitzenfeld der Staatsangehörigkeiten bei den qualifizierten Zuwanderern befinden. Diese Zahlen sind auch relativ stabil, muss man sagen.

Was wir nun zusätzlich gemacht haben, Sie haben es erwähnt, ist, dass wir uns in den letzten Monaten sehr stark mit dem Thema US-amerikanische Forscherinnen und Forscher beschäftigt haben. Warum? Weil wir hier nicht nur bei Auslandsösterreicherinnen und Auslandsösterreichern im Forschungsbereich, sondern generell bei Forscherinnen und Forschern ein verstärktes Interesse an Europa gesehen haben.

Unser Ziel ist es, im Verbund mit unseren Partnern, mehreren Ministerien, aber auch dem OeAD und anderen, diese Menschen anzusprechen und ihnen Österreich als Arbeits- und Lebensstandort bzw. -mittelpunkt schmackhaft zu machen. Das ist ein Langfristprojekt, da werden wir nicht übermorgen schon Effekte sehen, aber wir sehen schon ein hohes Interesse. Österreichische Unternehmen sind extrem attraktiv, auch wenn viele Unternehmen vielleicht nicht zu den ganz großen Marken international zählen, da sie oft im B2B Bereich tätig sind.

Kann man sagen, aus welchen Branchen US-Forscher primär Interesse bekundet haben, nach Österreich zu kommen?

Das ist sehr, sehr unterschiedlich. Da geht es um den Bereich Naturwissenschaften, Life Sciences, bis hin zum Thema Artificial Intelligence. Das ist ein breites Spektrum. Wir sind da auch sehr offen. Wir haben hier keinen besonderen berufsspezifischen Schwerpunkt bei der Ansprache von Forschenden. Hinzufügen kann man, dass es in der Energie- und Umwelttechnik bzw. allem, was in Richtung Nachhaltigkeit und Klima geht, eine besonders hohe Nachfrage gibt.

Wahrscheinlich auch, weil in den USA genau in diesen Feldern aktuell gespart wird.

Genau. Das ist, glaube ich, genau der Bereich, wo derzeit gekürzt wurde.

Sie hatten erwähnt, dass die ABA in Zukunft einen stärkeren Fokus auf Asien legen wird, bezüglich Fachkräftezuwanderung. Welche Länder und Branchen haben Sie hier konkret im Blick?

In der EU gibt es in vielen Mitgliedstaaten einen immer stärker werdenden Fachkräftemangel. Wir haben daher schon vor mehreren Jahren begonnen uns verstärkt in Richtung von nicht-EU-Ländern in Europa zu orientieren, vor allem Länder des ehemaligen Jugoslawiens. Aber wir sehen, dass das Potential auch dort beschränkt ist. Deshalb war die Idee zu sagen, wir gehen auch nach Übersee. Vor zwei Jahren haben wir mit Brasilien begonnen. Wir sind inzwischen sehr stark in Lateinamerika und in Asien mit Indonesien und den Philippinen. Auch dort fokussieren wir uns auf bestimmte Berufsfelder, auf Spezialistinnen und Spezialisten aus dem IT-Bereich, aus der Elektronik bzw. Elektrotechnik, der Mechatronik etc.

Außerhalb Europas ist natürlich zum einen die Kommunikation eine ganz andere. Wenn Sie in Kroatien oder in Rumänien Fachkräfte suchen, dann ist Österreich bekannt. In Brasilien oder in Indonesien geht es darum, Österreich überhaupt auf die Landkarte zu bringen. Dort machen wir Basisarbeit für Österreich. Das Zweite ist, wir gehen nur dann in Länder, wenn es eine Gesamtstrategie gibt. Für uns ist der Idealzustand, dass zuerst einmal ein bilaterales Abkommen zwischen Österreich und dem jeweiligen Land abgeschlossen wird, in dem beide Seiten sich zu diesem Fachkräfteaustausch bekennen. Es wurden ja bereits bilaterale Abkommen mit den Philippinen, Indonesien und Brasilien abgeschlossen. Das ist ganz wichtig. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir in Zukunft auch in andere Länder gehen. Aber man darf nicht vergessen, einen Markt wie Brasilien zu bespielen ist etwas anderes als in Europa etwa in Albanien Kommunikation zu betreiben.

Die Mangelberufsliste ist ein gutes Abbild des Bedarfs der österreichischen Wirtschaft.

René Tritscher

Sie haben angesprochen, dass wir inzwischen ein jährliches Level von 10.000 Rot-Weiß-Rot-Karten erreicht haben. Reicht das für die nächsten Jahre, angesichts der demografischen Entwicklung?

Wenn man sich die Demografie ansieht, dann müssen wir auch diese Zahlen noch steigern. Aber es ist nicht nur eine Frage der Anzahl der Karten, sondern auch in welchen Bereichen wir konkret Personal brauchen. Das Mangelberufssystem geht genau in diese Richtung, dass man schaut, wo ist der größte Bedarf und dort sprechen wir gezielt Leute an. Unser Ziel ist es, dass wir in diesen Mangelberufen, im Bereich IT, Elektronik, Elektrotechnik noch mehr Leute zu uns holen. Man muss aber am Ende des Tages auch immer auf die Qualität der Ausbildung der internationalen Fachkräfte schauen. Interessant ist aus meiner Sicht, und das zeigt ja auch den Bedarf, dass es auch in der aktuellen Verordnung  64 bundesweite und 66 regionale Mangelberufe gibt. Die Mangelberufsliste ist ein gutes Abbild des Bedarfs der österreichischen Wirtschaft.