Peter Brezinschek ist Kapitalmarkt-Experte und ehem. Chefökonom bei Raiffeisen Research © Oliver Wolf / Montage: Selektiv
Peter Brezinschek ist Kapitalmarkt-Experte und ehem. Chefökonom bei Raiffeisen Research © Oliver Wolf / Montage: Selektiv
Interview

Brezinschek: „Die Börse war wieder ein Werk des Teufels“

Peter Brezinschek, österreichischer Kapitalmarkt-Experte und ehemaliger Chefökonom bei Raiffeisen Research, übt scharfe Kritik an der aktuellen Ausgestaltung der betrieblichen Vorsorgekassen. Die Rendite von 3,6 Prozent im Jahr 2025 sei zwar solide, werde jedoch durch politisch erzwungene Vorsicht – Kapitalgarantien und frühzeitigen Entnahmemöglichkeiten – massiv gebremst. Ein 30- bis 45-jähriger Anlagehorizont würde deutlich höhere Erträge und einen echten Vermögensaufbau für Arbeitnehmer ermöglichen. Brezinschek fordert eine mutige Reform ohne Kapitalgarantien, mit professioneller Asset-Allokation, höheren Aktienquoten und lebenslanger Bindung des Kapitals. Nur so könne Österreich seine fehlende Aktienkultur überwinden und das Vermögen breiter Schichten stärken.

Die österreichischen Vorsorgekassen (Abfertigung neu) haben 2025 mit einer Rendite von durchschnittlich 3,6 Prozent abgeschlossen. Wie bewerten Sie das Ergebnis im langfristigen Trend und was bedeutet das für die Altersvorsorge der Österreicher?

Peter Brezinschek: Zunächst muss man sagen, die Entwicklung bei den Vorsorgekassen entspricht nicht dem Durchschnitt eines Kapitalmarktportfolios, in dem, sagen wir, 80 % Aktien und 20 % Anleihen enthalten sind. Dementsprechend fällt die Rendite niedriger aus. Wobei ich das den Vorsorgekassen nicht vorwerfe. Wir haben leider ein Problem mit der Politik, die mit Kapitalgarantien und Entnahmemöglichkeiten nach 10 Jahren dafür sorgt, dass hier sehr vorsichtig angelegt wird, weil man nur einen relativ kurzen Anlagehorizont hat. Dieser entspricht aber nicht der eigentlichen Intention des Ganzen, nämlich Kapital über die gesamte Erwerbskarriere 20, 30, 40, 45 Jahre lang anzulegen. Bei einem derart langen Anlagehorizont bräuchte es weder Sicherheitspedale oder Bremsbacken, sondern da brauche ich eigentlich Gaspedale und die werden den Vorsorgekassen genommen.

Ich habe einmal im Fiskalrat vorgeschlagen, machen wir doch eine Variante ohne Kapitalgarantie, die wirklich bis zum Pensionsantritt nicht entnehmbar ist, dann können sich die Leute aussuchen, was sie lieber haben. Ich habe dann von Vertretern der Arbeiterkammer gehört, Herr Brezinschek, mit uns gibt es keine steuerbegünstigte Aktienspekulation. Wenn das die Message ist, dass man bei einer 45 Jahre langen Veranlagung spekuliert, dann erübrigt sich alles weitere. Das Thema Finanzbildung tut sich hier natürlich sofort auf sowie die Frage, warum man den vertretenen Arbeitnehmern, einen Vermögensaufbau vorenthalten will, der bei Weitem die Einkommenssteigerung aus einem unselbstständigen Leben übersteigen würde.

Die Regierung plant nun eine Reform der betrieblichen Vorsorge. Man möchte eine kostenfreie Übertragung der Abfertigung neu in die Pensionskassen und einen Generalpensionskassenvertrag für alle Beschäftigten schaffen. Was würde das für Arbeitnehmer bedeuten?

Es kommt darauf an, wie die Ausgestaltung ist. Wenn wieder eine Kapitalgarantie vorgesehen ist, dann sollte man es lieber gleich bleiben lassen. Für einen faulen Kompromiss, der erneut zu Lasten derer geht, die man eigentlich fördern will, ist die Mühe zu schade. Bei einer echten Reform müsste man die Veranlagungen nach Asset Allokation Überlegungen professioneller Art zusammenstellen und nicht verbürokratisiert von österreichischen Politikern, die dringend eine Schulung in Finanzbildung nötig hätten, bevor sie solche Sachen angehen. Eine rühmliche Ausnahme ist Christoph Pramhofer von den NEOS, aber sonst gibt es ja kaum irgendwelche Experten in diesem Bereich. Ich würde mir wirklich wünschen, dass man ein Modell wählt, das auch keine frühzeitige Entnahme des Kapitals vorsieht.

Wenn wieder eine Kapitalgarantie vorgesehen ist, dann sollte man es lieber gleich bleiben lassen.

Peter Brezinschek

Was ist denn das Problem bei der Entnahme?

Das Problem bei der Entnahme ist, wenn der Arbeitnehmer nach 10 Jahren entnimmt, dann muss ich auch eine 10-jährige Anlage kalkulieren und da sind natürlich andere Vermögenszusammensetzungen realistisch, um hier eine Kapitalerhaltung zu garantieren. Ein Beispiel: Von 2000 auf 2010 hat es das einzige Mal in der 100-jährigen Geschichte, die ich mir angesehen habe, einen Zeitraum gegeben, wo große Indizes wie der Dow Jones, der DAX, oder der Euro Stoxx eine negative rollierende 10-Jahres-Performance hatten. Wenn man am Höhepunkt der Dotcom-Blase im März 2000 investiert hätte und dann kurz nach Ausbruch der Finanzkrise 2010 verkauft hätte, dann war das die einzige 10-Jahres-rollierende Periode, in der Aktienmärkte eine negative Performance gemacht haben. Aber in all den anderen Perioden, selbst schon von 2001 bis 2011, hat man mit Aktien nur gewonnen. Eine gewisse Volatilität wird man immer dabeihaben. Der Schnitt der letzten 70 Jahre liegt jedoch bei 8,8 % pro Jahr.

Daher wäre es natürlich sinnvoll, dass man die Rahmenbedingungen so steckt, dass man in jungen Jahren zu 100 % Aktien investiert und, wenn man dann 20 Jahre vor dem Pensionsantritt steht, vielleicht auf ein 80 % Aktien zu 20 % Anleihen Portfolio umschichtet. Dann kann man auf 30, 40, 50 Jahre wunderbare Renditen erzielen, die natürlich weit über dem liegen, was man in einem Erwerbsleben an Einkommen verdienen kann. Was die Mitarbeiter der VOEST aus ihren Mitarbeiterbeteiligungen seit der Privatisierung vor über 30 Jahren gemacht haben, übertrifft bei weitem die durchaus respektablen Lohnsteigerungen in dieser Zeit. Und wie hat damals die Gewerkschaft dagegen protestiert, dass die Leute in Aktien hineingedrängt werden, bei der Post-Privatisierung war es genau dasselbe. Mitarbeiterbeteiligungsmodelle sind von den Gewerkschaften verteufelt worden und jetzt sind sie eine willkommene Einkommensquelle und eine Chance für Vermögensaufbau für jene, die man eigentlich vertreten sollte.

Wäre das auch etwas für das öffentliche Pensionssystem, eine teilweise Kapitaldeckung?

Ja, wir brauchen eine Ergänzung des Umlagesystems. Die Erhöhung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters, so sehr ich sie unterstütze, ist im Kern nur ein Herumdoktern am alten System. Das ist Kosmetik. Wir wissen, dass in den nächsten 15 Jahren ungefähr 300.000 Menschen weniger im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 64 sein werden. Und dann haben wir noch die Tendenz zur Teilzeitquote, wir haben aktuell 1,5 % weniger Arbeitsstunden bei höherer Beschäftigung als 2019. Da kann das BIP nicht wachsen und auch nicht die Pensionsbeiträge. Von der Angebotsseite muss man hier einiges machen und auch das Pensionssystem schrittweise ergänzen. So wie es die Schweden, wie es die Dänen gemacht haben, wie es die Chilenen gemacht haben, oftmals unter sozialdemokratischen Regierungen interessanterweise. In den Niederlanden ist es ja schon eine Ewigkeit so, dass man einen Teil der Pension über den Kapitalmarkt deckt.

Wie stellen Sie sich das genau vor?

Das Pensionskonto, das in der Schlüssel-Ära geschaffen worden ist, gehört ergänzt um ein eigenes Ansparkonto, das dann wirklich der einzahlenden Person zugutekommt. Dieser Pensionsteil muss dann aber nicht durch eine staatliche Sozialversicherung verwaltet werden. Man müsste Anbote von professionellen Vermögensverwaltern einholen. Dann besteht auch die Chance, dass wir den Kapitalmarkt in Europa beleben. Wir haben ja noch immer keine Kapitalmarktunion und ich fürchte, dass es bei den Bestrebungen hierzu noch zu einer Verwässerung des Ganzen kommt. Durchaus möglich, dass Spareinlagen nicht für europäische Unternehmen verwendet werden, sondern vielleicht sogar für Staatsanleihen, damit man die gigantisch wachsenden Schuldenberge irgendwie noch finanzieren kann.

Könnte nicht auch das der Grund hinter der von der SPÖ forcierten Kapitalgarantie sein. Dass man als Pensionskasse mehr Staatsanleihen halten muss und sich am Ende der Finanzminister freut?

Kapitalmarkttheoretisch ist das Unsinn. Genauso wie am allgemeinen Anleihenmarkt steigt das Risiko mit der Laufzeit. Je länger ich eine Staatsanleihe halte, desto höher ist natürlich, das Zinsänderungsrisiko, das man eingeht. Hier müsste man sich in maximal 4-5-jährige Anleihen begeben, hier liegt aber nicht das Emissionsvolumen, das ein Staat normalerweise hat. Ich glaube, vielleicht ist das ein Hintergrundgedanke dieser Leute. Es zeigt sich aber wieder einmal, dass sie von Kapitalmärkten nicht viel Ahnung haben. Mittel- bis längerfristige Staatsanleihen werden, wenn die nächste Zinswende wieder nach oben geht, sicherlich als erste mit Kursabschlägen und steigenden Renditen reagieren.

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Österreich keine ausgeprägte Aktienkultur hat, im Gegensatz zu Ländern wie den USA, der Schweiz, oder wie Sie erwähnten, die Niederlande, Dänemark, Schweden…?

…die Skandinavier überhaupt, die Norweger, die Schweden, die Finnen, die Dänen. Die Niederländer sind aktienaffin, weil sie auch ein darauf ausgerichtetes Pensionssystem haben, die Engländer genauso.

Die Börse war wieder ein Werk des Teufels.

Peter Brezinschek

Also kam zuerst das (kapitalgedeckte) Pensionssystem und dann das Aktienverständnis?

Ich glaube schon, dass das hiermit zusammenhängt. Dort wo es ein zu stark ausgeprägtes Sozialsystem gibt, mit sehr vielen Versprechungen von der Wiege bis zur Bahre, ist es auch nicht notwendig persönlich vorzusorgen. Man schaut weniger auf den Ertrag des Ersparten und das ist eine Blockade für risikoreicheres Anlegen. Aber einst waren wir durchaus ein Volk von „Aktienspekulanten“ könnte man fast sagen. Bis 1873, dem großen Börsenkrach, und dann ist dieses liberale Zeitalter entschwunden und in der Monarchie nicht mehr aufgetaucht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war dann sowieso alles verstaatlicht. Es hat bis in die 1980er Jahre gedauert, bis wir unter Vranitzky auf den Zug der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung aufgesprungen sind. Das Desaster der staatlichen Industrie war ein Weckruf und man hat danach gesehen, was alles möglich ist, wenn man nicht unter dem Diktat dessen steht, was Regierung und Gewerkschaften sagen. Das hat dann aber mit BK Schüssel plötzlich geendet. Gusenbauer war nur eine kurze Erscheinung und Faymann und seine Nachfahren haben die Vorzüge des Kapitalmarkts wieder weit unter den Teppich gekehrt. Die Börse war wieder ein Werk des Teufels.

Was sollte die Politik tun, um dieses negative Bild zu ändern?

Ich würde mir wünschen, dass wenn die Regierung ihr Wirtschafts- und Finanzbildungskonzept für Österreich ausarbeitet, bei sich einmal anfängt und mit gutem Beispiel vorangeht. Sie sollte sagen, wir haben uns beim Thema Kapitalmarkt geirrt, wir haben dazugelernt. Klar sind Aktien nicht für jeden Bürger in jedem Moment seines Lebens das Richtige, aber man kann diese trotzdem nicht pauschal verunglimpfen und den Leuten Angst macht. Dass das alles Gauner sind und nur herumspekuliert und Geld vernichtet wird. Diese Märchen sollten endlich einmal ad acta gelegt und den Leuten reiner Wein eingeschenkt werden.

Dann könnte man für die arbeitende Bevölkerung, ob selbstständig oder unselbstständig, endlich einmal die Türe öffnen, dass die Vermögensschere nicht größer wird. Denn warum wird sie größer? Weil die breite Masse der Einkommensbezieher von Aktien die Finger lässt und nicht jeder sich eine Immobilie leisten kann. Also ich finde, da gehört endlich eine Aufbruchstimmung her. Eine wesentliche Ergänzung für unsere wirtschaftliche Prosperität ist auch die finanzielle Prosperität. Da wäre es geschickt, wenn auch die Vertretungsorgane, die Wirtschaftskammer tut es eh, aber auch die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer sich endlich einmal zum Kapitalmarkt bekennen, als einer positiven Kraft für Wachstum und Beschäftigung.