Einer der innovativsten Sektoren in Österreich ist bisher besser durch die Krisen gekommen als andere Bereiche. Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit des Standorts macht aber auch der Bahnindustrie zu schaffen und mit Sorge beobachtet man die Entwicklung der Branche in China, die mit staatlich subventionierten Produkten nach Europa drängt. „Die Position, die wir uns erkämpft haben, auch zu halten, ist ein langfristiges Thema – das geht nicht von einem Jahr auf das andere. Wenn wir sehen, dass sich andere Weltregionen auf bestimmte Art und Weise entwickeln, müssen wir frühzeitig reagieren“, sagt der Bahnindustrie-Verbands-Präsident Hannes Boyer.
Die europäische Autoindustrie wird mittlerweile auch in Sachen Innovation von chinesischen Herstellern überholt. Bei der Bahnindustrie ist das anders – gerade Österreich gilt als besonders innovativ und liegt bei der Erfinderdichte, also den Patenten pro Kopf, weltweit ganz vorne. Was können sich andere Zweige abschauen?
Hannes Boyer: Der Unterschied zwischen diesen Sektoren ist eklatant. Noch deutlicher sieht man das mit einem Blick auf die Telekomindustrie, wo ein vergleichbarer Effekt bereits vor Jahrzehnten eingetreten ist. Dieser Sektor ist jetzt deutlich weiter hinten in der Entwicklung. Was ist in der Bahnindustrie anders? Wir haben im Vergleich zur Autoindustrie eine relativ stabile, also nicht so stark fluktuierende Investitionssituation – weltweit, aber vor allem auch in Europa.
Wenn man sich die konjunkturelle Situation ansieht, ist das keine Selbstverständlichkeit. Woran liegt das?
Die Investitionen sind über Jahrzehnte stabil – im Übrigen auch über verschiedene Regierungskonstellationen hinweg. Was hilft uns dabei? Wir haben es mit einer starken Exportorientierung und auch mit einem starken Eisenbahnsektor in Österreich selbst zu tun, was uns hilft, hohe Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen zu tätigen. Mit mehr als 13 Euro F&E-Investitionen pro Kopf liegen wir beim Dreifachen des EU-Durchschnitts. Das macht sich mittel- und langfristig bezahlt und schafft langfristige Effekte. Diese Investitionen ermöglichen uns kontinuierliche technische Fortschritte im In- und Ausland. Investitionen im Eisenbahnsektor sind grundsätzlich sehr langfristig angelegt. Das unterscheidet uns stark von der Autoindustrie, die am Ende eher einen Consumermarkt bedient.
Die Bahnindustrie hat eine sehr hohe Exportquote. Gleichzeitig hat Österreich massiv an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Macht sich das nicht bemerkbar?
Natürlich spüren wir das im Export – hohe Inflation, Kostensteigerungen auf Personalseite, aber auch bei Materialien und die Lieferkettenkrise. Hier hilft uns aber stark, dass wir mit der ÖBB einen internationalen Referenzkunden im Land haben, der für einen hohen Anspruch an Qualität und Komplexität steht. Wir können im Inland in diesem komplexen Umfeld innovative Lösungen entwickeln und damit dann auch in den Export gehen.
Die ÖBB sind in diesem Punkt anders als Bahnunternehmen in anderen Ländern?
Ganz eindeutig. Die ÖBB ist bei Themen wie Digitalisierung der Infrastruktur und modernen Schienenfahrzeugen in Europa führend.
Haben sich die Exporte der Bahnindustrie anders entwickelt als jene in anderen Sektoren?
Wir haben Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit, aber dennoch sind die Exporte in den letzten Jahren gestiegen – von unter 65 Prozent auf mittlerweile mehr als 70 Prozent. Damit liegen wir wesentlich über dem Durchschnitt der österreichischen Industrie, die etwa bei 60 Prozent Exportquote steht.
Wer sind die Hauptabnehmer am Weltmarkt?
Für Österreich ist Deutschland der mit Abstand größte Abnehmer. Es spielen aber auch andere Märkte wie die Schweiz, Italien, Thailand oder Südkorea eine entscheidende Rolle.
Deutschland steckt gerade selbst wirtschaftlich in schwierigen Zeiten…
Durchaus – insgesamt ist Deutschland tatsächlich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Was die Bahn betrifft, gibt es einen massiven Nachholbedarf an Investitionen – dazu gibt es in Deutschland in den letzten Monaten ja auch eine angeregte öffentliche Diskussion. In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist bei der Infrastruktur dort viel zu wenig passiert. Deshalb erwarten wir im Vergleich zu anderen Sektoren keine negativen Effekte, sondern sogar einen Anstieg.
Mit welchen Weltregionen konkurriert Österreich auf den Märkten?
Die Position, die wir uns erkämpft haben, auch zu halten, ist ein langfristiges Thema – das geht nicht von einem Jahr auf das andere. Wenn wir sehen, dass sich andere Weltregionen auf bestimmte Art und Weise entwickeln, müssen wir frühzeitig reagieren. Aktuell ist die europäische und österreichische Bahnindustrie bei der Technologie weltweit führend. Wir bemerken aber bereits unter anderem aus China Entwicklungen, die das ändern könnten.
Wir sehen bei verschiedenen Ausschreibungen, wo chinesische Hersteller mitbieten, dass diese oftmals mit besonders niedrigen, höchstwahrscheinlich subventionierten Preisen ins Rennen gehen. Es geht nicht darum, zu verhindern, dass international betrachtet technologischer Fortschritt über die europäischen Grenzen kommt. Wir sollten uns aber überlegen, unter welchen wettbewerblichen Voraussetzungen das geschieht. Europa ist grundsätzlich wirtschaftsliberal geprägt und das ist gut so. Derzeit drängen aber immer mehr staatlich subventionierte Unternehmen aus anderen Regionen auf unsere Märkte. Diese Unternehmen arbeiten mit anderen Kosten und Sozialstandards und gehen dann oftmals staatlich subventioniert in den Export. Europa und Österreich sollten mit diesem Thema nicht naiv umgehen. Wir als Branche wollen keinen Protektionismus, wir wollen uns nur im Wettbewerb vernünftig messen können.
Welche Mittel würden Sie gut finden? Ausgleichszölle?
In Diskussion ist die Foreign Subsidies-Regulation der EU, die in Ausschreibungen Bieter ausschließen könnte, die staatlich subventioniert sind. Wir hoffen, dass das in der Umsetzung nicht zahnlos sein wird. Es sollten – auch international – Vergabekriterien mit qualitativen Parametern gelten, das sogenannte Bestbieterprinzip, statt dem Billigstbieterprinzip. Da kann Europa mit seinen Nachhaltigkeits- und hohen Standards punkten.
Ist China für die österreichische oder europäische Bahnindustrie ein Absatzmarkt? Wäre mit „Retourkutschen“ zu rechnen, sollten Maßnahmen wie Ausgleichszölle eingesetzt werden?
China ist natürlich ein Markt für uns, wenn auch relativ zur Größe des Marktes in recht geringem Ausmaß. Ich höre aus Industriekreisen eher selten die Sorge, dass es „Retourkutschen“ geben könnte. Generell muss man aber schon sagen, dass uns der chinesische Markt nicht im gleichen Maß offen steht wie den Chinesen der europäische Markt.
Nocheinmal zur Wettbewerbsfähigkeit: aus der Industrie hört man immer wieder, dass längst Investitionen aus Österreich zu Standorten mit besseren Rahmenbedingungen verlagert werden. Gibt es diese Abwanderungstendenzen auch in der Bahnindustrie?
Diese Tendenzen gibt es. Wie auch in anderen Branchen, waren die Lohnabschlüsse höher als in anderen Ländern. Dort wo dies notwendig ist, erfolgt es aber sehr vernünftig – heißt, in unser nahes Umfeld in Europa. Die Frage ist auch immer, welche Aktivitäten verlagert werden und was, hoffentlich an hochwertiger Wertschöpfung, in Österreich bleibt.
Was am ehesten?
Die Forschungs- und Entwicklungsaktivität, die auch äußerst hochwertige Jobs sichert. In anderen Bereichen, wie der Fertigung, muss man überlegen, wie ein vernünftiger Standorte-Mix aussehen kann.
Europa hat Nachteile, wenn es um Bahninfrastruktur geht – etwa im Bereich der Hochgeschwindigkeitsverbindungen oder dem Gütertransport. Kann in diese Sache überhaupt Bewegung kommen?
Darüber reden wir in Wahrheit seit Jahrzehnten. Historisch betrachtet lag das daran, dass die Bahn ein starkes Rückgrat für militärische Strategien ist und war. Man sieht das leider auch heute im Ukraine-Konflikt. Deshalb haben sich die jeweiligen Bahninfrastrukturen in der Vergangenheit abgeschottet voneinander entwickelt. Diese technischen Barrieren abzubauen geht sehr langsam, auch für die Industrie wäre es natürlich besser, wenn Produkte und Lösungen nicht für die einzelnen Märkte, sondern einen großen Binnenmarkt entwickelt werden. Österreich ist bei vielen technischen Standards vorne dabei – es hilft aber nichts, wenn zum Beispiel an der Grenze hinter Freilassing ein anderer Standard gilt.
Sie geben das Staffelholz der Bahnindustrie-Verbands-Präsidentschaft demnächst weiter. Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten überrascht?
Ich denke, es ist uns gut gelungen, die Bahnindustrie ein wenig hinter dem Vorhang hervorzuholen. Die Politik hat in diesen Jahren immer ein offenes Ohr für uns gehabt. Die wirtschaftliche Bedeutung der Bahnindustrie in Österreich ist heute wesentlich stärker bei unseren Stakeholdern präsent, vom Arbeitsmarkt bis zu politischen Entscheidungsträgern.
Über Hannes Boyer
Hannes Boyer ist seit 2021 Präsident des Verbands der Bahnindustrie in Österreich. Seit Mai 2024 ist der Vice President Main Line Signalling bei Hitachi Rail. Von 2019 bis 2024 war er Corporate Country Director und CEO der Thales Gruppe in Österreich. Seit dem Übergang von der Alcatel Austria Transport Solutions GmbH zur Thales Gruppe im Jänner 2007 agierte Boyer in der Thales Austria GmbH als Prokurist sowie seit 2010 auch als Director Marketing & Sales. 2016 übernahm er die Rolle des Geschäftsführers und Bereichsleiters Transport der Thales Austria GmbH.