Manuela Lenk ist seit September 2025 fachstatistische Generaldirektorin von Statistik Austria © Klaus Ranger / Montage: Selektiv
Manuela Lenk ist seit September 2025 fachstatistische Generaldirektorin von Statistik Austria © Klaus Ranger / Montage: Selektiv
Interview

„Wir haben nicht alle Daten in der Form, wie sich die Öffentlichkeit das vorstellt“

Manuela Lenk, die neue fachstatistische Generaldirektorin der Statistik Austria, erklärt im Interview mit Selektiv die Herausforderungen bei der von der Regierung geforderten Preisdatenbank für Lebensmittel. Derzeit liegen der Statistik Austria nur wöchentliche Daten vor, aus denen durchschnittliche Preise ermittelt werden: „Wir können nicht sagen, die Butter hat an diesem und an jenem Tag so und so viel gekostet – diese Daten haben wir nicht.“ Deutliche Revisionen in den Statistiken zur Wirtschaftsentwicklung erklärt die Generaldirektorin mit der weltweiten Unsicherheit, die sich auch in der Statistik widerspiegeln würde. In der Schweiz hat Lenk den Aufbau der Interoperabilitätsplattform verantwortet, hier bringt sie für die Umsetzung des EU-Data Governance Acts auch einige „Learnings“ nach Österreich mit – bis Ende nächsten Jahres soll die Plattform hierzulande online gehen.

Sie haben letzte Woche die neuesten Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung 2024 und dem 1. HJ 2025 präsentiert und dabei doch sehr deutliche Revisionen vorgenommen. So ist die Wirtschaftsleistung letztes Jahr um 0,7 % zurückgegangen und nicht wie angenommen um 1,0 %. Wie kommt es zu so großen Revisionen?

Manuela Lenk: Es ist ein ganz normaler Prozess, dass immer über vier Jahre hinweg revidiert wird. In volatilen Zeiten können diese Revisionen auch größer ausfallen. Egal wo man hinblickt: Krieg in der Ukraine, Energiekrise, globale Handelsspannungen – es sind unruhige Zeiten, und das spiegelt sich auch in der Statistik wider.

Die Inflation liegt im September laut Ihrer Schnellschätzung bei 4,0 % – erneut getrieben von den Dienstleistungen mit 4,7 % und den Energiepreisen mit 7,9 %. Schmerzt es Sie dann eigentlich, wenn die Politik über die „Teuerungstreiber“ Lebensmittel und Mieten herzieht?

Wir als Statistik Austria sind diejenigen, die die Zahlen bereitstellen. Interpretationen und Prognosen machen andere. Wir stellen der Politik und der Wirtschaftsforschung die Daten zur Verfügung – welche Handlungsempfehlungen daraus abzuleiten wären, müssen andere entscheiden.

Das betrifft Sie aber insofern, da sich die Bundesregierung bis 2026 eine Preistransparenzdatenbank von der Statistik Austria wünscht, mit der die Entwicklung der Lebensmittelpreise besser nachvollziehbar werden soll. Wie ist der Stand dieser Plattform?

Wir sind hierzu mit den zuständigen Ministerien und Stellen im Gespräch und freuen uns, dass wir mit unserer Expertise hier auch eine Rolle spielen können. Unser Ansinnen ist es, in einem ersten Schritt bereits verfügbare preisstatistische Ergebnisse zusammenzutragen und auf einer öffentlich zugänglichen Plattform bereitzustellen. Solch eine Plattform muss aber breit aufgestellt sein.

Wir können nicht sagen, die Butter hat an diesem und an jenem Tag so und so viel gekostet.

Manuela Lenk

Gegenüber der Austria Presse Agentur sagten Sie vor einem Monat aber, dass Sie diese Daten nicht hätten.

Wir haben nicht alle Daten entlang der Wertschöpfungskette. Wir können einiges bereitstellen – anderes haben wir nicht oder noch nicht. Wir erfassen mittlerweile etwa für den Verbraucherpreisindex die Lebensmittelpreise in Supermärkten über Scannerdaten, die von den Handelsketten bereitgestellt werden. Das sind aber wöchentliche Daten, aus denen wir durchschnittliche Preise ermitteln und nicht die Einzelpreise der jeweiligen Produkte an der Kassa. Wir können nicht sagen, die Butter hat an diesem und an jenem Tag so und so viel gekostet – diese Daten haben wir nicht.

Wie sieht es mit den in Österreich sehr beliebten Rabattaktionen und „Pickerln“ aus, wird das erfasst?

Rabattaktionen und Aktionen aufgrund von „%-Pickerln“ werden in den Scannerdaten erfasst und sind in den Durchschnittspreisen enthalten. Die auf den verschiedenen Handelsstufen gewährten Rabatte sind für uns nicht direkt einsehbar. Das wird Gegenstand der Besprechungen für diese Preistransparenzdatenbank sein, wie und ob das erfasst werden kann. Derzeit haben wir das nicht alles so transparent vorliegen. Wir haben nicht alle Daten in der Form, wie sich die Öffentlichkeit das vorstellt.

Wie wird der geplante Index für den Mietpreisdeckel aussehen, der im Regierungsprogramm (Seite 68/69) festgehalten ist? Gibt es hier schon konkrete Umsetzungsschritte?

Für den Mietpreisdeckel wird kein eigener Index berechnet – es wird der Verbraucherpreisindex (VPI) so wie bisher herangezogen. Der derzeitige Entwurf im Begutachtungsverfahren des 5. Mietrechlichen Inflationslinderungsgesetz und die darin enthaltene Regelung von Wertsicherungsklauseln bei Wohnungsmietverträgen weist eher auf eine Änderung der Formel bei der Berechnung der Wertsicherungen hin als auf die Erstellung eines neuen Index. An uns ist auch niemand mit der Beauftragung eines neuen Index herangetreten.

Man wird es nie allen recht machen können.

Manuela Lenk

Selten aber doch wird die Zusammensetzung des Verbraucherpreisindex kritisiert: Was helfe es denn, wenn etwa Fernseher oder Flugtickets billiger werden, wenn der Reis teurer wird – was entgegnen Sie dem?

Die Zusammensetzung des Warenkorbs orientiert sich an den Ausgaben aller Österreicherinnen und Österreicher. Güter mit hohen absoluten Preisen, die selten gekauft werden, und jene mit niedrigen Preisen, die häufig gekauft werden, sind in der Inflationsberechnung berücksichtigt. Wir beobachten 132 Lebensmittel mit einem Anteil von 12 % an den Gesamtausgaben. Im Gegensatz dazu sind es aber nur 7 technische Geräte, die weniger als 1 % der Gesamtausgaben ausmachen und damit auch nur einen geringen Einfluss auf die Inflation haben.

Der Warenkorb wird jedes Jahr mit Jahresbeginn an aktuelle Entwicklungen und das Ausgabenverhalten der Österreicher angepasst. Nur um ein Beispiel zu nennen: Vor 5 Jahren waren E-Bikes noch weit weniger verbreitet, mittlerweile sind sie auch im Warenkorb abgebildet.

Man wird es nie allen recht machen können. So hat es vor einigen Jahren einen Pensionisten-Warenkorb gegeben, der wurde zeitweise vom Seniorenbund bei uns beauftragt. Vor einiger Zeit wurde dieser Auftrag dann eingestellt.

Es gibt immer wieder Gruppen, die den VPI kritisieren, dass er nicht genau passen würde und etwas anders gemacht werden müsste. Offensichtlich kommt man aber dann doch darauf, dass die Erfassung doch passt. Wir haben auf unserer Webseite den Persönlichen Inflationsrechner, hier kann man sein eigenes Ausgabenverhalten eingeben und erfährt, wo die eigene Inflation zu liegen käme. Man kann also technische Geräte auf Null setzen, sofern man keine besitzt und auch keine kauft oder einfach ausprobieren möchte, was das mit der Inflation macht.

Wenn man dem Beispiel des Pensionistenwarenkorbs folgend anhand eines eigenen Arbeiter- oder Angestelltenwarenkorbs die jeweilige Inflation berechnet würde und diese dann für Gehaltsverhandlungen heranziehen würde, wäre das nicht eine Lösung für diese Probleme?

Das positive an einer allgemeinen Kennzahl ist, dass man sich daran orientieren kann, aber gerade bei Gehaltsverhandlungen auch den Spielraum hat, andere Themen miteinzubeziehen. Ich halte es für die sinnvollere Herangehensweise, dass der Konsum der Gesamtbevölkerung abgebildet wird.

Sie haben in der Schweiz wichtige Aufbauarbeit für das Verzeichnis der Verwaltungsdaten (Interoperabilitätsplattform) geleistet – was kann sich Österreich hier von der Schweiz abschauen?

Ich war im Bundesamt für Statistik in der Schweiz verantwortlich für dieses Programm. Der Bundesrat hat dort dem Bundesamt für Statistik den Auftrag gegeben, den EU-Data Governance Act umzusetzen und das auch entsprechend finanziert. In Österreich sind die Aufgaben bei der Umsetzung des Datenzugangsgesetzes für die Statistik Austria ganz ähnlich. Diese in Aufbau befindliche Plattform soll nutzer- und anwenderorientiert sein. Für Verwaltungsstellen und unsere Partner muss es sehr einfach sein, ihre Metadaten in das System einzupflegen. Das sind einige der Learnings, die ich aus der Schweiz nach Österreich mitbringe.

Was ist der Zeithorizont für die Umsetzung bzw. Aufbau dieser Plattform?

Wir entwickeln gerade das Arbeitsprogramm, das uns den Aufbaupfad vorgeben wird. Bis spätestens Ende 2026 sollten wir die Plattform gestartet haben. Bis wann diese dann auch in einer Endausbaustufe befüllt ist, kann ich aber jetzt noch nicht prognostizieren. Das ist alles work in progress.

Bisher war die österreichische Verwaltung in vielen Belangen nicht gerade auskunftsfreudig. Was wird sich durch das Informationsfreiheitsgesetz und der Abschaffung des Amtsgeheimnisses in Österreich ändern?

Statistik Austria ist eine Institution, die Informationen bereitstellt und nicht andere Verwaltungsstellen in irgendeiner Form beurteilt. Es hat sich aber schon einiges verändert, wenn man sich etwa die Open-Government-Data-Plattform (data.gv.at), die vom Bundeskanzleramt betrieben wird, ansieht. Dort gibt es von nahezu allen Lebens- und Verwaltungsbereichen öffentlich zugängliche Daten – auch von der Statistik Austria sind dort über 400 Datensätze abgebildet.

Sie stehen natürlich noch ganz am Anfang Ihrer Funktionsperiode – aber worauf wollen Sie in 5 Jahren dann zurückblicken, was sollen die großen Meilensteine sein, die Sie umgesetzt haben werden?

Die Umsetzung des Datenzugangsgesetzes ist natürlich ein großer Punkt, da sind wir in der Transparenz schon einen großen Schritt weitergegangen. Auch das Austrian Micro Data Center bei Statistik Austria soll noch weiter verbessert und stärker genutzt werden.

Weiters möchte ich in meiner Funktionsperiode die zahlreichen Experten bei uns im Haus stärker vor den Vorhang bitten – ich als Generaldirektorin bin nicht die Expertin für alle Bereiche.

Ein großes Thema wird auch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz sein. Auf der einen Seite hilft uns die KI in der Auswertung und Verknüpfung von Daten, denn die neuen Machine-Learning-Modelle sind enorm fähige Werkzeuge. Auf der anderen Seite könnte die KI auch für die Nutzer unserer Daten eingesetzt werden, ich möchte hier auch noch die Dashboards auf unserer Website weiter ausbauen. Es tut sich in kurzen Abständen sehr viel und wenn wir es als Statistik Austria schaffen, hier am Puls der Zeit zu bleiben, dann wäre ich bei einem Rückblick in fünf Jahren darüber sehr froh.