Von einem klassischen Aufschwung könne heuer kaum die Rede sein, sagt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Dafür brauche es „vorübergehend mindestens zwei Prozent, besser zweieinhalb bis drei Prozent BIP-Zuwachs“. Dass das nicht drin ist, ist der „deprimierende Befund nach einer dreijährigen Rezessions- beziehungsweise Stagnationsphase“ und zeige, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt. Um die Industrie zu unterstützen brauche es – neben Kostensenkungen – eine Freihandelszone zwischen den USA und der EU, ein nicht aussichtsloses Unterfangen, wie Helmenstein findet. Notwendig sei auch eine Entbürokratisierung, die weit über die derzeitigen Pläne hinausgingen – nämlich um 90 Prozent.
Die Industrie hat die Talsohle durchschritten, meint das Wifo. Für 2026 wird rund 1 Prozent Wachstum für Österreich erwartet. Gibt es Licht am Ende des Tunnels?
Christian Helmenstein: Die Aufwärtsrevisionen der Prognosen sind einerseits auf rückwirkende Anpassungen früherer Werte durch Statistik Austria zurückzuführen. An der Einschätzung des unterjährigen Konjunkturverlaufes hat sich dadurch nichts geändert, es kam lediglich zu einer Parallelverschiebung des Pfades nach oben. Allerdings wurde jüngst auch eine erste Schätzung für das dritte Quartal 2025 veröffentlicht, die überaus positiv ausgefallen ist. Statt einer noch zu Jahresbeginn seitens der Institute erwarteten Rezession ergäbe sich für Österreich mit +0,5 Prozent BIP-Wachstum nunmehr eine leichte, aber doch oberhalb des statistischen Rauschens angesiedelte Mini-Expansion. Diese sollte sich im Jahr 2026 mit +1,0-1,2 Prozent noch etwas beschleunigen.
Die Institute sehen sich mit einem Dilemma konfrontiert – sie können die offiziellen Werte aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bei der Prognoseerstellung nicht ignorieren, zugleich ist ihnen aber bewusst, dass drei Viertel der Expansion im dritten Quartal der Residualgröße eines angeblichen Lageraufbaus in der österreichischen Wirtschaft zuzuschreiben sind. Dass dieser Lageraufbau nicht konjunkturkonform stattfindet und die statistischen Erstangaben daher absehbar nach unten zu revidieren sein werden, kompliziert die Erstellung einer belastbaren Prognose – abgesehen von anderen statistischen Herausforderungen insbesondere im Bereich der Deflatoren. Tatsächlich nach wie vor nicht in Sicht ist ein kräftiger, sich selbst tragender Aufschwung. Ein solcher wurde in den vergangenen sieben Dekaden regelmäßig durch einen außenwirtschaftlichen Impuls angeregt und von einer expandierenden Investitionstätigkeit verstärkt und hat in weiterer Folge über die Konsumnachfrage die gesamte Volkswirtschaft erfasst.
Tatsächlich nach wie vor nicht in Sicht ist ein kräftiger, sich selbst tragender Aufschwung.
Christian Helmenstein
Weil die Industrie unter Druck steht?
Selbst wenn wir die nach oben revidierten Prognosen zugrunde legen, ist mit der schwächsten Erholung nach einer Rezession seit Aufzeichnungsbeginn, der für die moderne BIP-Rechnung mit der ersten Hälfte der 1950er-Jahre zu datieren ist, zu rechnen. Besonders weil die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Industrie infolge des enormen Kostenauftriebs schwer beeinträchtigt ist, der trotz aller Anstrengungen der Betriebe nicht mehr durch produktivitätssteigernde Maßnahmen kompensiert werden kann. Zusätzlich verschlimmert wird die Lage durch handelsprotektionistische Maßnahmen und die erhebliche Aufwertung des Euro. Demgegenüber wird die Ausschöpfung von Aufwärtspotenzialen etwa durch Instrumente Künstlicher Intelligenz aufgrund der in Europa anzutreffenden Dominanz des Vorsorgeprinzips gegenüber dem Innovationsprinzip regulatorisch hintangehalten. Zusammengenommen haben alle diese Faktoren weitere Marktanteilsverluste der österreichischen Industrie nicht nur international, sondern auch im Inland zur Folge. Ob es im Jahr 2026 ein, zwei oder drei Zehntelprozentpunkte BIP-Zuwachs mehr oder weniger werden, ändert nichts daran, dass von einem Aufschwung klassischer Art keine Rede sein kann. Was wir heuer erreichen können, ist eine Rückkehr in die Größenordnung des Potenzialwachstums.
Das bei knapp einem Prozent liegt.
Exakt. Das Potenzialwachstum beschreibt jene Wachstumsdynamik, die sich ergibt, wenn man die konjunkturellen Schwankungen ausblendet. Also jene BIP-Expansion, die aus einem Bevölkerungszuwachs, aus der Human- und Sachkapitalakkumulation, also besserer Bildung oder vermehrten Investitionen, sowie aus Innovationen resultiert. Insofern kann man eben ausdrücklich nicht von einem Aufschwung sprechen, denn das müsste heißen, dass wir in dieser Phase vorübergehend mindestens zwei Prozent, besser zweieinhalb bis drei Prozent BIP-Zuwachs zustande brächten, wenn sich im Durchschnitt über den Konjunkturzyklus betrachtet ein Prozent BIP-Wachstum ausgehen sollen.
Diesen wünschenswerten Zweier vor dem Komma liest man derzeit leider nicht in den langfristigen Prognosen.
Das ist der deprimierende Befund nach einer dreijährigen Rezessions- beziehungsweise Stagnationsphase und zeigt, dass wir es nicht mit einem konjunkturellen, sondern mit einem strukturellen Problem zu tun haben.
Wieviel Schaden von den vergangenen Rezessionsjahren, wieviel De-Industrialisierung, werden wir wieder gut machen können?
Bis zum Jahr 2021 hatte es den Anschein, als würde es Österreich gelingen können, wie ein kleines gallisches Dorf dem Trend zur De-Industrialisierung in Europa zu trotzen. Weithin bekannt ist der starke De-Industrialisierungsprozess Großbritanniens mit einer Implosion der Stahl- und Automobilindustrie – abzulesen an den Insolvenzen von British Steel bis Rover – und der Abwanderung weiter Teile der Elektronik- und Konsumgüterindustrie. Die damit einhergehenden Wohlstandsverluste konnten zum Teil durch die Finanzwirtschaft in der City of London wettgemacht werden, hatten aber beträchtliche Konsequenzen für die Einkommensverteilung, nicht nur in personeller und funktionaler, sondern auch in räumlicher Dimension. Die weniger manifeste und daher mitunter unterschätzte De-Industrialisierung Frankreichs vollzog sich über die Stilllegung bedeutender Stahl-, Automobil-, Chemie- und Elektronikstandorte. Die jüngere Wirtschaftsgeschichte Großbritanniens und Frankreichs steht für den Verlust nicht nur einzelner Werke, sondern ganzer industrieller Ökosysteme.
In Österreich hingegen hatten wir uns während des 21. Jahrhunderts zunächst gut gehalten, jedoch hat uns der Schwund der industriellen Basis in den letzten vier Jahren voll erfasst. Seitdem nähern wir uns der europäischen Industriequote in raschem Tempo von oben her an. Selbst wenn wir das Ruder herumrissen: Was wir in den letzten vier Jahren an Industrie verloren haben, wird nicht mehr zurückkehren.
Was wir in den letzten vier Jahren an Industrie verloren haben, wird nicht mehr zurückkehren.
Christian Helmenstein
All jene auf europäischer und nationaler Ebene, die diesen Niedergang nicht nur nicht aufhalten, sondern ihn insgeheim vielleicht sogar begrüßen, begehen einen nicht wieder gut zu machenden Kardinalfehler: Mit dem Verlust an industrieller Wertschöpfung und den damit einhergehenden Einbußen an technologischer Kompetenz begeben wir uns nicht nur in eine sicherheitspolitisch riskante Abhängigkeit von ausländischen Anbietern, sondern er erschwert und verzögert auch die ökodigitale Transformation der heimischen Wirtschaft.
Österreich ist ein Exportland. Die Nationalbank hat insbesondere darauf hingewiesen, dass das Umfeld für die exportorientierte Industrie nicht gut ist. Rechnen Sie 2026 mit einer Verbesserung der Lage?
Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit ist nicht schicksalhaft, sondern zum größten Teil hausgemacht. Es gilt, alles daran zu setzen, die inländische Kostenbasis zu senken. Das betrifft in erster Linie die Lohnstückkosten, die Bürokratiekosten, die Energiekosten sowie die Steuer- und Abgabenlast. Würden in diesen Handlungsfeldern Reformen gelingen, dann könnten wir darauf hoffen, zumindest keine weiteren Marktanteile mehr zu verlieren. Wettbewerbsfähigkeit ist eine relative, keine absolute Größe. Sie drückt sich also immer im Vergleich zu unserem Wettbewerb aus. Empirisch ist festzustellen, dass sich unsere Kostenbasis binnen einer Dekade relativ zu jener unserer Wettbewerber handelsgewichtet um 10 Prozentpunkte verschlechtert hat. Hinzu kommt, dass die Euro-Aufwertung gegenüber dem Dollar erst im nächsten Jahr vollumfänglich spürbar werden wird. Auch die handelsprotektionistischen Maßnahmen werden ihre volle Wucht erst in den kommenden Quartalen entfalten. Le Trio Infernal aus mangelnder preislicher Wettbewerbsfähigkeit, Euro-Aufwertung und Protektionismus lässt weiterhin sehr schwierige Bedingungen für den österreichischen Export erwarten.
Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit ist nicht schicksalhaft, sondern zum größten Teil hausgemacht.
Christian Helmenstein
Wie steht Österreichs wirtschaftliche Entwicklung 2026 im EU-Vergleich da? In den Prognosen gehören wir nach wie vor zu den Schlusslichtern. Von welchen Ländern sollten wir uns etwas abschauen?
Wenn wir einen Dreijahresdurchschnitt über die Jahre 2024 bis 2026 bilden, dann schneiden jene beiden Volkswirtschaften, die in den Prognosen der Europäischen Kommission für heuer noch hinter uns gesehen werden, nämlich Irland und Italien, erheblich besser ab. Nur auf 2026 fokussierend werden wir uns voraussichtlich in Gesellschaft mit anderen Underperformern wie Belgien, Deutschland, Finnland und Frankreich befinden. In Sachen Arbeitsmarktflexibilität könnten wir von Dänemark lernen, für Reformen im Steuersystem, insbesondere wenn es um Investitionsanreize und das Förderwesen geht, von Italien, bezüglich der öffentlichen Beschaffung von Tschechien, hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Pensionssystems von Schweden, den Niederlanden und der Schweiz, für Reformen im Gesundheitssystem von Rumänien, und im Hinblick auf das Produktivitätswachstum durch hochwertschöpfende pharmazeutische und digitale Produkte von Irland.
Könnten wir durch eine Stärkung des EU-Binnenhandels die Verluste im Handel mit den USA ausgleichen?
Die USA waren bis zu den Zollverwerfungen unser zweitwichtigster Außenhandelspartner. Es ist als formidabler, geradezu unwahrscheinlicher Erfolg zu bezeichnen, dass es österreichischen Exporteuren und ihren nordamerikanischen Partnern gelungen ist, einen Fernmarkt trotz der großen Distanz so stark zu entwickeln. Deswegen sind die sich abzeichnenden, gravierenden Volumenseinbußen auf dem dortigen Markt für die heimischen Exporteure extrem schwierig zu kompensieren. Davon unabhängig lassen wir uns aufgrund der Unvollkommenheiten des EU-Binnenmarktes – ein Blick in den Letta- oder den Draghi-Report lehrt dies – nach wie vor enorm große Wertschöpfungspotenziale entgehen. Weil der Binnenmarkt so stark fragmentiert ist, vermögen die Unternehmen einerseits Skalen- und Verbundeffekte nur unvollständig auszuschöpfen, andererseits kämpfen sie mit abträglicher Bürokratie ohne jeden wohlstandsbezogenen Mehrwert.
Daher benötigen wir beides: Eine transatlantische Freihandelszone zwischen den USA und der EU einerseits sowie eine Vervollständigung des Europäischen Binnenmarktes andererseits. Ich möchte aber noch ein drittes Element einbringen. Wenn wir über Kompensationspotenziale sprechen, dann sollten wir es China gleichtun und unsere wirtschaftlichen Beziehungen mit Lateinamerika wesentlich intensivieren.
Das Mercosur-Abkommen könnte uns helfen, den Rückgang im Handel mit den USA zum Teil auszugleichen?
Die USA haben Lateinamerika über Jahrzehnte hinweg als Teil ihrer unmittelbaren ökonomischen Einflusssphäre betrachtet. Aber China hat es – in Europa kaum wahrgenommen –in den letzten zwanzig Jahren geschafft, Außenhandelsbeziehungen mit den lateinamerikanischen Ländern aufzubauen, die in ihrem Umfang jenen der USA entsprechen. Im Vergleich zur Stärke dieser neu entstandenen Handelsbeziehungen mit China war Europa bemerkenswert unengagiert. Europa weist einen deutlichen Aufholbedarf auf – es ist höchste Zeit, das längst überfällige Mercosur-Abkommen zu beschließen. Während wir das eine vorantreiben, sollen wir das andere nicht vernachlässigen und die sich weiterhin bietenden Chancen in Asien nutzen. Hier wurden in den letzten Jahren durch die Abkommen mit Japan, Süd-Korea, Singapur, Vietnam und Indonesien einige Fortschritte erzielt, an die es durch Vereinbarungen mit Indien, Thailand, den Philippinen und Malaysia rasch anzuknüpfen gilt.
Ein Handelsabkommen mit den USA wäre gut, aber unrealistisch?
Auf Sicht von zwei Amtsperioden halte ich den Versuch nicht für aussichtslos. Manchmal ist die Nulloption allen anderen Konzepten überlegen, gerade auch im Zollkontext. Die US-Konsumentinnen und -Konsumenten werden die wirtschaftlichen Schäden durch die Disintegration ihrer Volkswirtschaft gegenüber Europa und Asien bedauerlicherweise noch zu spüren bekommen, ebenso, aber schwächer ausgeprägt, die europäischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, vor allem jene in der Exportwirtschaft. Für die USA sprechen die letzten Daten zwar für eine niedrigere Inflation als befürchtet, dennoch liegt sie deutlich oberhalb dessen, was der Preisstabilität zuträglich ist, und sie könnte sich als unerfreulich hartnäckig erweisen. Zugleich deuten die Indikatoren am Arbeitsmarkt in die falsche Richtung, darin lag auch die Rechtfertigung für die US-Fed, die Zinsen entgegen der Inflationslage abermals um einen Trippelschritt von 25 Basispunkten zu senken. Was die Folgen der Zölle betrifft: Still too early to judge. Nicht selten dauern ökonomische Prozesse ein wenig länger, bis sich ihre Ergebnisse materialisieren.
Was die Folgen der Zölle betrifft: Still too early to judge. Nicht selten dauern ökonomische Prozesse ein wenig länger, bis sich ihre Ergebnisse materialisieren.
Christian Helmenstein
Kommen wir zu den Aufwärtsrisiken für Österreich und Europa. Wo liegen die Chancen?
Das größte Potenzial liegt in einer substanziellen Entbürokratisierung, ausgehend von der europäischen Ebene. Nicht in einem Ausmaß von 25 Prozent, wie der Omnibus der Europäischen Kommission es vorsieht, sondern um 90 Prozent. Halten wir uns nur vor Augen, wie viele Wörter allein die Delegierten Rechtsakte der EU-Taxonomie-Verordnung umfassen, nämlich rund 330.000. Wenn wir deren Anzahl um 25 Prozent reduzieren würden, hielten wir immer noch bei knapp 250.000 Wörtern. Das wäre die zweieinhalbfache Anzahl an Wörtern gegenüber dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch. Dabei handelt es sich bei der EU-Taxonomie-Verordnung gerade einmal um eine einzige Regelungsmaterie. Es gibt noch mindestens acht weitere Materien aus jüngerer Zeit mit einem unmittelbaren, wirtschaftlichen Bezug in einer ähnlichen Dimension. Das unterstreicht: Minus 25 Prozent hieße, von acht Großmaterien würden nur zwei entfallen und sechs bleiben, plus Taxonomie. Der Omnibus ist mithin drastisch unterdimensioniert und bestenfalls ein Van. Selbst eine Reduktion um 90 Prozent würde bedeuten, dass allein die Delegierten Rechtsakte der EU-Taxonomie-Verordnung immer noch eine Anzahl von Wörtern in der Größenordnung der österreichischen Bundesverfassung oder des deutschen Grundgesetzes umfassten. Es bedarf mithin eines weitaus höheren Ambitionsniveaus der Entbürokratisierung, um den Gestaltungswillen und die Innovationskraft der europäischen Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen wieder freizulegen.
Der EU-Omnibus ist drastisch unterdimensioniert und bestenfalls ein Van.
Christian Helmenstein
In Österreich gibt es jetzt ein Entbürokratisierungspaket mit rund 100 Maßnahmen. Bräuchte es auch hier wesentlich mehr?
Das aktuelle Paket sollte in seiner Bedeutung nicht unterbewertet werden, wenn man es in Relation zum koalitionspolitisch Machbaren sieht. Vor allem aber sind die österreichischen Handlungsmöglichkeiten beschränkt, da die meisten Regelungsmaterien auf der europäischen Ebene angesiedelt sind. Was österreichischen Handlungsspielraum angeht, schlage ich eine systematische Gegenüberstellung des von der EU vorgegebenen Regulierungsniveaus mit der kodifizierten Regulierungsrealität in Österreich vor. Da würden erhebliche, über die unterschiedlichen Materien hinweg stark streuende Diskrepanzen evident werden, auch bekannt als Gold Plating. Wenn es nicht belastbar gute Gründe dafür gibt, (befristet) eine überschießende nationale Regulierung vorzusehen, dann ist selbige standardmäßig auf das EU-Niveau zurückzusetzen. Der Jahresauftakt 2026 böte Gelegenheit für eine solche Initiative.