Große Industriestrategie, große Chance für Startups?

28. Januar 2026Lesezeit: 5 Min.
Kommentar von Laura Raggl

Laura Raggl ist Managing Partner von ROI Ventures, einer Angel-Investorengruppe, die sich auf Startups in der Frühphase fokussiert. Davor war sie Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association (aaia). Nach dem Studium in Innsbruck war sie  bei dem Deep-Tech-VC-Fonds APEX Ventures tätig. Raggl ist außerdem Mitglied des Startup-Rats, der das Wirtschaftsministerium berät. 

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP), Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) und Staatssekretär Josef Schellhorn haben am 16. Jänner in Wien die neue Industriestrategie vorgestellt. Im Zentrum stehen 2,6 Milliarden Euro für neun Schlüsseltechnologien.

Eine echte, langfristige Industriestrategie hat Österreich bisher nicht gehabt – die Strategie 2035 ist ein wichtiger Ansatz, Industriepolitik systematisch und ressortübergreifend zu denken. Besser spät als nie. Über Jahre wurde in der politischen Debatte übersehen, dass Industrie und Unternehmertum die zentrale Einnahmequelle des Staates und Grundlage des Sozialmodells sind. Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Stagnation ist diese Erkenntnis nun wieder angekommen. Zumindest mal am Papier. 

Während das Regierungsprogramm 2025 viele wirtschaftspolitische Fragen offenließ, ist die Industriestrategie konkreter und zielgerichteter. Ziel ist es, der schleichenden Deindustrialisierung entgegenzuwirken und eine Reindustrialisierung einzuleiten. Bis 2035 soll Österreich wieder zu den Top-10 der Oecd zählen, der Industrieanteil an der Wirtschaftsleistung auf 20 Prozent steigen.

Der Weg dorthin war typisch österreichisch: lange Vorlaufzeiten, intensive Abstimmungen und Arbeitsgruppen. In einer Drei-Parteien-Konstellation wenig überraschend. Entscheidend wird nun die Umsetzung.

Auffällig ist, dass Startups erstmals nicht nur am Rand mitgedacht werden. In diesem Artikel steht im Fokus, welche Teile der Strategie für sie relevant sind, wie realistisch die Umsetzung ist und was noch fehlt.

Risikokapital als Engpass

Österreichs Unternehmen finanzieren sich überwiegend über Fremdkapital – ein Modell, das bei Wachstum und Innovation an Grenzen stößt. Expansion braucht Eigenkapital, das am Unternehmenserfolg beteiligt ist. Für Startups ist Venture Capital daher zentral.

Hier liegt eine strukturelle Schwäche des Standorts: Große institutionelle Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen investieren bislang nur begrenzt in Risikokapital, weil passende Strukturen fehlen.

Der rot-weiß-rote Scale-up-Fonds soll genau hier ansetzen. Dass er explizit in der Strategie verankert ist und ab 2027 operativ werden soll, ist ein wichtiges Signal und ein Erfolg. Bis zum tatsächlichen Start sind noch mehrere Schritte notwendig. Der Fonds muss zunächst in den zuständigen Ministerien konkret ausgearbeitet und rechtlich verankert werden. Anschließend braucht es ein professionelles Fonds-Setup und – ganz entscheidend – ein unabhängiges, international erfahrenes Management. Erst danach kann das Fundraising offiziell beginnen.

Dieses Set-up könnte als Blueprint für weitere Fonds, etwa im Bereich der Industriefinanzierung, fungieren – das wird in der Strategie jedoch noch nicht klar formuliert.

Problematisch ist, dass der Fonds die einzige nennenswerte Kapitalmarktmaßnahme bleibt. Sinnvoll wären zusätzliche steuerliche Anreize wie ein Beteiligungsfreibetrag oder ein erleichterter Verlustausgleich für Risikokapitalanlagen. Die Aktivierung privater Mittel wäre für den Staat langfristig günstiger und nachhaltiger als der weitere Verweis auf die Förderlandschaft.

Die Aktivierung privater Mittel wäre für den Staat langfristig günstiger und nachhaltiger als der weitere Verweis auf die Förderlandschaft.

Laura Raggl

Negativ wirkt sich zudem bereits jetzt das Investitionskontrollgesetz aus. Viele Startups sind auf Kapital und Käufer aus dem Ausland angewiesen. Die bestehenden Prüfverfahren sind jedoch zeitintensiv und mindern die Attraktivität heimischer Startups. Statt weiterer Verschärfungen braucht es klare Ausnahmen und Fast-Track-Verfahren für junge Unternehmen.

Der Weg von der Forschung zum Unternehmertum

Akademische Spin-offs zählen zu den größten ungenutzten Potenzialen des Startup-Ökosystems. In Österreich entstehen rund 90 Spin-offs pro Jahr, keine Universität zählt im DACH-Vergleich zu den führenden Standorten.

Spin-off-Ziele waren bereits vor der Industriestrategie in den Leistungsvereinbarungen 2025–2027 verankert, mit dem Ziel, Ausgründungen bis 2030 deutlich zu steigern. Die Strategie knüpft daran an und orientiert sich am Vorbild der TU München.

Auch konkrete Spin-off-Initiativen tragen bereits Früchte: Initiativen wie Noctua Science Ventures, ein gemeinsames Investmentvehikel von TU Wien und Speedinvest, wurden 2025 gestartet. Auch die WU Wien hat mit WU Ignite Ventures eine eigene Beteiligungsgesellschaft aufgebaut. 

Der Staat als Kunde und Unterstützer

Ein besonders relevanter Hebel ist die öffentliche Hand als innovationsfördernder Erstkunde. Öffentliche Aufträge können Startups wichtige Referenzen verschaffen und entscheidende Wachstumsimpulse ermöglichen.

Öffentliche Aufträge können Startups wichtige Referenzen verschaffen und entscheidende Wachstumsimpulse ermöglichen.

Laura Raggl

Gleichzeitig zeigt die Praxis, wie träge viele bestehende Beschaffungsprozesse sind und wie hoch die formalen Anforderungen für Unternehmen ausfallen: Selbst wenn Beschaffer innovative Lösungen von Startups bevorzugen, ist dies häufig mit umfangreichen Rechtfertigungspflichten verbunden. Damit öffentliche Beschaffung tatsächlich zum Markteintrittshebel wird, muss es für Startups realistisch möglich sein, Aufträge zu gewinnen, ohne strukturell benachteiligt zu sein – andernfalls werden sich viele junge Unternehmen weiterhin auf andere Kundengruppen konzentrieren.

Darüber hinaus adressiert die Strategie den Bürokratieabbau im Förderwesen, Regulatory Sandboxes sowie den Zugang zu internationalem Talent, etwa über Reformen der Rot-Weiß-Rot-Karte. Ein klares Bekenntnis zur EU INC – der einheitlichen europäischen Rechtsform für Startups – hätte diesen Teil der Strategie sinnvoll ergänzt.

Die Strategie steht – jetzt beginnt die Arbeit 

Klar formulierte, ambitionierte Ziele sind ein guter Start – die Umsetzung ist jedoch komplex und braucht klare Verantwortlichkeiten sowie strukturelle Anpassungen. Und gerade jetzt muss es gelingen, Industrie und Wirtschaft auf Vordermann zu bringen und Startups als Leitbetriebe von morgen strukturiert mitzudenken – nicht als Randthema, sondern als integralen Bestandteil der Industriepolitik.

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