Österreich exportiert viel, aber zu wenig Neues

25. März 2026Lesezeit: 5 Min.
Kommentar von Laura Raggl

Laura Raggl ist Managing Partner von ROI Ventures, einer Angel-Investorengruppe, die sich auf Startups in der Frühphase fokussiert. Davor war sie Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association (aaia). Nach dem Studium in Innsbruck war sie  bei dem Deep-Tech-VC-Fonds APEX Ventures tätig. Raggl ist außerdem Mitglied des Startup-Rats, der das Wirtschaftsministerium berät. 

Letzte Woche war ich auf dem START Summit in St. Gallen. Ein kleines Dorf, das für ein Wochenende zum Zentrum europäischer Startup-Ambition wird. Organisiert von Studierenden, getragen von einem klaren Anspruch: Gründen ist kein Randthema, sondern Teil der wirtschaftlichen DNA.

Es funktioniert. ETH, EPFL, HSG – hier wird systematisch gegründet, finanziert und skaliert. Und vor allem: Es wird neu gedacht. Die Schweiz hatte dieses Ökosystem nicht immer. Es wurde aufgebaut – in den letzten 20 bis 25 Jahren. Mit Tech-Transfer-Offices, Inkubatoren, Kapital und klaren Prioritäten. Heute entstehen allein an der ETH Zürich jedes Jahr dutzende neue Unternehmen – 2024 waren es 37 Spin-offs. Zum Vergleich: Die TU Wien weist im gleichen Zeitraum gerade einmal vier Verwertungs-Spin-offs aus. 

Das ist kein Unterschied in der Größenordnung. Das ist ein Unterschied im System.

Am Summit gab es ein Panel mit dem Titel: Born in Europe – should you leave to win? Eine brutale, aber ehrliche Frage. Denn die wichtigste Aufgabe eines Gründers ist nicht, lokal loyal zu sein – sondern erfolgreich zu werden. Standort ist kein Bekenntnis. Standort ist eine Strategie. 

Ist Österreich ein Ort, an dem man gewinnen kann – oder einer, den man verlassen muss?

Die Antwort zeigt sich nicht nur in der Startup-Szene, sondern auch in unseren Exportdaten. Österreich exportiert stark: 2024 wurden Waren im Wert von rund 191,2 Milliarden Euro exportiert. Insgesamt entspricht der Export von Waren und Dienstleistungen rund 56 % des BIP und ist damit ein zentraler Pfeiler der Wirtschaft. Getragen wird dieser Erfolg vor allem von klassischen Industriesektoren wie Maschinen- und Anlagenbau, Fahrzeugen und Fahrzeugteilen, chemischen Erzeugnissen sowie Metallen und Elektronik.

Österreich exportiert erfolgreich – aber kaum Neues. 2024 sind die Exporte um 4,8 % zurückgegangen. Wenn Wachstum entsteht, dann vor allem innerhalb bestehender Handelsbeziehungen. Neue Märkte, neue Produkte und neue Unternehmen spielen eine geringe Rolle. Österreich lebt wirtschaftlich von dem, was es gestern schon gut konnte – und genau das wird zum Problem, wenn die Dynamik nachlässt.

Österreich optimiert – die Schweiz erneuert

Der Vergleich mit der Schweiz macht die strukturelle Differenz sichtbar. 2024 lagen die Warenexporte bei rund 283 Milliarden Franken (etwa 310 Milliarden Euro). Insgesamt entsprechen die Exporte von Waren und Dienstleistungen über 72 % des BIP.

Im Gegensatz zu Österreich sind die Exporte zudem gewachsen – um 3,2 %. Getrieben wird diese Dynamik nicht nur von etablierten Industrien, sondern vor allem von hochspezialisierten Sektoren wie Pharma, Biotech und Deep Tech.

Der Unterschied zeigt sich auch in der Gesamtleistung der Volkswirtschaften: Die Schweiz erwirtschaftet 2024 mit rund 9 Millionen Einwohnern ein BIP von etwa 936,6 Milliarden Dollar – Österreich kommt mit ähnlicher Bevölkerungsgröße auf rund 534,8 Milliarden Dollar.

Pro Kopf ist die Schweiz damit fast doppelt so produktiv. Der Unterschied liegt nicht in der Größe des Landes, sondern in der Struktur seiner Wirtschaft. Hinzu kommt: Die Schweiz ist zwischen 2012 und 2024 von rund 8 auf etwa 9 Millionen Einwohner gewachsen – und zieht gezielt qualifizierte Fachkräfte an, die direkt zur wirtschaftlichen Dynamik beitragen.

Österreich kann Innovation – aber noch nicht in Serie

Dass es grundsätzlich möglich ist, zeigt sich an Unternehmen wie TTTech. Das Wiener High-Tech-Unternehmen arbeitet mit globalen Industriekunden – von Automobilkonzernen bis hin zu internationalen Raumfahrtprogrammen – und erwirtschaftet einen Großteil seiner Umsätze außerhalb Österreichs. Auffällig ist jedoch, woher das Wachstumskapital kommt: Investoren wie Samsung Electronics, Audi oder Infineon Technologies sind zentrale Partner. 

Ein weiteres Beispiel ist Empulsion, ein Spin-off der TU Wien. Das Unternehmen entwickelt elektrische Antriebssysteme für Satelliten und verkauft diese von Beginn an global. Auch hier zeigt sich das gleiche Muster: Die Entstehung und frühe Förderung passieren in Österreich, die kürzlich eingesammelte Wachstumsfinanzierung von rund 20 Millionen Euro kommt überwiegend aus dem Ausland.

Beide Beispiele machen deutlich: Österreich kann neue exportfähige Unternehmen hervorbringen. Das Problem ist nicht die Fähigkeit – sondern die Frequenz.

Talente gehen dorthin, wo sie gewinnen können

Denn das Entscheidende passiert noch früher: Unternehmen entstehen nur dort, wo Talente bleiben. Unternehmer wie Peter Steinberger arbeiten heute im Umfeld von OpenAI in San Francisco. Entwickler wie Armin Ronacher haben mit Projekten wie Flask globale Standards geschaffen – die Unternehmen, die daraus entstanden sind, wurden jedoch im internationalen Tech-Ökosystem aufgebaut.

Das Muster ist kein Zufall. Österreich bringt Talent hervor – aber die entscheidenden Schritte passieren oft dort, wo Kapital, Märkte und Skalierungsmöglichkeiten größer sind. 

Die Maßnahmen zur Verbesserung dafür sind bekannt: bessere Rahmenbedingungen für Spin-offs, Zugang zu Wachstumskapital, unternehmerische Bildung, neue europäische Rechtsformen wie EU Inc. Es wird vieles angestoßen – aber zu langsam und zu unkoordiniert. Österreich allein wird selten das entscheidende Argument sein. Erfolgreiche Standorte entstehen im europäischen Kontext – oder gar nicht.

Wir schützen das Bestehende – statt auf Neues zu fokussieren

Die Debatte in Österreich wird trotzdem oft falsch geführt. Wir diskutieren, wie wir bestehende Industrien absichern. Wie wir Exportquoten stabil halten. Wie wir „unsere Stärken“ bewahren. Aber die eigentliche Herausforderung ist eine andere: neue Stärken zu schaffen. Neue Unternehmen. Neue Exportschlager.

Die spannendsten Gründerinnen und Gründer aus Österreich stellen sich längst dieselbe Frage wie auf dem Panel in St. Gallen: nicht, wo sie herkommen – sondern wo sie gewinnen können. Und genau daran muss sich Österreich messen lassen. Denn noch zu selten lautet die Antwort: Österreich.

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