Österreichs Heiligeküheherde: Heute die Antiatomkraft 

7. April 2026Lesezeit: 4 Min.
Kommentar von Rainer Nowak

Rainer Nowak ist CEO der Tageszeitung „Die Presse“. Zuvor war er Journalist und Ressortleiter für Wirtschaft und Politik bei der „Kronen Zeitung“ und davor Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer der Tageszeitung „Die Presse“.

Österreich hat sich jahrelang erfolgreich eingeredet, man könne Kernkraft moralisch ächten und sie trotzdem (in)direkt importieren. In der heimischen Herde der heiligen Kühe wiederkäut die Antiatomkraft gleich neben der Neutralität und der Gentechnik-Freiheit. Genau diese Selbsttäuschung ist in der Energiekrise zumindest auf der mittleren politischen IQ-Ebene implodiert. Ursula von der Leyen spricht wörtlich von einem „strategischen Fehler“, der Kernenergie den Rücken zu kehren. Dazu kündigte sie eine 200-Millionen-Euro-Garantie der EU für innovative Nukleartechnologien an. Vielleicht sollte man ihr ausnahmsweise folgen. Nicht, weil sie plötzlich zur Hohepriesterin des Atoms geworden wäre. Sondern weil ein Industriestandort verlässliche, CO₂-arme und planbare Strommengen braucht – nicht bloß Moralsätze und eine diffuse Technik-Feindlichkeit. Es war von der Leyens mütterliche politische Freundin, die wegen Fukushima planlos aus der Atomkraft ausstieg und sich unter bis zur späteren Regierungsbeteiligung anschwellenden Applaus von der Kohle verabschiedete und der Alternativenergie verschrieb. Dann besetzte Wladimir Putin ein Fünftel der Ukraine, drehte den Gashahn zu und fertig ist die große Wirtschaftskrise Westmitteleuropas. Aber das ist verschüttete Milch.

Frankreich zeigt gerade, wie sich energiepolitischer Realismus auszahlt. Laut staatlichem Stromnetzbetreiber RTE fiel der französische durchschnittliche Spotpreis 2024 auf 58 Euro je Megawattstunde; erstmals seit 2011 lag Frankreich damit im Jahresmittel unter Deutschland. Gleichzeitig erreichte das Land 89 TWh Nettoexporte – Rekord –, und diese Exporte brachten laut RTE 5 Milliarden Euro. 2025 folgte mit vorläufig 92 TWh schon der nächste Rekord. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer nüchternen Mischung aus Kernkraft, Wasserkraft und wachsenden Erneuerbaren: 2024 kamen 95 Prozent der französischen Stromerzeugung aus CO₂-armen Quellen, die Kernproduktion stieg auf 361,7 TWh, die Wasserkraft auf 75,1 TWh. RTE zufolge vermieden die französischen Stromexporte damit europaweit 19,8 Millionen Tonnen CO₂. Wer also wissen will, wer im europäischen Strommarkt zum Profiteur der Krise geworden ist, erhält eine klare Antwort: Frankreich. 

Österreich hat aus Zwentendorf dagegen eine heilige Kuh modelliert. Bei der Volksabstimmung vom 5. November 1978 kippten bei 62,6 Prozent Beteiligung 30.068 Stimmen das Kraftwerk; am Ende stand ein Nein von 50,5 zu 49,5 Prozent. Später folgten das Atomsperrgesetz und 1999 der Verfassungsrang für das „atomfreie Österreich“. Aus einer knappen Sachentscheidung wurde eine nationale Glaubensfrage. Das Ergebnis sieht man bis heute: Selbst in einem meteorologisch anfangs starken Jahr 2024 war Österreich laut APG nur mit 4,747 TWh erstmals seit 2009 wieder Nettoexporteur – mit August wegen schwächerer erneuerbarer Erzeugung zum Nettoimporteur. Das ist kein Argument gegen Erneuerbare. Es ist ein Argument gegen die infantile Vorstellung, Energieverteilung und Physik ließen sich durch politische Folklore ersetzen. 

Besonders unerquicklich war bekanntlich die Rolle der ÖVP. Das österreichische Nuklearprogramm wurde Ende der 1960er unter ÖVP-Kanzler Josef Klaus auf Schiene gesetzt. 1978 begrüßte die ÖVP die Nutzung der Atomenergie grundsätzlich – lehnte aber Zwentendorf ab. Das war die eigentliche Ironie der angeblichen Wirtschaftspartei: Sie half erst beim Einstieg in die Technologie und machte dann aus der entscheidenden Frage eine parteitaktische Waffe. Wer damals hoffte, ein Nein zu Zwentendorf würde Bruno Kreisky politisch erledigen, weil er seinen Rücktritt bei einem Nein angekündigt hatte, bekam das Gegenteil: Kreisky blieb, die Atomkraft war Geschichte und die SPÖ baute 1979 ihre absolute Mehrheit sogar noch aus. Konservative Genialität! So gesehen macht es wieder Sinn, wenn heute ein ÖVP-Wirtschaftsminister die Hoheenergiepreissuppe auslöffeln muss.

Europa braucht kein ideologisches Entweder-oder aus Kernkraft und Erneuerbaren. Europa braucht beides – plus stärkere Netze, Speicher und den Mut, Versorgungssicherheit nicht länger als Deckelpreis-Problem zu behandeln. Frankreich hat das begriffen. Österreich pflegt lieber sein antinukleares Selbstbild. Ja, es gibt wie bei vielen Technologien Risken und Gefahren, aber ein Atomkraftwerk ist keine Senfgasfabrik. Einige Hundert Werke rennen problemlos und liefern günstige Energie. Die Menschheit hat noch jede noch so riskante Technologie mit Erfahrung und Innovation in den Griff bekommen. 

Man muss Ursula von der Leyen nicht schätzen, um festzuhalten: Diesmal hat sie recht. 

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