Schon wieder mehr Geld für die ÖGK?
Gerald Loacker ist Jurist und geschäftsführender Gesellschafter bei der BWI Unternehmensberatung GmbH, die auf Vergütungssysteme und Gehaltsvergleiche spezialisiert ist. Außerdem arbeitet er als Sachverständiger für Berufskunde, Arbeitsorganisation und Betriebsorganisation. Bis Oktober 2024 war er als Abgeordneter zum Nationalrat in den Bereichen Arbeit, Soziales, Gesundheit und Wirtschaft sowie als stellvertretender Klubobmann der NEOS tätig.
Aus der SPÖ erschallt der Ruf, die Höchstbeitragsgrundlage in der Krankenversicherung abzuschaffen. Das soll bis zu 1,2 Milliarden Euro zusätzlich in die ÖGK spülen. Der Vorschlag klingt nach „Gerechtigkeit“. In Wahrheit ist er vor allem eines: die bequemste Form, ein strukturelles Problem mit noch mehr Geld zuzuschütten.
Denn die Frage ist nicht, ob das System mehr Mittel nehmen kann. Die Frage ist, warum es trotz steigender Mittel so oft schlechter liefert als früher.
Wer schon heute die Zeche zahlt
Ein Gutverdiener ist nicht öfter krank als ein Mittel- oder Geringverdiener. Krankheit ist kein Luxusgut, das man häufiger konsumiert, nur weil man mehr verdient. (Statistisch gesehen ist sogar das Gegenteil der Fall.) Trotzdem ist die Krankenversicherung in Österreich lohnabhängig und nach oben gedeckelt. Diese Deckelung ist keine „Steueroase“, sondern eine Systementscheidung: Beiträge sollen solidarisch sein, aber nicht beliebig zur Strafsteuer mutieren.
Zur Einordnung: Die Höchstbeitragsgrundlage liegt 2026 bei 6.930 Euro pro Monat (Sonderzahlungen bis 13.860 Euro pro Jahr). Bei einem KV-Beitragssatz von 7,65 % (Dienstnehmer + Dienstgeber) ergibt das am Deckel bereits 7.422,03 Euro pro Jahr – allein für die Krankenversicherung.

Und was ist die Gegenleistung? Ausgerechnet jene Leistung, die die Kasse für viele attraktiv machen sollte, nämlich rasch verfügbare, kassenfinanzierte niedergelassene Versorgung, wird tendenziell schlechter: längere Wartezeiten, weniger Planbarkeit, mehr Ausweichen in Wahlärzte. Wer jetzt noch ernsthaft behauptet, die Lösung seien noch höhere Beiträge, verwechselt Solidarbeitrag mit Abkassieren.
Mehr Geld, gleiche Ergebnisse
Die sozialdemokratische 1,2-Milliarden-Idee tut so, als wäre die ÖGK chronisch ausgehungert. Dabei steigen die Einnahmen mit den massiven Lohnerhöhungen kräftig mit.
Parallel dazu werden auf anderer Ebene ohnehin die Geldschleusen geöffnet: Die Erhöhung des Krankenversicherungsbeitrags für Pensionistinnen und Pensionisten von 5,1 % auf 6,0 % gilt seit vergangenem Juli. Sie bringt allein im Jahr 2026 Netto-Mehreinnahmen für die Krankenversicherungsträger von rund 1,1 Milliarden Euro, den Löwenanteil davon für die ÖGK. Nach diesem Einnahmenschub von 5 % soll noch einmal so viel Geld über die Abschaffung der Höchstbeitragsgrundlage fließen? Das wären zusätzlich zu den inflationsbedingten Steigerungen eine Verbreiterung der Beitragsbasis um 10 % in zwei Jahren.
Wenn also immer neue Milliarden ins System fließen und trotzdem die Versorgung schlechter wird, dann liegt das Problem nicht primär am Geld. Es liegt am Design.
Das Anreizproblem: Geld ohne Reformdruck
Wer heute die Beitragsobergrenze kippt, schafft kurzfristig Luft – und langfristig Stillstand. Denn wenn Defizite regelmäßig durch neue Mittel gestopft werden, sinkt der Reformdruck gegen null. Warum Strukturen modernisieren, wenn die Politik bei jeder Budgetdelle einfach die nächste Einnahmenschraube findet?
Die ÖGK selbst beziffert ihr Gesamtbudget 2025 mit rund 21,4 Milliarden Euro und weist zugleich ein Defizit von rund 540 Millionen aus. Das ist keine Kleinigkeit, aber es ist auch kein Argument für „noch mehr vom Gleichen“. Ein System, das mit wachsenden Einnahmen nicht besser wird, braucht nicht zuerst mehr Einnahmen. Es braucht bessere Steuerung.
Der eigentliche Konstruktionsfehler heißt Teilzeit
Der zentrale Systemfehler steckt tiefer: Seit den 1990ern spielt sich der Beschäftigungszuwachs fast ausschließlich in der Teilzeit ab. Die Zahl der Versicherten steigt, aber die zusätzlichen Beiträge kommen über Teilzeitlöhne und Teilzeitgehälter, also über eine schmalere Bemessungsbasis.
Das ist die versteckte Schieflage: Wer seine Arbeitszeit reduziert, reduziert nicht nur sein Einkommen, er kauft sich zugleich einen Rabatt in der Krankenversicherung. Für seine persönliche Entscheidung, weniger zu arbeiten, zahlen die anderen.
Und ja: Teilzeit kann gute Gründe haben. Aber ein Finanzierungsmodell für eine solidarische Versicherung, das systematisch dazu einlädt, die Beitragsbasis wegzuoptimieren, ist auf Dauer nicht stabil.
Reformidee: Kopfprämie
Wenn man das Grundproblem lösen will, muss man die Finanzierung näher an das knüpfen, was tatsächlich versichert wird: Personen, nicht Arbeitsstunden.
Das Schweizer Modell der Kopfprämien in der Krankenversicherung zeigt den Kern: In der obligatorischen KV zahlt grundsätzlich jede Person beim gleichen Versicherer unabhängig von Alter, Einkommen und Gesundheitszustand die gleiche Prämie („Einheitsprämie“). Und damit das sozial verträglich bleibt, gibt es Prämienverbilligungen für Menschen mit wenig Geld, finanziert von Bund und Kantonen.
Fazit: Wer Gerechtigkeit will, muss ans System – nicht ans Feindbild
Die Abschaffung der Höchstbeitragsgrundlage ist ein politisch dankbares Signal: „Die da oben zahlen mehr.“ Aber sie ist keine Systemreparatur. Sie ist eine Einladung, das österreichische Gesundheitswesen weiterhin mit Geld zu beruhigen, statt es zu modernisieren.
Wer die Krankenversicherung in Österreich verbessern will, sollte nicht nach der nächsten Milliarde greifen, sondern nach der Finanzierungslogik, die die nächsten Jahrzehnte trägt.