Volle Feiertage, leere Kirchen
Georg Renner ist freier Journalist in Niederösterreich und Wien mit Fokus auf Sachpolitik. Er betreibt den Politik-Podcast „Ist das wichtig?“ und publiziert unter anderem für „Datum“ und „WZ“. Zuvor war er nach Stationen bei der „Presse“, „NZZ.at“ und „Addendum“ Innenpolitikchef der „Kleine Zeitung“.
Österreich hat 13 gesetzliche Feiertage und liegt damit im europäischen Spitzenfeld. Nur zwei davon, der Staatsfeiertag am 1. Mai und der Nationalfeiertag am 26. Oktober, sind säkulare Anlässe. Die übrigen elf – Neujahr, Epiphanie, Ostermontag, Pfingstmontag, Fronleichnam, Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen, Mariä Empfängnis, Weihnachten und der Stefanitag – sind allesamt christlichen Ursprungs. Von diesen elf sind zehn über das Arbeitsruhegesetz hinaus auch noch völkerrechtlich abgesichert, in einem Staatsvertrag Österreichs mit dem Heiligen Stuhl, dem Konkordat. Gleichzeitig meldet die Kirche Jahr für Jahr neue Tiefstände bei der Zahl ihrer Anhänger und Gottesdienstbesucher.

Auch wenn die Zahl der Gläubigen seit dem Ende der Volkszählungen zur Jahrtausendwende nicht mehr amtlich erfasst wird, lässt sich aus der Zahl an Taufen, Begräbnissen und Kirchenaustritten rekonstruieren, dass der Anteil der Katholiken in Österreich mittlerweile eher unter 50 Prozent der Bevölkerung liegen dürfte. (Trotzdem ist die Kirche bei weitem die größte Glaubensgemeinschaft in Österreich; die zweitgrößte Gruppe, jene der Menschen ohne Bekenntnis, dürfte gerade einmal halb so groß sein.)
Auch die Zahl der Messbesucher sinkt deutlich: An den beiden „Zählsonntagen“, an denen die Pfarren die Teilnehmer melden, hat die Kirche 2023 321.821 bzw. 347.891 Besucher registriert – vor den Corona-Jahren lag die Zahl noch um die 500.000.
Man mag das tragisch finden, aber: Kirchliche Rituale verlieren in Österreich wie in ganz Westeuropa in einem historischen Ausmaß an Bedeutung. Was irgendwann auch die Frage aufwerfen wird, wie der Staat mit den Feiertagen umgehen soll, deren Sinn explizit darin bestand, diese Rituale begehen zu können.
Im Sinne des Erfinders war es nämlich nicht, Fronleichnam zu einer schönen Frühsommerwanderung zu nutzen oder gar mit nur einem Urlaubstag einen Kurzurlaub konsumieren zu können – sondern sicherzustellen, dass jene, die an der Fronleichnamsprozession teilnehmen (was damals weiteste Teile der Bevölkerung betraf) nicht durch schnöde Erwerbsarbeit davon abgehalten werden.
„Besonders die Donnerstags-Feiertage wären zu hinterfragen.“
Diese Geschäftsgrundlage der meisten Feiertage fällt durch die rapide Säkularisierung der österreichischen Bevölkerung weg. Gerade in einer Wirtschafts- und Demographiekrise wäre es hoch an der Zeit, auch darüber zu reden, ob die Republik sich ihre 13 Feiertage – von den Landesfeiertagen, an denen der öffentliche Dienst stillsteht, ganz zu schweigen – eigentlich noch leisten kann, will und sollte.
Besonders die Donnerstag-Feiertage, die gerade kleinere Betriebe immer wieder vor organisatorische Herausforderungen stellen, wären da zu hinterfragen. Das muss nicht unbedingt auf Kosten der Arbeitnehmer gehen – produktivitätstechnisch wäre schon viel gewonnen, wenn diese beiden Tage 1:1 in allgemeine Urlaubstage umgewandelt würden.
Man mag gut oder schlecht finden, dass wir uns in einer immer säkularere Gesellschaft verwandeln. Aber immer vehementer auf die Trennung von Staat und Kirche zu pochen, aber gleichzeitig alle Vorteile kirchlicher Feiertage haben zu wollen: Das wird sich auf Dauer nicht ausgehen.