Was ist Oesterreich?
Gerhard Jelinek ist ein österreichischer Journalist, Fernsehmoderator und Buchautor. Der Jurist und erfahrene Journalist gestaltete rund 70 politische und zeitgeschichtliche Dokumentationen und Porträts.
Die berühmteste Rede der österreichischen Geschichte wurde vor genau 80 Jahren gehalten – oder auch nicht: Leopold Figls Weihnachtsansprache. Tatsächlich haben zwei Journalisten die Rede von Bundeskanzler Leopold Figl zwanzig Jahre nach der – angeblichen – Ausstrahlung im Radio verfasst. Figl hat diesen Text erst 1965 auf Band gesprochen. Neuerdings wird behauptet, diese „Weihnachtsansprache“ des Kanzlers habe es überhaupt nicht gegeben. Egal, Figls Worte sind so prägend, dass sie Teil der Nachkriegsgeschichte sind – ob original, oder nicht: „Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!“
Der Jahreswechsel böte Zeit und Notwendigkeit für eine neue Grundsatzrede eines österreichischen Bundeskanzlers. Die Tage rund um einen Jahreswechsel sind – obwohl politisch eigentlich gar nichts los ist – eminent wichtig für die Meinungsbildung. Familien kommen zusammen, reden, es wird Bilanz gezogen und aufs nächste Jahr geblickt. Es ist/wäre der Zeitpunkt für klare Worte – für Orientierung. Vielleicht finden sich ja Journalisten, die wie weiland Hans Magenschab und Ernst-Wolfram Marboe einen Text schreiben, den der Bundeskanzler spricht. Ein (anmaßender) Vorschlag für Bundeskanzler Christian Stocker:
„Der Jahreswechsel 1945 ist mit der Zeit von heute unvergleichbar. Nur noch wenige Menschen in diesem Land wissen überhaupt, wer Leopold Figl war, so realistisch sollten wir sein.
Unser Schulsystem ist nicht in der Lage, geschichtliches Grundwissen zu vermitteln. Das ist bedauerlich, aber ein Faktum. Meine Regierung wird das ändern. Jeder Schüler, der eine österreichische Schule verlässt, muss sinnerfassend lesen und schreiben können, muss ein Basiswissen über wirtschaftliche Zusammenhänge haben, eins und zwei zusammen zählen und mindestens eine Fremdsprache können, Deutsch sowieso.
Schulen brauchen klare Ziele und Vorgaben, die unabhängig überprüft werden. Derzeit investieren wir überdurchschnittlich viel Geld in unser Bildungswesen und erzielen nur sehr unterdurchschnittliche Ergebnisse. Das können wir uns nicht leisten.
Österreich (und Europa) erlebt tatsächlich einen Epochenbruch. Das spüren viele Menschen, ohne es tatsächlich schon zu merken. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Unsere industrielle Basis (und damit der Wohlstand) bröckelt angesichts der Konkurrenz aus China & Co. Die Auswirkungen der Revolution, die unter der Chiffre „Künstliche Intelligenz“ passiert, sind kaum vorstellbar. Unser Leben verändert sich in einem rasenden Tempo, so schnell, wie niemals in der Historie. Gesellschaftliche Fundamente wie gemeinsame Kultur, Religion, Tradition und Geschichte zerbröseln. Da nützt kein Jammern. Es ist Realität.
Wir haben nicht nichts, wie seinerzeit Leopold Figl sagte, wir haben viel.
Österreich gehört – noch immer – zu den reichsten, sozialsten und bestgeordneten Ländern dieser Welt. Wir haben alle Chancen erfolgreich zu bleiben. Aber: Ich kann Euch nur bitten, glaubt an Eure Stärke, nehmt Verantwortung wahr, packt an.
Wir alle werden in den nächsten Jahren mehr, nicht weniger leisten müssen. Daher werden wir zumindest einen Feiertag abschaffen.
Wir alle werden wieder mehr für unser Leben tun müssen. Derzeit genießen wir einen Wohlstand, der von der Arbeitskraft künftiger Generationen finanziert werden muss. Wir konsumieren Zukunft. Wir sind zu egoistisch geworden. Wir verzichten darauf, Kinder zu bekommen, weil die Betreuung manchmal mühsam ist und wir uns nicht einschränken wollen. So wird das nicht funktionieren.
Derzeit genießen wir einen Wohlstand, der von der Arbeitskraft künftiger Generationen finanziert werden muss. Wir konsumieren Zukunft. Wir sind zu egoistisch geworden.
Gerhard Jelinek
Daher werden wir ab sofort das Pensionsantrittsalter für alle ab dem Geburtsjahrgang 1970 pro Jahr um zwei Monate erhöhen. Arbeiten bis zum 67. Lebensjahr. Das ist eine Notwendigkeit.
Wir haben ein Gesundheitssystem der Weltklasse. Wir geben dafür sehr viel Steuergeld aus. Aber es steht unter Druck. Gesundheit ist das höchste Gut. Daher werden wir einen symbolischen Selbstbehalt für alle medizinischen Leistungen einführen. Selbstverständlich nicht für Kinder oder Menschen, die es sich nicht leisten können. Es ist eindeutig, dass Euer persönlicher Lebensstil den größten Beitrag für Eure Gesundheit leisten kann. Dafür seid ihr verantwortlich, nicht der Staat.
Und zur politischen Stimmung in diesem Land zitiere ich wieder Leopold Figl: „Österreich ist in seinem letzten Wesen und Sinn ein Land der Mäßigung, der Toleranz, ein Land des Verständnisses und der Liebe zu dem Nächsten, zu dem Nächsten im eigenen Lande und jenseits der Grenzen.“
Genau darum geht es in Zukunft auch. Ihr als mündige Bürger seid auch dafür verantwortlich, wen ihr wählt, wen ihr mit Vertrauen ausstattet. Ihr seid verantwortlich dafür, ob marktschreierische Populisten Zustimmung finden, oder ob verantwortungsvolle Maßnahmen unterstützt werden. Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin sagte, dass Dummheit eine Sünde sein kann, wenn sie eine willentliche Verweigerung des Nachdenkens ist. Daran möchte ich Euch als christlich-demokratischer Politiker erinnern.
Ihr als mündige Bürger seid auch dafür verantwortlich, wen ihr wählt, wen ihr mit Vertrauen ausstattet. Ihr seid verantwortlich dafür, ob marktschreierische Populisten Zustimmung finden, oder ob verantwortungsvolle Maßnahmen unterstützt werden.
Gerhard Jelinek
Und zum Schluss zitiere ich noch einmal Leopold Figl. Er stellte am Beginn seiner Amtszeit die Frage: Was ist Österreich? Der Bauernfunktionär, der aus der Todeszelle im Wiener Landesgericht ins Kanzleramt kam, beantwortet diese Frage mit der kulturgeschichtlichen „Sendung“ – so erhaben hat man das früher ausgedrückt. Figl nennt ein Dutzend Namen: Schriftsteller, Ärzte, Musiker, Wissenschaftler. Und er stellt lange vor Gründung der Europäischen Union klar: „Österreich ist Europa, und Europa kann ohne Österreich nicht sein.“
So ungefähr hätte die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Christian Stocker am 1. Jänner 2026 nach dem wunderbaren Neujahrskonzert der Philharmoniker im Musikvereinssaal klingen können.
Sie wurde nie gehalten – wie Leopold Figls Weihnachtsansprache 1945.