Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, David Schima, Gregor Plieschnig, Sara Grasel und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Mietpreisbremse für den freien Wohnungsmarkt ab 1. Jänner 2026. Ab nächstem Jahr werden auch Mieterhöhungen im bisher ungeregelten Bereich begrenzt. Sollte die Jahresinflation über 3 % liegen, darf die darüber hinausgehende Teuerung nur mehr zur Hälfte an Mieter weitergegeben werden. Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer und Staatssekretär Schellhorn betonten, dass die Maßnahme im freien Wohnungsmarkt im Gegensatz zum geregelten Bereich kein Deckel ist, sondern nur eine Bremse bzw. eine „Geschwindigkeitsbegrenzung“. Im geregelten Bereich dürfen Mieten 2026 um maximal 1 % angehoben werden, 2027 um maximal 2 %. Die Mindestbefristung für alle neu abgeschlossenen oder erneuerten Verträge wird von 3 auf 5 Jahre erhöht, mit Ausnahmen für nicht-gewerbliche private Vermieter. Künftig sollen Mieten nur mehr einmal im Jahr angepasst werden dürfen. Eine Reform der Mietzinsbildung im Altbau soll Anreize für Investitionen zur „Ertüchtigung von Gebäuden“ setzen, weiters Wertsicherungsvereinbarungen rechtlich saniert werden. [Quellen: Pressekonferenz, Bundeskanzleramt, Ministerratsvortrag | Reaktionen: VÖPE, Grüne, ÖHGB, SPÖ, ÖVI, ARGE Eigenheim, Mietervereinigung]
Kommentar: In sozialistischen Luftschlössern kann man nicht wohnen
von Sara Grasel
Die Mietpreisbremse wird nicht dafür sorgen, dass es mehr günstige Wohnungen gibt, sondern dafür, dass Wohnraum knapper wird und dann in weiterer Folge teurer. Sie taugt auch nicht als Maßnahme gegen die Teuerung. Bleibt die Frage, welche wirtschaftsfreundlichen Wünsche der ÖVP und der Neos wohl als Abtausch für diese rote Showpolitik erfüllt werden.
Grafik (von Stephan Frank): Das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten könnte der österreichischen Industrie einen zusätzlichen Wertschöpfungseffekt von rund 300 Mio. Euro sowie einen Beschäftigungseffekt von über 2.000 zusätzlichen Industriearbeitsplätzen bringen. Besonders profitieren würden hierbei Oberösterreich und Salzburg. Im Vorjahr exportierte Österreich Waren im Wert von 1,3 Mrd. Euro in die Mercosur-Länder – der durchschnittliche Zollsatz lag dabei bei 10 % und verursachte Kosten von etwa 130 Mio. Euro. Mit dem Abkommen würden 90 % der Zölle entfallen. „Der Wegfall von Zöllen von bis zu 35 % auf Fahrzeuge und 20 % auf Maschinen würde der gegenwärtig unter Druck stehenden Industrie etwas Entlastung verschaffen“, so Bank-Austria-Ökonom Robert Schwarz. [Quelle: UniCredit Bank Austria]

🇦🇹 Zahl der Firmeninsolvenzen steigt weiter. In den ersten drei Quartalen des Jahres mussten bisher 5.110 Unternehmen Insolvenz anmelden – das ist ein Anstieg um 5,3 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. „Neben dem insgesamt hohen Kostenniveau [haben] auch fehlende Umsätze zu einem Anstieg der Insolvenzen geführt“, so Karl-Heinz Götze vom KSV1870. Für das Gesamtjahr 2025 werden bis zu 7.000 Unternehmensinsolvenzen erwartet. Im 3. Quartal ist die Insolvenzdynamik aber etwas schwächer ausgefallen als in den Quartalen davor. Die am stärksten betroffenen Branchen waren Handel (+921 Unternehmen), Bau (+784) und Gastronomie/Beherbergung (+603). Im Grundstücks- und Wohnungswesen gab es mit 360 Firmeninsolvenzen einen Anstieg von 62 %. „Besorgniserregend“ nennt der KSV1870 auch den Anstieg bei den nichteröffneten Firmenpleiten (+8,4 %), die Zahl der eröffneten Fälle ist nur um 3,4 % angestiegen. Die Zahl der Privatkonkurse stagnierte (-1 %). [Quelle: KSV1870 – Firmen, Private | Grafik: 2025 wird Rekordjahr bei Firmeninsolvenzen]
🇦🇹 Inflation steigt auf 4,1 %. Nach 3,6 % im Juli lag die heimische Inflationsrate im August bei 4,1 %, der höchste Wert seit März 2024. Das allgemeine Preisniveau stieg gegenüber Juli um 0,2 %. Die Schnellschätzung wurde damit bestätigt. Stärkste Preistreiber waren Strom (+37,2 %), Gastronomie (+6,1 %) und Nahrungsmittel (+5,2 %) – diese Bereiche ausgenommen läge die Teuerungsrate lediglich bei 2,2 %. Die Mieten verzeichneten ein Plus von 4,4 %, während Heizöl (-4,1 %), Benzin (-3,9 %) und Diesel (-2,7 %) leicht preisdämpfend wirkten. Die Kerninflation lag im August bei 3,8 %. Im Euroraum lag die Inflation im August durchschnittlich bei 2,0 % und in der EU bei 2,4 %. [Quellen: Statistik Austria, Eurostat | Grafik: Inflation in Österreich galoppiert davon]
🇦🇹 Weiterbildungszeit kommt wohl erst im 2. Quartal 2026. AMS-Vorstand Johannes Kopf kündigte gegenüber Ö1 eine längere Vorlaufzeit für die neue Weiterbildungszeit an. Die Umsetzung des Nachfolgemodells der Bildungskarenz ist wohl erst im 2. Quartal 2026 möglich. Mit der neuen Regelung sei Kopf zufrieden, sie könne vor allem Personen mit niedrigeren Qualifikationen zur Weiterbildung motivieren. Sozialministerin Schumann hat am Dienstag den entsprechenden Gesetzesentwurf in Begutachtung geschickt. Budgetiert sind 150 Mio. Euro pro Jahr. [Quelle: Ö1]
🇦🇹 WKÖ fordert Maßnahmen gegen Sozialmissbrauch. WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger fordert gegenüber der Kronen Zeitung eine schärfere Bekämpfung von Sozialmissbrauch. „Wenn der Finanzminister die Betrugsbekämpfung wirklich ernst nimmt, darf er den Sozialmissbrauch nicht ignorieren“, so Danninger zur Krone. Laut Wirtschaftsbund wären durch Sozialbetrug seit dem Jahr 2018 insgesamt Schäden von 135 Mio. Euro entstanden. Wirtschaftsbund-Generalsekretär Kurt Egger fordert ein „Fairnesspaket, das Missbrauch im Sozialsystem konsequent unterbindet“. SPÖ-Finanzsprecher Kai Jan Krainer sieht keinen Zusammenhang zwischen Steuerbetrugsbekämpfung und Sozialbetrugsbekämpfung. [Quellen: Medienberichte, Danninger in der Kronen Zeitung, Wirtschaftsbund, SPÖ]
🇦🇹 Lohnnebenkostensenkung wird teuer. Bereits im Interview mit Selektiv zeigte sich Finanzminister Markus Marterbauer offen für eine Lohnnebenkostensenkung. Die Gegenfinanzierung dürfte aber schwierig werden. Löst man den Familienlastenausgleichsfonds (FLAF) aus den Lohnnebenkosten, würde das 6 Mrd. Euro kosten, so Marterbauer in den OÖ-Nachrichten. Auf die Frage, ob er für die Gegenfinanzierung eine vollständige Rückkehr der Kalten Progression, eine Erhöhung der Körperschaftssteuer oder eine Erbschaftssteuer bevorzugen würde, sagt er: „Dafür würde man alle drei Maßnahmen brauchen. 1 % KÖSt-Erhöhung bringt 500 Mio., eine Erbschaftssteuer wahrscheinlich 1 Mrd.“. Die (Teil-)Abschaffung der Kalten Progression habe ein Loch von 7 Mrd. Euro hinterlassen. [Quellen: OÖN, Selektiv]
🇪🇺 🇮🇱 EU-Kommission will Israel sanktionieren. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will „extremistische Minister und gewalttätige Siedler“ sanktionieren und Handelszugeständnisse für Israel aussetzen. Importe aus Israel würden damit ihren präferenziellen Zugang zum EU-Markt verlieren und den gleichen Zöllen wie Waren aus anderen Drittländern unterliegen, mit denen die EU kein Freihandelsabkommen geschlossen hat. Die EU ist Israels größter Handelspartner; Israel liegt auf Platz 31 der EU-Handelspartner. Im Jahr 2024 wurden Waren im Wert von 42,6 Mrd. Euro zwischen der EU und Israel gehandelt. Der Rat der Europäischen Union muss den Kommissionsvorschlag mit qualifizierter Mehrheit annehmen, damit das Sanktionspaket in Kraft treten kann. [Quellen: EU-Kommission, von der Leyen auf X]
🇪🇺 🇮🇩 EU-Indonesien-Abkommen wird nächste Woche unterzeichnet. Die EU und Indonesien wollen das fertig verhandelte Freihandelsabkommen CEPA am 23. September auf Bali unterzeichnen, kündigte der indonesische Wirtschaftsminister Airlangga Hartarto an. Für die EU wird Handelskommissar Maroš Šefčovič den Vertrag unterzeichnen, die Ratifizierung soll bis Ende 2026 oder 2027 abgeschlossen sein. [Quelle: Reuters]
🇩🇪 Deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle. Nach zwei Rezessionsjahren kommt es in Deutschland auch heuer zu keiner Belebung der Konjunktur. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) senkte seine Prognose für das BIP 2025 um 0,2 Prozentpunkte – die Wirtschaft trete weiterhin nur auf der Stelle. Die Gründe: Konsumzurückhaltung aufgrund gedämpfter Beschäftigungsperspektiven und die US-Zollpolitik. Für das kommende Jahr wird zwar rund 1 % Wachstum vorausgesagt, aber auch damit würde „keine wirkliche Aufschwungsqualität erreicht.“ [Quelle: IW Köln]
🇬🇧 UK-Inflation weiter hoch. Die Verbraucherpreise im Vereinigten Königreich sind im August im Jahresvergleich um 3,8 % gestiegen, derselbe Wert wie im Juli. Zum Vormonat stiegen die Preise um 0,3 %. Damit hat das UK die höchste Inflation aller großen Industrienationen. Heute entscheidet die Bank of England über die weitere Zinsentwicklung. [Quelle: ONS]
🇺🇸 US-Notenbank senkt Leitzins und erhöht Konjunkturprognose. Die Federal Reserve hat ihren Leitzins gestern um 0,25 Prozentpunkte auf 4,0 bis 4,25 % gesenkt. Es handelt sich um den ersten Zinsschritt im Jahr 2025. Als Grund wurde u. a. der schwächelnde US-Arbeitsmarkt angegeben. Die US-Zentralbank erwartet eine Jahresinflation von 3,0 %, die Konjunkturprognose wurde auf 1,6 % nach oben revidiert. [Quellen: Federal Reserve – Zinsbeschluss, Konjunkturprognose | Grafik: Fed senkt Leitzins auf 4,25 %]
🌐 KI könnte Welthandel ankurbeln. Durch den vermehrten Einsatz von KI könnte der globale Handel mit Waren und Dienstleistungen bis 2040 um 34 bis 37 % wachsen, je nachdem wie rasch weniger entwickelte Volkswirtschaften Anschluss finden, so eine Studie der Welthandelsorganisation (WTO). Je nach Szenario könnte das globale BIP durch den stärkeren Einsatz von KI um 12 bis 13 % wachsen. Dafür müssten aber Handelsbeschränkungen abgebaut werden. [Quelle: WTO]
Selektive Agenda:
Heute, Wien: IAEA-Generalkonferenz (bis 19.9.)
Heute, London: US-Präsident Trump im Vereinigten Königreich (letzter Tag)
10:00 Uhr, Brüssel: Umweltminister Totschnig nimmt am EU-Umweltministerrat teil [Info]
10:00 Uhr, Wien: Arbeiterkammer präsentiert Arbeitsklima-Index
13:00 Uhr, Brenner: Bundeskanzler Stocker, Verkehrsminister Hanke, ital. Verkehrsminister Salvini und EU-Verkehrskommissar Tzitzikostas nehmen an der Durchschlagsfeier des Erkundungsstollens des Brenner-Basistunnels teil
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Susanne Moser-Guntschnig ist neue Kommunikationschefin der Bundes-SPÖ. Die EU-Kommission hat Paul Kutos zum Direktor der Abteilung für Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten innerhalb der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen bestellt. David Schima ist Redakteur bei Selektiv. Sie wollen auch in dieser Rubrik aufscheinen?
Geburtstage: Wir gratulieren Anna Netrebko und Johann Strobl zum Geburtstag.
Sehen & gesehen werden:
8:45 Uhr, Schwechat: Luftfahrtsymposium der Aviation Industry Austria „Aktuelle Entwicklungen und Zukunftsaussichten“ u. a. mit Peter Hanke, Peter Malanik, Peter Koren, Annette Mann, Monika Haselbacher. [Info]
17:00 Uhr, Graz: Eröffnung des Steirischen Herbsts mit der Eröffnungsrede von Ekaterina Degot in der Helmut List Halle [Info]
17:30 Uhr, Klagenfurt: Premiere von „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner am Stadttheater Klagenfurt [Info]
19:00 Uhr, Wien: Benefiz-Kabarett mit Christian Dolezal „45 Jahre Wiener Hilfswerk Nachbarschaftszentren“ im Palais Ehrbar [Info]