Morning in Brief ・ 01.09.2025

Morning in Brief, 1. September 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Wirtschaft im Fokus der Regierungsklausur. Morgen startet die Regierung mit einer Klausur in den Herbst – den Abschluss bildet der Ministerrat am Mittwoch. Am Dienstag werden Experten zu Rate gezogen – darunter die deutsche Ökonomin Ulrike Malmendier und IHS-Ökonom Sebastian Koch. Bei der Klausur soll es laut Staatssekretär Alexander Pröll um 3 Säulen gehen: Wirtschaftsaufschwung, Inflationsbekämpfung und Entbürokratisierung. Erwartet wird ein kleines Konjunkturpaket im Umfang von 400 Mio. Euro, wie vergangene Woche bekannt wurde. „Ich denke an Abschreibungen und Investitionsfreibeträge. Auch Verfahrensvereinfachungen sind Investitionsanreize“, so Bundeskanzler Christian Stocker im Standard. Auch der „Österreich-Aufschlag“ bei Supermarkt-Preisen soll Thema sein. Stocker hat sich für 2026 das Ziel von mindestens 1 % Wirtschaftswachstum und höchstens 2 % Inflation gesetzt. Im Juli lag die Inflation bei 3,6 %. Die Krone berichtet zudem von 3,5 Mrd. Euro an zusätzlichem Sparbedarf. Doorsteps und Pressebriefings werden vom Bundeskanzleramt live übertragen. [Quellen: Pröll zur APA via Medienberichte, Stocker via ORF, Stocker im Standard, Krone Liveübertragung zur Regierungsklausur

Kommentar: Der letzte ÖVP-Kanzler…
von Rainer Nowak

Stocker und drei ÖVP-Landeshauptleute bilden zudem die letzte Bastion, die verhindern sollen, dass Kickl sein strategisches Ziel erreicht: die Zerstörung der ÖVP, beziehungsweise die Redimensionierung zur Kleinpartei, die der FPÖ die Koalitionsmehrheit beschafft. Nach zwei bis drei Jahren Sparkurs, den die Wähler vor allem auf Gemeindeebene spüren werden, stehen drei ÖVP-Länder möglicherweise vor dem Fall: Oberösterreich, Salzburg und Niederösterreich. Drei Landtagswahlen, die nicht nur das Schicksal Stockers besiegeln könnten, sondern das der Volkspartei.

Grafik (von Christoph Hofer): In den letzten zwei Jahren (Q1 2023 bis Q1 2025) sind in Industrie und Gewerbe über 75.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, während die Beschäftigung im öffentlichen und sozialen Sektor um mehr als 70.000 Stellen gestiegen ist. Zuletzt übertraf die Zahl der Erwerbstätigen in Industrie und Gewerbe im Q3 2012 die des öffentlichen Sektors, seitdem hat sich die Schere jedoch geweitet: Im Q1 2025 gab es bereits rund 300.000 mehr Beschäftigte im öffentlichen Sektor als im produzierenden Bereich. [Quelle: Statistik Austria

🇦🇹 Lehrerlücke zum Schulstart, neue Zahlen zu nicht-deutscher Umgangssprache. Zum Schulstart in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland fehlen bundesweit noch immer 265 Lehrer – damit sind 0,22 % aller Stellen unbesetzt (Stand Freitagmittag). Das Bildungsministerium betont, dass der Schulstart damit gesichert ist. In einer Woche folgen die übrigen Bundesländer. Das vergangene Schuljahr startete noch mit einem Defizit von 403 Stellen. Laut Integrationsfonds stagnierte 2023/24 der Anteil der Schüler mit nicht-deutscher Umgangssprache erstmals seit Langem österreichweit und über alle Schultypen. 26 % hatten eine nicht-deutsche Umgangssprache – am meisten in Wien (49 %). In den Pflichtschulen gibt es weiterhin ein Plus, während der Anteil in weiterführenden Schulen sinkt – ein Zeichen dafür, dass diese Schüler nach der Pflichtschule aus dem Schulsystem ausscheiden. [Quellen: Aussendung BMB, Integrationsfonds

🇦🇹 Neuer Nationalbank-Gouverneur gegen Preiseingriffe. Seit heute ist Martin Kocher Nationalbank-Gouverneur. Im Ö1-Radio sprach er sich am Samstag für einen Kampf gegen die Inflation als Priorität der Bundesregierung aus. Ansetzen würd er bei öffentlichen Gebühren, Löhnen oder der Indexierung von Preisen – Markteingriffe bei Mieten, Energiepreisen oder Lebensmitteln sieht er jedoch skeptisch, da sie das Angebot verknappen könnten. Kocher wird am 11. September das erste Mal im EZB-Rat über den Leitzins abstimmen. Im Juli hatte die EZB nach zahlreichen Senkungen eine Zinspause eingelegt – der Leitzins liegt bei 2,0 %. [Quelle: Ö1

🇦🇹 Immopreise auf hohem Niveau stabil. Laut dem aktuellen „Property Index“ von Deloitte (28 Länder) lag der durchschnittliche Preis für freifinanzierte Neubauwohnungen in Österreich 2024 bei 5.053 €/m² – nur in Luxemburg und dem Vereinigten Königreich ist Eigentum in Europa teurer. Die Preise sind nur leicht gestiegen und haben sich auf hohem Niveau stabilisiert. Die aktuellen Einkommenszuwächse und die Lockerung der Geldpolitik haben den Immobilienerwerb zuletzt wieder leistbarer gemacht. Im Vergleich bleibt Wohnraum in Städten wie Wien (6.432 €/m²) gegen andere europäische Metropolen wie München oder Paris relativ günstig. In Städten wie Linz (4.579 €/m²) oder Graz (3.838 €/m²) ist Wohneigentum besonders erschwinglich. Die Bestandsmieten in Wien liegen im Schnitt bei nur 10,80 €/m² – deutlich unter den über 40 €/m² in Metropolen wie Paris oder Dublin. [Quelle: Deloitte

🇦🇹 Versicherer legen kräftig zu – vor allem dank Krankenversicherung. Im ersten Halbjahr stieg das Prämienvolumen österreichischer Versicherungen auf 13,25 Mrd. Euro (+4,7 % gegenüber Vorjahr), angetrieben von Schaden- & Unfallversicherung (8,78 Mrd. Euro, +4,4 %) und Krankenversicherung (1,717 Mrd. Euro, +8,9 %); Lebensversicherungen wuchsen nur dank Einmalprämien, die um 29 % auf 433 Mio. Euro zulegten. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit stieg um 62 % auf 1,735 Mrd. Euro, besonders stark wuchsen Schaden-Unfall (+59 %) und Krankenversicherung (nahezu Verdreifachung auf 155,4 Mio. Euro), auch Lebensversicherung legte um 23 % zu. [Quelle: FMA]

🇦🇹 Zahl der Unternehmensgründungen steigt in Wien. In Wien wurden im 1. Halbjahr mit 5.584 um 8 % mehr Unternehmen gegründet als im Vorjahreszeitraum. 77 % davon waren Einzelunternehmen, 13 % eine GmbH. Bis Jahresende rechnet die Wirtschaftskammer mit mehr als 10.000 Gründungen. [Quelle: WKÖ

🇪🇺 EU will Mercosur- und Mexiko-Abkommen vorlegen. Die EU-Kommission will laut Informationen von Politico noch diese Woche die Handelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Block (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Bolivien) sowie mit Mexiko vorlegen. Beide sollen als „EU-only agreements“ ratifiziert werden – damit reichen qualifizierte Mehrheiten im Rat und im EU-Parlament, ohne die Zustimmung nationaler Parlamente. Während das Mercosur-Abkommen den Zugang zu einem Markt mit über 280 Mio. Menschen eröffnen würde, droht massiver Widerstand aus Frankreich wegen befürchteter Nachteile für die Landwirtschaft. Präsident Macron fordert zusätzliche Schutzklauseln. Deutschlands Kanzler Friedrich Merz plädierte zuletzt für eine schnelle Ratifizierung, Österreichs Regierung ist noch immer durch einen Nationalratsbeschluss an ein Nein zu Mercosur gebunden. [Quelle: Politico

🇩🇪 Berichtspflichten im deutschen Lieferkettengesetz sollen fallen. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) will die Dokumentationspflichten des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes abschaffen. Das geht aus einem Gesetzesentwurf hervor, der dem Handelsblatt vorliegt, und der diese Woche beschlossen werden könnte. Rund 5.200 betroffene Unternehmen könnten so laut Ministerium etwa 4,1 Mio. Euro Bürokratiekosten pro Jahr sparen. Das Gesetz war seit 2023 wegen hohen Aufwands und Wettbewerbsnachteilen massiv kritisiert worden: Laut BDI-Umfrage stuften 92 % der Firmen den Mehraufwand als „hoch“ oder „sehr hoch“ ein. Langfristig soll das nationale Gesetz durch die EU-Richtlinie (CSDDD) ersetzt werden, die bis 2027 in nationales Recht umzusetzen ist. [Quellen: Handelsblatt, BDI

🇺🇸 US-Gericht bestätigt Urteil gegen US-Zölle. Ein US-Berufungsgericht hat den größten Teil der von Trump verhängten US-Zölle für rechtswidrig erklärt und damit die erste Instanz bestätigt. Trump habe sich zu Unrecht auf ein Notstandsgesetz berufen und Dekrete erlassen ohne den Kongress anzurufen. Bis 14. Oktober kann die Regierung das Urteil vor dem Obersten Gerichtshof anfechten, was Trump auch tun will. [Quellen: Urteil vom 29. August, AP News

🇨🇳 Chinas Industrie schrumpft weiter. Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe lag im August bei 49,4 Punkten (Juli: 49,3) und blieb damit den fünften Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50. Analysten hatten 49,5 erwartet. Im Dienstleistungssektor legte der PMI dagegen auf 50,3 Punkte zu, der Gesamtindex aus Industrie und Dienstleistungen stieg auf 50,5. Aktuelle Belastungen für die chinesische Wirtschaft sind US-Zölle, schwache Binnennachfrage, Immobilienkrise und hohe Kommunalschulden – Ökonomen sehen das Wachstumsziel von rund 5 % in Gefahr. [Quellen: NBS, Reuters

Selektive Agenda:

Heute: Schulbeginn in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland

Heute, Kopenhagen: Informeller EU-Rat Allgemeine Angelegenheiten der Europaminister (bis 2.9.)

Heute, Vilnius/Litauen und Bukarest/Rumänien: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen auf Staatsbesuch

Heute, Wien: Das AMS veröffentlicht die Arbeitsmarktdaten für August

11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat veröffentlicht die EU-Arbeitsmarktdaten für Juli

21:00 Uhr, Wien: Kanzler Stocker im ORF-Sommergespräch

Wochenvorschau

Einen Tag nach dem Schulstart tritt die Bundesregierung am Dienstag zu einer Klausur zusammen, die am Mittwoch in einen Ministerrat mündet. Ebenfalls am Dienstag gibt es eine erste Schätzung zur Inflation im August von Statistik Austria und Eurostat.  

Am Mittwoch ist EU-Ratspräsident António Costa bei Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) zu Besuch in Wien. Die EU-Kommission präsentiert in Brüssel ihr zweites Paket mit Vorschlägen zum nächsten langfristigen EU-Budget. Am Mittwochabend veröffentlicht die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihren Konjunkturbericht „Beige Book“. 

Am Donnerstag veröffentlicht die Statistik Austria die Arbeitsmarktstatistik und Daten zu den Wohnkosten aus dem 2. Quartal. Bundespräsident Alexander Van der Bellen reist in die Schweiz zum Sechsertreffen der Staatsoberhäupter deutschsprachiger Länder“. 

Am Freitag veröffentlicht die Statistik Austria die Zahlen zum BIP im 2. Quartal und zum Außenhandel im Juni. Am Freitag vor 10 Jahren fiel die Entscheidung Deutschlands und Österreichs, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen – in Folge überschritten Tausende Flüchtlinge die Grenze aus Ungarn. 

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Martin Kocher ist ab heute neuer OeNB-Gouverneur. Die niederösterreichische Weinkönigin Laura Hummel wurde zur Bundesweinkönigin gekrönt.

Geburtstage: Wir gratulieren Desirée Treichl-Stürgkh zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

Ab 9:30 Uhr, Bled, Slowenien: Bled Strategic Forum u. a. mit Kaja Kallas, António Costa, Nathalie Tocci, Rafael Grossi, Olexandr Mischenko, Asaad Al-Shaibani, Ivan Krastev [Info]

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