Morning in Brief ・ 12.11.2025

Morning in Brief, 12. November 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Sara Grasel und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Finanzminister bestätigt höhere Länderdefizite. Finanzminister Markus Marterbauer hat die höhere Verschuldung der Bundesländer bestätigt. Diese falle „deutlich höher als bislang erwartet“ aus. Nicht nur Wien würde sich stärker als geplant verschulden, sondern „eine Reihe von Bundesländern“. Laut ZIB2 könnten in den Länderbudgets 8,2 Mrd. Euro statt der bisher gedachten 6,2 Mrd. Euro fehlen. Von „gegenseitigen Schuldzuweisungen“ halte der Finanzminister nichts. Dass diese höhere Neuverschuldung der Länder auch zu einem höheren gesamtstaatlichen Defizit von 4,9 % führt, wollte Marterbauer erneut nicht bestätigen. Er warte weiterhin auf detaillierte Informationen. Der Anteil der Länder am gesamten Defizit liegt aktuell bei 36 %, sollte aber nicht höher liegen als 22 %. Der Stabilitätspakt, der derzeit verhandelt wird, soll das neu regeln. Ein höheres Budgetdefizit würde auch den Sanierungsplan in Gefahr bringen. Dass das Defizit dann bis 2029 unter 3 % des BIP gesenkt werden könnte, werde laut Wiiw-Ökonom Philipp Heimberger „unwahrscheinlicher“. Die EU-Kommission würde im Rahmen des ÜD-Verfahrens zwar wohl noch keine Sanktionen verhängen, jedoch könnte sie Nachschärfungen verlangen, so Heimberger. [Quellen: ZIB2, APA | Grafik: Schuldensorgenkind Wien

Kommentar: WKÖ – Die Ruhe nach dem Sturm
von Gerald Loacker

Stabil und unbeeindruckt steht der Koloss Wirtschaftskammer da, nachdem sich das Brausen gelegt hat: mit weiterhin teuren Kammerumlagen, der 4,2%-igen Gehaltserhöhung der WK-Beschäftigten, den zwei Mrd. Euro an Rücklagen und den exorbitanten Erhöhungen der Bezüge vieler Funktionäre. Manche Beobachter fragen sich, wie es das alles geben kann: Keine Konsequenzen für irgendetwas oder irgendjemanden. Aber so funktioniert das Kammerwesen in Österreich. Es gibt zwar Kontrolle, aber keine funktionierende.

💡 Immer mehr Insolvenzen, kaum neue Unternehmen. Heuer mussten in den ersten 3 Quartalen insgesamt 5.145 Unternehmen Insolvenz anmelden – das sind um 6,8 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Seit 2021 hat sich die Zahl der Insolvenzen je Quartal mit 225,8 % mehr als verdoppelt. Gleichzeitig stagniert die Zahl der Neuregistrierungen von Unternehmen (91,7 %). „Die steigenden Insolvenzzahlen sind nicht das eigentliche Problem. Es ist die zu geringe Anzahl an jungen, vor allem an innovativen Unternehmen, die nachkommen“, so Selektiv-Kommentatorin Heike Lehner. [Quellen: Statistik Austria, Eurostat | Kommentar: Die Inflation ist der falsche Feind | Grafik von Christoph Hofer]

🇦🇹 Heimischer Bankensektor stabil, Sorgenkind Immobilienkredite. Trotz schwacher Wirtschaftsentwicklung erzielten die heimischen Banken im 1. Halbjahr 2025 einen Nettogewinn von 5 Mrd. Euro – das drittbeste Halbjahresergebnis aller Zeiten. Die Kapitalquote stieg bis Ende Juni auf 18,6 %. Die Verschuldungsquote kletterte gleichzeitig auf 9,0 % – das entspricht dem Dreifachen der EU-Mindestanforderung. Kritisch sieht die OeNB weiterhin die Lage im Immobiliensektor. Zwar stagniere der Anteil aller notleidenden Kredite bei den Banken bei rund 3,0 %, im Segment der gewerblichen Immobilienfinanzierung liegt er jedoch deutlich höher. Deshalb wurde mit 1. Juli ein Systemrisikopuffer von 1 % eingezogen. Die OeNB empfiehlt dem Finanzmarktstabilitätsgremium (FSMG) weitere Verschärfungen sowie strengere aufsichtliche Vorgaben speziell für Gewerbeimmobilienkredite. [Quelle: OeNB]

🇦🇹 WKÖ-Reform kostet 16 Mio. Euro. Die Wirtschaftskammer peilt in den kommenden 4 Jahren eine Reform mit Kosten von 16 Mio. Euro an, wie der Standard berichtet. Start soll im 1. Quartal 2026 sein. Insgesamt sollen bis zu 10 Agenturen und Beratungen involviert sein. Als Teil der Reform soll auch die Erarbeitung eines neuen Konzepts zur systematischen Identifikation von Zukunftsthemen angestrebt werden. Des Weiteren geht es um interne Prozesse und Organisationsentwicklung. [Quelle: Der Standard

🇦🇹 „Flache“ Konjunkturentwicklung. Die heimische Wirtschaft ist laut aktuellem Wifo-Konjunkturbericht seit Jahresbeginn nicht gewachsen, konjunkturell tritt Österreich „derzeit auf der Stelle“. Wohl aufgrund von Vorzieheffekten sind die Bruttoanlageinvestitionen und Exporte nach einem Anstieg im 1. Halbjahr im 3. Quartal wieder gefallen. Die überdurchschnittlich hohen Energiepreise könnten zum Problem werden: Bleibt die „Kostenschere“ weiterhin bestehen, dämpft das die heimische Wettbewerbsfähigkeit sowie die Kaufkraft der privaten Haushalte. Die Konjunktureinschätzungen der österreichischen Unternehmen haben sich in den letzten Monaten aufgehellt und liegen nur mehr knapp im negativen Bereich. Bei den privaten Konsumausgaben konnte das Wifo jedoch „neuerlich keine Aufwärtsdynamik“ feststellen. [Quelle: Wifo Konjunkturbericht November | Grafik: Der Staat konsumiert, niemand investiert

🇦🇹 Keine Einigung bei Bewachungs-KV. Im Bewachungs-Gewerbe gab es gestern in der 2. Runde der KV-Verhandlungen erneut keine Einigung. Die Arbeitgeber berichten von einem Angebot, das im Durchschnitt aller Verwendungsgruppen ein Plus von 3,01 %, also der rollierenden Inflation, bedeutet hätte. Die Gewerkschaft wies das Angebot als „Mogelpackung“ zurück, bei der die Hälfte der Beschäftigten mit einem Plus von 2,8 % aussteigen würde. Die nächste Runde findet am 27. November statt. [Quellen: WKÖ, vida | Grafik: Zwischenstand in den Herbstlohnrunden

🇦🇹 Touristiker fordern Strombonus nach Industrievorbild. Die österreichische Hotelvereinigung (ÖHV) fordert aufgrund der „massiv gestiegenen Strom- und Heizkosten“ ebenfalls eine Energie- und Stromkostendämpfung sowie gezielte Förderprogramme für Nachhaltigkeit und Energieeffizienz in Dienstleistungsbetrieben. „Energiehilfen dürfen nicht an Branchengrenzen enden“, so ÖHV-Präsident Walter Veit. [Quelle: ÖHV

🇦🇹 Pkw-Neuzulassungen bisher um 12,5 % gestiegen. Von Jänner bis Oktober 2025 wurden um 12,5 % mehr Pkw neu zugelassen als im Vorjahreszeitraum. Der Anteil der Pkw mit alternativem Antriebssystem ist auf 60 % gestiegen. Es wurden um 45,4 % mehr Pkw mit Benzin-Hybridantrieb sowie um 40,1 % mehr E-Autos zugelassen. Neuzulassungen von reinen Verbrennern gingen zurück (Diesel -25,3 %, Benziner -5,7 %). [Quelle: Statistik Austria

🇦🇹 Zahl der Einbürgerungen um 11,5 % gestiegen. Von Jänner bis September 2025 wurde 17.640 Personen die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen, ein Plus von 11,5 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. 4 von 10 Eingebürgerten waren vom NS-Regime politisch Verfolgte oder deren Nachkommen, nahezu alle haben ihren Wohnsitz im Ausland. Unter den Eingebürgerten mit Inlandswohnsitz waren 19,1 % zuvor Staatsangehörige von Syrien, 10,8 % der Türkei, 8,0 % von Afghanistan, 4,8 % von Bosnien und Herzegowina sowie 4,7 % des Iran. [Quelle: Statistik Austria

🇪🇺 EU darf Mindestlöhne regeln. Der EuGH hat gestern bestätigt, dass die EU grundsätzlich befugt ist, europaweite Regeln für Mindestlöhne festzulegen. Dänemark hatte diese EU-Kompetenz in Zweifel gestellt und einen Antrag auf Nichtigerklärung einer entsprechenden Richtlinie eingebracht. Die Richtlinie legt Standards fest, an die sich Mitgliedsstaaten bei Mindestlöhnen halten müssen. [Quellen: EU-Kommission, Handelsblatt | Grafik: EU-Regulierung erreicht 20 Millionen Wörter

🇨🇳 🇪🇺 EU ist Überdruckventil für chinesische Industrie. Laut EZB trägt vor allem die schwächelnde chinesische Inlandsnachfrage zum Anstieg der Exporte in die EU bei, die US-Zölle spielen eine geringere Rolle. Seit der Covid-Pandemie hat sich die ausgeglichene Handelsbilanz Chinas mit der EU zu einem deutlichen Export-Überschuss entwickelt. Die entstandenen chinesischen Überkapazitäten wurden ins Ausland umgeleitet („vent-for-surplus“). [Quelle: EZB]

🇩🇪 Rekordtief für deutsche Industrie-Wettbewerbsfähigkeit. Mehr als ein Drittel der deutschen Industrieunternehmen berichtete im Oktober von einer verminderten Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb der EU. Das ist ein neuer Rekordwert, zuletzt lag der Wert im Juli bei rund einem Viertel der Unternehmen. Auch innerhalb der EU stieg der Anteil der Firmen mit sinkender Wettbewerbsfähigkeit von 12,0 auf 21,5 %, ebenfalls ein neuer Negativrekord. [Quelle: Ifo

Selektive Agenda:

Heute, Belém, Brasilien: UN-Klimakonferenz COP30 (bis 21.11.) [Info]

Heute, Brüssel: Finanzminister Marterbauer nimmt am Treffen der Finanzminister der Eurogruppe teil [Info]

Heute, Brüssel: Plenartag des Europäischen Parlaments (auch 13.11.) [Info]

Heute, Wien: Opec veröffentlicht monatlichen Ölmarktbericht

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria präsentiert Bevölkerungs- und Erwerbspersonenprognose bis 2080 [Info]

10:00 Uhr, Wien: Ministerrat im Bundeskanzleramt, 11:00 Uhr: Pressefoyer mit Alexander Pröll [live]

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Werner Amon soll Christopher Drexler als Zweitem Landtagspräsidenten in der Steiermark folgen. Nina Auinger-Sutterlüty wird Leiterin der Kommunikation der Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein. 

Geburtstage: Wir gratulieren Michaela Keplinger-Mitterlehner und Gerald Lehner zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

17:00 Uhr, Wien: Eröffnung der „Buch Wien 2025“ u. a. mit Andreas Babler in der Messe Wien (bis 16.11.) [Info]

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