Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Gregor Plieschnig und Stephan Frank – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
Längste Rezession und Gefahr einer „lost decade“. Noch nie in der Nachkriegszeit ist die Wirtschaft so lange geschrumpft wie derzeit. Wifo und IHS prognostizierten gestern für das laufende Jahr eine Verlängerung der seit zwei Jahren anhaltenden Rezession – das Wifo geht von einem BIP-Minus von 0,3 Prozent aus, das IHS von –0,2 Prozent. 2023 war die Wirtschaft um 1 Prozent geschrumpft, 2024 um 1,2 Prozent. Nirgends in der EU schrumpft die Wirtschaft stärker und länger als in Österreich. Die Industrie steckt bereits seit zweieinhalb Jahren in der Rezession und soll heuer erneut -3,0 Prozent einbüßen. Bisher lasse sich in der Industrie keine Trendwende erkennen. Ab Jahresmitte rechnen die Ökonomen mit einer Besserung der Konjunktur – 2026 soll sich ein Plus von 1,2 Prozent (Wifo) bzw. 1,1 Prozent (IHS) ausgehen. Die Krise sei strukturell und hausgemacht, so Wifo-Chef Gabriel Felbermayr: „Es muss entschlossen gehandelt werden, sonst blicken wir 2029 auf eine lost decade zurück“. Auswirkungen und Detailergebnisse erklärt Wifo-Konjunkturprognosen-Autor Marcus Scheiblecker im Selektiv-Interview. [Quellen: Pressekonferenz, Wifo, Statement Felbermayr, IHS, Interview Scheiblecker]
„Ohne Wirtschaftswachstum braucht es Lohnzurückhaltung“
Interview mit Marcus Scheiblecker
Österreich steckt EU-weit in der längsten und stärksten Rezession. Gleichzeitig ist die Lohnquote in den letzten Jahren stark gestiegen. „Wenn die Lohnquote steigt, wird für Arbeitnehmer der Anteil am Kuchen größer. Zum Problem wird das, wenn der Kuchen schrumpft. Arbeitnehmer bekommen ein größeres Stück von einer schrumpfenden Torte“, sagt Wifo-Ökonom Marcus Scheiblecker, Autor der Wifo-Konjunkturprognosen. Das gehe zu Lasten von Unternehmen und Staat. Im Interview geht es außerdem darum, was den nächsten Aufschwung bringen könnte und welches Wachstum für Österreich wünschenswert wäre.
Grafik (von Christoph Hofer): Vor einem Jahr prognostizierte das Wifo für 2025 noch ein deutliches Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent für Österreich. In der gestern präsentierten neuen Konjunkturprognose wird nun mit einem Schrumpfen der heimischen Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent gerechnet. Das wäre das dritte Rezessionsjahr in Folge. Auch die Budgetkonsolidierung der Regierung wird hierdurch erschwert. Als Faustregel gilt, dass 1 Prozentpunkt weniger BIP-Wachstum ein um ca. 0,5 Prozentpunkte höheres Budgetdefizit verursacht und ungefähr 2,5 Mrd. Euro an zusätzlichem Sparbedarf bedeutet. [Quelle: Wifo]

Größeres Budgetloch, keine weiteren Einsparungen. Das Wifo geht in seiner Prognose für heuer von einem Budgetdefizit ohne Sparpaket von 4,1 Prozent und mit Sparpaket von 3,3 Prozent des BIP aus (2026: -3,5 Prozent). Wifo-Chef Gabriel Felbermayr geht davon aus, dass von den geplanten 6,4 Mrd. Euro nur 5,8 Mrd. Euro eingespart werden können. Finanzminister Markus Marterbauer betonte gestern, an dem aktuellen Paket (6,4 Mrd. Euro) festhalten zu wollen und keine zusätzlichen Maßnahmen zu planen. Er gehe aufgrund der Defizite von Gemeinden und Ländern insgesamt von einem noch höheren Defizit aus als Wifo und IHS. Genaue Zahlen dazu liefert die Statistik Austria am Montag. Mit den Ministerien habe man sich auf einen Schlüssel für die Aufteilung der insgesamt 1,1 Mrd. Euro an zu sparenden Sachkosten geeinigt. [Quellen: Wifo, IHS, Pressekonferenzen, Medienberichte]
Reformen könnten Energiepreise senken. Die österreichische Regulierungsbehörde E-Control erwartet durch die geplanten Reformen des Elektrizitätswirtschaftsgesetzes (ElWG), des Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetzes (EABG) und des Erneuerbare-Gas-Gesetzes (EGG) ene Senkung der Energiepreise. Die Gesetze sollen noch vor dem Sommer beschlossen werden. Neu ist dann die Belohnung netzdienlichen Verhaltens: Wer zu Stoßzeiten weniger Leistung abruft, kann von niedrigeren Netzgebühren profitieren. Das gilt auch für Unternehmen: „Wenn es gelingt, Industrieprozesse so anzupassen, dass Strom in Zeiten von Überschüssen – etwa durch Wind- und Sonnenenergie – genutzt wird, führt das zu einer spürbaren Entlastung“, zitiert der Kurier E-Control-Vorstand Wolfgang Urbantschitsch. [Quelle: Kurier, E-Control-Tätigkeitsbericht 2024]
Mehr Immo-Käufe, niedrigere Preise. Im Vorjahr wurden in Österreich um 8,6 Prozent mehr Wohnimmobilien gekauft als 2023. Die Preise sind dabei minimal um 0,2 Prozent zurückgegangen. Die Preise für bestehende Wohnungen gingen um 1,1 Prozent zurück, jene für bestehende Häuser um 1,9 Prozent. Preise für neue Wohnungen stiegen um 2,7 Prozent, Preise für neue Häuser gingen aber ebenfalls leicht um 0,9 Prozent zurück. [Quelle: Statistik Austria]
Donau-Güterverkehr nach historischem Tiefstand gestiegen. Das Transportaufkommen im Güterverkehr auf der Donau erreichte 2023 einen historischen Tiefstand. Im Jahr 2024 gab es ein Plus von 8,8 Prozent auf 6,6 Mio. Tonnen – trotz des Hochwassers im September, wodurch die Donau tagelang nicht befahrbar war. Die absolute Anzahl der Beförderungen ging im Vorjahr zwar zurück, jedoch erhöhte sich die Auslastung pro Beförderung. Der Transitverkehr ist mit 33 Prozent am stärksten gewachsen. [Quelle: Statistik Austria]
Österreich im Februar Strom-Importland. Im Gegensatz zum Februar 2024 war Österreich im Februar 2025 bilanziell Strom-Importland, nur an zwei Tagen konnte Strom exportiert werden. Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch lag im Februar bei etwa 55 Prozent. Dabei ging der Anteil der Wasserkraft aufgrund der Trockenheit im Vergleich zum Vorjahresmonat um 11 Prozent zurück, Windenergie legte um 3 Prozent zu, Photovoltaik um 6 Prozent. Gaskraftwerke sind laut APG weiterhin ein „wesentlicher Hebel zur Absicherung der heimischen Stromversorgung“. [Quelle: Austrian Power Grid (APG)]
Österreich Schlusslicht bei Glasfaseranschlüssen. Im europäischen Vergleich ist Österreich eines der Schlusslichter bei der Verfügbarkeit von Glasfaseranschlüssen. Während Rumänien (94 Prozent), die Niederlande (93 Prozent) und Portugal (91 Prozent) das Ranking anführen, kommt Österreich mit einer Versorgungsquote von 50 Prozent am vorletzten Platz vor Deutschland und Tschechien mit je 42 Prozent, der EU-Schnitt beträgt 70 Prozent. [Quelle: Open Fiber Austria]
4 Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich. Die EU-Kommission leitet insgesamt 5 Vertragsverletzungsverfahren gegen insgesamt 26 EU-Mitgliedsstaaten ein, 4 betreffen auch Österreich. Die Richtlinien betreffend Strommarktgestaltung, Gebäudeenergieeffizienz, Sozialvorschriften im Straßengüterverkehr und Lebensmittelzutaten wurden nicht rechtzeitig in nationales Recht umgesetzt. Österreich hat nun zwei Monate Zeit, auf ein Aufforderungsschreiben der EU-Kommission zu reagieren, bevor eine zweite Warnung ausgesprochen wird. [Quelle: EU-Kommission]
Mehr Kreditvergaben im Euroraum. Im Februar stiegen Kreditvergaben an Firmen in der Eurozone um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, der stärkste Anstieg seit Juli 2023. Kreditvergaben an private Kunden stiegen um 1,5 Prozent. Die sinkenden Leitzinsen würden die Vergabe von Krediten erleichtern. [Quelle: Europäische Zentralbank]
Zweifel an Wachstumseffekt von deutschem Schuldenpaket. Das Handelsblatt Research Institute (HRI) erwartet nicht, dass die geplanten Vorhaben der nächsten deutschen Bundesregierung heuer noch zu Wirtschaftswachstum führen werden. Das HRI prognostiziert für 2025 einen BIP-Rückgang von 0,1 Prozent und erst für 2026 moderates Wachstum von 0,9 Prozent. Die keynesianische Konjunkturpolitik könne „das markant zurückgegangene Produktionspotenzial“ nicht steigern. [Quelle: HRI]
Norwegen hält an Hochzinspolitik fest. Die Nationalbank Norwegens hat den Leitzins bei 4,5 Prozent belassen und damit weiterhin auf dem höchsten Niveau seit 17 Jahren. Die weiterhin hohe Inflation von 3,4 Prozent im Februar und die internationalen Handelsspannungen ließen die Notenbank von einer Zinssenkung absehen, allerding stehe diese für 2025 weiter auf der Agenda. [Quelle: Norges Bank]
Selektive Agenda:
Brüssel: EU-Rat Allgemeine Angelegenheiten der Außen- und Europaminister (Kohäsion) [Info]
Ljubljana, Slowenien: Europaministerin Plakolm in Slowenien
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht Erzeugerpreisindex Produzierender Bereich Februar 2025 und Frühschätzungen zu Industrie und Bau Februar 2025
10:00 Uhr, Frankfurt: Die Europäische Zentralbank veröffentlicht Umfrageergebnisse zu Verbrauchererwartungen
10:30 Uhr, Wien: Südtirols Landeshauptmann Kompatscher in Wien, Treffen mit Bundeskanzler Stocker
14:00 Uhr, Wien: Veröffentlichung Wifo-Konjunkturtest
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Eduardo Maldonado-González wurde zum neuen Kurienobmann und zweiten Vizepräsidenten der Ärztekammer Wien gewählt. Der Public Relations Verband Austria (PRVA) hat ein neues Vorstandsteam gewählt: Oliver Heiss übernimmt die Funktion des Finanzreferenten. Christina Brandenstein und Kilian von Dallwitz verstärken das bestehende Vorstandsteam. Samuel Kapsch wird mit 1. April Chief Operating Officer von Kapsch TrafficCom. Elvira Schmidt wurde zur neuen Dritten Präsidentin des niederösterreichischen Landtags gewählt.
Geburtstage: Wir gratulieren Karoline Edtstadler, Barbara Wussow und Peter Hanke zum Geburtstag!
Sehen & gesehen werden:
10:00 Uhr, Wien: „Zukunftsfitte Fachhochschulen für Wirtschaft und Gesellschaft“ u.a. mit Forschungsministerin Eva-Maria Holzleitner, Christoph Neumayer (Industriellenvereinigung), Ulrike Prommer (Österreichisches Fachhochschul-Konferenz) an der FH Campus Wien
14:00 Uhr, Wien: Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner lädt zum „Frühlingserwachen“ in das Palais Niederösterreich. [invite only]