Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Sara Grasel und Gregor Plieschnig – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Badelt für Einsparungen bei Pensionen und Beamten. Fiskalratspräsident Christoph Badelt sieht die Budgetsanierungspläne des Finanzministers als „zu optimistisch“ an. Bei den Pensionen muss „unbedingt mehr kommen“, auch „eine langfristige Erhöhung des gesetzlichen Antrittsalters“. Die Pensionserhöhung für nächstes Jahr solle unter der Inflation ausfallen, da in der Corona-Krise überinflationäre Erhöhungen stattgefunden haben. Auch den vereinbarten Lohnabschluss für die Beamten solle man nachverhandeln. „Man kann ein Budget schwer sanieren, wenn man die zwei größten Ausgabenblöcke nicht angreift“, so Badelt. Vor weiteren Steuererhöhungen warnt Badelt indes, die Steuerbelastung sei bereits „sehr hoch“. [Quelle: Die Presse | Grafik: Pensionserhöhungen seit 2018]
„Klimaneutralität bis 2040 bringt keinerlei Mehrwert für das Klima“
Interview mit Peter Koren
IV-Vizegeneralsekretär Peter Koren sieht im neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) positive Ansätze für die Industrie. Kritisch bewertet er Sozialtarife, teure Erdkabel-Pilotprojekte und unklare Lieferverpflichtungen, die Mehrkosten ohne Mehrwert verursachen würden. Nationale Alleingänge wie ein fixes Klimaneutralitätsziel 2040 lehnt er ab. Bei der Suche nach einer parlamentarischen Mehrheit für das ElWG müsse man sich überlegen, wer für die Kostentreiber der letzten Jahre verantwortlich war: „Wir müssen uns die Frage stellen, wer war hier federführend in der Verantwortung und wie bzw. mit wem kann es gelingen, gegenzusteuern“, so Koren.
Grafik (von Christoph Hofer): Laut Fiskalrat-Prognose steigen die Staatsausgaben gemessen am BIP von 47,6 % im Jahr 2019 auf 55,9 % im Jahr 2050. Dies entspricht Mehrausgaben von rund 32,8 Mrd. Euro im Vergleich zu 2019. Die Haupttreiber dieser Entwicklung sind Pensionen (+2,4 %), Gesundheit (+2,5 %) und Pflege (+1,2 %). Die Ausgaben für Verwaltung (-0,1 %) und Bildung (+0,3 %) bleiben hingegen nahezu konstant. Hauptursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel: Laut Statistik Austria wird die Bevölkerung über 65 Jahre zwischen 2023 und 2050 um etwa 950.000 Personen ansteigen. [Quellen: Fiskalrat, dieSubstanz.at]

🇦🇹 Niedrige oder keine Netztarife für kleine PV-Anlagen. Für die viel kritisierten Einspeisegebühren für PV-Anlagen soll es Maximalgrenzen geben, so dass die Anlagen wirtschaftlich bleiben. Ausnahmen will Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer nur für kleine, netzdienliche Anlagen, die für den Eigenbedarf gedacht sind. „Es kann nicht sein, dass die steigenden Netzgebühren 3,5 Mio. Haushalte bezahlen, während 500.000 Haushalte auch zur Unzeit am sonnigen Nachmittag mit der Einspeisung Geld verdienen und wir Flusskraftwerke abschalten müssen“, so Hattmannsdorfer auf Ö1. Förderungen soll es nur noch geben, wenn Speicher Teil der Anlage sind. Die Vorschläge werden noch in der Koalition diskutiert – die SPÖ signalisierte gestern Zustimmung. Hattmannsdorfer will, dass das Stromgesetz ElWG noch im Herbst im Parlament beschlossen wird, wofür eine der beiden Oppositionsparteien an Bord geholt werden muss. Die Grünen wollen den neuen Entwurf „wenn er denn kommt, anhand seiner Qualität bewerten“. [Quellen: Hattmannsdorfer im Ö1-Morgenjournal 28.8., Aussendung BMWET, SPÖ, Leonore Gewessler auf X]
🇦🇹 Betriebe planen kaum noch Investitionen in Österreich. In den nächsten 5 Jahren planen große heimische Industrieunternehmen nur 18 % ihrer Investitionsausgaben in Österreich zu tätigen, der Rest geht ins Ausland, so eine Umfrage von Horváth. 30 %, und damit der größte Anteil sind in Asien geplant, für Osteuropa 20 %. Für Investitionen in den USA sind 15 % der Investitionsausgaben vorgesehen, 13 % für West- und Südeuropa. Vor allem das Streben nach geringeren Kosten und ein generell positiveres Umfeld für die Industrie würden der Grund hinter dem Verschieben der Investitionen sein. [Quelle: Horváth]
🇦🇹 Wifo-Chef für US-Zoll-Nachverhandlungen. Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr spricht sich im Zoll-Streit mit den USA für eine härtere Gangart und notfalls für das In-Kauf-Nehmen von höheren Zöllen aus, um an Ende zu einem „besseren“ Deal zu kommen. Er warnte vor allem, dass die US-Stahl- und Aluminiumzölle auf Hunderte weitere Warenkategorien der europäischen Industrie erheblich schaden könnten und deshalb mehr Druck in den Verhandlungen von Seiten der EU angewandt werden sollte. Auch der Dienstleistungssektor, bei dem US-Firmen auf den EU-Markt angewiesen seien, müsste in Betracht gezogen werden. IV-Ökonom Igor Sekardi würde eine Quotenlösung bei Stahl- und Aluminiumexporten unterstützen und fordert ebenfalls weitere Verhandlungen. [Quelle: Felbermayr und Sekardi im Ö1-Interview]
🇦🇹 Stimmung steigt in der Industrie, sinkt bei Dienstleistungen und Einzelhandel. Im August bleibt die Einschätzung der Wirtschaftslage durch Unternehmen laut Wifo-Konjunkturtest im Vergleich zum Vormonat stabil – mit minus 2,6 Punkten allerdings im negativen Bereich. In der Industrie hat sich die Stimmung um 4,5 Punkte gebessert, die Lage wird aber immer noch deutlich negativ eingeschätzt (-10,9). Im Dienstleistungssektor hat sich die Einschätzung der aktuellen Lage um 2 Punkte eingetrübt – sie ist wieder in den negativen Bereich gerutscht, nachdem sie im Juli knapp positiv war. Den stärksten Rückgang gab es mit minus 3 Punkten im Einzelhandel, der nur noch leicht im positiven Bereich ist. Im Bau ist man etwas optimistischer, auch bei den Erwartungen für die kommenden Monate. [Quelle: Wifo-Konjunkturtest]
🇦🇹 Stromverbrauch und Stromerzeugung gesunken. Im Juli 2025 ist der Stromverbrauch in Österreich mit insgesamt 5,12 TWh um 1,1 % im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken. Im Juli wurden 6,68 TWh Strom produziert, um 10,3 % weniger als letztes Jahr. Der Produktionsrückgang ist auf eine geringere Stromerzeugung aus Wasserkraft zurückzuführen (Laufwasserkraft -15,2 %, Speicherkraft -37,1 %) – aus Photovoltaik (+10,5 %) und Windkraft (+50 %) konnte im Juli hingegen mehr Strom als im Vorjahresmonat gewonnen werden. Der Gasverbrauch ist im Juli auf 3,26 TWh gestiegen (+1,8 %), während die inländische Produktion auf 0,50 TWh gesunken ist (-8,7 %). [Quelle: E-Control]
Tipp für die Urlaubslektüre von Gerhard Jelinek
„Frei“ von Lea Ypi
Nie hätte ich dieses Buch gelesen, wäre es mir nicht von meinem „Berliner“ Sohn empfohlen worden: Eine „Coming of Age“-Geschichte, die im post-stalinistischen Albanien spielt? Nie.
Lea Ypi, die Autorin, schreibt in Ich-Form, und sie tut es in einer eigenwilligen und faszinierenden Sprache. Lea, ihre Titelheldin (absolut falscher Ausdruck), also wohl die Autorin selbst, beschreibt den Alltag in Albanien im europäischen Umbruchjahr 1989. Soll mich das interessieren?
Sie beschreibt, wie ein zehnjähriges Mädchen die Zeitenwende, das scheinbare Ende der Geschichte erlebt, in einem Balkanland, jenseits unserer Wahrnehmung: Albanien. Für die junge Lea vermittelt das Land mit Geheimpolizei, Stalinkult, extremer Mangelwirtschaft, Indoktrinierung doch so etwas wie Geborgenheit, auch wenn es Geborgenheit in Unfreiheit ist, aber das weiß Lea (Ypi) ja noch nicht.
Zunehmend fragt sich Lea, was das ist – „Freiheit“. Und langsam – Seite um Seite – wird diese so uninteressante Geschichte des „Erwachsenwerdens“ in Albanien anno 1989, doch merkwürdig zeitlos, aktuell. Und dann bin ich froh, dieses Buch doch aufgeschlagen und es bis zum Ende gelesen zu haben.
🇪🇺 Europa reaktiviert UNO-Sanktionen gegen den Iran. Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich haben den sogenannten Snapback-Mechanismus zur Wiedereinführung der Iran-Sanktionen ausgelöst. Es bleiben jetzt noch 30 Tage, bis die Sanktionen wieder in Kraft treten. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul fordert vom Iran volle Kooperation mit der IAEO, die Aufnahme direkter Verhandlungen mit den USA und deeskalierende Schritte bei der nuklearen Anreicherung. [Quellen: Joint Statement on Iran, Wadephul auf X]
🇪🇺 Mehr Kredite in der Eurozone vergeben. Das Wachstum der Kreditvergabe in der Eurozone ist im Juli erneut gestiegen. Die Kreditvergabe an private Haushalte stieg im Juli um 2,4 % im Vergleich zum Vorjahresmonat. Kredite an Unternehmen (exkl. Finanzbranche) stiegen im Jahresvergleich um 2,8 %. Die Geldmenge M3 stieg im Juli im Jahresvergleich um 3,4 %, die Geldmenge M1 um 5,0 %. [Quelle: EZB]
🇪🇺 Wirtschaftsstimmung in EU und Euroraum gesunken. Im August ist die Wirtschaftsstimmung (Economic Sentiment Indicator, ESI) in der EU um 0,3 Zähler auf 94,9 Punkte und in der Eurozone um 0,5 Zähler auf 95,2 Punkte gesunken. In Österreich ist der Indikator um 0,6 Zähler auf 93,2 Punkte gestiegen. Die Beschäftigungserwartungen (Employment Expectations Indicator, EEI) haben in der EU um 0,6 Zähler auf 98,1 Punkte und im Euroraum um 0,3 Zähler auf 97,8 Punkte zugelegt – in Österreich sind sie hingegen um 0,6 Zähler auf 95,5 Punkte gefallen. [Quelle: EU-Kommission]
🇪🇺 Europas Automarkt im Juli mit Plus, Jahresbilanz bis jetzt schwach. Im Juli wurden mit 914.680 Pkw in Europa um 7,4 % mehr Neuwagen verkauft als im Vorjahresmonat. Für das bisherige Jahr ergibt sich mit rund 6,5 Mio. Autos im Jahresabstand ein Minus von 0,7 %. Der Anteil von E-Autos in den ersten 7. Monaten betrug 15,6 %, den größten Anteil hatten Elektro-Hybride mit 34,7 % vor Benzinern mit 28,3 %. [Quelle: ACEA]
🇩🇪 Deutschland verliert stetig Weltmarktanteile. Laut einer aktuellen Analyse verliert Deutschland in vielen exportstarken Schlüsselindustrien wie Maschinenbau oder Automobil seit knapp einem Jahrzehnt stetig an Weltmarktanteilen. Besonders in Europa büßt Deutschland deutlich ein, während andere EU‑Länder etwa auf dem US‑Markt Marktanteile gewinnen konnten. Die globalen Marktanteile Chinas stiegen hingegen zwischen 2013 und 2024 jährlich um rund 0,36 Prozentpunkte – vor allem auf Märkten außerhalb Europas und der USA. Der Rückgang Deutschlands wird vor allem durch gestiegene Energie‑ und Produktionskosten, Fachkräftemangel sowie hohe Bürokratiebelastung getrieben. [Quelle: Verband der forschenden Pharma-Unternehmen]
🇨🇭 Konjunktur in der Schweiz bremst sich ein. Die Wirtschaft in der Schweiz wuchs im 2. Quartal in der finalen Auswertung real um nur 0,1 %, nach 0,7 % im 1. Quartal. Vor allem die Einführung der US-Zölle belastete die exportorientierte Schweizer Wirtschaft. Für 2025 geht die Bundesregierung von einem Wachstum von 1,2 % aus, nach 1,3 % im Juni. Für 2026 wurde die Prognose von 1,2 % auf 0,8 % nach unten revidiert. [Quelle: Staatssekretariat für Wirtschaft]
🇺🇸 US-Wirtschaft wächst stärker. Im 2. Quartal 2025 ist die US-Wirtschaftsleistung auf das Gesamtjahr hochgerechnet um 3,3 % gewachsen – die Schnellschätzung wurde damit um 0,3 Prozentpunkte nach oben korrigiert. Im 1. Quartal schrumpfte das US-BIP aufgrund gesteigerter Importe noch um 0,5 %. Im 2. Quartal sind die Importe zurückgegangen, während die Konsumausgaben gestiegen sind. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich im Rahmen der Erwartungen: Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sind vergangene Woche auf 229.000 gefallen, erwartet wurden 230.000. [Quellen: Bureau of Labor Statistics, Department of Labor, Reuters]
Selektive Agenda:
Heute, Kopenhagen: Informeller Außenministerrat (Verteidigung) der EU (bis 30. 8.)
Heute, Kopenhagen: Informeller Rat der EU-Verteidigungsminister (letzter Tag)
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria präsentiert „Frühschätzungen zu Industrie und Bau im Juli“ sowie „Erzeugerpreisindex Produzierender Bereich Juli“
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.
Selektives Networking:
Geburtstage: Wir gratulieren Valerie Hackl und Karl Markovics zum Geburtstag. Am Samstag feiert Niko Alm, am Sonntag Iris Ortner.
Sehen & gesehen werden:
9:00 Uhr, Alpbach: Abschluss der „Austria in Europe Days“ des European Forum Alpbach mit Christian Stocker [Info]
19:30 Uhr, Petronell: Premiere der „Orestie“ von Aischylos im römischen Amphitheater im Rahmen des „Art Carnuntum“-Festivals [Info]