Morning in Brief ・ 29.12.2025

Morning in Brief, 29. Dezember 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇪🇺 USA und China stärker von EU abhängig als gedacht. Die EU-Kommission hat erstmals systematisch untersucht, in welchen Export-Bereichen und Technologien andere Volkswirtschaften von der EU abhängig sind. Es handelt sich um eine interne Auswertung, die nicht veröffentlicht werden soll – Informationen dazu liegen jedoch dem Handelsblatt vor. Demnach liegt die Abhängigkeit Chinas von der EU im Bereich Luft- und Raumfahrt einschließlich Trägersystemen und Präzisionssensorik bei 98 %, bei bestimmten Medikamenten und Vorprodukten bei 99 % und bei Bestrahlungsapparaten für Strahlungstherapien bei 88 %. Auch das IW Köln kommt zu dem Ergebnis, dass die USA bei einer höheren Zahl an Produkten von EU-Importen abhängig sei als von China-Importen. Die EU könne durchaus aus einer stärkeren Position verhandeln, zitiert das Handelsblatt den IW-Ökonomen Jürgen Matthes. [Quelle: Handelsblatt]

Kommentar: Die transatlantische Freundschaft ist eine Illusion
von Johannes Hahn

Johannes Hahn

Es ist höchste Zeit, auch die Außenpolitik der EU an den eigenen Interessen zu orientieren. Staaten haben keine Freunde – sie verfolgen immer ihre eigenen Ziele, meinte schon der ehemalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle. Die EU hat dabei keineswegs vergessen, was diese eigenen Interessen sind, nämlich eine stärkere Unabhängigkeit von Drittstaaten. Dafür braucht es zwei dringende Schritte.

💡 Wo das wirtschaftliche Drohpotenzial hoch ist. Forscher der ETH Zürich haben mit der Handelsnutzenquote (trade benefit ratio) ein neues Maß für das außenwirtschaftliche Drohpotenzial von Ländern entwickelt. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie viel andere Länder zu verlieren haben, wenn ein bestimmtes Land Handelsbarrieren aufbaut. Bei einem Wert von 1 wäre der geschätzte ausländische Nutzen des Außenhandels eines Staats gleich groß wie der inländische. Würde dieser Staat sich vom Außenhandel verabschieden, stünde für den Rest der Welt gleich viel am Spiel wie für den Staat selbst. Mit einem Wert von 0,98 sind da die USA am nächsten dran, aber auch Österreich liegt mit 0,62 relativ weit vorne. [Quellen: NZZ, CEPR | Grafik von Sara Grasel]

🇦🇹 Immer mehr Details zur Industriestrategie. Krone und Kurier berichten von ersten Details aus der Industriestrategie, die Ende Jänner präsentiert werden könnte – Staatssekretär Sepp Schellhorn nannte im Selektiv-Interview noch den 15. Jänner. In dem 90-seitigen Papier wurden 9 Schlüsseltechnologien als österreichische Stärken definiert – darunter Quantentechnologie, KI, Energie- und Umwelttechnologie, Luft- und Raumfahrttechnologie sowie die Halbleiterindustrie. Es soll ein „patriotisches Beihilfenrecht“ geben und Neuerungen bei der Rot-Weiß-Rot-Karte. Derzeit werden Details außerhalb des Regierungsprogramms noch von der Regierungsspitze verhandelt, so IV-Generalsekretär Christoph Neumayer im Selektiv-Interview. Auf der Wunschliste der Industrie stehen u. a. eine Antwort auf den deutschen Industriestrompreis, die Ausweitung der Strompreiskompensation und Superabschreibungen. [Quellen: Krone, Kurier, Neumayer-Interview, Schellhorn-Interview]

🇦🇹 Marterbauer widmet sich hohen Preisen an Zapfsäulen und in der Gastro. Nach dem Vorbild der Haushaltsstrompreise will Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) auch bei Treibstoffen dafür sorgen, dass sinkende Großhandelspreise unmittelbar an Konsumenten weitergereicht werden. Außerdem kündigte er Untersuchungen hinsichtlich der Preisgestaltung in Beherbergung und Gastronomie an. Sollten diese Untersuchungen ergeben, dass die Preissteigerungen nicht gerechtfertigt sind, will er weitere Maßnahmen setzen. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer verlängerte indes die seit 2009 existierende Spritpreisverordnung um weitere 3 Jahre. Diese sieht vor, dass Preiserhöhungen nur einmal täglich um 12 Uhr mittags vorgenommen werden können. Die österreichischen Treibstoffpreise liegen u. a. aufgrund der VO spürbar unter dem Euroraum-Schnitt, so Hattmannsdorfer. [Quellen: APA-Interview, APA via Medienberichte | Reaktionen: FPÖ, ARBÖ]

🇦🇹 OeNB-Gouverneur Kocher für Neubewertung des Mercosur-Abkommens. In einem APA-Interview plädiert Notenbank-Gouverneur Martin Kocher für ein Umdenken der österreichischen Regierung bezüglich des Handelsabkommens mit den Mercosur-Staaten. Seit dem Parlamentsbeschluss aus dem Jahr 2019, der die Regierung an ein Veto bindet, wurde das Abkommen deutlich verändert und sei nicht mehr dasselbe. Auch eine Zahl an Schutzmaßnahmen für die europäische Landwirtschaft wurde mittlerweile implementiert. „Grundsätzlich hat sich das Abkommen gut entwickelt, auch in Bezug auf Sicherheitsmechanismen für den Regenwald und die Biodiversität“, so Kocher. Nach der Verschiebung im Dezember soll über das Abkommen am 12. Jänner abgestimmt werden. [Quelle: APA via Medienberichte | Grafik: Wie sich der Rindfleischpreis entwickelte]

🇦🇹 Neue Hitzeschutz-Bürokratie ab Jänner. Mit 1. Jänner 2026 tritt die Hitzeschutzverordnung in Kraft. Unternehmen müssen aufgrund dieser für Sommer 2026 erstmals einen Hitzeschutzplan für Arbeiten im Freien bereitstellen. Ab 30 Grad Außentemperatur müssen darin festgehaltene Maßnahmen greifen. Beispiele wären Schutzbekleidung, angepasste Arbeitszeiten oder der Ausschluss schwerer Arbeiten. Krankabinen und Erdbaumaschinen müssen klimatisiert werden. Die Wirtschaft beklagt die zusätzliche Bürokratie. [Quelle: BMASGPK | Reaktionen: IV, Baumeisterverband, ÖGB]

🇦🇹 Neuer Schienengüterverkehrs-Verband. Mit naturail gibt es einen neuen Verband in Österreich, der sich dem Ausbau des Schienengüterverkehrs widmet. Dahinter stehen vier Branchenverbände: Der Verband der Privatgüterwagen, der Verband der Anschlussbahnunternehmen, die Schienenbahnen-Sparte der WKÖ und das Netzwerk Kombinierter Verkehr. Dass der Güterverkehr auf der Schiene nicht schnell genug wachse, liege vor allem an fehlender Infrastruktur, struktureller Benachteiligung und zu viel Bürokratie. [Quelle: naturail]

🇪🇺 US-Sanktionen gegen früheren EU-Kommissar. Die USA haben ein Einreiseverbot für 5 Europäer ausgesprochen, denen vorgeworfen wird, durch ihr Handeln Zensurmaßnahmen vorangetrieben zu haben. Im Zentrum stehen dabei der europäische Digital Services Act (DSA), der verlangt, dass illegale Inhalte von Digital-Plattformen unverzüglich gelöscht werden müssen, sowie Organisationen, die gegen „Hass im Netz“ vorgehen. Auch der frühere französische EU-Kommissar Thierry Breton steht auf der Sanktionsliste. EU-Kommission und EU-Rat reagierten mit heftiger Kritik, eine konkrete Reaktion folgte bisher aber noch nicht. [Quellen: US-Regierung, Sarah B. Rogers auf X (Namen der Betroffenen), EU-Kommission]

🇩🇪 Starker Euro belastet Exporteure. Der Euro hat heuer zum Dollar um mehr als 12 % an Wert gewonnen. Der deutschen Exportwirtschaft macht das Sorgen hinsichtlich der preislichen Wettbewerbsfähigkeit. Wechselkursnachteile ließen sich nur bedingt weitergeben und seien ein zentrales Geschäftsrisiko, mahnen der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) und die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK). Bei Importen gebe es aber auch positive Effekte – die strukturellen Nachteile des Standorts können so aber nicht ausgeglichen werden. [Quelle: Reuters via Medienberichte]

🇨🇳 Industrie-Gewinne in China eingebrochen. Die schwache Inlandsnachfrage lässt die Gewinne von Industrieunternehmen in China im November im Jahresabstand um 13,1 % einbrechen. Im Oktober lag der Rückgang noch bei 5,5 %. Der Thinktank Rhodium Group schätzt das Wachstum Chinas für 2025 auf 2,5 – 3 % – nur etwa die Hälfte der offiziellen Zahlen aus China –, zum Jahresende habe sich das Wachstum weiter eingebremst. 2026 rechnen die Experten mit einem Wachstum von 1 – 2,5 %. [Quellen: Reuters, Rhodium Group]

🇯🇵 Japans Budget mit Schwerpunkt auf Verteidigung. Die japanische Regierung hat den Budgetentwurf für das kommende Fiskaljahr vorgelegt. Vorgesehen sind höhere Ausgaben für Soziales und Verteidigung (+3,5 %). Die Neuverschuldung steigt nur leicht, wodurch die Schuldenquote auf 24,2 % sinkt. Die Steuereinnahmen sollen um 7,6 % steigen. [Quelle: Japan. Regierung]

🌐 Gold und Silber setzen Rallye fort. Am Freitag erreichte der Goldkurs ein historisches Rekordhoch von rund 4.550 Dollar pro Unze. Silber kletterte am Sonntag auf mehr als 83 Dollar pro Unze. Seit Jänner ist der Goldpreis um fast 70 Prozent, der Silberpreis um über 150 Prozent gestiegen. [Quellen: Goldpreis, Silberpreis]

Selektive Agenda:

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht den Erzeugerpreisindex für Dienstleistungen im 3. Quartal 2025

10:00 Uhr, Wien: Bank Austria veröffentlicht den Einkaufsmanagerindex für Dezember

Wochenvorschau

Am Dienstag veröffentlicht die Statistik Austria u. a den Öffentlichen Schuldenstand für das 3. Quartal und das Börsejahr 2025 endet. Um 14:15 Uhr startet die Schlussauktion an der Wiener Börse und auch an der deutschen Börse wird nur bis 14 Uhr gehandelt.

Am Donnerstag startet das neue Jahr mit der EU-Ratspräsidentschaft von Zypern, welches von Dänemark übernimmt. Innenminister Karner empfängt in Wien seine Amtskollegen aus Zypern und Finnland für ein informelles Arbeitstreffen. Um 11:15 Uhr startet das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Musikverein – Gäste von Bundespräsident und Bundeskanzler sind diesmal der montenegrinische Präsident Jakov Milatovic und Montenegros Regierungschef Milojko Spajic. 

Am Freitag veröffentlicht die Statistik Austria die regionalen Außenhandelsdaten nach Bundesländern für das 1. Halbjahr 2025.

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

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