Morning in Brief ・ 03.11.2025

Morning in Brief, 3. November 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Maximilian Kern, Sara Grasel und Stephan Frank – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 RH-Kritik am Klimaticket, Preiserhöhungen in Regionen. Der Rechnungshof hat das Klimaticket unter die Lupe genommen. 2023 wurden 243.754 Tickets verkauft und damit doppelt so viele wie prognostiziert. Die Prognose sei nicht nachvollziehbar, diente aber als Basis für hohe Zahlungsflüsse. Von Oktober 2021 bis Ende 2024 waren Budgetzuschüsse in der Höhe von mehr als 1 Mrd. Euro notwendig. Die erwarteten Auswirkungen auf den CO2-Ausstoß seien dafür nur gering gewesen. Kein gutes Haar lässt der Rechnungshof am Gratis-Klimaticket für 18-Jährige – das Verkehrsministerium sei von „unrealistischen Annahmen“ ausgegangen. Mit September und Jahreswechsel wird das Klimaticket für Österreich um insgesamt 28 % teurer. Die Preise für die Regional-Tickets steigen unterschiedlich: Die Wiener Jahreskarte ebenfalls um 28 %, in Oberösterreich um knapp 19 %, im VOR (Wien, NÖ, Burgenland) um 7,7 %, in Vorarlberg und Steiermark um je rund 3 %, in Salzburg um rund 1,5 %, in Kärnten gar nicht und in Tirol ist die Anpassung noch offen. [Quellen: Rechnungshof, APA via Medienberichte | Reaktionen: Grüne, SPÖ, ÖVP, FPÖ | Grafik: Wie effizient Klimaschutzmaßnahmen sind]

„Öffentliche Beschaffung als wichtiger Impuls für Wirtschaftswachstum“
Interview mit Sabine Herlitschka

Infineon-Austria-Chefin Sabine Herlitschka wünscht sich für die Industriestrategie messbare Ziele und empfiehlt dafür eine Orientierung an internationalen Rankings. Eine wichtige Rolle komme der öffentlichen Beschaffung mit einem Volumen von jährlich 70 Mio. Euro zu – diese solle „strategisch als Chance zur Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit und Innovation“ genutzt werden. Mit „smarter“ Regulierung könnten außerdem neue Märkte geschaffen werden. Eine Unabhängigkeit bei Mikrochips sei viel zu teuer. „In einem globalen Markt ist jeder vom anderen ein Stück abhängig.“

💡 Österreichs Inflation fast doppelt so hoch wie in Eurozone. Die Inflation lag im Oktober laut Schnellschätzung bei 4,0 %. Im Monatsabstand erhöhte sich das Preisniveau um 0,4 %. Preistreiber waren vor allem Dienstleistungen (+4,6 %) und Energiepreise (+9,7 %). Nahrungsmittel, Tabak und Alkohol verteuerten sich leicht unterdurchschnittlich (+3,9 %). Der international vergleichbare Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) lag im Oktober ebenfalls bei 4,0 % (September: 3,9 %). In der Eurozone ist er hingegen von 2,2 % auf 2,1 % zurückgegangen. Energiepreise waren in der Eurozone rückläufig (-1,0 % nach -0,4 % im September), getrieben wurde die Inflation von den Dienstleistungen (+ 3,4 %). Österreich landet auf Platz 3 im Euroraum, nur in Lettland (+4,2 %) und Estland (+4,5 %) stiegen die Preise stärker. Deutschland lag mit 2,3 % Inflation näher am Inflationsziel von 2 %, Frankreich mit nur 0,9 % sogar deutlich darunter. [Quellen: Statistik Austria, Eurostat | Reaktionen: ÖGB, FPÖ | Grafik von Christoph Hofer]

🇦🇹 Energieverbrauch im Vorjahr um 1 % gesunken. Im Jahr 2024 ist der Energieverbrauch im Vergleich zu 2023 um 1 % gesunken. Die Haushalte verbrauchten um 5 % weniger, auch die wärmere Witterung hatte ihren Einfluss. Der Energieverbrauch der Industrie stieg nur um 1 % und „spiegelt das konstant niedrige Produktionsniveau wider“, so Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk. Stärkere Zuwächse gab es bei den Dienstleistungen (+4 %) und im Flugverkehr (+11 %). Der Anteil der erneuerbaren Energieträger am Gesamtenergieeinsatz ist im Vorjahr leicht von 19 % auf 20 % gestiegen. Photovoltaik (+18 %), Windkraft (+15 %) und Wasserkraft (+12 %) konnten im Vorjahr weiter zulegen. [Quelle: Statistik Austria]

🇦🇹 Konjunkturklima verbessert, aber insgesamt negativ. Der Wifo-Konjunkturklimaindex stieg im Oktober 2025 auf -1,5 Punkte (+1,2 Punkte zum September), liegt aber weiterhin unter der Nulllinie. Die Einschätzung der gesamtwirtschaftlichen Lage verbesserte sich auf -2,2 Punkte, die unternehmerischen Erwartungen auf -0,5 Punkte. Die Lage wird in der Bauwirtschaft (4,2 Punkte), im Einzelhandel (1,4 Punkte) und bei den Dienstleistungen (0,9 Punkte) positiv eingeschätzt, in der Industrie (-11,6 Punkte) negativ. Auch die unternehmerischen Erwartungen variieren: positiv in Bauwirtschaft (4,4 Punkte) und Dienstleistungen (1,6 Punkte), verhalten in Industrie (-2,2 Punkte) und Einzelhandel (-10,6 Punkte). [Quelle: Wifo]

🇦🇹 IV kontert Marterbauer: „Schönfärberei nicht hilfreich“. Die IV reagiert mit Unverständnis auf den Vorwurf des Finanzministers Markus Marterbauer, dass das Schlechtreden der Wirtschaftslage und das Thematisieren einer Deindustrialisierung gefährlich sei. „Schönfärberei“ sei nicht hilfreich, so die IV. IV-Generalsekretär Christoph Neumayer zeigt sich „erstaunt, wenn der Finanzminister von einer Besserung spricht, während die Industrie auf der Stelle tritt“. Marterbauer hatte davon gesprochen, dass die Industrie zwischen 2000 und 2024 ein Produktionsplus von 70 % erlebt habe. Das sei „ein Beleg für die Stärke und Innovationskraft des Sektors in der Vergangenheit“, kontert die IV. In den letzten Jahren sei die „weitaus aussagekräftigere Industriequote, also die industrielle Wertschöpfung gemessen am BIP, zurückgegangen“.  Dass Marterbauer jüngst ein Wachstum sieht, kommentiert die IV so: „Wer bei 0,3 % BIP-Zuwachs von Aufschwung spricht, verwechselt statistisches Rauschen mit Realität“. [Quelle: IV | Grafik: Österreichs Industrie auf dem Rückzug]

🇦🇹 Runder Tisch und Gipfel zur digitalen Souveränität. Am 18. November lädt die deutsche Bundesregierung zum Europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität nach Berlin. Vergangene Woche fand in Vorbereitung darauf ein Roundtable mit Unternehmen und Wirtschaftskammer im Bundeskanzleramt statt. Diskutiert wurden u. a. die Bedeutung gemeinsamer Standards und Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, Cloud und KI. Derzeit wird in Europa eine „Declaration on Digital Sovereignty“ abgestimmt – der Entwurf dazu entstand nach einem Treffen der EU-Mitgliedsstaaten Mitte September in Wien auf Initiative von Staatssekretär Alexander Pröll. [Quellen: BKA, Digitalgipfel | Alexander Pröll im Selektiv-Interview]

🇪🇺 Seltene-Erden-Deal gilt auch für EU. Die USA konnten vergangene Woche einen einjährigen Aufschub der Verschärfung chinesischer Exportkontrollen für Seltene Erden aushandeln. Laut EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič gelte diese Vereinbarung auch für die EU. Die Gespräche mit China würden fortgesetzt. Auch für die blockierten Microchips-Exporte des niederländischen Herstellers Nexperia könnte es laut Peking Ausnahmen geben. Laut Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) importiert die EU 76,5 % der Seltenen Erden aus China. Die direkten Importe aus China nach Österreich sind wesentlich geringer, da Österreich indirekt über den EU-Binnenmarkt importiere, wie die Presse berichtet. [Quellen: Šefčovič auf X, chin. Handelsministerium, Die Presse]

🇦🇹 🇪🇺 EU-Kommission soll „Österreich-Aufschlag“ stoppen. Neos, ÖVP und SPÖ haben eine gemeinsame Anfrage an die EU-Kommission gestellt, um die territorialen Lieferbeschränkungen (TSC) zu beenden. Diese führen dazu, dass Produkte des täglichen Bedarfs in Österreich oft teurer sind als in anderen EU-Ländern. Laut einer Studie im Auftrag der EU-Kommission könnten Verbraucher in der EU durch die Abschaffung der Lieferbeschränkungen jährlich bis zu 14 Mrd. Euro sparen. [Quellen: Anfrage, Neos, EU-Studie]

🇫🇷 Frankreichs Parlament stimmt gegen eine Vermögenssteuer. 228 Abgeordnete im Unterhaus stimmten am Freitagabend gegen den Antrag, 172 dafür. Sowohl die Regierung als auch der oppositionelle Rassemblement National argumentierten, dass die Steuer auch Betriebsvermögen treffen und den Wirtschaftsstandort belasten könnte. Vorgesehen war eine Abgabe von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Mio. Euro. Die Sozialisten drohten mit dem Sturz der Regierung, falls der Budgetentwurf keine Vermögenssteuer enthält. [Quelle: Parlament Frankreich]

🇺🇸 US-Zölle gegen China um 1 Jahr verschoben. Was nach dem Gipfeltreffen der Staatschefs noch offenblieb, hat das Weiße Haus nun bestätigt: Die zusätzlichen 100 % Zoll sollen um 1 Jahr bis 10. November 2026 ausgesetzt bleiben. Auch weitere handelspolitische Maßnahmen bekommen Aufschub bis 10. November 2026. Der effektive Zollsatz für chinesische Importe soll nach einer Halbierung der Zölle auf Fentanyl-Vorprodukte dann rund 47 % betragen. US-Präsident Trump nennt die Zölle „maßvoll“ und erwartet sich davon weiterhin keinen großen Effekt auf die US-Inflation. [Quellen: White House Factsheet, Trump-Interview bei CBS: Video, Transkript; Reuters]

Selektive Agenda:

Heute, Wien: Start der KV-Verhandlungen für Handelsarbeiter

Heute, Kopenhagen, Dänemark: Informeller EU-Rat Jugend, Bildung, Kultur und Sport (Kultur) (bis 4.11.)

10:00 Uhr, Wien: AMS veröffentlicht Arbeitsmarktdaten für Oktober.

Wochenvorschau:

Am Montag gibt es für Österreich neue Arbeitsmarktdaten für Oktober und die Verhandlungen zum Kollektivvertrag der Handelsarbeiter starten.

Am Mittwoch veröffentlicht der Fiskalrat den aktualisierten Budgetausblick für die Jahre 2025 und 2026. Danach tagt der Ministerrat. Die Statistik Austria veröffentlicht die Anzahl der offenen Stellen im 3. Quartal. Am Mittwoch jährt sich auch die Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten.

Am Donnerstag startet der Handel in die Kollektivvertragsverhandlungen. In Deutschland lädt Bundeskanzler Friedrich Merz zu einem Stahlgipfel ins Bundeskanzleramt. Die USA würden mit diesem Tag den bisher längsten „Government Shutdown“ erleben.

Am Freitag besucht Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán US-Präsidenten Donald Trump im Weißen Haus.

Ab Sonntag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten und die 33 Länder der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) zum 4. CELAC-EU-Gipfel in Kolumbien – für Österreich nimmt Außenministerin Beate Meinl-Reisinger teil.

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Arad Benkö wurde vom Außenministerium zum Sondergesandten für den Nahen Osten ernannt. Marie Jaroni wird Vorstandschefin von Thyssenkrupp Steel. Carolin Porcham ist neue Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf. Stefan Tollinger ist seit 1. November neuer CEO von PreZero Austria.

Geburtstage: Wir gratulieren Juliane Bogner-Strauß und Rudolf Scholten zum Geburtstag!

Sehen & gesehen werden:

14:00 Uhr, Wien: Bruegel lädt zum 20. Jubiläum gemeinsam mit dem Finanzministerium und der OeNB zu „EU sustainable growth: what is the right mix of structural, monetary and fiscal instruments?“ in die Nationalbank, u. a. mit Markus Marterbauer, Martin Kocher, Edeltraud Stiftinger. [Info]

17:00 Uhr, Wien: Vortrag „Left & Right – Anti-Capitalism & its Causes“ mit Yaron Brook im Hayek-Saal [Info]

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