Morning in Brief ・ 04.11.2025

Morning in Brief, 4. November 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von David Schima, Stephan Frank, Maximilian Kern und Sara Grasel – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Wirtschaftskammer erhöht Löhne um 4,2 %. Die Mitarbeiter der Wirtschaftskammer (WKÖ) bekommen ab 2026 eine Lohnerhöhung von 4,2 %, wie die Presse erfuhr. Dass der Abschluss deutlich über der für heuer prognostizierten Inflationsrate von 3,5 % liegt, ergibt sich nicht aus Verhandlungen, sondern aus einer Formel, die sich an der Erhöhung aus dem Vorjahr orientiert. Niedrigere Lohnabschlüsse wie in anderen Branchen werde es demnach erst ab 2027 geben. Nach heftiger Kritik forderte die WKÖ ein Ende des „populistischen Hick-Hacks“: Ihre Gehaltsanpassungen würden im langjährigen Vergleich deutlich unter öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft liegen. Die Arbeiterkammer (AK) erhöht die Löhne um 2,7 % (alte Dienstverträge) bzw. 2,9 % (neue DV), während die Landwirtschaftskammer den Beamtenabschluss (im Schnitt +1,5 %) übernimmt. Noch diese Woche beginnen die Neuverhandlungen zu den Kollektivverträgen im Handel. [Quellen: Die Presse, WKÖ | Reaktionen: ÖGB, Neos, FPÖ, Grüne, IV Wien, Initiative #zusammenstärker | Grafik von Stephan Frank] 

Kommentar: Wer sich über die Gönnung der WKÖ freut – und wer weniger
von Sara Grasel

Sara Grasel Illustration

Kein Wunder, dass das satte Lohnplus der WKÖ auf breites Stirnrunzeln stößt: unsensibel, fatal, kontraproduktiv, unverständlich sind nur einige Adjektive aus den Reaktionen. Finanziert wird es ausgerechnet von jenen Unternehmen, die jetzt reihenweise den Gürtel enger schnallen oder überhaupt zusperren müssen. Sollen die nicht ganz freiwilligen Mitglieder der Kammer doch Kuchen essen. Breites Grinsen hingegen dürfte die feine Lohnerhöhung bei der Gewerkschaft ausgelöst haben. Beinahe spöttisch liest sich die Würdigung durch den ÖGB.

🇦🇹 Energiepreise steigen weiterhin überdurchschnittlich. Der Energiepreisindex ist im September mit 7,9 % fast doppelt so stark wie der Verbraucherpreisindex (4,0 %) gestiegen. Der Strompreis war dabei der stärkste Preistreiber, er legte um 35,9 % im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Auch die Preise für Pellets stiegen um 5,7 %. Diesel- und Benzinpreise blieben gleich, jene für Brennholz waren mit minus 3,9 % sogar rückläufig. Die Energieagentur erwartet vor allem durch die „teils deutlich“ steigenden Gasnetzentgelte auch nächstes Jahr einen entsprechenden Einfluss auf die Inflation und pocht auf „einen geordneten Rückbau der Gasinfrastruktur“. [Quelle: Österreichische Energieagentur | Grafik: Netzentgelte steigen auch 2026 weiter

🇦🇹 Arbeitslosigkeit steigt noch bis Mitte 2026. Im Oktober waren in Österreich 388.118 Personen arbeitslos gemeldet – ein Anstieg von 4,4 % im Vergleich zum Vorjahresmonat und rund 3,5 % mehr als im September 2025. Das AMS rechnet mit einem weiteren Anstieg und erst Mitte 2026 mit einer Erholung. Beim AMS waren im Oktober 76.289 offene Stellen gemeldet – der Wirtschaftsbund-Stellenmonitor verzeichnet 163.849 offene Stellen, ein leichter Anstieg zum Vormonat. Die stärksten Zuwächse bei der Arbeitslosigkeit verzeichneten das Gesundheits- und Sozialwesen (+15,3 % zu Oktober 2024), der Handel (+7,6 %), sowie die Industrie (+6,7 %). Auf Bundesländerebene stiegen die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahr besonders in den industriell geprägten Ländern Niederösterreich (+6,8 %), Steiermark (+6,8 %) und Oberösterreich (+5,9 %). Nach der Eurostat-Berechnung lag die Arbeitslosenquote in Österreich im September 2025 bei 5,5 % und damit unter dem EU-Durchschnitt von 6 %. Die höchste Quote verzeichnete Spanien mit 10,5 %, die niedrigste Malta und Tschechien mit jeweils 3 %. [Quellen: AMS |, Wirtschaftsbund | Reaktionen: IV, AK, ÖGB, Grüne, BMASGPK

„Ungenutzte Arbeitskräftereserven mobilisieren“
Interview mit Rainer Eppel

Im Oktober ist die Arbeitslosigkeit zum 31. Mal in Folge gestiegen, stark betroffen war erneut die Industrie. Wifo-Ökonom Rainer Eppel sieht hierbei „konjunkturelle und strukturelle Probleme“ aufeinandertreffen. Ein Teil der verlorengegangenen Jobs in der österreichischen Industrie wird daher dauerhaft verloren sein – der Großteil der Arbeitslosigkeit sollte aber nur temporär sein.

🇦🇹 Anteil der Volksschüler mit zu schlechten Deutschkenntnissen in Wien konstant. Dem Standard liegen bereits Zahlen zum neuen Schuljahr vor. Demnach sind 7.386 von rund 16.700 Wiener Tafelklässlern „außerordentliche Schüler“, verstehen also zu schlecht Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können. Das entspricht 44,2 % und damit in etwa so viel wie im Vorjahr. 2018/19 waren es 30,5 %. Über alle Altersgruppen der Volksschule gerechnet liegt der Anteil im aktuellen Schuljahr wie im letzten Jahr bei 21 %. [Quelle: Der Standard]

🇦🇹 Etwas mehr Österreicher gehen direkt vom Job in die Pension. Das Wifo hat sich im Auftrag der AK die Übertritte von der Erwerbstätigkeit in die Pension angesehen. Diese Direktübertritte, also ohne langen Krankenstand oder Arbeitslosigkeit, sind bei den Männern von 72 % im Jahr 2010 auf 73 % im Jahr 2022 gestiegen und bei den Frauen von 67 % auf 72 %. Der Anteil an Direktübertritten ist im öffentlichen Dienst, Banken und Versicherungen höher, und in Bau, Handel, Gesundheitswesen und Gastronomie niedriger. Große Unternehmen halten ältere Mitarbeiter länger als kleine. [Quellen: AK/Wifo]

🇦🇹 Flat Tax für Pensionisten wackelt. Ab 1. Jänner sollte ein im Regierungsprogramm verankertes Modell in Kraft treten, in dem Zuverdienste von Arbeitnehmern in der Pension mit 25 % endbesteuert und keine Sozialversicherungsbeiträge fällig werden. Dienstgeber sollen nur mehr die Hälfte der Beiträge zur Kranken- und Pensionsversicherung zahlen müssen. Allerdings sind die Verhandlungen zuletzt ins Stocken geraten. Laut Finanzminister Markus Marterbauer soll die Flat Tax nur für unselbstständig beschäftigte Pensionisten gelten, die ÖVP drängt hingegen auf den Bonus auch für Selbstständige. Sozialministerin Korinna Schumann versicherte nun ein Inkrafttreten des Modells ab Jahresbeginn, betonte jedoch, dass noch verhandelt werden müsse. Dass die Flat Tax nur für Unselbstständige gelten soll, sei noch nicht fix. [Quelle: Die Presse | Kommentar: Leistung muss sich immer lohnen, nicht erst ab 65]

🇪🇺 🇦🇹 Österreich stellt Forderungen für Zustimmung zu EU-Klimaziel 2040. Heute treffen sich die Umweltminister der 27 Mitgliedsländer in Brüssel und werden dort voraussichtlich das Klimaziel der EU für 2040 festlegen. Die EU-Kommission hatte für 2040 eine Reduktion der Emissionen um 90 % gegenüber 1990 empfohlen. Für eine Entscheidung wird eine qualifizierte Mehrheit benötigt. Für Österreich nimmt Umweltminister Norbert Totschnig teil, der laut Standard-Informationen nur unter bestimmten Bedingungen zustimmen will – zu den Forderungen gehören strengere Regelungen bei internationalen Emissionszertifikaten. Kommende Woche startet die UN-Klimakonferenz COP in Brasilien, auf der die weltweiten Klimaziele für 2035 verhandelt werden. [Quellen: EU-Rat, Der Standard | Grafik: Bis wann EU-Länder klimaneutral sein wollen]

🇪🇺 Industrie rechnet wieder mit Wachstum. Die Stimmung in der Industrie im Euroraum hellte sich im Oktober etwas auf. Gegenüber dem Vormonat verzeichnete der Einkaufsmanagerindex von S&P Global ein Plus von 0,2 Zählern und liegt nun bei genau 50,0 Punkten. Österreich (48,8 Punkte) und Deutschland (49,6 Punkte) liegen jedoch noch knapp unter der Wachstumsschwelle. Der Anstieg in der Eurozone sei ein Zeichen zarter konjunktureller Erholung, es fehle aber weiterhin jeglicher Schwung, so HCOB-Chef Cyrus de la Rubia. [Quelle: S&P Global

🇪🇺 19 EU-Staaten fordern Bürokratieabbau für Industrie. Bei der 8. Konferenz der „Friends of Industry“ plädierte die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche für weniger Bürokratie in der Industrie. In der an Stéphane Séjourné, Vizepräsident der EU-Kommission, übergebenen „Berliner Erklärung“ fordern Reiche und Ressortkollegen 18 weiterer EU-Staaten – darunter auch Österreich – eine Stärkung des Industriestandorts Europa. Alle EU-Vorschriften müssten überprüft und überbordende Regelungen gefunden werden. Die EU dürfe nicht das „Silicon Valley der Bürokratie“ sein, betonte Reiche. Für Österreich nahm der Generalsekretär des Wirtschaftsministeriums, Severin Gruber, an der Konferenz teil. Das Ministerium bezeichnet die Deklaration als „ein starkes Signal für eine koordinierte europäische Industriepolitik“. [Quellen: Pressekonferenz, Berliner Erklärung, BMWET auf Nachfrage | Grafik: EU-Regulierung erreicht 20 Millionen Wörter]

🇩🇪 Industriestrompreis ab Anfang 2026 geplant. Energieintensive Unternehmen in Deutschland sollen durch einen staatlich subventionierten Industriestrompreis entlastet werden. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche sagte am Rande einer Industriekonferenz in Berlin, die Gespräche mit der EU-Kommission seien weit fortgeschritten. Brüssel muss zustimmen, da es sich um eine staatliche Beihilfe handelt. Reiche bezeichnete den Industriestrompreis als wichtigen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit in der Stahlbranche. Noch wichtiger sei jedoch, die EU-weit geltende Strompreiskompensation über 2030 hinaus zu verlängern. Wie der Industriestrompreis ausgestaltet wird, ist noch offen. [Quelle: PK Reiche | Grafik: Strompreiskompensation in Europa]

🌐 Jobwachstum in Afrika, Rückgang in Europa. Bis 2029 werden weltweit laut IfW Kiel voraussichtlich rund 100 Mio. neue, zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, davon 75 Mio. in Afrika. Weitere Zuwächse werden in Asien (21 Mio.), Südamerika (9 Mio.), Nordamerika (4 Mio.) und Ozeanien (0,4 Mio.) erwartet. In Europa dürfte die Beschäftigung hingegen um etwa 7 Mio. zurückgehen, wenn die Arbeitslosenquote stabil bleibt. Tobias Heidland vom IfW betont, dass Europa vom afrikanischen Jobwachstum profitieren kann, da bessere wirtschaftliche Bedingungen qualifizierte Arbeitskräfte nach Europa bringen und den Migrationsdruck verringern. [Quelle: IfW Kiel

🌐 KI-Wachstum führt zu steigendem Finanzierungs- und Energiebedarf. Der weltweite Bedarf an Rechenleistung für KI könnte bis 2030 auf 200 Gigawatt steigen, wobei auf die USA rund die Hälfte davon entfallen sollen. Um die nötige Rechenleistung liefern zu können, seien jährliche Investments von 500 Mrd. Dollar nötig. Das sei aber „wirtschaftlich nicht tragbar“, so die Analyse von Bain & Company. Es bräuchte Mehreinnahmen von 2 Bio. Dollar jährlich, um den benötigten Datencenterbau finanzieren zu können. Auch bei der Stromversorgung bräuchte es entsprechende Ausbaumaßnehmen. „Es wird schwieriger denn je, die richtige Balance zwischen Über- und Unterinvestitionen zu finden“, so Bain-Partner Florian Mueller. [Quellen: Bain & Company Technology Report, Aussendung

Selektive Agenda:

Heute, Brüssel: Umweltminister Totschnig beim EU-Umweltrat, Thema u. a. Klimaziele

Heute, Kopenhagen, Dänemark: Informeller EU-Rat Jugend, Bildung, Kultur und Sport (Kultur) (letzter Tag)

Heute, Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate: Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer mit Wirtschaftsdelegation in den Vereinigten Arabischen Emiraten (bis 5.11.)

Heute, Kourou, Frankreich: Ariane-6-Trägerrakete mit Erdbeobachtungssatelliten Sentinel 1D startet

Heute, Wien: Auktionstermin für österreichische Bundesanleihe

12:00 Uhr, Brüssel: EU-Kommission präsentiert EU-Erweiterungspaket und Reformvorschläge

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Mit 1. November haben Caroline Kerschbaumer und Claudia Mikosz ihre neue Position als Geschäftsführerinnen des Weissen Rings angetreten. Akos Heinemann folgte mit 1. November Christian Enzinger als Vizerektor für Forschung an der Medizinischen Universität Graz nach. Das Referat Markt- und Kartellscreening der Bundeswettbewerbsbehörde wird mit 1. November von Corinna Potocnik-Manzouri geleitet. 

Sehen & gesehen werden:

17:00 Uhr, Wien: Verleihung der „a·g·e Awards“ in den Kategorien Medien, Arbeitswelt und Gesellschaft im Parlament u. a. mit Susanne Janistyn-Novak, Birgit Gerstorfer, Ingrid Korosec [invite only]

18:00 Uhr, Wien: Abendempfang zu „40 Jahre Umweltbundesamt – Gemeinsam für Umwelt, Klima und Zukunft“ u. a. mit Alexander Van der Bellen, Norbert Totschnig, Michael Ludwig, Leonore Gewessler [invite only]

18:00 Uhr, Wien: Verleihung des Österreichischen Frauenpreises im Kuppelsaal der TU Wien u. a. mit Eva-Maria Holzleitner [invite only]

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