Morning in Brief ・ 05.11.2025

Morning in Brief, 5. November 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Sara Grasel, Christoph Hofer und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien und Abu Dhabi.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇪🇺 Vorläufige Einigung auf Klimaziel 2040. Laut Reuters haben sich die EU-Umweltminister nach mehr als 18-stündigen Verhandlungen in der Nacht auf Mittwoch vorläufig auf ein Klimaziel von -90 % bis 2040 gegenüber 1990 geeinigt. Der Kompromiss sieht laut EU-Diplomaten flexible Ausnahmen vor und muss noch offiziell bestätigt werden. Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer und Umweltminister Totschnig knüpften eine Zustimmung Österreichs an die Verlängerung der Gratis-CO2-Zertifikate über das Jahr 2034 hinaus sowie an die Möglichkeit, die Menge international zugekaufter CO2-Zertifikate zu erhöhen und diese auch vor dem Jahr 2036 anrechnen zu können. Darüber hinaus forderte Totschnig auch erneut einen Anwendungsstopp der Entwaldungsverordnung. „Die Entwaldungsverordnung ist gut gemeint, aber schlecht gemacht“, so Umweltminister Totschnig vor dem Gipfel. Sie müsse mindestens um ein Jahr verschoben werden und inhaltlich „massiv“ nachgebessert werden. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sei es wünschenswert, klimaneutral zu werden, da die Klimafolgekosten fünfmal so hoch wären wie die Kosten der Transformation, so WU-Ökonomin Sigrid Stagl. [Quellen: Reuters, Doorstep Totschnig, BMWET, Stagl in der ZIB2]

Kommentar: Ein kleiner Wurf wär‘ ja schon ein Anfang
von Georg Renner

Bis Ende 2026 ist es noch ziemlich lang hin. Bis zu diesem Zeitpunkt wollen die schwarz-rot-pinke Koalition, Länder, Städte und Gemeinden mit ihrer „Reformpartnerschaft“ niederkommen, dem intern wie extern erhofften „großen Wurf“ dieser Regierungsperiode. Aber auch ein „kleiner Wurf“, der am Ende viel bewegt, wäre zumindest ein guter Anfang, um dem Projekt „Reformpartnerschaft“ ein bisschen Rückenwind zu verschaffen.

💡Industrieproduktion stagniert seit 3 Jahren. Die heimische Industrieproduktion sank im August erneut um 3,3 Prozentpunkte im Vergleich zum Jahr 2021. Während die Industrieproduktion in der Eurozone nur leicht zurückging (-1,2 Prozentpunkte), brach sie in Deutschland noch stärker ein (-4,9 Prozentpunkte). [Quelle: Eurostat | Grafik von Christoph Hofer]

🇦🇹 Unternehmer ruft zu Kammerumlagen-Boykott auf. Remus-Chef Stephan Zöchling hat angekündigt, der Wirtschaftskammer die Kammerumlage 1 und 2 in den kommenden Monaten aus Protest nicht bezahlen zu wollen und hofft, dass sich „100 österreichische Unternehmen dem Beispiel von Remus anschließen“. Auslöser für den angedrohten Boykott ist die Lohnerhöhung um 4,2 % für Wirtschaftskammer-Mitarbeiter. „In einer Zeit, in der sich wirklich alle vernünftigen Akteure in diesem Land bemühen, Maß zu halten und Verantwortung zu zeigen, setzt die WKO ein völlig falsches Zeichen“, so Zöchling, der mit #zusammenstärker eine Initiative für „politische Vernunft“ gegründet hat. Am Montag hatte sich auch IV-Wien-Präsident Christian Pochtler für ein Absenken der Kammerumlage ausgesprochen. Die Unos forderten, die Gehaltserhöhung vorerst auszusetzen und die Berechnungsformel auf den Prüfstand zu stellen. „Statt Maß zu halten, gießt die Wirtschaftskammer Öl ins Inflationsfeuer,“ so IV-OÖ-Präsident Thomas Bründl und Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch zur Presse. [Quellen: Aussendung, IV Wien, Unos, Die Presse | Grafik: Zwischenstand in den Herbstlohnrunden]

🇦🇹 Stromerzeugung und -verbrauch gesunken. Von April bis September 2025 ist der Stromverbrauch in Österreich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,8 % gesunken. Im selben Zeitraum ist aber auch die Stromproduktion um 9,1 % gesunken. Sowohl Lauf- als auch Speicherkraftwerke produzierten nämlich um rund ein Fünftel weniger Strom als in den Sommermonaten des letzten Jahres. Die Stromproduktion aus Wärmekraftwerken stieg um 5,8 %, jene aus Windkraftanlagen um 9,7 % und die Produktion aus PV-Anlagen um 28,5 %. Der Gasverbrauch hat im Vorjahresvergleich um 3,3 % zugenommen, die inländische Gasproduktion ist um 4,2 % gefallen. Die Gasspeicher sind derzeit zu 84,19 % gefüllt, am selben Tag des Vorjahres lag der Speicherstand bei 94,5 %. [Quellen: E-Control, Energie-Infoportal]

🇦🇹 Niederösterreich beschließt strengere Sozialhilferegeln. Wer in Niederösterreich künftig eine zumutbare Arbeit ablehnt, dem soll die Sozialhilfe für 3 Monate halbiert werden. Jede weitere Pflichtverletzung verlängert die Kürzung um 4 Wochen. Die Regelung gilt auch bei Abbruch gemeinnütziger Tätigkeiten oder von Deutschkursen. Für Falschangaben oder das Verschweigen von Einkommen und Vermögen sind Geldstrafen bis zu 5.000 Euro vorgesehen, bei Zahlungsunfähigkeit droht eine Freiheitsstrafe von bis zu 6 Wochen. Der Landtagsbeschluss ist für den 20. November 2025 geplant, das Inkrafttreten für Anfang 2026. [Quelle: APA via Medienberichte, Mikl-Leitner auf Facebook, Volkspartei Niederösterreich]

🇦🇹 🇦🇪 Wirtschaftsreise in die VAE – Katar droht mit Gas-Lieferstopp. Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer ist auf einer dreitägigen Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Dabei ist eine hochkarätige Wirtschaftsdelegation mit u. a. Palfinger, Flughafen Wien, Verbund, Wien Energie, Engel, ÖBAG und vielen mehr. Die Unternehmen erwarten sich einerseits den Zugang zu kostengünstigen Ressourcen und andererseits neue Geschäftsbeziehungen mit einem Wachstumsmarkt – im vergangenen Jahr stiegen die heimischen Warenexporte in die VAE um 24,2 %. Auf der ADIPEC, der weltweit größten und einflussreichsten Energie-Messe, wiederholte Katars Energieminister Saad al-Kaabi derweil die Drohung, dass Katar seine Flüssiggas-Lieferungen in die EU einstellen würde, wenn das EU-Lieferkettengesetz in der aktuellen Form umgesetzt werden sollte. [Quellen: Selektiv, BMWET | Grafik: Von wem die EU ihr LNG bezieht

🇪🇺 EU-Erweiterungsbericht präsentiert. Die EU-Kommission unterstützt das „ehrgeizige Ziel“ der Ukraine, die Beitrittsverhandlungen bis 2028 vorläufig abzuschließen. Dafür wäre jedoch eine „Beschleunigung des Reformtempo, insbesondere bei der Rechtsstaatlichkeit“ nötig, so die EU-Kommission. Montenegro, Albanien und Moldawien hätten heuer große Fortschritte gemacht, wobei das nächste Jahr ein „Moment der Wahrheit“ werden wird, so EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger will sich für eine schnelle Integration der Westbalkan-Staaten, Moldaus sowie der Ukraine einsetzen – das sei eine „Win-Win-Situation für alle“. [Quellen: EU-Kommission, Marta Kos auf X, Meinl-Reisinger auf X]

🇩🇪 „Stahlschock“ könnte 50 Mrd. Euro kosten. Eine Auslagerung der Stahlproduktion aus Deutschland könnte zu einem „Stahlschock“ führen, der die Wirtschaft jährlich 50 Mrd. Euro kosten würde – das entspricht 1,2 % des BIP. In diesem Szenario würden geopolitische Konflikte oder Lieferkettenprobleme, ähnlich denen bei Mikrochips oder seltenen Erden, zu einer drastischen Drosselung der Stahlimporte führen. Der Verlust entstünde durch höhere Stahlpreise, die die Produktionskosten in nachgelagerten Branchen erhöhen und die Binnennachfrage aufgrund sinkender Einkommen schwächen würden. Zudem wären erhebliche Arbeitsplatzverluste zu erwarten, da rund 4 Mio. Menschen in stahlintensiven Industrien beschäftigt sind. [Quellen: Hans Böckler Stiftung, Universität Mannheim]

🇩🇪 Wirtschaftsverbände fordern Abbau der EU-Bürokratie. 9 deutsche Wirtschaftsverbände haben in einem offenen Brief an das EU-Parlament die Ablehnung des Richtlinienvorschlags zur Vereinfachung der Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie der Lieferkettenrichtlinie im Rahmen des Omnibus-I-Pakets kritisiert. Die Verbände fordern, dass das Parlament in seiner nächsten Sitzung im November dem Vorschlag zustimmt, um den Bürokratieabbau voranzubringen. Ziel sei es, den Unternehmen mehr Planungssicherheit, Praxistauglichkeit und eine Reduktion der Anforderungen auf das Nötigste zu ermöglichen. [Quellen: Gesamtmetall, Offener Brief]

🇩🇪 Deutsche Unternehmen erwarten Wirtschaftswachstum. 43 % der deutschen Unternehmen erwarten einer Umfrage zufolge, dass die deutsche Wirtschaft in den nächsten 12 Monaten wachsen wird. 37 % erwarten auch selbst steigende Umsätze. Auch wenn die Standortbedingungen zu 56 % noch gut oder sehr gut beurteilt werden, geben 52 % der Befragten an, dass deutsche Unternehmen gegenüber den USA an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Im Vergleich mit China sehen das sogar 69 % so. Als größte Gefährdungsfaktoren werden Bürokratie (40 %), Fachkräftemangel (39 %) und hohe Energiekosten (36 %) identifiziert. [Quelle: Boston Consulting Group]

🇨🇳 China setzt Zölle auf US-Waren aus und wirbt für Importe. China wird die zusätzlichen 24 %-Zölle auf US-Waren für ein Jahr aussetzen, während andere Abgaben von 10 % bestehen bleibt, teilte das Finanzministerium am Mittwoch mit. Handelsminister Wang Wentao kündigte zudem an, jährlich 10 Veranstaltungen in 5-6 Ländern abzuhalten, um China als attraktiven Importmarkt zu präsentieren. Die Kampagne steht unter dem Motto „Ein großer Markt für alle: Exporte für China“ und soll „Win-win“-Kooperationen fördern. [Quellen: Reuters, Chinesisches Finanzministerium]

🇺🇸 Längster „Government Shutdown“ aller Zeiten. Die nicht-essenzielle Bundesverwaltung der USA steht seit 1. Oktober still. Gestern konnte im US-Senat zum 14. Mal keine Einigung im Haushaltsstreit erzielt werden, mit über 35 Tagen ist dieser „Shutdown“ somit der längste in der Geschichte der USA. Laut einer kürzlich veröffentlichten Analyse wird dieser „Shutdown“ – je nachdem wie lange er noch andeuert – den USA bis zu 14 Mrd. US-Dollar kosten. [Quellen: CBS News, CBO]

🌐 G20-Bericht warnt trotz Besserung vor „Notlage der Ungleichheit“. Ein Expertengremium unter Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz hat für den G20-Gipfel einen Bericht über globale Ungleichheit vorgelegt. Demnach hat seit dem Jahr 2000 das reichste 1 % der Weltbevölkerung 41 % des neuen Vermögens erhalten, während auf die unteren 50 % nur 1 % entfiel. Laut Weltbank gelten 83 % aller Länder als „hoch ungleich“ (Gini-Koeffizient über 0,4). Der globale Gini-Koeffizient ist zuletzt jedoch auf 0,61 gesunken. Vor allem in China wurden hunderte Millionen Menschen durch die positive Wirtschaftsentwicklung aus Armut befreit. In Ländern mit niedrigeren Einkommen hat die Covid-19-Pandemie diesen positiven Trend jedoch unterbrochen.  [Quelle: G20 Südafrika, Global Inequality Report]

Selektive Agenda:

Heute, Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate: Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer mit Wirtschaftsdelegation in den Vereinigten Arabischen Emiraten (letzter Tag)

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht die offenen Stellen im 3. Quartal

10:00 Uhr, Wien: Ministerrat im Bundeskanzleramt; danach Pressefoyer mit Integrationsministerin Plakolm, Bildungsminister Wiederkehr und Staatssekretärin Schmidt

10:00 Uhr, Wien: Fiskalrat veröffentlicht den aktualisierten Budgetausblick 2025/26

10:30 Uhr, Wien: Bankenverband präsentiert Ökonomischen Ausblick 2026

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Marcus Grausam ist Senior Advisor für Public Interest Consultants. Edith Lachinger ist seit Anfang November Teil der Geschäftsführung der Mavie Med Holding. Jörg Weissmann ist neuer Leiter der Gruppe Innere Verwaltung des Amtes der NÖ Landesregierung. Konstantin Auer ist Online-Redakteur beim profil.

Sehen & gesehen werden:

9:00 Uhr, Wien: invest.austria Konferenz im Apothekertrakt des Schlosses Schönbrunn [Info]

10:00 Uhr, Wien: Die WKÖ lädt zum Innovationsfestival The BOLD Experience 2025 in das Palais Auersperg, 18:00 Uhr: Verleihung der „Innovator of the Year“-Awards von brutkasten [Info]

16:00 Uhr, Wien: Global Economy Lecture 2025 in der Oesterreichischen Nationalbank von Silvana Tenreyro; mit Martin Kocher und Robert Sehrer [Info]

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