Morning in Brief ・ 08.08.2025

Morning in Brief, 8. August 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, David Schima und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Ratingagentur: Österreich wird Defizit-Ziel nicht schaffen. Die Republik kämpft weiterhin mit hohen Staatsschulden und einem geringen Wirtschaftswachstum. Dadurch sei Österreich laut der Ratingagentur Scope im Krisenfall schlecht aufgestellt. Die geplante Budgetkonsolidierung der Bundesregierung reiche ohne weitere Maßnahmen – etwa im Pensions- und Gesundheitssystem –  nicht aus, um die Schulden in den kommenden 5 Jahren im Verhältnis zum BIP zu stabilisieren. Scope rechnet damit, dass Österreich mit dem aktuellen Budgetplan nur 10,6 statt den vorhergesagten 14,6 Mrd. Euro einsparen und bis 2028 nicht unter die Maastricht-Defizigrenze von 3 % kommen wird. Bis 2030 werde die Staatsverschuldung auf 88 % des BIP steigen, in anderen Ländern geht man im Schnitt von rund 60 % aus. [Quelle: Ratingagentur Scope]

Grafik (von Christoph Hofer): Kein anderes EU-Land verzeichnete im 1. Quartal 2025 einen stärkeren Anstieg der Staatsverschuldung in Relation zum BIP als Österreich. Mit einem Plus von 3,5 Prozentpunkten von 81,4 % auf 84,9 % teilt sich Österreich gemeinsam mit der Slowakei den unerfreulichen Spitzenplatz. Im EU-Schnitt stieg die Staatsverschuldung um 0,8 Prozentpunkte auf 81,8 %. Die stärksten Rückgänge meldeten Griechenland (-1,1), Lettland (-1,2) und Irland (-3,8). [Quellen: Eurostat, dieSubstanz.at]

🇦🇹 Neos plädieren für Gemeindezusammenlegungen. Der erweiterte Parteivorstand der Neos hat sich in einem Grundsatzpapier für freiwillige Fusionen von Gemeinden starkgemacht. Das Grundproblem sei, dass Österreich zu viele, zu kleine Gemeinden habe. Gemeinsam könne man den Bürgerservice verbessern und Kosten sparen. Neben den Fusionen fordern die Neos eine stärkere Fokussierung auf Kernaufgaben sowie Fortschritte in der Digitalisierung. Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl (ÖVP) zeigte sich offen für Gespräche, betonte aber die Freiwilligkeit von Zusammenlegungen. ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti erwiderte, dass sich auch in den derzeitigen Strukturen „viele Synergien“ finden ließen. SPÖ-Kommunalsprecher Wolfgang Kocevar hält ebenso wenig von Zusammenlegungen und sprach von „Kooperation statt Fusion“. Die FPÖ will keine „großflächigen Strukturreformen“ andenken, sondern „bürokratische Hürden“ abschaffen. [Quellen: Neos, Ö1-Mittagsjournal, FPÖ]

🇦🇹 Hattmannsdorfer fordert Verlängerung von Gratis-CO2-Zertifikaten. Der Preis für eine Tonne CO2 liegt in der EU aktuell bei rund 70 Euro pro Tonne. Energieintensive Industriebetriebe bekamen bisher einen Großteil der benötigten Zertifikate gratis zugeteilt. Diese Praxis wird die EU mit der Einführung des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) Anfang nächsten Jahres schrittweise beenden – spätestens 2034 soll es dann gar keine Gratis-Zertifikate mehr geben. Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer sieht die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet und hält gegenüber der Presse fest: „Wer jetzt vorschnell Freizertifikate streicht, schwächt unsere Betriebe im internationalen Standortwettbewerb und gefährdet […] Europa als Industriestandort.“ Frühestens 2028 soll die EU das Auslaufen der Gratis-CO2-Zertifikate einleiten, fordert Hattmannsdorfer. [Quelle: Die Presse]

🇦🇹 ÖVP will keinen „klassischen Eingriff“ in Lebensmittelpreise. ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti hat sich gegen „klassische Eingriffe“ in die Preise von Lebensmitteln ausgesprochen. Im Falle stärkerer Preisanstiege ziehe die ÖVP aber in Erwägung, auf andere Weise einzugreifen. Marchetti verwies etwa auf die im Regierungsprogramm festgehaltenen Maßnahmen gegen die „Shrinkflation“, bei der Packungsinhalte reduziert werden, um die Teuerung zu verbergen. Auch gäbe es im Lebensmittelhandel „noch einige Wettbewerbsfragen“, die gelöst werden müssten. Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ), der die Preisdebatte angestoßen hatte, könne man weder zustimmen noch widersprechen, da dieser kein konkretes Modell vorgelegt habe. [Quellen: ÖVP-Pressekonferenz, Puls 24]

Tipp für die Urlaubslektüre von Heike Lehner
How Countries Go Broke

In How Countries Go Broke zeigt Hedgefonds-Manager Ray Dalio, wie Staaten immer wieder in dieselbe Schuldenfalle tappen: exzessive Defizite, politisches Zaudern, Gelddrucken. Anhand von vielen Beispielen entwickelt er neun Stufen, die als Warnung dafür dienen, wie rasch auch etablierte Volkswirtschaften kippen können. Das Buch kombiniert historische Narrative mit guten Grafiken und endet mit klaren Empfehlungen. Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die solide Staatsfinanzen nicht für Nostalgie halten.

🇦🇹 Erneuerbare Stromproduktion im Juni um 17 % gefallen. Erneuerbare Energiequellen machten im Juni rund 92 % der Gesamteinspeisung in Österreich aus, die Erzeugung ist im Vergleich zum Vorjahresmonat jedoch um 17,2 % zurückgegangen. Das liegt vor allem an der schwächeren Produktion aus Wasserkraft (-8,7 %) – die Einspeisung aus Photovoltaik (+3,9 %) und Windkraft (+4,6 %) ist gestiegen. An 20 Tagen konnte im Juni 2025 bilanziell Strom ins Ausland exportiert werden, insgesamt wurden 275 GWh exportiert. Im Juni 2024 wurde an allen 30 Tagen bilanziell Strom i. H. v. 1.134 GWh exportiert. Durch Redispatch-Maßnahmen sind im 1. Halbjahr 2025 bisher 43,5 Mio. Euro an Kosten entstanden, um 4,5 Mio. mehr als im Vorjahreszeitraum. [Quelle: Austrian Power Grid]

🇦🇹 Exporte rückläufig: Handelsbilanzdefizit von 2,54 Mrd. Euro. Zwischen Jänner und Mai 2025 importierte Österreich Waren im Wert von insgesamt 81,49 Mrd. Euro, der Wert der Warenausfuhren lag in diesem Zeitraum bei 78,95 Mrd. Euro. Das Handelsbilanzdefizit liegt damit bei 2,54 Mrd. Euro. Die Importe stiegen im Jahresvergleich um 2,9 %, die Exporte verzeichneten ein Minus von 2,5 %. In den ersten 5 Monaten des Vorjahres hatte Österreich noch einen Überschuss von 1,84 Mrd. Euro verzeichnet. Im Mai 2025 ergab sich ein Defizit von 0,76 Mrd. Euro gegenüber dem Vorjahresmonat. Das liegt vor allem daran, dass Österreich gegenüber Mai 2024 um ein Fünftel weniger nach China exportierte, während die Ausfuhren in die USA sogar um 28,8 % sanken. [Quelle: Statistik Austria]

🇦🇹 Einbußen durch US-Zölle könnten höher als erwartet ausfallen. Die durch die US-Zölle hervorgerufenen heimischen Wirtschaftseinbußen könnten laut Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr „ein bisschen mehr sein“ als die bisher prognostizierten Rückgänge von 0,1-0,2 % des BIPs. Besonders betroffen sind laut Felbermayr die Automobilbranche, die Fertigung pharmazeutischer Produkte, von Spezialmaschinen und die Feinchemie. Die immer noch herrschende Unsicherheit sei schwerer zu quantifizieren, ökonomische Schäden in den betroffenen Industrieregionen könnten also noch höher sein. Handelsrechtsexperte Ralph Janik betont, dass in Zollfragen weiterhin keine Rechtssicherheit herrscht und der EU-US-Zolldeal „offensichtlich gegen WTO-Recht und Völkerrecht“ verstößt. [Quellen: Felbermayr auf Ö1, Interview mit Ralph Janik]

🇺🇸 Trump kündigt 100-%-Zoll auf Halbleiter an. US-Präsident Trump will Importe von Halbleitern mit einem Zollsatz von 100 % belegen. Chip-Unternehmen könnten diese aber durch Investments in den USA umgehen – das gelte auch für jene, die bereits mit dem Bau von Fabriken begonnen haben. EU-Kommissionssprecher Olof Gill hält fest, dass die USA zugesichert hätten, dass auch Halbleiter nur mit einem 15-prozentigen Zollsatz belegt werden. „Wir erwarten von den USA die Umsetzung dieser Verpflichtung“, so Gill. [Quellen: Reuters, WSJ]

🇩🇪 Deutsche Industrieproduktion auf Covid-Niveau gefallen. Die Produktion im produzierenden Gewerbe ist im Juni im Vergleich zum Mai um 1,9 % geschrumpft, in den energieintensiven Industriezweigen um 2,2 %. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ging die Produktion um 3,6 % zurück. Damit erreicht die deutsche Industrieproduktion den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Starke Rückgänge gab es vor allem in der Pharma- (-11,0 %) und Nahrungsmittelindustrie (-6,3 %) sowie im Maschinenbau (-5,3 %). Für das deutsche Wirtschaftsministerium ist die schlechte Entwicklung „teilweise Ausdruck einer Gegenbewegung zu den Vorzieheffekten im Zusammenhang mit den angekündigten Zollerhöhungen“. „Für Deutschland ist die europäische Energiekrise noch nicht vorbei“, analysiert Bloomberg-Energieexperte Javier Blas. [Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundeswirtschaftsministerium – Aussendung, Daten; Javier Blas auf X]

🇩🇪 Deutschland exportiert weniger in die USA, mehr nach China. Die USA blieben im Juni Deutschlands größter Absatzmarkt, die Exporte gingen jedoch im Vergleich zum Mai um 2,1 % zurück. Die Exporte nach China stiegen um 1,1 %. Der Außenhandel mit EU-Staaten nahm im Monatsabstand um 2,4 % zu, jener mit Drittstaaten um 1,2 % ab. Insgesamt sind die deutschen Exporte im Juni im Vergleich zum Vormonat um 0,8 % angestiegen, im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,4 %. Die Importe steigerten sich um 4,2 % zum Vormonat und 7,9 % zum Vorjahresmonat. Die Außenhandelsbilanz liegt im Juni 2025 damit bei einem Überschuss von 14,9 Mrd. Euro (Mai: 18,5 Mrd. Euro; Juni 2024: 20,3 Mrd. Euro). [Quelle: Statistisches Bundesamt]

🇨🇭 US-Zölle: „Horrorszenario“ für Schweiz. Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter und Wirtschaftsminister Guy Parmelin konnten mit ihrer spontanen Reise nach Washington D. C. keinen Aufschub oder eine Verringerung des 39 %-US-Zollsatzes erreichen. Der Schweizer Tech-Branchenverband Swissmem spricht von einem „Horrorszenario“, das Exportgeschäft sei damit „faktisch tot“. Swissmem und Economiesuisse fordern trotz geringer Erfolgsaussichten weitere Verhandlungsrunden mit den USA sowie Maßnahmen, um die Schweizer Exportwirtschaft zu stützen. Die Schweizer Bundesregierung will solche Maßnahmen „in Kürze vertieft diskutieren“ und weitere Verhandlungen anstreben. Gegenzölle sind weiterhin nicht vorgesehen. [Quellen: Bundesrat, Swissmem, Economiesuisse, SECO]

🇨🇳 Chinesische Exporte im Juli über Erwartungen. Die Exporte Chinas sind im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um 7,2 % gestiegen – die Importe um 4,1 %. Von Reuters befragte Ökonomen hatten einen Exportanstieg von 5,4 % erwartet. Der unerwartet starke Anstieg wird auf Vorzieheffekte zurückgeführt, die Frist der USA für die Einführung höherer Zölle soll am 12. August ablaufen. [Quellen: Chinesische Zollbehörde, Reuters]

Selektive Agenda:

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria präsentiert Produktionsindex Juni, Registrierungen und Insolvenzen sowie Baupreisindex 2. Quartal

Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️

Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.

Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Patrik Fazekas wird neuer Kampagnenchef der ÖVP. Stephanie Venier beendet ihre Ski-Karriere wird künftig im Zollamt Österreich tätig sein.

Geburtstage: Wir gratulieren Julia Aichhorn und Herbert Prohaska zum Geburtstag! Am Samstag feiert Anna Thalhammer, am Sonntag Danielle Spera.

Sehen & gesehen werden:

16:00 Uhr, Karlsdorf bei Graz: Die Junge Wirtschaft Graz-Umgebung lädt zum „Summer After Work Connecting“ in den HI Beach Club. [Info]

18:30 Uhr, Salzburg: Premiere „Drei Schwestern“ von Peter Eötvös bei den Salzburger Festspielen [Info]

19:00 Uhr, Innsbruck: Premiere „Ifigenia in Aulide“ von Antonio Caldara bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik [Info]

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