Josef Baumgartner ist Senior Economist am Wifo © Alexander Mueller | Montage: Selektiv
Josef Baumgartner ist Senior Economist am Wifo © Alexander Mueller | Montage: Selektiv
Inflation

Wifo-Ökonom: „Inflation könnte im Jahresschnitt unter 2,0 % sinken“

Die Inflation lag im Jänner 2026 laut Schnellschätzung bei 2,0 %. Wifo-Ökonom Josef Baumgartner zeigt sich von der Dynamik der Preisrückgänge in Österreich „überrascht“. In allen Bereichen hat sich die Preisdynamik stärker abgeschwächt als erwartet. Mit dem niedrigen Ausgangswert könnte die Jahresinflation sogar unter 2,0 % sinken. Auch wenn die Dienstleistungsinflation weiterhin höher bleibt, hat sich der Lohndruck aufgrund niedrigerer Lohnabschlüsse im Herbst bereits etwas abgeschwächt, erklärt Baumgartner im Selektiv-Interview.

Die heimische Inflation hat im Jänner mit 2,0 % eine Punktlandung hingelegt. Ist das nur dem Basiseffekt durch das Auslaufen der Strompreisbremse geschuldet oder kann das zur tatsächlichen Trendwende werden?

Josef Baumgartner: Die Differenz zwischen der Dezember-Inflation und der Jänner-Inflation von 1,8 Prozentpunkten kann man ungefähr zur Hälfte auf die Basiseffekte zurückführen. Auch die Reduktion der Elektrizitätsabgabe ab 1. Jänner 2026 hat die Inflation zusätzlich gedrückt. Aufgrund dieser Effekte wäre die Inflationsrate bei ungefähr 2,7 % zu liegen gekommen. Der Rückgang im Jänner war aber stärker als die Erwartungen, da die Inflation noch um weitere 0,7 Prozentpunkte niedriger ausgefallen ist. Diese Entwicklung zieht sich durch alle Gruppen durch. Sowohl bei den Dienstleistungen als auch bei den Nahrungsmitteln und bei den industriellen Gütern beobachten wir eine deutliche Abschwächung der Preisdynamik. Hier hat sich eine Dynamik entwickelt, die durchaus überraschend ist.

Droht im Jänner 2027 ein erneuter Basiseffekt in die Gegenrichtung, wenn die reduzierte Energieabgabe und der reduzierte Erneuerbaren-Förderbeitrag wieder auf das normale Niveau angehoben werden?

Der Effekt dieser Senkungen auf die Gesamtjahresinflation liegt bei ungefähr 0,1 Prozentpunkten. Um diesen Zehntelprozentpunkt wird die Inflation im nächsten Jahr dann wieder höher, wenn diese Maßnahmen auslaufen. Eine dauerhafte Reduktion dieser Abgaben wäre ohne Gegenfinanzierung in Hinblick auf die Budgetkonsolidierung aber nicht machbar – der Einnahmenentfall liegt bei ungefähr 500 Mio. Euro pro Jahr.

Ich würde davon ausgehen, dass wir im Jahresschnitt sehr nahe oder sogar unter die 2,0 % Inflation kommen.

Josef Baumgartner

Einige geplante Maßnahmen wie der Sozialtarif, der Reduzierte Sommerarbeitspreis oder die MwSt-Senkung auf bestimmte Lebensmittel sind noch nicht in Kraft. Wird die Inflation im Lauf des Jahres noch stärker sinken und wird auch das Wifo die Inflationserwartung für das Jahr 2026 nach unten korrigieren, so wie das IHS?

Wir sind in der Dezember-Prognose für Jänner 2026 von einem Wert von 3 % ausgegangen und sind für den Jahresdurchschnittswert der Inflationsrate für 2026 auf 2,6 % gekommen. In dieser letzten Inflationsschätzung waren aber Maßnahmen wie die MwSt-Senkung oder der „Österreich-Strompreis“ des Verbunds noch nicht berücksichtigt. Diese eingeschlossen würde die Jahresinflation bei 2,5 % zu liegen kommen. Nun haben wir aber mit der Realisierung von 2 % einen niedrigeren Ausgangswert als wir in unserer Prognose unterstellt haben. Wir sind also schon sehr stark in Richtung 2,0-%-Pfad unterwegs. Sollte nicht etwas Unvorhergesehenes passieren oder gröbere Schocks wie Kriege oder Ausfälle der Ölproduktion auftreten, würde ich davon ausgehen, dass wir im Jahresschnitt sehr nahe oder sogar unter die 2,0 % Inflation kommen.

Die Dienstleistungsinflation treibt mit einem Anstieg von 3,8 % die Preisentwicklung aber weiterhin an und liegt in Österreich seit Jahren auch deutlich höher als im Rest der Eurozone. Warum ist die Dienstleistungsinflation so schwer einzufangen?

Die heimische Dienstleistungsinflation ist insofern schwer einzufangen, weil wir hier eine sehr dezentrale Struktur haben und diese Unternehmen miteinander im Wettbewerb stehen. Es gibt also nicht den einen großen Gastronomen als Marktführer oder einige wenige Hoteliers, die den Nächtigungsmarkt beherrschen. Sondern es sind viele Anbieter, die in Konkurrenz miteinander stehen. Bei der Erbringung von Dienstleistungen spielen die Arbeitskosten eine sehr große Rolle, da es sich um arbeitsintensive Bereiche handelt. Insgesamt hat sich als Folge der niedrigeren Lohnabschlüsse im Herbst der Lohndruck abgeschwächt, was jetzt auch einen geringeren Preisüberwälzungsdruck mit sich bringt. Wenn die Kosten nicht mehr so stark steigen, ist auch der Überwälzungsdruck auf die Preise geringer.

Die Anbieter in der Gastronomie und Hotellerie sitzen im Prinzip alle im selben Boot. Sie unterliegen denselben Kollektivvertragsabschlüssen, die Energiekosten sind in der Regel nicht allzu unterschiedlich und auch die Nahrungsmittelpreise treffen sie alle in ähnlicher Weise. Wie sehr es gelingt die Kosten auf die Preise weiter zu wälzen, hängt dann stark von der Nachfrage nach diesen Dienstleistungen ab. Wenn wir uns die Tourismus- und Nächtigungszahlen anschauen, für 2025 und die aktuelle Wintersaison wieder neue Rekorde vermeldet. Das bedeutet also, dass die Gäste die Hoteldienstleistungen nachfragen und auch bereit sind, die höheren Preise auch zu bezahlen.

Tourismusstaatssekretärin Elisabeth Zehetner hat vor kurzem angeregt, dass die Inflationsberechnung im Tourismus daher geändert werden müsse, da die Referenzregionen stark touristisch geprägt sind und der Tourismus zu Unrecht als Preistreiber dargestellt werde. Ist der Einwand berechtigt?

Man muss hier differenzieren. Die Preiserhebungen von Statistik Austria sind im Bereich der Hotels relativ breit aufgestellt. Hier werden österreichweit zu verschiedenen Zeitpunkten Preise erhoben, sodass z. B. auch Angebote wie ein Frühbucherbonus berücksichtigt werden können. Was nicht leicht zu erheben ist, ist das dynamische Preissetzungsverhalten. Hier könnte also die Preisdynamik sogar eher etwas unterschätzt als überschätzt werden. Insgesamt wird die Entwicklung bei den Preisen für Hotelzimmer meiner Einschätzung nach aber gut abgebildet.

Etwas anders sieht es in der Gastronomie aus, wo es eine gewisse Verzerrung gibt. Im Bereich der Bewirtung wird die Preisentwicklung in 19 Indexstädten erhoben, darunter sind neben der Bundeshauptstadt und den übrigen 8 Landeshauptstädten noch weitere größere städtische Ballungsräume erfasst. Die stark ländlichen Regionen werden in der Preiserhebung für die Gastronomie nicht abgebildet. Und dort kann es durchaus ein anderes Preissetzungs- bzw. Preisänderungsverhalten geben. In den Städten ist die Gastronomie nicht so stark von Stammkunden abhängig, sondern eher von Touristen, die auch oft bereit sind, mehr auszugeben. Am flachen Land hingegen sind die Gastronomiebetriebe sehr stark von den Stammkunden abhängig, die regelmäßig kommen und preissensibler sind. Es ist dort wahrscheinlich auch schwerer, steigende Kosten auch an Gäste weiterzugeben. Hier könnte durch eine Ausweitung der Preiserhebung eine größere Repräsentativität erreicht werden. Aber solche zusätzlichen Erhebungen sind sehr aufwendig und teuer, dafür müsste es dann auch zusätzliche Mittel für die Statistik Austria geben, um diese umzusetzen zu können.

Die Inflationspersistenz ist in Österreich stärker ausgeprägt als in anderen Ländern der Eurozone.

Josef Baumgartner

In der Hochinflationsphase hat Österreich sehr unter der Indexierungslogik gelitten. Würde die jetzt anscheinend eintretende Phase der niedrigeren Inflation eine Chance bieten, aus diesem System auszubrechen?

Das Wifo hat in der Vergangenheit Vorschläge vorgelegt, damit vor allem bei den Lohnverhandlungen die Preissteigerungen nicht mehr so stark rückwärtsgewandt betrachtet werden. Diese rückwärtsgewandte Indexierung führt dazu, dass eine höhere Inflation immer in das nächste Jahr hineingezogen wird, was zu einer höheren Persistenz der Inflationsentwicklung führt. Diese Inflationspersistenz ist in Österreich stärker ausgeprägt als in anderen Ländern der Eurozone. Daher sollten auch die Prognosen und Erwartungen, wie sich die Preise entwickeln werden, bei der Lohnsetzung berücksichtigt werden – auch wenn es da eine Fehlerbandbreite und eine gewisse Unsicherheit gibt. Zusätzlich könnte man bei der Indexierung von Mieten oder Versicherungen auch anderen Preisindizes heranziehen um diese Preisspiralen abzumildern.

Die Inflation in der Eurozone liegt mit 1,7 % schon unter dem 2-%-Ziel der EZB. Würde das für eine Zinssenkung bei der heutigen zinspolitischen Sitzung der EZB sprechen?

Es gibt einen Spielraum für eine Zinssenkung, aber ich rechne noch nicht damit. Die Konjunktur in der Eurozone verläuft derzeit noch relativ uneinheitlich. Einige Länder wachsen relativ gut, während Deutschland und Österreich eher Nachzügler sind und schwächeres Wachstum zeigen, für die eine Zinssenkung sicher hilfreich wäre. Die aktuelle Inflationsentwicklung würde zwar eine Zinssenkung zulassen, aber ich denke, dass die EZB noch die Entwicklung im Februar abwarten wird, bevor sie die Zinsen senkt.