Chinas digitale Währung gewinnt an Boden
Bernhard Seyringer ist Politikanalyst und Technologie-Berater bei AFUSS Consulting. Seine thematischen Schwerpunkte fokussieren „Strategic Foresight“ und „Neue Technologien und Internationale Politik“. Seyringer ist zudem Experte für digitale Geopolitik.
Seit 1. Jänner bringen Digital-Yuan-Guthaben Zinsen ein. Chinas Digitalwährung entwickelt sich damit vom „digitalen Bargeld“ zur „digitalen Einlage”. Fast sechs Jahre nach dem ersten Pilotprojekt ist das nach wie vor das weltweit größte Freiluft-Experiment mit einer digitalen Zentralbankwährung. Bis Ende November 2025 wurden nach offiziellen Angaben 3,4 Milliarden Transaktionen im Umfang von rund 2,3 Billionen US-Dollar abgewickelt. Das Ziel ist klar: Eine inkrementelle Erosion der Dominanz des US-Dollars.
Verglichen mit der chinesischen Wirtschaftsleistung ist die Landeswährung „Renminbi (CNY)“ im internationalen Zahlungsverkehr unbedeutend: Weniger als 5 Prozent der internationalen Zahlungen werden damit getätigt. Peking ist sich der Bedeutung bewusst und strebt daher nach einem strategischen Gegengewicht zum US-Dollar. Ein „multipolares internationales Währungssystem“, wie das in chinesischer Lesart heißt und von Pan Gongsheng, Gouverneur der Zentralbank (CNB), am letzten Lujiazui-Forum im Juni 2025, deutlich betont wurde. Dem Digital-Yuan (e-CNY) fällt bei diesem Vorhaben die Schlüsselrolle zu. Es soll damit ein „Bollwerk“ gegen eine befürchtete US-Einflussnahme über SWIFT im Krisenfall geschaffen werden, so Huang Qifan vom China Center for International Economic Exchanges (CCIEE). Zur Überwachung der Infrastruktur und der grenzüberschreitenden Zahlungen wurden Ende 2025 Institute in Shanghai und Peking gegründet.
Chinas digitaler Yuan ist das weltweit größte Freiluft-Experiment mit einer digitalen Zentralbankwährung.
Bernhard Seyringer
Zweifellos hat die Zentralbank bei der Entwicklung einer CBDC einige Nasenlängen Vorsprung. Hatte sie doch bereits 2014 geheim und ab 2017 offiziell mit der Entwicklung begonnen. Die Pilotversuche begannen im Frühjahr 2020 in Chengdu, Shenzhen, Suzhou, Shanghai und Peking. Seit Anfang Jänner 2022 steht die App zum Download bereit und wird von den wichtigsten Digital Pay-Apps des Landes ebenso unterstützt, wie von den wichtigsten E-Commerce Plattformen. Der Zentralbank war von Anfang an bewusst, dass die Lösung in der Integration in bestehende Mobile Payment-Anwendungen liegt. In China werden bereits mehr als zwei Drittel der Bezahlvorgänge derart abgewickelt. Hier liegt laut He Yifan, CEO von Red Date Technology, dem Entwickler des staatlichen Blockchain Service Network (BSN), auch das Problem mit der anfangs nur zögerlichen Ausbreitung des e-CNY: Die Handhabung war einem Bankkonto ähnlicher als den bereits gewohnten Digitalen Bezahl-Apps.
Der Roll-out einer CBDC am chinesischen Heimmarkt und die damit verbundenen Kontrollmöglichkeiten über die chinesische Bevölkerung ist aber nur ein Teil eines größeren Vorhabens. Die Priorisierung im 14. Fünfjahresplan (2021-2025) hat sowohl einen sicherheitspolitischen Hintergrund, genauso wie man in Peking hofft, damit früher als andere internationale Standards setzen zu können. Immerhin würde eine funktionierende Parallelstruktur zu SWIFT, befreundeten BRICS und SCO-Staaten sowie Partnern entlang der „Belt-and-Road“, deutliche Vorteile einbringen. Daher ist die CNB auch in die Plattform „mBridge Initiative“ involviert. Ein Konsortium, bestehend aus den Zentralbanken Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate und Thailands, sowie der Hong Kong Monetary Authority und bis 2024 auch der in der Schweiz ansässigen Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.