Der Nährboden der nächsten Inflationswelle

20. März 2026Lesezeit: 4 Min.
Kommentar von Heike Lehner

Heike Lehner ist freiberufliche Ökonomin und Generalsekretärin der Aktion Generationengerechtigkeit. Ihre Spezialgebiete liegen im Bereich der Geldpolitik und Finanzwirtschaft, wozu sie aktuell ebenso promoviert.

Vor fünf Jahren sahen wir das letzte Mal diese Konstellation: Alle vier großen Zentralbanken in den USA, Japan, Großbritannien und der Eurozone entschieden diese Woche über die Zinsen. Und keine hat die Zinsen bewegt – weder nach oben, noch nach unten. Überraschend war das nicht. Wie US-Notenbankchef Jerome Powell zu den Auswirkungen des Irankriegs und zur weiteren Inflationsentwicklung sagte: „We don’t know“. Viel mehr wusste die Europäische Zentralbank (EZB) auch nicht. Die am Donnerstag weiter massiv gestiegenen Öl- und Gaspreise halfen diesem Unwissen auch nicht weiter. Zwar erhöhte die EZB die neuesten Inflationsprognosen und die neuen Wachstumsvorhersagen wurden abgeschwächt, aber zu klareren Aussagen ließ sich Präsidentin Christine Lagarde nicht hinreißen. Doch bei all dem Abwarten und Tee trinken dürfen wir nicht den Fehler machen, die Anfänge der letzten Hochinflationsphase vor ein paar Jahren mit der aktuellen zu vergleichen. Die Ausgangslage hat sich verändert. Damals kamen wir aus einem Jahrzehnt mit niedrigen Zinsen und niedriger Inflation. Heute rutschen wir von der einen Hochinflationsperiode potenziell in die nächste. Und genau dieser Nährboden ist es, wieso wir vorsichtig sein müssen.

Gerade in Österreich sind die Spuren der hohen und volatilen Preissteigerungen der vergangenen Jahre noch deutlich sichtbar.  Das Jahr 2026 sollte eigentlich das Jahr werden, das endlich eine akzeptable Inflationsrate mit sich bringen würde. Ein Umfeld also, in dem das Thema Preise nicht ständig präsent ist. Denn wir dürfen nicht vergessen: Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource. Wenn Bürger beginnen, ihre Zeit damit zu verbringen, beispielsweise ständig Preise zu vergleichen und Unternehmen entscheiden, aufgrund der steigenden Kosten und Unsicherheit, die Preise häufiger zu erhöhen, dann ist das kein Zeichen einer gesunden Volkswirtschaft. Einen weiteren Dämpfer für das Wirtschaftswachstum können wir uns jedenfalls kaum leisten. Genau diese Dynamik haben wir in den vergangenen Jahren bereits erlebt.

Nur weil die Inflation jetzt vorerst kurzzeitig zurückgegangen ist – in der Eurozone insgesamt gesehen bekannterweise früher als in Österreich – bedeutet das noch lange nicht, dass auch die Erinnerungen daran bereits verblasst sind. Die Erfahrungen der letzten Jahre sitzen tief. Steigen die Energiepreise erneut rasch an, kehren auch die Erinnerungen an die Phase hoher Inflation zurück. Und die Erwartungen, dass so etwas wieder passiert, steigen. Wer morgen höhere Preise erwartet, kauft heute. Genau so beginnt der klassische Teufelskreis. Besonders beruhigend ist dabei nicht, dass steigende Ölpreise in der Vergangenheit gerade in Zeiten großer Unsicherheit in den Lieferketten besonders stark auf die Gesamtinflation durchgeschlagen haben.

Populistische Ideen wie die Spritpreisbremse verschieben die Probleme nur in die Zukunft.

Heike Lehner

Wir sollten nicht wieder dieselben Diskussionen starten wie vor vier Jahren. Damals ging es monatelang darum, ob die Inflation nur „vorübergehend“ sei. Heute wissen wir, wie teuer diese Fehleinschätzung werden kann. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Inflation morgen wieder zweistellig wird. Die entscheidende Frage ist, wie schnell sie zurückkommt, wenn der nächste Schock auf eine Wirtschaft trifft, die für Preisbewegungen sensibilisiert ist. Auch die Politik sollte sich nichts vormachen: Maßnahmen wie Preisbremsen oder kurzfristige Subventionen mögen kurzfristig populär sein, sie ändern aber nichts an den Ursachen. Populistische Ideen wie die Spritpreisbremse verschieben die Probleme nur in die Zukunft. Marktmechanismen lassen sich nicht ausschalten, egal wie kreativ man vorgibt zu sein.

Der Kampf gegen Inflation beginnt daher nicht erst bei den nächsten Datenpunkten, wie es sich die EZB vorstellt. Oder bei der nächsten Preisbremse, wie es sich die österreichische Politik gerne einbildet. Er beginnt beim Verständnis des Umfelds, in dem Inflation entsteht. Und dieses Umfeld hat sich verändert. Wer heute so tut, als lebten wir wieder in der Welt vor der letzten Inflationswelle, unterschätzt den neuen Nährboden, auf dem die Inflation entsteht.

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