Europas Verteidigung wird zur Startup-Sache 

26. August 2025Lesezeit: 4 Min.
Kommentar von Laura Raggl

Laura Raggl ist Managing Partner von ROI Ventures, einer Angel-Investorengruppe, die sich auf Startups in der Frühphase fokussiert. Davor war sie Geschäftsführerin der Austrian Angel Investors Association (aaia). Nach dem Studium in Innsbruck war sie  bei dem Deep-Tech-VC-Fonds APEX Ventures tätig. Raggl ist außerdem Mitglied des Startup-Rats, der das Wirtschaftsministerium berät. 

Verteidigung war über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Staatsaufgabe – Investitionen in Sicherheit galten als selbstverständliche Voraussetzung für Souveränität. Heute leben wir in einer Epoche, in der bewaffnete Konflikte von den meisten Staaten aus gutem Grund vermieden werden: aus Verantwortung gegenüber dem Fortschritt, der Gesellschaft und dem Frieden. Doch diese Weltordnung ist kein Selbstläufer. Und es ist kaum glaubwürdig, europäische Rüstungsinvestitionen moralisch abzulehnen, während man jahrzehntelang von amerikanischer Militärpräsenz profitierte. Wer auf Dauer souverän bleiben will, muss bereit sein, mehr Verantwortung und auch Kosten für den eigenen Schutz zu übernehmen.

Vom Schock zur sicherheitspolitischen Neuausrichtung

Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur sicherheitspolitische Grundannahmen erschüttert, sondern auch einen wirtschaftlichen Umbruch ausgelöst. Die Erkenntnis ist eindeutig: Ohne eigene Technologien und schnelle Innovationszyklen können wir nicht mithalten.

Erste Weichen sind gestellt, doch der Weg ist noch weit. Europas Verteidigungssektor muss sich zu einem Zentrum für Innovation, Risikokapital und koordinierte Zusammenarbeit zwischen Staat, Industrie und Start-ups entwickeln. Denn eine Abhängigkeit von ausländischen Schlüsseltechnologien ist in sicherheitsrelevanten Bereichen keine Option. Gerade in Europa, wo Ingenieurskunst seit jeher das Fundament industrieller Stärke bildet, liegt das Potenzial für eine neue sicherheitstechnologische Renaissance längst bereit.

In den USA hat sich längst ein ganzes Ökosystem rund um Defense-Tech und Dual-Use-Startups gebildet. Unternehmen wie Anduril (autonome Drohnenabwehr), Shield AI (Aufklärungsdrohnen) und Rebellion Defense (militärische Entscheidungsunterstützung) sind nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern strategisch für die USA inzwischen unerlässlich.

Europa wacht auf – mit ersten Erfolgen

Wo früher klassische Staatskonzerne das Bild bestimmten, entstehen heute neue Lösungen in Rekordzeit. Firmen wie Helsing aus Deutschland (KI-gestützte Sensorfusion und Gefechtsfeldsoftware), ICEYE aus Finnland (Radarsatelliten für Echtzeitaufklärung) oder Quantum Systems aus Deutschland (Langstreckendrohnen mit Echtzeitbildverarbeitung) zeigen was möglich ist. Viele Gründer dieser erfolgreichen Defence-Techs stammen selbst aus dem militärischen Umfeld und verstehen die operativen Bedürfnisse ihrer Kunden genau; Helsing etwa sicherte sich bereits zwei Jahre nach der Gründung einen Großauftrag der deutschen Bundesregierung.

Das ist ein guter Anfang – aber wir brauchen deutlich mehr. Großes Potential liegt darin, Technologien aus zivilen Start-ups für sicherheitsrelevante Anwendungen nutzbar zu machen und somit Dual-Use zu werden. Entscheidend ist zudem der Zugang zu den Streitkräften selbst: Start-ups brauchen die Möglichkeit, gemeinsam mit Einheiten zu testen, zu iterieren und realitätsnah zu entwickeln. 

„Großes Potential liegt darin, Technologien aus zivilen Start-ups für sicherheitsrelevante Anwendungen nutzbar zu machen.“

Laura Raggl

Kapital folgt, aber zögerlich

Im Jahr 2024 flossen rund 1 Milliarde US-Dollar in europäische Start-ups mit klar verteidigungsorientierter Technologie – ein Fünffach-Anstieg gegenüber 2020. Allein im ersten Halbjahr 2025 kamen bereits 946 Millionen Euro dazu, ein Plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der NATO Innovation Fund (ca. €4,6 Mrd. für 2025 und €5,3 Mrd. für 2026 ), der EU-Topf EDF, nationale Initiativen wie Definvest (FR) sowie private Wagniskapitalgeber wie Project A (DE), Lakestar (CH) oder Keen Ventures (NL) zählen zu den aktivsten Investoren im Bereich Defence und Dual-Use.

Doch trotz des Aufbruchs zögern viele europäische VCs weiterhin – oft aus Rücksicht auf ESG-Kriterien oder moralische Vorbehalte gegenüber sicherheitsbezogener Technologie. Das überlässt kapitalintensivere Finanzierungsrunden von europäischen Start-ups oft US Fonds – wie etwa im Fall von Helsing, das in seiner Series-B-Runde 2023 vom amerikanischen Investor General Catalyst finanziert wurde. Auch auf staatlicher Ebene fehlt es teils an Kontinuität: Der NATO-Innovationsfonds, als politisches Leuchtturmprojekt gestartet, geriet zuletzt durch mehrere Führungswechsel ins Stocken. Um die bestehende Kapitallücke zu überbrücken, sollten öffentliche Mittel insbesondere in der Frühphase und bei der Prototypenentwicklung schnell und unbürokratisch verfügbar sein. Idealerweise kommen sie direkt von sicherheitsrelevanten Behörden oder militärischen Einheiten, die gleichzeitig als erste Anwendungs- und Entwicklungspartner agieren können.

Österreich: Starke Industrie, schwache Strategie

Das Land verfügt mit Unternehmen wie Glock und Steyr Arms über eine Reihe hochspezialisierter Akteure mit internationaler Relevanz – insbesondere im Bereich Dual-Use-Technologien. Doch hier braucht es stärkeren politischen Willen und Fokus. Als Steyr Arms kürzlich einen Großauftrag der tunesischen Polizei verlor, lag das nicht an der Technologie – sondern an monatelangen Verzögerungen im Genehmigungsprozess.

„Als Steyr Arms kürzlich einen Großauftrag der tunesischen Polizei verlor, lag das nicht an der Technologie.“

Laura Raggl

Gleichzeitig birgt die aktuelle Entwicklung auch Chancen: Gerade Österreichs stark aufgestellte Maschinenbauer und Automobilzulieferer könnten künftig verstärkt sicherheitsrelevante Anwendungen adressieren.

Die Richtung stimmt: Europa wird selbstbewusster, schneller und innovationsgetriebener in seiner Sicherheitsstrategie. Doch zwischen politischer Absicht und operativer Realität liegt noch Arbeit – strukturell, finanziell und kulturell.

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