Herbstlohnrunde: Mehr Planungssicherheit, mehr Spreizung
Gerald Loacker ist Jurist und geschäftsführender Gesellschafter bei der BWI Unternehmensberatung GmbH, die auf Vergütungssysteme und Gehaltsvergleiche spezialisiert ist. Außerdem arbeitet er als Sachverständiger für Berufskunde, Arbeitsorganisation und Betriebsorganisation. Bis Oktober 2024 war er als Abgeordneter zum Nationalrat in den Bereichen Arbeit, Soziales, Gesundheit und Wirtschaft sowie als stellvertretender Klubobmann der NEOS tätig.
Viele Branchen starteten unter spürbarem wirtschaftlichem Druck in diese Herbstlohnrunde. Die kräftigen KV-Erhöhungen der vergangenen drei Jahre haben das Lohnkostenniveau nachhaltig angehoben, während hohe Energie- und Standortkosten weiter auf die Margen drücken. In zahlreichen Betrieben ist der Spielraum für zusätzliche Fixkosten damit eng geworden. Jede Lohnrunde wird automatisch zur strategischen Frage der Wettbewerbsfähigkeit.
Hinzu kommen anhaltend hohe Energiekosten. Damit wirkt jede weitere Lohnrunde weniger als kurzfristige Anpassung, sondern als dauerhafter Eingriff in die Kosten- und Leistungsstruktur. Auffällig waren daher die vergleichsweise geringen Begleitgeräusche rund um die heurigen Abschlüsse, ebenso die überschaubare Zahl an Verhandlungsrunden, weil offenbar ein ähnliches Problembewusstsein auf beiden Seiten des Tisches bestand.
Daraus sind sechs Auffälligkeiten der Herbstlohnrunde erwachsen:
1) Mehrjahresabschlüsse sind in
Mehrere Abschlüsse umfassen gleich die Erhöhung für zwei Jahre, im öffentlichen Dienst sogar drei:
- Arbeitskräfteüberlassung: 2026 +2,30 %, 2027 +2,00 %
- Metallgewerbe (Angestellte): 2026/2027 jeweils 1,8 % auf die Istbezüge; etwas stärker die KV-Ansätze mit 2,2 % für 2026 und 2,0 % für 2027.
- Universitäten: 2026 +1,65 % (mind. 60 €), 2027 +1,3 % (mind. 60 €).
- Private Autobusbetriebe: Der im Vorjahr vereinbarte Zwei-Jahres-Abschluss führt 2026 zu +3,3 %
- Öffentlicher Dienst/Beamte: Sechs Monate Aufschub, 3,3 % ab 01.07.2026 für 13 Monate, 2027 dann 1,0 % für 13 Monate und 2028 schließlich 1,0 % für vier Monate.
Diese Mehrjahresmodelle sind ein Signal, dass beide Seiten aktuell stärker an Planbarkeit auf der Kostenseite interessiert sind.
Einen Abschluss unter der Inflationsrate ist leichter zu verkaufen, wenn er in einem Zweijahresabschluss verpackt ist.
Gerald Loacker
2) 2027er-Erhöhungen: überall unter der Wifo-Inflationsprognose (2026: 2,4 %)
Bemerkenswert ist, dass in den genannten Mehrjahresabschlüssen die (vereinbarten) prozentuellen Steigerungen für spätere Jahre sehr moderat ausfallen. Das Wifo erwartet für 2026 eine Inflation von +2,4 %. Alle Branchen, die schon ihre Erhöhung für 2027 fixiert haben, liegen unter diesem Wert: Metallgewerbe: 1,8 %, Arbeitskräfteüberlassung: 2,0 %, Universitäten: 1,3 %.
Die Sozialpartner preisen für die Folgejahre eine niedrigere Teuerung ein und verteilen das Risiko zwischen Betrieben und Beschäftigten neu. Einen Abschluss unter der Inflationsrate können beide leichter verkaufen, wenn er in einem Zweijahresabschluss verpackt ist.
Für Unternehmen ist das Chance und Verpflichtung zugleich: Chance, weil Kostenpfade kalkulierbarer werden. Verpflichtung, weil der Arbeitgeber intern jede individuelle Vergütung aktiv auf Marktgerechtigkeit prüfen muss, statt jährlich nur nachzuziehen.
3) Fixbeträge statt Prozente: der andere Weg
Zwei Abschlüsse fallen aus dem üblichen Prozent-Schema heraus. Hier haben sich die KV-Partner entschlossen, alle Bezüge mit demselben Fixbetrag zu erhöhen:
- Personenbeförderung mit PKW (z. B. Taxi): +77,50 €
- Angestellte bei Ziviltechnikern: +95,00 €
Solche Fixbeträge wirken unten stärker als oben. Das ist ein bewusstes Verteilungsinstrument und häufig auch ein Versuch, Lohnspreizung und Personalengpässe in Einstiegs- oder Fachrollen zu adressieren, ohne die gesamte Gehaltsstruktur prozentuell zu überhitzen. Für die Gewerkschaft ein guter Deal, denn Spitzenkräfte verhandeln sich ihre Erhöhung selbst und sind weniger auf gute KV-Abschlüsse angewiesen. Darüber hinaus bremsen solche Abschlüsse die hohe Dynamik bei Gehältern von langgedienten Beschäftigten etwas ein.
4) Produzierender Sektor tendenziell niedriger – Dienstleistungen eher höher
In der Tendenz sieht man: Abschlüsse im produzierenden Sektor bleiben deutlich moderater (Metallindustrie +1,41 % plus Einmalzahlungen, Metallgewerbe +1,8 %, Brauereien 2,55 %), während personalintensive Dienstleistungen (Buslenker +3,3 %, Reinigung +3,25 %) etwas höher liegen. Das passt zur wirtschaftlichen Lage: Die Industrie ringt stärker mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit, Nachfrage und Preisdruck; Dienstleistungen kämpfen eher mit Personalmangel und Attraktivität.

5) Reallohnplus über rollierende Inflation: nur wenige Fälle
Über der rollierenden Inflation (und damit im Reallohnplus) landen nur wenige:
- Gebäudereinigung: im Schnitt +3,25 % über alle Lohngruppen.
- Güterbeförderung (Angestellte): durchschnittlich +3,05 %.
- Private Autobusbetriebe: +3,30 %
Kammern
Näher am oberen Ende liegt in diesem Branchenvergleich auch die Arbeiterkammer mit einer Erhöhung der Gehälter um 2,90 %, während sich die Wirtschaftskammer nach den politischen Turbulenzen mittig mit 2,10 % einreiht. Am unteren Ende finden sich die Angestellten der Landwirtschaftskammern mit einem Plus von 1,50 %.
Mit Arbeitsplatzabbau vor Augen werden Lösungen möglich, die noch vor kurzem als undenkbar galten.
Gerald Loacker
6) Die Einmalzahlung ist zurück
Während die Gewerkschaftsvertreter in den letzten Jahren Einmalzahlungen im Rahmen von KV-Abschlüssen vielfach als Verhöhnung rundweg abgelehnt haben, sieht der Abschluss der Metalltechnischen Industrie neben der Prozenterhöhung zwei Einmalzahlungen zu 500 € oder alternativ zweimal zwei freie Tage vor. Mit dem unübersehbaren Arbeitsplatzabbau vor Augen werden nun doch Lösungen möglich, die noch vor kurzem als undenkbar galten.
Die Herbstlohnrunde ging also unter anspruchsvollen wirtschaftlichen Bedingungen weitestgehend frei vom Getöse eines möglichen Arbeitskampfes über die Bühne. Vom Standard abweichende Verhandlungsergebnisse wie Mehrjahresabschlüsse und Fixbeträge sind kein Zufall, sondern Instrumente zur Risikoverteilung und zur Stabilisierung in einem Umfeld, in dem viele Betriebe Lohnkosten stärker denn je als entscheidende Größe erleben.
Wer in seinem Unternehmen Verantwortung trägt, sollte die Runde aber nicht als abgehakt betrachten, sondern als Anlass, die eigene Vergütungsarchitektur zu schärfen: Planbarkeit nach außen, Differenzierung nach innen und eine klare Erzählung, warum das fair und wirtschaftlich notwendig ist.