Inflation ebbt ab, Aufräumarbeiten dauern an
Matthias Reith blickt auf 15 Jahre Erfahrung bei Raiffeisen Research zurück. Als Senior Ökonom analysiert und kommentiert er Österreichs Volkswirtschaft sowie den heimischen Immobilienmarkt. Ferner befasst sich Matthias Reith mit anderen Euroländern sowie der gesamten Eurozone und betrachtet dabei neben der Konjunktur insbesondere fiskalpolitische Fragestellungen.
Ach, wie schön ist Mittelmaß? Mit Blick auf die rot-weiß-rote Inflation zweifellos sehr schön. Nachdem Österreich im Vorjahr noch ein Hochinflationsland war, ging die heimische Inflation zu Jahresbeginn überraschend deutlich zurück. Innerhalb der Eurozone lag Österreich mit der Jänner-Inflation von 2,0 % nur auf dem 14. von 21 Plätzen, im Dezember schrammten wir mit 3,8 % noch knapp an einem Stockerlplatz vorbei. Die rot-weiß-rote Teuerung war damit zu Jahresbeginn erfreulich „unauffällig“. Mit einem Rückgang der Inflation ist gerechnet worden, mit einem so deutlichen nicht.
Einerseits war der Inflationsrückgang im Jänner ein Rückgang „mit Ansage“, Stichwort Strompreisbremse. Es steckt aber mehr dahinter. Zwar wurde mit 1. Jänner unter anderem die Elektrizitätsabgabe gesenkt, doch dies hat die Gesamtinflation nur um 0,1 Prozentpunkte nach unten gedrückt. Zudem wird die Inflation 2027 entsprechend höher ausfallen. Den neuerlichen Eingriffen ist also kaum mehr als 5 % der niedrigeren Jänner-Inflation zuzuschreiben. Dass der inflationäre Ausnahmezustand im Jänner für beendet erklärt werden konnte, liegt also ebenso daran, dass der Teuerungsdruck auch abseits ausgelaufener und neuerlicher Preiseingriffe nachgelassen hat. So hat sich der Preisauftrieb bei Lebensmitteln verlangsamt. Auch Dienstleistungen waren ein geringerer Inflationstreiber als zuvor. Die Lohnabschlüsse vom Herbst sind niedriger ausgefallen, dadurch hat der Lohndruck zuletzt spürbar nachgelassen (Tariflöhne Jänner: +1,9 % p.a.). Insbesondere bei personalintensiven Dienstleistungen musste dadurch wohl nicht mehr so stark an der Preisschraube gedreht werden. Trotzdem bleibt es dabei: Dienstleistungen waren und sind Österreichs Achillesferse in Sachen Inflation. Das gilt insbesondere für die Gastronomie, wo die Preise munter weiter steigen. Im Jänner waren Schnitzel, Melange & Co. um 5,4 % teurer als Anfang 2025, die Jänner-Inflation war damit fast zu einem Drittel eine reine Gastro-Inflation.
Dienstleistungen waren und sind Österreichs Achillesferse in Sachen Inflation.
Matthias Reith
Mit der niedrigeren Jänner-Inflation verbessert sich auch die Ausgangslage für die Folgemonate und damit für das Gesamtjahr 2026. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass einige Inflationsprognosen bereits in Richtung der 2-Prozent-Marke nach unten revidiert worden sind. Auch diverse Einzelmaßnahmen (z. B. Senkung Mwst. auf ausgewählte Lebensmittel ab Juli) werden die Inflation im laufenden Jahr noch etwas drücken.
Daran, dass die Inflation heuer zurückgehen wird, dürfte der Krieg im Iran nichts ändern. Allerdings könnte er das Ausmaß des Rückgangs entscheidend beeinflussen. Der Konflikt ist (auch) mit Blick auf die Inflation die größte Unbekannte. Wie lange bleibt der Ölpreis wie hoch? Die Antwort auf diese Frage wird maßgeblich bestimmen, wie stark der Inflationsrückgang heuer ausfällt. Bleiben Energiepreise (Öl z. B. bei etwa 80 USD/Fass) auf dem aktuellen Niveau, würde die Inflation heuer um gut 0,2 Prozentpunkte höher sein. Auch wird es darauf ankommen, wie sehr sich Produkte und Dienstleistungen abseits der Zapfsäule verteuern, wie stark also Zweitrundeneffekte ausfallen. Werden Öl & Co. nur kurzzeitig teurer, kann das aber vernachlässigt werden, auch weil der Überwälzungsspielraum angesichts der immer noch verhaltenen Konjunktur begrenzt ist.
Die Inflation ist vom Gipfel herabgestiegen und wieder im Tal angekommen. Ist jetzt alles „wieder gut“? Nein. Denn ungeschehen macht das die letzten Jahre des inflationären Ausnahmezustands nicht. Die Inflation ist wieder auf dem Niveau des Frühjahrs 2021 angekommen, das Preisniveau ist es nicht. Konsumentinnen und Konsumenten müssen heute um 28 % tiefer in die Tasche greifen als vor fünf Jahren (Jänner 2026 ggü. Jänner 2021), in der Eurozone dagegen lediglich um 22 %. In keinem anderen westeuropäischen Land ist das Leben schneller teurer geworden. Die Inflation in Österreich hat in den letzten Jahren ein deutlich höheres Tempo an den Tag gelegt als in der Eurozone, das Preisniveau hat sich dadurch einen großen Vorsprung „erarbeitet“. Nun verlangsamt sich die rot-weiß-rote Inflation stärker als andernorts. Die Fahrtgeschwindigkeit ist damit aber immer noch höher, im Euro-Schnitt dürften die Verbraucherpreise 2026 nur um 1,8 % steigen (RBI-Prognose).
Trotz „Normalisierung“ der rot-weiß-roten Inflation, wird der „Vorsprung“ also auch heuer größer. Um den in den letzten Jahren entstandenen „Österreich-Aufschlag“ beim Preisniveau wieder abzubauen, müssten die Preise demnach mehrere Jahre lang langsamer steigen als in der Eurozone. Das ist wünschenswert, wahrscheinlich ist es nicht. Immerhin sind die Preise in Österreich auch vor den inflationären Kapriolen der letzten Jahre schneller nach oben geklettert – seit 2011 bis Pandemiebeginn im Schnitt um 0,6 Prozentpunkte pro Jahr. Höhere Inflationsraten in Österreich sind also nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das liegt ausschließlich an schneller steigenden Dienstleistungspreisen, die somit den Kern des österreichischen Inflationsproblems darstellen. Und selbst wenn es Österreich gelänge, die Rollen zu tauschen und von nun an eine um 0,6 Prozentpunkte niedrigere Inflation aufzuweisen, würde es nicht weniger als 8 Jahre dauern, um den inflationären Ausnahmezustand der letzten Jahre tatsächlich ungeschehen zu machen.
Dass die Inflation heuer etwas niedriger ausfallen dürfte als in den diversen Dezember-Prognosen unterstellt, macht es für die Industrie leichter, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Leicht wird es trotzdem nicht. Am Umstand, dass die Inflation ein paar Jahre lang die absolute Obergrenze und nicht die Untergrenze sein muss, ändert sich trotz niedrigerer Inflation nichts. Die letzten Lohnabschlüsse waren erste Schritte in die richtige Richtung, auf die weitere dieser Art folgen müssen. Die Inflationswelle ist abgeebbt, die Aufräumarbeiten werden uns aber noch lange beschäftigen.