Land am Strome: Vom Ausbau zur Unabhängigkeit

27. Oktober 2025Lesezeit: 3 Min.
Kommentar von Barbara Schmidt

Barbara Schmidt ist seit 2007 Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung von Österreichs E-Wirtschaft. Davor war sie unter anderem in der Rechtsabteilung der E-Control Austria und als Klubreferentin im österreichischen Parlament tätig. Sie hat das Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien absolviert. Sie ist Coach und Mediatorin.

 

Österreichs Souveränität ist nicht selbstverständlich. Vor 70 Jahren haben wir sie politisch zurückgewonnen – und energiewirtschaftlich durch den konsequenten Ausbau der Wasserkraft gefestigt. Rund um den Nationalfeiertag am 26. Oktober erinnern wir uns jedes Jahr daran. Doch das reicht nicht mehr – das hat uns die Energiekrise der vergangenen Jahre deutlich vor Augen geführt. Steigende Energiepreise infolge geopolitischer Spannungen und fragiler Lieferketten zeigen schmerzhaft unsere Abhängigkeit von internationalen Entwicklungen.

Der Nationalfeiertag ist auch ein guter Anlass, um den Blick nach vorne richten: Wo wollen wir in 20 Jahren stehen? Wenn wir als Volkswirtschaft weniger anfällig für internationale Krisen werden wollen, müssen wir in unsere Resilienz und unsere Versorgungssicherheit investieren. Im Energiebereich heißt das, Herausforderungen vor allem mit eigenen Ressourcen zu bewältigen. Wir müssen noch mehr mit dem arbeiten, was wir in Österreich haben: Energie aus Wasser, Sonne und Wind, leistungsfähige Speicher verbunden durch starke Netze. Hier können wir auf eine solide Basis aufbauen. Im Vorjahr wurde der jährliche Stromverbrauch bereits zu 94 % aus erneuerbaren Quellen gedeckt – ein Rekord und ein Beleg, dass die Transformation unseres Energiesystems erfolgreich voranschreitet.

Investitionen statt Importe

Trotz dieser Fortschritte zeigt der Blick auf den gesamten Energieverbrauch aber ein anderes Bild: Nur etwas mehr ein als ein Drittel unserer Energie stammt aus Österreich, der Rest wird importiert. Rund zehn Milliarden Euro haben wir im vergangenen Jahr dafür insgesamt ausgegeben.

Aus ökonomischer Sicht ist die Entscheidung daher klar: Zwei von drei Euro, die wir in heimische Erzeugung, Netze und Speicher investieren, bleiben im Land. Diese Investitionen schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze – in Bau, Industrie und Dienstleistungssektor. Die E-Wirtschaft sichert bereits jetzt in verschiedeneren Branchen über 100.000 Stellen und trägt 4 % zum Bruttoinlandsprodukt bei – deutlich mehr als viele andere Branchen. Gleichzeitig senken Investitionen in die eigene Stromerzeugung mittelfristig unsere Kosten für Energieimporte, machen uns unabhängiger von internationalen Energiemärkten und stärken die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts. Mit jedem neuen Kraftwerk, mit jeder neuen Leitung, mit jedem zusätzlichen Speicher wächst nicht nur unser Energiesystem, sondern auch unsere Selbstbestimmung in Energiefragen.

Erneuerbare Projekte sollten weniger als Störung des Landschaftsbildes, sondern mehr als Zeichen der Souveränität gesehen werden.

Barbara Schmidt

Erzeugung, Verbrauch, Flexibilität

Was ist also konkret zu tun? Erstens: Erneuerbare weiter ausbauen und klug ins Netz integrieren. Zweitens: Elektrifizieren, wo immer es sinnvoll ist – Mobilität, Raumwärme, Industrieprozesse. Elektrifizierung bedeutet nicht nur mehr Effizienz und lässt daher unseren gesamten Energieverbrauch sinken, es ist auch der Umstieg auf einen Energieträger, den wir bereits heute überwiegend aus erneuerbaren heimischen Quellen herstellen. Drittens: Speicher und Netze ausbauen. Strom aus Sonne und Wind folgt seinem eigenen Rhythmus; ein modernes Stromsystem muss daher den räumlichen und zeitlichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage schaffen. Digitale Technologien spielen dabei eine zentrale Rolle, doch wir brauchen dafür auch deutlich mehr Flexibilität auf der Nachfrageseite. Wenn es sich lohnt, den Strom dann zu verbrauchen, wenn er in großen Mengen verfügbar ist, können wir die Energieinfrastruktur bestmöglich auslasten und Kosten breit verteilen.

Die Ziele sind gesetzt – bis 2040 soll der heimische Energiebedarf vollständig aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Daran arbeiten die Unternehmen der Energiewirtschaft mit Hochdruck. Was noch fehlt, ist das rot-weiß-rote Mindset für den Umbau des Energiesystems, in dem die Kosten als Investitionen in unsere resiliente Zukunft und die Projekte weniger als Störung des Landschaftsbildes, sondern als Zeichen der Souveränität gesehen werden.

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