Öl und Gold vom Krieg unterschiedlich betroffen
Monika Rosen war mehr als 20 Jahre Chefanalystin einer heimischen Großbank. In ihrer aktuellen Funktion als Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft ist sie weiterhin gefragte Spezialistin zu allen Themen rund um den Finanzmarkt.
Seit dem Ausbruch des Krieges im Iran haben die Märkte nur mehr einen Angstgegner: den Ölpreis! Die Straße von Hormus ist derzeit, zumindest für westliche Tanker, de facto unpassierbar. Das hat bereits enorme Auswirkungen auf den Ölpreis, der zuletzt die Marke von 100 Dollar übersprungen hat und keine Anstalten macht, sich zu entspannen.
Die weitere Entwicklung wird ganz wesentlich davon abhängen, wie lange die Sperre der Straße von Hormus anhält. Laut aktuellen Schätzungen könnte Öl über die Marke von 160 Dollar schießen, wenn die Situation innerhalb von drei Monaten (sprich bis Ende Mai) nicht gelöst ist. Allerdings gehen Analysten zunehmend davon aus, dass der Krieg auch nach einem Waffenstillstand Auswirkungen auf die Ölmärkte haben wird. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass sich eine Art Risikoprämie im Ölpreis verfestigt, eben weil die Straße von Hormus nicht mehr als einigermaßen sicherer Transportweg anzusehen ist.
Gleichzeitig sollte man meinen, dass ein Krieg im Mittleren Osten den Goldpreis massiv in die Höhe treibt. Dem ist aber absolut nicht so. Obwohl das Edelmetall seit Jahresbeginn über 15 % zugelegt hat, kann es von der aktuellen Situation nicht wirklich profitieren. Auch das ist eine unmittelbare Auswirkung der gestiegenen Energiekosten. Die lassen die Inflation, die man einigermaßen unter Kontrolle erachtet hat, wieder anspringen und machen damit Zinsanhebungen erneut zum Thema. Auch wenn die internationalen Notenbanken noch nicht gleich zur Tat schreiten, so sind doch Zinssenkungen für den Moment so gut wie ausgeschlossen. Selbst die US-Notenbank wird ihrem Präsidenten den so nachdrücklich geäußerten Wunsch nach Zinssenkungen wohl nicht erfüllen können, solang der Ölpreis jenseits der 100 Dollar rangiert und das Inflationsziel der Fed seit fünf Jahren nicht erreicht wird. Und in der Eurozone gibt der Markt einer Zinsanhebung im ersten Halbjahr bereits eine Wahrscheinlichkeit von 60 %!
Für Europa liegt ein Teil der Problematik in der Aufwertung im Dollar. In der aktuellen Krise wenden sich die Marktteilnehmer wieder verstärkt der US-Währung zu, was aber die Energiekosten diesseits des Atlantiks noch mehr anschiebt. Der gestiegene Dollar und die Aussicht auf Zinsanhebungen belasten in Summe ihrerseits den Goldpreis. Da Gold keine Zinsen abwirft, verliert es an Glanz, wenn Zinsanhebungen am Horizont auftauchen. Und die Aufwertung im Dollar macht Gold für all jene, die den Greenback nicht als Heimatwährung haben, noch teurer. Beides hat die Nachfrage nach dem Edelmetall nicht so angeschoben, wie man es vielleicht angesichts der Drohkulisse annehmen sollte.