Plädoyer für die Permanenz-Erklärung des Sommerlochs

Alexander Purger ist Redakteur der Salzburger Nachrichten und schreibt die satirische Kolumne „Purgertorium“. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter der Kanzlerbiografie „Wolfgang Schüssel – Offengelegt“.
Keine Frage: Wir befinden uns mitten im Sommerloch. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Zeitungssprache und kennzeichnet eine Zeitspanne, in der nachrichtenmäßige Flaute herrscht und sich das öffentliche Interesse daher automatisch der Flora und vor allem Fauna im schottischen Loch Ness zuwendet. Mittlerweile hat sich das Sommerloch aber auch als fixer Bestandteil des heimischen Politkalenders etabliert und bezeichnet eine Zeit, in der man als Politiker einfach nichts tun muss.
Die Annahme, die hinter diesem kollektiven Nichtstun steht, lautet, dass die Leute („Die Menschen draußen“, wie man früher sagte) im Sommer von der Politik nichts wissen wollen, sondern sich ausschließlich für Liegestühle, Eis und Bier interessieren. Jede politische Äußerung oder gar – horribile dictu! – Handlung sei daher vergebliche Liebesmüh, weswegen man sich als Politiker im Sommer seiner Lieblingsbeschäftigung hingeben und eben nichts tun kann.
Da die Zeitungsseiten und Nachrichtensendungen aber trotzdem gefüllt werden müssen, erfindet man sogenannte Sommerloch-Themen. Sie werden mehr oder weniger beliebig ausgewählt, mit allerlei nichtssagenden, vor allem aber folgenlosen Stellungnahmen garniert und dann wieder bei Seite gelegt, um zum nächsten Sommerloch-Thema zu greifen. Da hatten wir neulich zum Beispiel die Debatte über die Reform der Krankenkassen: Jeder – wirklich jeder – durfte einmal sagen „Es muss was g’schehen!“ und damit hatte es sich. Thema abgehandelt, Problem abgehakt. Nächste Frage.
Diese sommerlich-leichte, unbeschwerte Art des Politikmachens kommt den Bedürfnissen aller Beteiligten entgegen und sollte daher nicht auf Juli und August beschränkt bleiben, sondern unbedingt auf das ganze Jahr ausgedehnt werden. Denn wer will sich schon, um beim erwähnten Thema zu bleiben, wirklich mit den Details und Dysfunktionalitäten des österreichischen Gesundheitssystems auseinandersetzen? Das ist kompliziert, langwierig, politisch undankbar und für die breite Bevölkerung uninteressant. Wozu also?
Das gleiche gilt für das Pensionssystem. Mit einem sommerlich-flotten „Höheres Pensionsalter? Sicher nicht!“ ist zu dem Thema alles gesagt, was es zu sagen gibt. Mehr würde die Leute nur verwirren und die eigene politische Karriere beschädigen, wenn nicht gar beenden. Wozu also? Oder nehmen wir das Thema Schuldenberg. Ja, das Land Kärnten muss jetzt sogar schon Schulden aufnehmen, um seinen Schulden bedienen zu können. Das heißt, das Wasser steht den Kärntnern nicht mehr bis zum Hals, sondern bereits bis eine Handbreit über den Haarspitzen. Da ist „Pleite“ ein Hilfsausdruck dafür. Aber wer will das schon so genau wissen? Und wer will hören, dass der Bund ziemlich genau hundert Mal so viele Schulden hat wie Kärnten? Das sind Zahlen, unter denen sich Otto und Ottilie Normalverbraucher ohnehin nichts vorstellen können. Wozu also?
Keine Frage: „Es muss was g’schehen!“ Aber mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Und das nicht nur im Sommerloch.