Warum China an einer KI-Mensch-Fusion arbeitet

15. Oktober 2025Lesezeit: 3 Min.
Bernhard Seyringer Illustration
Kommentar von Bernhard Seyringer

Bernhard Seyringer ist Politikanalyst und Technologie-Berater bei AFUSS Consulting. Seine thematischen Schwerpunkte fokussieren „Strategic Foresight“ und „Neue Technologien und Internationale Politik“. Seyringer ist zudem Experte für digitale Geopolitik.

China beschleunigt die Entwicklung des Industriesektors „Künstliche Intelligenz“ seit Sommer dieses Jahres deutlich. Das liegt daran, dass wir im finalen Jahr des 14. Fünfjahresplans (2021-2025) liegen und die Führung sowohl die Erfüllung der darin gesetzten Ziele melden möchte, sich damit aber gleichzeitig am Nationalen Volkskongress im März 2026 möglichst breite Zustimmung für ihre Politik sichern möchte. Quer durch die Parteiflügel ist mittlerweile bekannt, dass Technologie der Schlüssel zur Führungsrolle in der Welt ist. Einer Welt, die seit der Politbürositzung im April dieses Jahres, offiziell mit „Internationaler Wirtschafts- und Handelskrieg“ beschrieben wird.

Peking will diesen Handelskrieg mit dem Westen gewinnen, und setzt massiv auf „Künstliche Intelligenz“: Eine Technologie die als Schlüsseltechnologie zur Dominanz wesentlicher Zukunftssektoren betrachtet wird und seit Jahrzehnten als Geheimwaffe gilt. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist, die im Westen gerne übersehene Tatsache, dass der 2017 verabschiedete, Nationale Aktionsplan für KI in China, eine „Fusion“ zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz anstrebt und Forschungszweige priorisiert, die an der Schnittstelle zwischen KI und den Neurowissenschaften arbeiten. Diese „Fusion“ soll eine dem menschlichen Gehirn ähnliche Artificial General Intelligence (AGI) entwickeln helfen, von der die Forschung aber ewig weit entfernt liegt. In China gilt das aber als höchstes Staatsziel und wird stets mit den Anstrengungen des ersten Zwölfjahresplans von 1956 verglichen, aus dem die Atombombe, die Wasserstoffbombe und der erste Satellit des Landes hervorgingen. Im Westen werden diese Forschungsansätze fast vollständig ausgeblendet.

In China gilt die Entwicklung einer Artificial General Intelligence als höchstes Staatsziel.

Bernhard Seyringer

Die jüngsten KI-Pläne

Ende Juli hat ein Konsortium unter Führung des Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) eine Strategie veröffentlicht, die die Entwicklung von Brain-Computer Interfaces (BCI) vorantreiben soll – also Apparate, die eine bi-direktionale, direkte Kommunikation zwischen Computer und menschlichem Gehirn ermöglichen. Mit klaren Entwicklungszielen bis 2027 und einer geplanten Serienproduktion bis 2030. Eine Kampfansage an Elon Musks „Neuralink“. Ein Monat später wurde die bereits im März 2024 verabschiedete „KI-Plus“-Initiative detailliert ausgerollt: Ein Plan für die Integration von KI-Tools in praktisch alle Lebensbereiche, mit klaren sozio-ökonomischen Entwicklungszielen von der Steigerung der Produktivität, über die Steigerung der Nachfrage nach Dienstleistungen, bis hin zur Lösung des demographischen Problems. Im Plan werden Schnittpunkte zu Metaverse und BCI hergestellt, mit deren Hilfe, neue Dienstleistungsformate und damit verbundene Business-Modelle entwickelt werden sollen.

Dazu zählt auch der Sektor „Humanoide Robotik“, dessen erster Entwicklungsplan bereits im November 2023 veröffentlicht wurde. Die feinkörnigere Neuauflage vom September dieses Jahres zeigt deutlich, dass diese Technologie unter dem Stichwort „Embodied AI“, eine gewichtige Rolle im nächsten Fünfjahresplan spielen wird.

Strebt das Land noch nach AGI?

Die „KI-Plus“-Initiative ist für etliche westliche Analysten vor allem dahingehend interessant, weil die Suche nach der „AGI“ erstmal nicht als klares Ziel erwähnt wird. Hat China also aufgehört, danach zu streben? Hat sich das Land etwa auf den pragmatischen Weg einer anwendungsorientierten KI-Forschung begeben? Nein. Wie in manch anderen Beispielen reagiert das Land auf internationale Kritik, in dem es den umstrittenen Begriff in der Öffentlichkeit einfach weglässt.

Die wesentlichen technologiepolitischen Weichenstellungen der letzten Jahre, wie die Reaktivierung des „Neuen Nationalen Systems“, was einfach eine modernisierte Neuauflage des traditionellen maoistischen Volksmobilisierungsansatzes ist, oder die Unterordnung der zuständigen Ministerien unter eine Kommission der KP zeigen deutlich, dass die Führung erwartet, dass sich alle Akteure der ideologischen Ausrichtung der Partei unterwerfen.

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