Wie sich der Finanzminister die Industrie schön rechnet

10. März 2026Lesezeit: 4 Min.
Sara Grasel Illustration
Kommentar von Sara Grasel

Sara Grasel ist Chefredakteurin von Selektiv. Sie ist seit fast 20 Jahren Wirtschaftsjournalistin mit Stationen bei „Die Presse“, Trending Topics und brutkasten. Zuletzt war sie Chefredakteurin der Magazine der Industriellenvereinigung.

Mit der Industriestrategie ist der Regierung tatsächlich etwas gelungen. Es gibt viel Lob für den Fokus auf Schlüsselindustrien – endlich ist sie da, die wirtschaftspolitische Vision, die so lange gefehlt hat. Die Herzen erobert hat die Regierung aber mit dem klaren Ziel, bis 2035 in die Top 10 der Industrienationen innerhalb der Oecd aufzusteigen. Die Glücksgefühle sind so stark, dass offenbar niemand genauer hingesehen hat. 

Gemeint ist mit den Top 10 laut Wirtschaftsministerium der Industrieproduktionsindex der Oecd. Dieser Index misst den Zuwachs des Volumens der Industrieproduktion seit dem Basisjahr 2015 anhand der von nationalen Statistikämtern eingemeldeten Daten. Auf Nachfrage sendet das Ministerium das darauf basierende Ranking von 2022. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, aber das war das Jahr nach Corona, das uns ein kleines Wirtschaftswunder bescherte, weil so viel aufzuholen war: ein sattes Plus von 4,8 % steht da beim Wirtschaftswachstum. Österreich lag 2022 im Industrieproduktionsindex auf Platz 12. Dann kam die Rezession und ein deutlicher Abstieg bei der Wettbewerbsfähigkeit, getrieben durch hohe Lohn- und Energiekosten. 2024 liegt Österreich schon auf Platz 16. 

Wenn man sich den Index ansieht, könnte man glatt meinen, dass es der heimischen Industrie eh nicht so schlecht geht. 2024 lag Österreich im Vergleich zum Basisjahr um rund 12 % im Plus. Richtig erkannt: Es ist dieser Indikator, den Marterbauer und Co. heranziehen, um genau das zu behaupten. Der Finanzminister geht dabei ganz gerne noch weiter zurück und nimmt als Basisjahr 2000 an, um dann ein Produktionsplus von 70 % zu errechnen. Wild, dass das jetzt so prominent Einzug in die Industriestrategie gefunden hat. Mit dem Industrieproduktionsindex gibt es nämlich ein Problem. Er bezieht sich nämlich auf das Produktionsvolumen. Wenn ein Unternehmen mehr Vorprodukte importiert und damit in Österreich mehr Produkte herstellt, steigt der Wert. Module aus China, die in Österreich in eine Anlage geschraubt werden, schaffen hier aber keine Arbeitsplätze, sie generieren keine Wertschöpfung – sie heben lediglich den Produktionswert. Dadurch ergibt sich ein verzerrtes Bild über die Lage der Industrie in Österreich. Anders ausgedrückt: Wenn ein Werk in Österreich zusperrt und der Konzern das dort produzierte Produkt ab sofort z. B. in Tschechien herstellen lässt und es dann wieder nach Österreich importiert, um es in ein heimisches Produkt einzubauen, dann sind in Österreich Arbeitsplätze verloren gegangen, der Produktionswert bleibt aber unbeeindruckt. Der Industrieproduktionsindex ist also eher ungeeignet, um den Zustand oder die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie zu messen.

Der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung ist in den vergangenen Jahren hingegen deutlich gesunken. Hier sind wir beim blanken unternehmerischen Erfolg, denn bei der Wertschöpfung sind die Vorleistungen bereits abgezogen. Es wäre also sehr ehrlich zu sagen, wir wollen, dass die Industrie wieder einen größeren Anteil an der Wertschöpfung hat, weil dort hochqualitative und gut bezahlte Jobs geschaffen werden und an Zukunftsthemen geforscht wird. 2024 lag der Anteil in Österreich bei 16,9 % – ein Rückgang um 12,9 % seit 2015, während beim Industrieproduktionsindex ein Plus von 12 % stand. Da ist natürlich eine weitaus größere Kraftanstrengung notwendig, um das wieder gerade zu biegen. Dem Wirtschaftsminister ist das alles wohl bewusst – Wolfgang Hattmannsdorfer ergänzt bei jedem Auftritt das Ziel der Top 10 mit dem Ziel, den Industrie-Anteil an der Bruttowertschöpfung wieder auf rund 20 % zu steigern – in der Industriestrategie ist lediglich erwähnt, dass der Wertschöpfungsanteil gemessen werden soll. Es bringt halt auch nichts, sich die Industrie schönzurechnen, während still und heimlich immer mehr Produktion ins Ausland verlagert wird, weil dort die Rahmenbedingungen besser sind.   

Dem Produktivitätsrat ist übrigens noch ein Problem mit der Industriestrategie aufgefallen. Während die „Zielebene“ ausreichend durchdekliniert ist, ist der Weg dorthin eher ungefähr abgesteckt. Zwei Drittel der Maßnahmen sind „Absichtserklärungen oder allgemeine Problembeschreibungen“. Außerdem fehlen klare Zuständigkeiten und selbst die Frage der Finanzierung bleibt laut Produktivitätsrat weitgehend unbeantwortet. Mit anderen Worten: Nachdem die Häuptlinge die Richtung vorgegeben haben, müssen jetzt die Indianer an die Sache ran. Vermutlich wird es doch komplizierter, Österreich wieder zu einer Top-Industrienation zu machen.

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