Ab kommendem Jahr soll die Sommerschule für Schüler mit Defiziten in Deutsch und Mathematik verpflichtend werden. Bildungsminister Christoph Wiederkehr rechnet damit, dass sich die Zahl der Sommerschüler dadurch verdoppeln wird. Budgetiert sind dafür „10 Millionen Euro extra“. Für die AHS-Oberstufe werden derzeit die Lehrpläne überarbeitet – mehr Demokratiebildung, Medienbildung sowie Wirtschaftsbildung. Um dafür Raum zu schaffen, sollen andere Themen reduziert werden: „Nicht immer nur on top – modernisieren heißt auch, Sachen loszulassen“, so Wiederkehr.
Ab nächstem Jahr soll die Sommerschule verpflichtend sein. Es gibt schon jetzt zu wenige Lehrer – wer soll in der Sommerschule unterrichten?
Christoph Wiederkehr: Die Sommerschule ist ein echtes Erfolgsprojekt in den letzten Jahren gewesen. Und wir sehen, dass sehr viele Lehrkräfte auch in der Sommerschule arbeiten wollen. Es ist nämlich ein attraktives Angebot.
Es gibt hier eine zusätzliche Bezahlung von 60 Euro pro Stunde oder eine Reduzierung der Stunden unter dem Schuljahr. Also es haben sich deutlich mehr heuer beworben, als wir nehmen konnten. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch für die verpflichtende Sommerschule für alle Schülerinnen und Schüler, die nicht ausreichend Deutsch können, ausreichend Lehrkräfte finden werden.
Gerade in Wien, wo es sicher einen großen Bedarf gibt, herrscht aber ein Lehrermangel – wie soll sich das ausgehen?
Es gibt noch immer einen regionalen Lehrermangel. Wir sehen aber, dass sich die Lage etwas entspannt hat. Es ist aber weiterhin viel Arbeit notwendig, um ausreichend Lehrkräfte zu finden.
Wir sehen, dass die Anzahl der Studienbeginner steigt und dass auch mehr Quereinsteiger in die Schule wollen, nämlich in einem zweiten Berufsweg. Das ist eine gute Nachricht. Mein Ziel ist es, den Lehrerberuf weiter aufzuwerten.
Bis zu 80.000 Schüler werden österreichweit die Sommerschule besuchen.
Wieviele außerordentliche Schülerinnen und Schüler gibt es und wieviele Lehrer wird es dafür brauchen?
Wir hatten zuletzt 39.500 Schülerinnen und Schüler in der Sommerschule. Das war ein Rekord. Wir gehen davon aus, dass es ungefähr eine Verdopplung geben wird. Das heißt, dass bis zu 80.000 Schülerinnen und Schüler österreichweit die Sommerschule besuchen werden. Damit brauchen wir auch doppelt so viele Lehrkräfte wie aktuell in der Sommerschule. Ich bin optimistisch, dass es uns gelingen wird, hier ausreichend Lehrkräfte zu gewinnen. Es ist ein attraktives Angebot sowohl für Lehramtsstudierende, die das am Schluss ihrer Ausbildung machen können, und auch für Lehrkräfte.
Wieviel wird das angesichts des Budgetdefizits kosten?
Dafür sind 10 Millionen Euro extra budgetiert.
Rund 40 Prozent der Jugendlichen verlassen die Pflichtschule mit massiven Defiziten in Lesen, Rechnen oder Schreiben – sollten die Sommerferien vielleicht auch für die Schüler gekürzt werden?
Unser Ziel ist es, mit der Sommerschule die Grundkompetenzen zu stärken. Insbesondere in der deutschen Sprache, aber auch Mathematik wird dort vermittelt. Das wird verpflichtend für außerordentliche Schüler, um ihre Grundkompetenzen zu stärken. Das ist wichtig und sinnvoll. Von einer allgemeinen Verkürzung der Ferien halte ich aktuell nichts. Das ist auch nicht im Regierungsprogramm vereinbart. Dafür sind viele Projekte vorgesehen, um die Grundkompetenzen zu stärken. Beispielsweise soll ab nächstem Schuljahr 2026/2027 ein Chancenbonus kommen, um insbesondere die Schulstandorte zu stärken, die besondere Herausforderungen haben und wo viele Schüler die Grundkompetenzen nicht beherrschen.
Sie sehen eine Renaissance des Lehrberufs. Vergangenes Schuljahr sind in einigen Bundesländern Stellen unbesetzt geblieben – wie sieht es heuer aus?
Wir hatten heuer um 17 Prozent mehr Bewerbungen als im letzten Schuljahr. Es waren 16.000 Personen, die gerne eine Stelle in der Schule haben möchten. Die Bewerbungslage ist gut. Es gibt aber weiterhin regional einen Lehrermangel. In manchen Bereichen in der Volksschule, in anderen Regionen im Bereich der Mittelschule. Das ist regional sehr unterschiedlich. Die Lage sieht aber schon besser aus als im letzten Jahr.
Es wird in jeder Klasse Unterricht stattfinden.
Wie sieht der Schulstart aus, wenn Lehrer fehlen?
Es wird in jeder Klasse Unterricht stattfinden. Es gibt ja Möglichkeiten, beispielsweise über Überstunden noch fehlendes Lehrpersonal zu ergänzen. Das hat in der Vergangenheit mit großen Herausforderungen funktioniert. Die Lage entspannt sich zwar, aber es wird weiterhin regional notwendig sein, den Mangel durch Überstunden zu kompensieren.
In welchen Schulformen fehlen am meisten Lehrer?
Wir sehen, dass der Lehrermangel in der Volksschule wohl schon in den nächsten zwei bis drei Jahren behoben werden wird. Wir sehen aber in manchen Fächern, insbesondere in der Mittelschule, dass es einen Mangel gibt. Manche naturwissenschaftliche Fächer wie Physik, aber auch z. B. Turnen sind weiterhin Mangelfächer.
Das Bildungssystem in Österreich ist teuer, trotzdem gehören wir beim Pisa-Test nicht gerade zu den Spitzenreitern. Was sind die großen Kostentreiber? Wo könnte man sparen?
Wir investieren in Österreich zu wenig in die frühkindliche Bildung. Das heißt im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich wenig im Bereich des Kindergartens und auch zu wenig im Bereich der Volksschule. Insbesondere höhere Schulformen sind hier teurer. Wir wissen, je früher wir ansetzen, desto mehr haben wir davon. Darum setzen wir bei neuen Projekten insbesondere auf die frühe Bildung und setzen auch das neue Geld, das wir trotz schlechten Budgets bekommen haben, für diese Schülergruppe ein.
Gespart werden könnte also bei höheren Schulformen?
Wir haben für die nächsten zwei Jahre ein Budget ausverhandelt. Da wird es einen Konsolidierungsbeitrag des Bildungsministeriums in Höhe von 74 Millionen Euro geben. Wir sparen insbesondere in der Verwaltung ein und bei externen Aufträgen – nur minimal im Bereich dessen, was in der Schule ankommt. Eine Maßnahme, die gesetzt werden musste, ist Teamteaching in Kleinklassen zu reduzieren. Wenn unter 14 Schülerinnen und Schüler in der Klasse sind, werden nicht mehr zwei Lehrpersonen gleichzeitig unterrichten können. Das war eine notwendige Einsparungsmaßnahme.
Gleichzeitig ist es aber gelungen, das Bildungsbudget deutlich zu erhöhen, um über 450 Millionen Euro, um beispielsweise neue Projekte für die Volksschule zu starten. Ein Projekt, das wir schon gestartet haben, ist eine Verdopplung der Deutschförderung. Das hat immerhin zusätzliche 70 Millionen Euro gekostet.
Modernisieren heißt auch, Sachen loszulassen.
Derzeit wird die Finanzbildung und die Digitalbildung an den Schulen gestärkt – wenn es zu einer Verschiebung des Kompetenzkanons kommt, muss man dann auch Loslassen können? Gibt es Fachbereiche oder Teile davon, die Sie streichen würden, um anderen Themen mehr Raum geben zu können?
Wenn neue Themen dazukommen, ist es auch notwendig, Freiräume für diese neuen Themen zu schaffen. Das ist mir beim Ausarbeiten von neuen Lehrplänen besonders wichtig. Aktuell arbeiten wir an der AHS-Oberstufe, um hier die Lehrpläne grundsätzlich zu erneuern und zu modernisieren und neue Fragestellungen wie Demokratiebildung, Medienbildung oder auch Wirtschaftsbildung stärker in den Lehrplan zu nehmen. Da müssen gleichzeitig auch andere Sachen reduziert werden. Das wird gerade intensiv diskutiert, besprochen, das ist mir aber auch wichtig: Nicht immer nur on top – modernisieren heißt auch, Sachen loszulassen.
Gibt es schon so einen Vorgeschmack, was das sein könnte?
Das kann ich nicht vorgreifen, nachdem die Arbeitsgruppen dazu noch tagen.