Morning in Brief

Morning in Brief, 17. Juni 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel, Gregor Plieschnig und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Fiskalrat: Konsolidierung der Regierung ungenügend. In seiner aktuellen Prognose für die Jahre 2024-2029 rechnet der Fiskalrat mit einem deutlich höheren Defizit als im Budgetfahrplan vorgesehen. Im Jahr 2029 fehlen aus jetziger Sicht 5,4 Mrd. Euro an Konsolidierungsvolumen. Das staatliche Defizit soll statt den von der Regierung anvisierten 2,8 % des BIP bei 4,2 % stagnieren und damit auch mittelfristig die Maastricht-Obergrenze von 3 % verfehlen. Der Schuldenstand würde mit 91,1 % (2029) den höchsten Wert in der Zweiten Republik erreichen. Die Zinsquote für den staatlichen Schuldendienst steigt bis 2029 auf 2,4 % des BIP (2024: 1,5 %). Gründe für die Abweichung sind einerseits der Umstand, dass der Fiskalrat nur bereits konkretisierte Konsolidierungsmaßnahmen einberechnen kann sowie vor allem die Erwartung mittelfristig höherer Staatsausgaben – 2029 wird mit 6,7 Mrd. Euro ungeplanten Mehrausgaben gerechnet. Neben der konsequenten Umsetzung der Konsolidierungsmaßnahmen der Regierung empfiehlt der Fiskalrat vor allem strukturelle Reformen im Bereich Verwaltung, Gesundheit und Pflege sowie eine weitere Anhebung des effektiven Pensionsantrittsalters. [Quelle: Fiskalrat]

Kommentar: Warum Österreich von hohen Zinsen profitieren würde
von Heike Lehner

Je produktiver eine Volkswirtschaft ist, desto höher kann auch ihr natürlicher Realzins sein. Wenn Investitionen wieder echte Renditen versprechen, Innovationen sich auszahlen und Unternehmen produktiver arbeiten, steigt auch die „gesunde“ Zinsgrenze – also das Niveau, über dem Geldpolitik überhaupt erst als bremsend wirkt. Und je höher dieses Niveau ist, desto mehr Spielraum hat die EZB, die Zinsen zu senken.

Grafik (von Christoph Hofer): Österreich tritt in Sachen Wettbewerbsfähigkeit auf der Stelle. Im entsprechenden Ranking des Lausanner Instituts IMD verharrt das Land unverändert zum Vorjahr auf dem schwachen Platz 26. Deutschland konnte sich hingegen um 5 Plätze auf Rang 19 verbessern. Die Schweiz hat heuer Singapur von Platz 1 verdrängt. In den Teilbereichen wirtschaftliche Entwicklung und Regierungseffizienz schnitt Österreich mit jeweils Rang 40 besonders schlecht ab. Bei der Steuerpolitik gehört man mit Platz 64 zu den schlechtesten Ländern. Bessere Noten gab es für das heimische Unternehmensumfeld (Rang 26) und die Infrastruktur (Rang 14). [Quelle: IMD]

🇦🇹 Bank Austria rechnet mit Mini-Wachstum 2025. Die Ökonomen der Bank Austria gehen heuer für Österreich von einem Wirtschaftswachstum von 0,1 % aus – in der letzten Prognose stand noch ein Minus von 0,2 %. Die Nationalbank prognostizierte kürzlich ein Wachstum von 0,3 % für 2025. Hintergrund ist die jüngste Korrektur der Statistik Austria für die BIP-Zahlen der vergangenen Quartale sowie die Verbesserung des Konjunkturindikators der Bank Austria, der im Mai auf -0,2 Punkte stieg – der beste Wert seit einem Jahr. Die Stimmung ist im Dienstleistungssektor gestiegen, in der Industrie weniger pessimistisch, und auch das Konsumentenvertrauen ist gestiegen. Im Bausektor trübte sich die Stimmung ein. [Quelle: Bank Austria

🇦🇹 Bund erhielt 2024 1,26 Mrd. Euro an ÖBAG-Dividenden. Die staatlichen Beteiligungen an Unternehmen brachten dem Bund vergangenes Jahr in Summe 1,26 Mrd. Euro an Dividenden und Sonderzahlungen ein. Das sind um 400 Mio. Euro oder 25 % weniger als 2023. Günter Ofner und Michael Höllerer wurden für weitere 3 Jahre als ÖBAG-Aufsichtsräte bestätigt, statt Susanne Höllinger zieht ÖGB-Chefökonomin Helene Schuberth ein. [Quelle: ÖBAG]

🇦🇹 Leichtere Anstellung von US-Forschern fix. Der Nationalrat hat gestern mit den Stimmen der Regierungsparteien und der Grünen eine Gesetzesänderung beschlossen, welche die Anstellung von US-Forschern an heimischen Hochschulen erleichtern soll. Die Quote der möglichen Anstellungen ohne langwierige Ausschreibungen steigt damit von 5 auf 10 % – vorerst befristet bis September 2026. [Quelle: Parlamentskorrespondenz]

🇦🇹 Abgabe für Energieunternehmen bremst Erneuerbaren-Investitionen. Die IG Windkraft übt erneut Kritik am Energiekrisen-Beitrag Strom, der einen Beitrag zum Sparpaket liefert. Dadurch würden Gelder für den Ausbau erneuerbarer Energie fehlen. Im Fall der Windkraft seien Investitionen in der Höhe von 4,7 Mrd. Euro gefährdet. Würde Österreich seine Ausbauziele bis 2030 erreichen, müssten weitere 7 Mrd. Euro in Windkraftprojekte investiert werden, rechnet Ökonom Christian Helmenstein (Economica) vor. Daraus würde sich für Österreich eine Bruttowertschöpfung von 1,8 Mrd. Euro ergeben, da Windräder größtenteils importiert würden. [Quelle: IG Windkraft

🇦🇹 Österreich mit Spitzenplatz bei offenen Stellen, aber auch stärkster Rückgang. Laut der EU-Statistikbehörde liegt Österreich im EU-Vergleich auf Platz 3 bei offenen Stellen. Die Quote der offenen Stellen betrug im 1. Quartal in Österreich 3,6 % – nur in den Niederlanden und Belgien war sie höher. Im Euroraum lag der Anteil der offenen Stellen an allen Stellen bei 2,4 %, in der EU bei 2,2 % – ein leichter Rückgang zu den Vorquartalen. Österreich gehört jedoch mit Griechenland zu den 2 Ländern mit dem stärksten Rückgang im Jahresabstand, minus 0,9 Prozentpunkte. Im 1. Quartal 2024 lag die Quote der offenen Stellen in Österreich noch bei 4,5 % und damit so hoch wie in keinem anderen EU-Land. [Quelle: Eurostat

🇦🇹 Austro-Initiative gegen Biokraftstoff-Betrug. Österreich fordert gemeinsam mit Bulgarien, Tschechien, Litauen, Lettland und Portugal ein strengeres Vorgehen der EU-Behörden gegen Betrug mit Zertifikaten für Biokraftstoffe. Betrug führe zu unfairen Marktbedingungen und Preisdumping aus Drittstaaten, was ehrliche Produzenten unter Druck setze. [Quelle: BMWET

🇦🇹 Schlechte Stimmung im Transportgewerbe. Der Verkehrs- und Transportsektor steht vor massiven Herausforderungen: Wie eine Branchenumfrage ergab, sinkt die Nachfrage im laufenden Quartal, während im kommenden Jahr zusätzliche Ausgaben auf die Betriebe zukommen. Allein Mautgebühren würden 2026 um 10 bis 13 % steigen. Insgesamt ein Drittel der Betriebe registriert momentan unzureichende Nachfrage. Wegen des demografischen Wandels fordert die Branche Erleichterungen beim Jobeintritt, wie zum Beispiel den Lkw-Führerschein ab 17. [Quelle: WKÖ

🇪🇺 Arbeitskosten steigen weiter, aber nicht mehr so stark. Im 1. Quartal sind die Arbeitskosten pro Stunde im Euroraum im Jahresabstand um 3,4 % und in der EU um 4,1 % gestiegen. Der Anstieg hat sich damit weiter eingebremst und war im Baugewerbe und im Dienstleistungssektor zuletzt höher als in der Industrie. In Österreich lag das Wachstum gesamtwirtschaftlich bei +3,7 % und damit im hinteren Mittelfeld, allerdings nach starken Anstiegen vergangenes Jahr. In Österreich sind die Arbeitskosten in der Industrie im 1. Quartal um 5,4 % gestiegen, in der gewerblichen Wirtschaft um 5,6 % und im nicht-gewerblichen Sektor sind sie um -0,9 % gesunken. [Quelle: Eurostat

🇪🇺 EU will Energiemarkt beruhigen. Nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen Israel und dem Iran will die EU-Kommission für Beruhigung am globalen Energiemarkt sorgen. Im Rahmen des G7-Gipfels in Kanada will sie gemeinsam mit den anderen Mitgliedern durch entsprechende Maßnahmen die Preise für Rohstoffe der Energieerzeugung stabilisieren. Seit dem Ausbruch der kriegerischen Handlungen in der Vorwoche sind die Preise für Treibstoff und Rohöl bereits gestiegen. [Quelle: EU-Kommission, Medienberichte] 

🇮🇹 Italien tritt Kernkraft-Allianz bei. Italien tritt der europäischen Nuklear-Allianz bei – eine von Frankreich initiierte Initiative, der sich 14 EU-Länder angeschlossen haben. Das sagte der zuständige italienische Minister, Gilberto Pichetto Fratin, am Rande des EU-Energieministerrats. [Quelle: Doorstep Fratin]

🇮🇹 Inflation in Italien gesunken. Die Teuerung nach EU-Standard ist in Italien im Mai auf 1,7 % gegenüber dem Vergleichsmonat 2024 abgesunken, zum Vormonat gingen die Preise um 0,1 % zurück. Im April lag die Inflation noch bei 2,0 % und damit genau auf dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB). [Quelle: Istat

Selektive Agenda:

Heute, Warschau, Polen: Informeller EU-Agrar- und Fischereirat

Heute, Luxemburg: Staatssekretärin Zehetner beim EU-Ministerrat für Energie

Heute, Straßburg, Frankreich: Plenarsitzung des EU-Parlaments mit Abstimmung zum Stürgkh-Bericht zu Stromnetzen um 12:00 Uhr (bis 19.6.)

9:00 Uhr, Wien: Nationalratssitzung zum Thema Budgetbegleitgesetz mit Generaldebatte [Live]

9:30 Uhr, Wien: Staatssekretär Pröll lädt Wirtschaftstreibende sowie Vertreter von Banken und Versicherungen zu einem Wirtschaftsgipfel anlässlich der erweiterten Implementierung der ID Austria

14:00 Uhr, Brüssel: EU-Kommission präsentiert EU-Budgetbericht 2024 und 5. Omnibus-Paket zu Verteidigung

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Veronika Dolna-Gruber wird ab 7. Juli Sprecherin von Außenministerin und Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger. Barbara Haid wurde als Präsidentin des Bundesverbands für Psychotherapie ÖBVP wiedergewählt. Michael Höllerer ist als Obmann der WKÖ-Bundessparte Bank und Versicherungswirtschaft bestätigt, Günter Neumann zum neuen Obmann des Fachverbandes der Schienenbahnen gewählt worden. Den Fachverband in der Nichteisenmetallindustrie wird Gabriele Punz-Praxmarer übernehmen. Alexandra Wittmann und Guido Jestädt wurden als neue Aufsichtsräte der Börse Wien bestimmt. Brigitte Ederer ist als Aufsichtsratspräsidentin der ÖBB Holding wiedergewählt worden. 

Geburtstage: Wir gratulieren Bernhard Tschofen zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

Save the date: Am 26. Juni feiert Selektiv 1-jähriges Jubiläum mit Wegbegleitern aus Wirtschaft, Politik und Medien. Für „Morning in Brief“-Abonnenten sind exklusiv 10 Plätze reserviert – die ersten 10 Leserinnen oder Leser, die sich unter redaktion@selektiv.at melden, feiern mit!

17:00 Uhr, Wien: Präsentation des Digital News Reports 2025 – Detailergebnisse Österreich im APA-Pressezentrum [invite only, Info]

19:30 Uhr, Wien: Podiumsdiskussion „Unbequeme Wahrheiten – 55 Jahre profil“: „profil & Wirecard & Putins Spione“ mit Kloibmüller (ehem. Sektionschef Innenministerium), Geheimdienstexperte Riegler, Jörg Leichtfried, Anna Thalhammer und Clara Luzia im Theater Akzent [Info]

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