Morning in Brief

Morning in Brief, 30. Juni 2025

Guten Morgen Österreich!

Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Sara Grasel und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.

News – das müssen Sie heute wissen:

🇦🇹 Finanzschulden des Bundes in 5 Jahren um 43,3 % gestiegen. Laut Bundesrechnungsabschluss stiegen die Finanzschulden seit 2019 um 90 Mrd. Euro auf 299 Mrd. Euro (+43,3 %) oder 62,1 % des BIP an. 2024 gab es mit -13,75 Mrd. Euro wieder ein negatives Nettoergebnis. Getrieben von hohen Steuereinnahmen durch die gestiegenen Löhne wuchsen die Einnahmen des Bundes gegenüber dem Vorjahr um 6,87 Mrd. Euro auf 105,57 Mrd. Euro an. Es wurden 66 Mrd. Euro an neuen Schulden aufgenommen. Die Kosten für Zinsen und weitere Finanzaufwendungen stiegen auf 5,1 Mrd. Euro an. Gründe für die hohen Ausgaben sind laut Rechnungshof die Maßnahmen gegen die Folgen der Corona-Pandemie sowie die hohe Inflation, mit höheren Auszahlungen für öffentliche Pensionen und Gehälter sowie Zinsaufwand. Der Rechnungshof mahnte dringend Strukturreformen bei Gesundheit, Pensionen, Pflege und Bildung ein. [Quellen: Rechnungshof, Bundesrechnungsabschluss

Lohnverhandlungen: „Die Inflation ist kein Wert, der verteilt werden kann“
Interview mit Stefan Ehrlich-Adám

Das Familienunternehmen Evva produziert in Wien Türschlösser und Zutrittssysteme. Das Unternehmen hat auch Standorte in Tschechien und Deutschland – beides Länder, die Österreich als Wirtschaftsstandort überholt haben: „Auch Deutschland ist gemessen an den Arbeitskosten als Standort ansprechender. Das ist kein Geheimnis“, sagt CEO Stefan Ehrlich-Adám, der auf Arbeitgeberseite die Löhne für die Metallindustrie mitverhandelt. Die hohen Lohnabschlüsse der letzten Jahre haben im Europa-Vergleich „einen großen Gap“ aufgerissen. „Solange die Inflationsraten in der Größenordnung von 2 bis 3 % gelegen sind, hat die Industrie das noch ausgleichen können“, erklärt Ehrlich-Adám und empfiehlt, eine neue Grundlage für die Lohnverhandlungen zu finden.

Grafik (von Christoph Hofer): Die nominalen Arbeitskosten in der heimischen Industrie stiegen in den letzten vier Jahren um 27,0 % (bis Q1 2025). Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber unmittelbaren Konkurrenzländern wie Deutschland (+13,2 %), Schweden (+17,0 %) oder Dänemark (+17,7 %) ging deutlich zurück. Im EU-Schnitt stiegen die Industrie-Arbeitskosten um 19,7 %. [Quelle: Eurostat]

🇦🇹 Wirtschaftsministerium will „Niedrig-Preis-Garantie“ für Strom. Das Wirtschaftsministerium setzt sich in den Verhandlungen zum Elektrizitätswirtschaftsgesetz für eine „Niedrig-Preis-Garantie“ ein, die dafür sorgen soll, dass niedrigere Strompreise an der Börse auch bei den Verbrauchern ankommen. Auf der Stromrechnung soll verpflichtend auf den Tarifkalkulator der E-Control hingewiesen werden, um den Wettbewerb zu stärken. Vergangene Woche hatte die Bundeswettbewerbsbehörde kritisiert, dass es unter Stromanbietern zu wenig Wettbewerb gäbe und die Preise zu hoch seien. [Quellen: Aussendung BMWET, BWB

🇦🇹 Wifo: Stimmung in der Industrie im Juni gesunken. Der Wifo-Konjunkturklimaindex stieg im Juni um 0,7 Punkte, blieb aber mit -3,9 Punkten im negativen Bereich. In der Industrie sank der Lageindex nach einem deutlichen Anstieg im Mai im Juni wieder um 0,9 Zähler auf -14,1 Punkte. In allen anderen Bereichen verbesserte sich die Lagebeurteilung. Auch die Erwartungen trübten sich in der Industrie wieder etwas ein – das zeige, „dass die Stabilisierung der Industriekonjunktur durch die hohe globale Unsicherheit beeinträchtigt wird“, so das Wifo. [Quelle: Wifo

🇦🇹 AK-Anderl pocht auf Strafen für Unternehmen, die zu wenige Ältere beschäftigen. Gestern hat AK-Chefin Renate Anderl in der ORF-Pressestunde die Forderung nach einem Bonus-Malus-System für Betriebe zur Beschäftigung Älterer bekräftigt. In einer AK-Befragung unter 25.000 Unternehmen hätte ein Viertel angegeben, keine Menschen über 60 zu beschäftigen. „Wir vergessen, die Betriebe in die Pflicht zu nehmen“, so Anderl und weiter: „Viele Betriebe verabschieden sich relativ leicht von älteren Arbeitnehmern“. Ein System aus Strafe und Belohnung für Unternehmen, die Menschen über 60 beschäftigen, hatte zuletzt auch Finanzminister Markus Marterbauer ins Spiel gebracht. Von IV und WKÖ kam dazu Ablehnung. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer bezeichnete in einem Interview mit der Kleinen Zeitung ein Malussystem als „undifferenziert“ – man könne nicht alle Branchen über einen Kamm scheren. [Quellen: ORF-Pressestunde, IV, WKÖ, WB, Hattmannsdorfer in der Kleinen]

🇦🇹 Sozialpartner-Einigung zu betrieblicher Vorsorge. Die Sozialpartner haben sich auf eine Stärkung der betrieblichen Pensionsvorsorge geeinigt. Wie die „Presse“ berichtet, soll das Guthaben aus der Abfertigung neu bei Pensionsantritt steuerfrei in eine Pensionskasse eingebracht werden können. Und zwar auch dann, wenn der Arbeitgeber keinen Pensionskassenvertrag abgeschlossen hat. AK-Chefin Renate Anderl bestätigte die Einigung in der ORF-Pressestunde am Sonntag. Die Gespräche mit der Regierung müssen dazu aber erst geführt werden. [Quellen: Presse, ORF-Pressestunde]

🇦🇹 AK-Anderl verteidigt hohe Lohnabschlüsse. AK-Chefin Renate Anderl verteidigte in der Pressestunde auch die hohen Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre – diese seien durch die hohe Inflation „auf jeden Fall gerechtfertigt“ gewesen. Dadurch sei außerdem der Konsum angekurbelt worden – die Wirtschaftskrise wäre sonst „noch dramatischer“ gewesen. Der Konsum war vergangenes Jahr sehr verhalten, laut Wirtschaftsforschung ein Grund für die schwache wirtschaftliche Entwicklung. 2024 sparten die Haushalte 11,7 % ihres verfügbaren Einkommens. Das waren 3 Prozentpunkte mehr als im Jahr davor und auch mehr als der Durchschnitt der Vor-Corona-Jahre 2010 bis 2019 mit 8,0 %. 2024 hatten Haushalte unter Berücksichtigung der Inflation um 3,5 % mehr Einkommen zur Verfügung als im Jahr davor, der private Konsum wuchs allerdings mit real +0,1 % kaum. Um die Belastung der Menschen durch die stark gestiegenen Preise abzufedern, forderte Anderl Preiseingriffe etwa bei Lebensmitteln. [Quellen: ORF-Pressestunde, Statistik Austria

🇦🇹 Weniger Regen, weniger Strom aus Erneuerbaren. Im Mai wurde in Österreich fast um ein Viertel weniger Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt als im Vorjahreszeitraum. Hauptgrund sind die geringeren Niederschläge, die den Anteil der Wasserkraft sinken ließen. Unter dem Strich musste Österreich im Mai Strom importieren, während im Vorjahres-Mai Strom exportiert werden konnte. [Quelle: APG

🇦🇹 „Fonds Zukunft Österreich“ vergibt heuer 140 Mio. Euro, 2026 Einsparungen. Aus dem „Fonds Zukunft Österreich“ (FZÖ) fließen heuer insgesamt 140 Mio. Euro in Forschungseinrichtungen und Förderstellen – davon 58 Mio. Euro an die Forschungsförderungsgesellschaft FFG, 42 Mio. Euro an den Wissenschaftsfonds FWF, 16 Mio. Euro an die Österreichische Akademie der Wissenschaften ÖAW, 12 Mio. Euro an die Christian Doppler Forschungsgesellschaft, 10,5 Mio. Euro an die Ludwig Boltzmann Gesellschaft und 1,5 Mio. Euro an die Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft mbH. Über die FFG fließen 40 Mio. Euro in die „AI Factory Austria“ (AI:AT). Im Regierungsprogramm ist eine Verlängerung des FZÖ bis 2030 und eine Erhöhung auf 200 Mio. Euro vorgesehen, zunächst werden die Mittel aber für 2026 auf 50 Mio. Euro gekürzt. [Quellen: Nationalstiftung für Forschung, Technologie, Entwicklung; Forwit

🇦🇹 Industrie-Initiative zu Künstlicher Intelligenz. Die Industriellenvereinigung hat eine neue Taskforce für Künstliche Intelligenz gestartet, die die Nutzung von KI in der Industrie vorantreiben soll. Der Initiative haben sich unter Leitung von Thomas Arnoldner (A1 Group) und Christoph Knogler (Keba) mehr als 100 Betriebe angeschlossen. Die Taskforce ist auf 2 Jahre angelegt und soll den Erfahrungsaustausch unter Unternehmen zu “Best Practice”-Anwendungen fördern. [Quelle: IV | Selektiv-Interview mit Arnoldner

🇪🇺 Wirtschaftsstimmung in Eurozone sinkt. In der Eurozone hat sich die Wirtschaftsstimmung im Juni verschlechtert. Der Economic Sentiment Indicator (ESI) der EU-Kommission sank im Monatsabstand um 0,8 Punkte auf 94,0 Zähler. Eingetrübt hat sich die Stimmung vor allem in der Industrie und bei den Verbrauchern – bei Dienstleistern und in der Bauwirtschaft gab es eine leichte Aufhellung. In Frankreich (-3,4), Spanien (-1,4), Österreich (-1,3) und Deutschland (-0,8) sank die Stimmung vergleichsweise stark. [Quelle: ESI

🇪🇸 🇫🇷 Inflation in Spanien und Frankreich gestiegen. In Spanien ist die Inflation im Juni im Jahresabstand auf 2,2 % gestiegen, während sie im Mai noch bei 2,0 % lag. Vor allem bei den Kraftstoffen gab es Preissteigerungen. In Frankreich stieg die Inflation im Juni ebenfalls – allerdings nur auf 0,8 %. In der Eurozone lag die Inflation im Juni bei 1,9 %. [Quellen: INE, Insee

🇺🇸 🇨🇦 USA brechen Verhandlungen mit Kanada doch nicht ab. US-Präsident Donald Trump erklärte die Zoll-Verhandlungen mit Kanada am Freitag zunächst für beendet – als Grund nannte er die geplante Einführung einer Digitalsteuer, mit der Kanada laut Trump die EU „kopieren“ würde. Kanada nahm die geplante Einführung der Digitalsteuer daraufhin zurück. Bis zum 21. Juli 2025 soll eine Einigung erzielt werden. [Quellen: Trump auf Truth Social, Kanadische Regierung]

Selektive Agenda:

9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria veröffentlicht Frühschätzungen zu Industrie und Bau, den Erzeugerpreisindex Produzierender Bereich im Mai, Einnahmen und Ausgaben sowie Schuldenstand des Staates 1. Quartal 2025 und Zahlen zum Schienengüterverkehr 1. Quartal 2025

9:30 Uhr, Israel: Außenministerin Meinl-Reisinger in Israel, Treffen u. a. mit Amtskollegen Saar, Oppositionsführer Lapid

10:30 Uhr, Grundlsee, Steiermark: Vorsitzübergabe der Landeshauptleutekonferenz an die Steiermark

18:30 Uhr, Sintra, Portugal: Eröffnung ECB Forum on Central Banking 2025 (bis 2. 7.) [Info]

Wochenvorschau

Die Woche startet heute mit den Frühschätzungen für Industrie und Bau im Mai und Zahlen zum öffentlichen Schuldenstand im 1. Quartal 2025 von der Statistik Austria. Am Vormittag übernimmt der steirische Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) den Vorsitz der Landeshauptleutekonferenz von Wilfried Haslauer.   

Dänemark übernimmt am Dienstag den EU-Ratsvorsitz. Außerdem kommen die Arbeitsmarktdaten für Juni, Frühschätzungen für die Preisentwicklung in Österreich und in der Eurozone, die Konjunkturprognose des wiiw für Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie Außenhandelszahlen der Statistik Austria für 2024. Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) präsentiert Regierungspläne zum Ausbau der E-Mobilität. Mit 1. Juli steigen die Gebühren für Dokumente wie Reisepass, Führerschein und Personalausweis. 

Am Mittwoch soll Karoline Edtstadler im Salzburger Landtag zur neuen Landeshauptfrau gewählt werden. In Wien kommt die Regierung zum Ministerrat zusammen. Der Dachverband der Sozialversicherungsträger veröffentlicht den Fehlzeitenreport für das Jahr 2025. 

Am Donnerstag reist Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu einem mehrtägigen Staatsbesuch nach Südafrika – er wird von einer Wirtschafts- und Kulturdelegation begleitet. Die Präsidiale des Nationalrats tritt zu einer Sitzung zusammen, um die Tagesordnungen für die nächste Sitzungswoche des Nationalrats festzulegen.

Selektives Networking:

Jobwechsel und Karriereschritte: Karoline Edtstadler ist am Samstag beim Landeskongress der ÖVP Salzburg mit 97,5 % zur neuen Landesparteiobfrau gewählt worden. Leonore Gewessler wurde am Sonntag beim Bundeskongress der Grünen mit 96,76 % der Delegiertenstimmen zur neuen Bundessprecherin der Grünen gewählt. Christoph Metzker folgt auf Josef Pröll als neuer Landesjägermeister von Niederösterreich. Harald Sörös wird Sprecher im Innenministerium und folgt damit auf Christoph Reiser, der mit Anfang Juli als Büroleiter-Stellvertreter und Pressesprecher zur designierten Salzburger Landeshauptfrau Karoline Edtstadler wechselt. Monika Burket wurde zur neuen Obfrau des Bundesgremiums Versand-, Internet- und allgemeiner Handel in der Wirtschaftskammer Österreich gewählt. Daniela Habith ist neue Vize-Generalsekretärin des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI). Thomas Pühringer folgt mit Anfang 2026 als Vorstandsvorsitzender der Innsbrucker Kommunalbetriebe AG (IKB) auf Helmuth Müller – neu in den Vorstand einziehen wird Alois Muglach. Erich Haider ist vom Aufsichtsrat als Generaldirektor der Linz AG wiederbestellt worden. Ewald Oberhammer ist neuer Aufsichtsratsvorsitzender der KTM-Mutter Pierer Mobility. Die Vollversammlung der Salzburger Ärztekammer hat Matthias Vavrovsky zum neuen Präsidenten gewählt. 

Geburtstage: Wir gratulieren Lothar Höbelt zum Geburtstag.

Sehen & gesehen werden:

15:30 Uhr, Wien: Das Österreichisch-Deutsches Länderforum (ÖDLF) lädt zur Diskussion „Trump II und die Konsequenzen für die geopolitische Lage im Allgemeinen und die europäische Wirtschafts- und Sicherheitspolitik im Besonderen“ in die Diplomatische Akademie u. a. mit Christoph Leitl [invite only]

18:00 Uhr, Wien: Pragmaticus Experten-Forum zum Ausstieg aus fossiler Energie,
Versorgungssicherheit und Kosten „Energiewende am Ende?“ u. a. mit Elisabeth Zehetner und Christian Kern im VIENNA Ballhaus [Info]

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