Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, David Schima und Christoph Hofer – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Finanzminister bekräftigt Preisregulierungsabsichten. Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) hat seine Pläne zur Senkung der Lebensmittelpreise auf Ö1 konkretisiert. Ein fertiges Modell habe er weiterhin „nicht im Kopf“, aber bei den Großhandelspreisen sei jedenfalls „etwas faul“. Eine Mehrwertsteuer-Senkung, wie sie die SPÖ im Wahlkampf forderte, ist aus budgetären Gründen „ausgeschlossen“, so Marterbauer. Die ÖVP zeigt sich „Gegenmaßnahmen“ nicht abgeneigt, die Neos lehnen Markteingriffe ab. Der Handelsverband (HV) warnt vor staatlichen Eingriffen in die Preisgestaltung und sieht den Handel nicht als Verursacher, sondern selbst als Betroffenen der Teuerungswelle. Ein Verbot von territorialen Lieferbeschränkungen könnte für mehr Wettbewerb sorgen und die Preise senken, so der HV. Wifo-Chef Gabriel Felbermayr verweist darauf, dass die Lebensmittelpreise in Österreich weniger stark gestiegen sind als in der restlichen Eurozone. Für Wifo-Ökonom Michael Böheim widerspricht ein Preisdeckel „allen Regeln der Mikroökonomie“, das wisse auch der Finanzminister. [Quellen: Marterbauer im Ö1-Mittagsjournal, Handelsverband, Felbermayr auf Bluesky, Der Standard | Reaktionen: Agenda Austria auf X, AK, ÖGB, SPÖ NÖ, FPÖ, WKÖ]
Kommentar: Der Mittelspecht im Raum
von Georg Renner

Vor zwei Wochen hat die Bundesregierung beim „Sommerministerrat“ ihre Ideen vorgelegt, wie Genehmigungsverfahren in Österreich beschleunigt werden könnten. Dass Mittelspecht, Fledermaus, Ziesel und Co. Großprojekte aufhalten oder sogar ganz verhindern, kommt immer wieder vor. Dass Bürgerinitiativen solche Viechereien einsetzen können, um Projekte auszubremsen, wird sich durch ein bisschen Herumschrauben am Verfahrensrecht aber nicht ändern.
Grafik (von Christoph Hofer): Seit dem 1. Anstieg des gesetzlichen Regelpensionsalters der Frauen zum 1. Januar 2024 sind knapp 34.000 Frauen im Alter von 60 bis 64 Jahren zusätzlich unselbstständig beschäftigt. Dies entspricht einem Zuwachs von 77,9 %. Auch nach dem 2. Anstieg des Regelpensionsalters zum 1. Jänner 2025 stieg die Zahl der Beschäftigten in dieser Gruppe deutlich. Parallel nahm die Arbeitslosenzahl in dieser Altersgruppe zu – von 1.281 Arbeitslosen im Jänner 2024 auf 6.148 im Juni 2025. Bis 2034 wird das gesetzliche Pensionsantrittsalter für Frauen jährlich um ein halbes Jahr erhöht, um es an das der Männer anzugleichen.[Quelle: AMS]

🇦🇹 Reformen können „Pension Gap“ nicht schließen. Die Pensionslücke zwischen Männern und Frauen kann durch Änderungen im Pensionsrecht nur abgemildert, aber nicht geschlossen werden, so das Ergebnis einer Wifo-Studie. Eine Höherbewertung von Kindererziehungszeiten würde den Abstand von 41,7 % auf 37,2 % reduzieren. Durch eine Erhöhung der Beitragsgrundlage von Frauen um einen „Gender-Pay-Gap-Faktor“ würde die Pensionslücke auf 27,1 % sinken. Geringe Effekte zeigen sich bei einer Höherbewertung der Zeiten in Arbeitslosigkeit (41,4 %) und der Heranziehung der besten 15 Jahre für die Berechnung der Pensionshöhe (40,0 %). Der im EU-Vergleich große „Gender Pension Gaps“ in Österreich sei Ausfluss eines konservativen Familienmodells und der hohen Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen, so Wifo-Ökonomin Christine Mayrhuber. [Quelle: Wifo Hintergrundgespräch]
🇦🇹 Wohnungsimmobilien verzeichnen starken Preisanstieg. Eigentumswohnungen kosteten in Österreich im 1. Halbjahr 2025 durchschnittlich 5.951 Euro pro Quadratmeter und waren damit rund 4 % teurer als im Vorjahr. Bei Einfamilienhäusern stieg der Quadratmeterpreis um 6 % auf 4.041 Euro. Auch die Nachfrage nahm mit einem Anstieg von 22 % im Jahresvergleich deutlich zu. Die stärkste Preissteigerung war mit 38 % gegenüber dem Vorjahr am burgenländischen Wohnungsmarkt zu beobachten, was vor allem mit zahlreichen fertiggestellten Neubauten zusammenhängt. Einen Rückgang gab es lediglich bei den Hauspreisen in der Steiermark (-3 %). Insgesamt zeigte sich ein bekanntes Muster: Wohnungsimmobilien bleiben im Westen und in Wien teurer als im Osten Österreichs. [Quelle: ImmoScout24]
🇦🇹 LH Mattle: Staat soll bei Betriebsübergaben „nicht übermäßig hingreifen“. Tirols Landeshauptmann Mattle fordert von der Bundesregierung Tempo bei Übergaben von Unternehmen. Es brauche etwa einen Betriebsübergabe-Sondersteuersatz von 20 %, einen „Lohnnebenkosten-Vorteil“ für Übernehmer und Neugründer sowie einen „Nachfolge-Beteiligungsfonds“, der Investitionen erleichtern soll. WK-Präsidentin Barbara Thaler betonte, dass die ab 2027 geplante Erhöhung des Freibetrags auf Veräußerungsgewinne von 7.300 auf 45.000 Euro bereits nächstes Jahr erfolgen müsse. Von 2020 bis 2029 werden für etwa 51.500 Betriebe Nachfolger gesucht – dabei geht es um 692.000 Arbeitsplätze. Im Vorjahr wurden 7.792 Unternehmen übergeben. Die meisten Übergaben erfolgten in der Gastronomie, gefolgt von Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie. [Quelle: Land Tirol]
🇦🇹 Ärztekammer warnt vor Pensionierungswelle. Die österreichische Ärzteschaft umfasste Ende letzten Jahres 52.000 Personen, ein Plus von 2,7 % im Vergleich zu 2023. Dennoch warnt die Ärztekammer davor, dass ein „hoher Prozentsatz“ der Babyboomer-Generation in den kommenden Jahren in Pension gehen wird, während die Gesellschaft gleichzeitig älter und betreuungsintensiver wird. Ein Drittel der Ärzte war 2024 bereits über 55 Jahre alt, die Ärztekammer errechnet einen Nachbesetzungsbedarf von 1.818 Stellen pro Jahr. Einen Ärztemangel gibt es in Österreich laut Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart aber nicht, sondern einen „deutlichen Mangel im öffentlichen System, im Kassenbereich und in den Krankenhäusern“. [Quellen: Ärztekammer, Ärztestatistik 2024]
🇦🇹 Republik stockt Bundesanleihen für 1,4 Mrd. Euro auf. Österreichs Bundesanleihen bleiben trotz eines volatilen Umfelds aufgrund der zuletzt schwachen US-Arbeitsmarktdaten gefragt. Am Dienstag habe man 2 Anleihen für rund 1,4 Mrd. Euro aufgestockt, gab die Oesterreichische Bundesfinanzierungsagentur (OeBFA) bekannt. Dabei handelt es sich um die 10-jährige Benchmarkanleihe und ein Papier mit 8 Jahren Restlaufzeit – beide weisen eine hohe Liquidität auf. Die 10-jährige Anleihe erzielte eine Emissionsrendite von 2,917 %, die 8-jährige eine von 2,704 %. Die Volumina liegen bei 10,7 Mrd. bzw. 18,6 Mrd. Euro. [Quellen: OeBFA I, OeBFA II]
🇪🇺 Stimmung der Dienstleister im Euroraum etwas aufgehellt. Im Servicesektor der Eurozone hat sich die Stimmung im Juli leicht gebessert. Der Einkaufsmanagerindex von S&P Global stieg gegenüber dem Vormonat um 0,5 auf 51,0 Punkte. Damit liegt der Stimmungsindikator weiterhin knapp über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Im deutschen Dienstleistungssektor nahm der Index im Vergleich zu Juni um 0,9 auf 50,6 Punkte zu und befindet sich damit wieder im Wachstumsbereich. [Quellen: S&P Global – Eurozone, Deutschland]
🇪🇺 Industrie-Erzeugerpreise steigen in Eurozone und EU. Im Juni verzeichneten die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum ein Wachstum von 0,8 % gegenüber dem Vormonat. In der EU gab es in diesem Zeitraum einen Preisanstieg von 0,7 %. Verglichen mit dem Vorjahresmonat verzeichneten Eurozone wie EU einen Zuwachs um 0,6 %. Die Erzeugerpreise in der österreichischen Industrie sanken hingegen um 0,2 % im Monats- und um 2,2 % im Jahresvergleich. [Quelle: Eurostat]
🇪🇺 🇺🇸 EU-USA-Vereinbarung soll „bald“ veröffentlicht werden, Trump droht mit neuen Zöllen. Die neuen Zollregeln zwischen den USA und der EU treten morgen in Kraft. Die meisten der noch offenen Fragen sollen durch die „sehr baldige“ Veröffentlichung eines weiteren gemeinsamen Statements geklärt werden, so ein hochrangiger EU-Beamter gegenüber Reuters. Die EU erwartet weiterhin „Turbulenzen“ in den Handelsbeziehungen mit den USA, denn nicht alle Fragen würden bis morgen restlos geklärt sein. Die 15 %-Zölle würden jedenfalls eine Höchstgrenze darstellen – auch für Pharmazeutika. Wenn sich die USA daran nicht halten, habe man Gegenmaßnahmen vorbereitet, so der EU-Beamte weiter. Gegenüber CNBC gab US-Präsident Trump bekannt, auf Pharmazeutika mittelfristig einen Zollsatz von 150 bis 250 % einheben zu wollen. Auch betrachtet er die zugesagten EU-Investitionen von 600 Mrd. US-Dollar als „Geschenk“. Sollte diese Summe nicht investiert werden, würde Trump die Zölle für die EU auf 35 % erhöhen. [Quellen: Reuters, CNBC I, CNBC II]
🇺🇸 US-Handelsdefizit deutlich gesunken. Im Juni ist das US-Handelsbilanzdefizit im Vergleich zum Vormonat um 16,0 % auf 60,2 Mrd. Dollar gesunken – das niedrigste Defizit seit September 2023. Im Mai lag das Handelsbilanzdefizit noch bei 71,7 Mrd. US-Dollar. Die Exporte gingen im Juni um 0,5 % auf 227,3 Mrd. US-Dollar zurück, während die Importe um 3,7 % auf 337,5 Mrd. US-Dollar sanken. [Quellen: Bureau of Economic Analysis, Bloomberg]
🇨🇭 Schweiz will Zölle in letzter Minute neu verhandeln. Die Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter ist gestern gemeinsam mit Wirtschaftsminister Guy Parmelin in die USA aufgebrochen, um in letzter Minute über den Zollsatz von 39 % zu verhandeln. In einer Sondersitzung vom Montag hat die Schweizer Regierung „neue Ansätze“ für Verhandlungen mit den USA beschlossen – man will ein „noch attraktiveres Angebot unterbreiten“. Gegenmaßnahmen habe man keine ins Auge gefasst. [Quellen: Schweizer Bundesrat I, Schweizer Bundesrat II]
Selektive Agenda:
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria präsentiert den Umsatzindex im Einzelhandel für Juni und die Großhandelspreise für Juli
11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat gibt EU-Einzelhandelsumsatz für Juni bekannt
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Montag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Sonja Schneeweiss wird mit der provisorischen Sektionsleitung im Sportministerium betreut. Sebastian Schally steigt zum neuen Österreich-Chef von Accenture Song auf.
Geburtstage: Wir gratulieren Renate Götschl zum Geburtstag.
Sehen & gesehen werden:
18:00 Uhr, Wien: Die Albertina lädt zum Afterwork „Albert & Tina“ auf die Terrasse der Albertina [Info]