Georg Kopetz ist Co-Founder und CEO von TTTech sowie Ratsmitglied des FORWIT © FORWIT/TTTech/Montage: Selektiv
Georg Kopetz ist Co-Founder und CEO von TTTech sowie Ratsmitglied des FORWIT © FORWIT/TTTech/Montage: Selektiv
Interview

TTTech-Chef: „Viele verstehen nicht, wo Geld verdient wird“

„Aus dem vielen Input kommt so wenig heraus, weil die letzte Meile nicht funktioniert“, sagt TTTech-Chef und Mitglied des Forschungsrats FORWIT, Georg Kopetz. Österreich gehört bei den Forschungsausgaben zu den Spitzenreitern, aber: „die Marktentwicklung ist nicht in unserer DNA“. Man müsse Wissenschaftlern mehr Mut machen, zu gründen, findet Kopetz: „Es fehlt das Mindset, dass Erfolg nicht darin besteht, eine tolle Technologie zu haben, sondern damit auch Geld zu verdienen“. Er schlägt vor, Unternehmensgründungen als KPI in die Leistungsvereinbarung von Unis aufzunehmen und für gründende Forscher ein Karenzmodell in der Wissenschaft einzuführen. Für die Finanzierung neuer Technologieunternehmen brauche es mehr Risikokapital und den Staat als Leitkunden.

Österreich soll beim Forschungstransfer besser werden. TTTech ist geradezu ein Paradebeispiel für einen erfolgreichen Forschungstransfer – ein Spin-off, das zum globalen Marktführer wurde. Was waren die Erfolgsfaktoren?

Georg Kopetz: Wir sind noch nicht Marktführer, aber Technologieführer. Das zeigt auch das eigentliche Problem: Wir fokussieren uns in Österreich stark auf die Technologieentwicklung, haben die Marktentwicklung aber nicht in unserer DNA und unterschätzen sie in ihrer Komplexität. Die Größe kommt dann, wenn man den Product-Market-Fit erreicht, d.h. der Markt auch wirklich braucht, was man entwickelt hat. Diese Erkenntnis, wie man Technologie erfolgreich auf den Markt bringt, müssen wir bei uns steigern. Vor allem bei Spin-offs wie wir es waren, die oft der Meinung sind, wenn sie eine tolle –wissenschaftlich angesehene – Technologie haben, reicht das alleine aus, damit die Kunden kommen. Aber es gehört viel mehr dazu. Da sind wir leider auch als TTTech, auch wenn wir ein gutes Beispiel sind, noch nicht am Ziel. Im Marktwachstum, in der Marktdurchdringung, in der Marktpräsenz und Marktrelevanz – da können wir noch viel besser werden.

Wann in dieser Kette – von Forschung bis Produkt – sollte die Auseinandersetzung mit dem Markt beginnen?

TTTech ist an der TU Wien entstanden. Mein Vater war einer der Industrieprofessoren an der TU Wien. Er wurde berufen, nachdem er zunächst bei der Voest in Linz in der Automatisierungstechnik tätig war, dann Professor an der Technischen Universität in Berlin und schließlich kam er nach Wien zur TU Wien. Er war einer der wenigen Professoren in der Informatik, die aus der Industrie kamen – und ich glaube, das hilft, wenn man aus der Industrie kommt und dann an einer Universität ist, weil man dann immer auch die andere Seite versteht. Damals gab es noch große Forschungszentren, zum Beispiel die Daimler-Benz-Forschung oder die Siemens-Forschung – große Forschungsinstitutionen, die zwischen den Industrieunternehmen und der Wissenschaft standen. Man müsste aber schon als unternehmerisch denkende Wissenschafter im Grundlagenforschungsprozess ansetzen und immer wieder Industriekontakte pflegen. Es wird in der Grundlagenforschung aber nur ein geringer Anteil von industrieller Auftragsforschung finanziert werden. Deswegen braucht es staatliche Institutionen und Förderungsinstrumente. Wenn man dann mit der Zeit stärker in Richtung Anwendungsforschung und Umsetzung geht, braucht man die Industrie und die Unternehmen als frühe Partner im Innovationsprozess. Da haben wir in Österreich sicherlich großes Verbesserungspotenzial: bei dieser Verzahnung von Unternehmen und Universitäten. Entscheidend ist dabei aber, dass diese Schnittstelle nicht von selbst funktioniert: Es braucht gezielt Personen, die beide Welten verstehen und die Umsetzung aktiv treiben können. Gerade an dieser Stelle – bei solchen „Brückenprofilen“ – liegt in Österreich ein zentraler Engpass. Die Boltzmann-Institute oder die Christian-Doppler-Laboratorien sind geeignete Instrumente, um diesen Transfer zu bewirken. Auch die Comet-Zentren wollen diese Lücke schließen. Man muss immer schauen, dass man schnell auf den Markt kommt – mit dem Verkauf von Produkten oder der Lizenzierung von Technologie. Selbst so Geld zu verdienen ist allerdings etwas anderes, als wenn man einen Fördersponsor hat.

Liegt der Ball da eher bei den Unis oder bei den Unternehmen?

Wir haben wahrscheinlich noch nicht die richtigen Incentives. Gut wäre, wenn ein Professor oder Forscher, der aus einer Universität herausgeht, diese nicht vollständig verlassen muss. Er könnte auch einfach karenziert werden. Und dann brauchen wir eine Incentivierung über den Erfolg. Da spielen Modelle eine wichtige Rolle, bei denen Wissenschaftler und die treibenden Köpfe am Erfolg des Unternehmens oder der Technologie auch persönlich beteiligt sind. In unserem Fall hatten mein Vater und Stefan Poledna, der maßgeblich mitentwickelt hatte – er war bei Bosch und hatte sich auch an der TU Wien habilitiert – wesentliche Anteile am Unternehmen. Das muss strukturell und steuerlich vereinfacht werden. Ein großer Fehler in Österreich ist, dass wir diese Erfolge zu stark über die Einkommensteuer belasten. Damit bleibt netto gar nicht so viel übrig, auch wenn brutto ein großer Erfolg da ist. Die steuerliche Incentivierung von Unternehmensbeteiligungen für Wissenschaftler und Forscher – ähnlich wie es auch sinnvolle steuerliche Sonderbestimmungen für Skifahrer gibt – wäre ein ganz einfaches Instrument, um mehr Netto für Brutto im Erfolgsfall zu schaffen. Es wäre schön, wenn die Wissenschaftler, die etwas gründen, mit diesem Erfolg wieder an die Uni zurückgehen könnten – mit Industrieerfahrung und vielleicht in fünf Jahren wieder mit einem nächsten Projekt ein neues Unternehmen mitbegründen. Dieser Wechsel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, verbunden mit steuerlichen Vorteilen und einem einfachen Karenzierungsmodell – ich glaube, das würde viel Mut bewirken, auch unternehmerisch noch stärker tätig zu werden.

Österreich investiert viel Geld in Forschung, aber am Ende schaut vor allem bei der Umsetzung der Forschung in praxisrelevante Ergebnisse nicht so viel heraus wie in anderen Ländern. Diesen Befund gibt es seit Jahren, warum ist es so schwer, das zu ändern?

Da müsste sich einiges ändern. Forschende denken immer noch oft in Publikationen und in Rankings. Die Universitäten werden in ihren Leistungsvereinbarungen auch daran gemessen. Das zeigt sich auch in einer rezenten Studie des FWF: Die überwältigende Mehrheit der Befragten sehen ihr Incentive in der Publikation, im wissenschaftlichen Output – kaum hingegen in der ökonomischen Verwertung. Aus dem vielen Input kommt so wenig heraus, weil die letzte Meile nicht funktioniert – Markttempo, nachhaltige Finanzierung und Skalierung, das zeigt die FORWIT-Analyse From Science to Business ganz deutlich. Und es fehlt das Mindset, dass Erfolg nicht darin besteht, eine tolle Technologie zu haben, sondern damit auch Geld zu verdienen. Viele verstehen nicht, wo Geld verdient wird. Wertschöpfung ist etwas, das wir in Österreich oft mit irgendwas gleichsetzen, aber nicht mit dem, was Wertschöpfung tatsächlich bedeutet: wenn ich einen Kundennutzen habe und der Kunde bereit ist, mehr zu zahlen, als es mich in der meinen Vorprodukten, Materialen, Abschreibung kostet – dann kann ich die (Netto-)Wertschöpfung verteilen, dann kann ich Gehälter zahlen und so weiter. Und schließlich muss man auch schnell verstehen, dass wir uns mit Technologie auf einen möglichst globalen Markt fokussieren müssen. TTTech hat im zweiten Jahr nach der Gründung in den USA und in Japan mit der Marktbearbeitung begonnen, auch weil wir anfangs sehr stark Automotive-fokussiert waren. Es gibt in Österreich wenige selbständig in digitalen Kerntechnologien agierende Automotive-Kunden. In Deutschland war das Problem, dass man meinte, man könne vieles selbst entwickeln. Als Technologiespieler ist es meistens ein globaler Markt. Man muss von Anfang an auf die Chancen in den globalen Märkten zielen und täglich den Mut haben, dieses Mindset zu leben.

Wie kann man die Art, wie an Universitäten Leistung gemessen wird, ändern?

Wir haben eine Arbeitsgruppe im FORWIT, in der wir uns genau mit diesen Fragen beschäftigen – From Science to Business – und schauen, welche KPIs in den Leistungsvereinbarungen umgesetzt sind und ob es die richtigen sind. In Stanford gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, Tenure-Punkte zu sammeln, wenn man ein Unternehmen gründet – also nicht nur Publikationen zählen, sondern auch der unternehmerische Impact im “echten Leben”.

Ab einer gewissen Größe haben Spin-offs in Österreich oft Schwierigkeiten, hier entsprechende Finanzierungen zu bekommen und gehen raus aus Österreich. Wo müsste man Ihrer Meinung nach ansetzen?

Das geht nur über einen funktionierenden Kapitalmarkt – und da hat die europäische Politik eine wichtige Rolle im Setzen der Rahmenbedingungen. Die Ersparnisse, die wir alle haben – auch in Österreich sind das Hunderte Milliarden –, in Richtung Investments lenken, nämlich in genau jene Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und Wertschöpfung generieren wollen. Wir haben viel zu wenige Investoren, die in diese erfolgreichen Unternehmen investieren wollen – das ist auch ein Problem von Mindset, Kultur und Bildung – verstärkt dadurch, dass es in den letzten Jahren viel zu wenig erfolgreiche Exits gab. Man gibt sein erspartes Geld lieber in ETFs oder in Instrumente, die in die Magnificent Seven oder Six investieren. Die lokale Technologiebranche kriegt zu wenig Eigenkapitalzufuhr und trocknet gelegentlich aus. Es geht sogar so weit, dass unsere Banken und Versicherungen das europäische Kapital in englische und amerikanische Kapitalmärkte tragen, wo es dann in englische und amerikanische Unternehmen investiert wird – und meistens nicht in österreichische und europäische.

Das beginnt sich gerade ein bisschen zu drehen. In all den schlechten Nachrichten gibt es derzeit auch viele gute. Eine davon ist, dass die Capital Inflows nach Europa steigen. Geld muss auch in Europa arbeiten. Wir glauben – und werden das im FORWIT noch weiter plausibilisieren –, dass wir mit einer guten Scale-Up- und Deep-Tech-Strategie das Wirtschaftswachstum bis 2030 um einige Prozentpunkte erhöhen können. Ich rede nicht über eine Strategie, die erst in zehn Jahren wirkt, weil das Geld, das in diese Unternehmen fließt, unmittelbar in die Wirtschaft fließt.

Was müsste dafür bis 2030 passiert sein?

Die Transferlogik muss an drei Punkten gespielt werden. Zuerst müssen wir möglichst viel Schutz und Sicherheit für Wissenschaftler schaffen, damit sie sich trauen, herauszugehen. Wir müssen dafür sorgen, dass sie ihre akademische Karriere für das Unternehmertum nicht aufgeben müssen. Dann beim Eigenkapital: Wir müssen beim rot-weiß-roten Dach-Fonds endlich loslegen und groß denken. Wir müssen uns bemühnen z.B. zehn wirkliche Top-Fonds nach Österreich bringen, die aus Österreich heraus investieren und die Fähigkeit haben, Technologietrends und Unternehmen danach zu bewerten, ob sie eine Chance am Weltmarkt haben. Wenn der Dach-Fonds in diese Zielfonds jeweils dann 50 bis 100 Millionen Euro investiert und Industrie und Pensionsversicherungen mitziehen, die EIB die Kapitalbasis noch weiter stärkt, dann können wir aus einem anfänglichen Investment von 10 x 100 Millionen Euro – mit zusätzlich bis zu 90 Prozent privates Kapital aus dem Ausland– bis zu 10 Milliarden Euro Investitionskapital für den Wirtschaftsstandort aufstellen. Das könnte in Scale-ups fließen, aber auch in familiengeführte Betriebe, die kapitalintensive Deep-Tech-Bereiche mit Ausgründungen und Growth Equity Partnern erschließen wollen – Wasserstoffspeicher, Raumfahrtthemen, alles Innovationen mit langen Zeiträumen und hohen Chancen. Die entstehende Wertschöpfung stärkt den österreichischen Staatshaushalt – über Steuereinnahmen, Qualifikationseffekte, Exporte und Foreign Direct Investments. Das ist wirklich eine Erfolgsstory. Das machen uns viele Länder vor: Singapur sowie, zukünftig auch Polen und Tschechien. Und wir sind in Österreich knapp dran, entscheidende Spieler zu bewegen– es ist wichtig, dran zu bleiben und ein höheres BIP-Wachstumsziel nicht aus den Augen zu verlieren. 

In der Industriestrategie definiert die Politik 9 Technologiefelder, auf die sich die heimische Industrie in den kommenden Jahren fokussieren soll. KI, Quanten, Life Sciences, … sind das die Felder, in denen Österreich herausstechen kann?

Ich glaube, es ist wichtig, sich Ziele zu setzen – das haben die Chinesen in den letzten Jahrzehnten sehr gut gemacht – und zu versuchen, in gewissen Technologiefeldern zumindest anschlussfähig zu sein und vielleicht in manchen Nischen auch entsprechend stark vorne mitzuspielen. Natürlich kann ein Staat immer nur eine gewisse Richtung vorgeben – Technologieoffenheit ist wichtig und darf nicht verloren gehen. Aber zu sagen, wir fordern die Industrie auf, in diesen Bereichen wettbewerbsfähig zu bleiben bzw. zu werden, ist der strategisch richtige Ansatz. Auch die Stärkung der Eigenkapitalinvestments sollten die Industriestrategie beleben. 

Welchen Hebel hat die öffentliche Beschaffung in diesem Zusammenhang? Hat das für TTTech eine Rolle gespielt?

Zu wenig, leider. Ich hätte mir mehr gewünscht, da dies gerade am Anfang eines Unternehmens sehr wichtig sein kann.  Wir haben ganz wenig von öffentlicher Beschaffung profitiert, wenn überhaupt und indirekt im Luftfahrtbereich mit industriellen Gegengeschäften. In den letzten Jahren haben wir begonnen, das ESA-Geschäft stark aufzubauen, was man durchaus als erfolgreiche europäische öffentliche Beschaffung bezeichnen kann – wobei das eine ganz eigene Logik ist, weil wir meistens nicht direkt an die ESA liefern, sondern an Zulieferer, die dann Credits nehmen. Wir erleben ganz klar, dass die Europäische Union und auch die Republik Österreich als Leitkunden noch viel zu wenig bewegen und auch viel mehr machen könnten.