„Die Gaspreise sind stark gesunken, aber noch immer höher als vor der Gaspreiskrise 2022“, sagt Energieexperte Christoph Dolna-Gruber im Interview. Dass der Preis in Österreich über dem europäischen Durchschnitt liegt, ist den nunmehr längeren Transportwegen geschuldet – und den steigenden Netzgebühren. Dolna-Gruber spricht sich daher für eine Redimensionierung des Gasnetzes aus. Eine Debatte über das Merit-Order-System könne man führen – eine Ende dieses Systems sieht der Experte aber nicht, denn es habe auch entscheidende Vorteile. Neue Gaskraftwerke müssen in Österreich – anders als in Deutschland – wahrscheinlich nicht gebaut werden, aber die vorhandenen stehen vor dem Ende ihrer Lebenszeit.
Die Regierung setzt sich in Brüssel wieder für ein Ende der Merit-Order ein. Sie sorgt dafür, dass der Gaspreis den Strompreis bestimmt. Zuletzt wurde die Merit-Order infrage gestellt, als der Gaspreis 2022/23 auf einen Höchststand schnellte. Wäre ein Ende aus jetziger Sicht sinnvoll?
Christoph Dolna-Gruber: Man kann das nur sinnvoll diskutieren, wenn man eine Idee hat, was danach oder stattdessen kommen soll und da gibt es noch große Fragezeichen. Warum gibt es das Merit-Order-Prinzip? Der integrierte europäische Strommarkt funktioniert, weil die Länder durch Netze verbunden sind. Dafür braucht es einen Mechanismus, der festlegt, wieviel Strom in diesem gemeinsamen Markt wohin geliefert wird. Das muss möglichst eng getaktet werden, weil Erzeugung und Verbrauch bei Strom immer in der Waage gehalten werden müssen. Jeden Tag zu Mittag wird für den nächsten Tag ein Preis gefunden, der den Stromverbrauch im Viertelstundentakt abdeckt. Der Rahmen dafür umfasst tausende Seiten Text und im Zentrum steht eine Verordnung, die nun novelliert werden soll, weshalb auch die Debatte wieder lebhafter wird. Diese CACM-Verordnung schreibt das Einheitspreisverfahren und die Merit-Order vor. Das Einheitspreisverfahren sorgt dafür, dass alle bezuschlagten Erzeuger, die am nächsten Tag liefern, dafür denselben Preis bezahlt bekommen, egal wie hoch deren individuelle Erzeugungskosten sind. Das hatte in der Gaspreiskrise den Effekt, dass die Strompreise nach oben gegangen sind und günstige Erzeuger sehr hohe Gewinne gemacht haben. Es gab schon damals einige Vorschläge für Interventionen, die keinen totalen Systembruch mit sich bringen würden, sondern eine Weiterentwicklung. Denn die Merit-Order hat große Vorteile: einen sehr effizienten Kraftwerkseinsatz, der dafür sorgt, dass über Ländergrenzen hinweg die günstigste Erzeugung zuerst herangezogen wird. Auch im Sinne Österreichs sollte man – als Land das 2025 zu 68 Prozent der Zeit mehr Strom importiert als exportiert hat – diese Vorteile schätzen.
Die Gaspreise sind wieder gesunken, aber noch immer höher als vor der Gaspreiskrise 2022.
Christoph Dolna-Gruber
Wie entwickeln sich die Gaspreise derzeit für Österreich im europäischen Vergleich?
Die Gaspreise sind wieder gesunken, aber noch immer höher als vor der Gaspreiskrise 2022. Die Börsepreise bewegen sich aktuell um die 30 Euro pro Megawattstunde – der europäische Leitmarkt Dutch TTF liegt etwas darunter, Österreich leicht darüber.
Woran liegt das?
Zum Beispiel an längeren und kostspieligeren Transportwegen nach Österreich – wir müssen nun US-LNG oder Gas aus Norwegen ins Innere des Kontinents bringen. Zuvor hatten wir eine Ost-West-Versorgung, nun haben sich die Flüsse umgekehrt und damit auch das Preisgefälle. In Ungarn gibt es höhere Gaspreise als in Österreich und auch in Italien ist das immer wieder der Fall. Auch die Tatsache, dass die Ukraine durch die russischen Angriffe auf die Gasinfrastruktur vermehrt Gas importieren muss, spielt mit. 2025 musste die Ukraine Gas im Ausmaß der Hälfte des österreichischen Gasverbrauchs importieren – Länder, die am Weg dieses Gases liegen, werden dadurch preislich nach oben gezogen. Die Frage, wie es in der Ukraine weitergeht, hat also auch Einfluss auf den Gaspreis in Österreich, Ungarn und Zentraleuropa. In den USA ist der Gaspreis gestiegen, aber noch immer liegt der Gaspreis in Europa bei einem Faktor 2.
Was müsste passieren, damit der Preis in Österreich sinkt?
Da gibt es eine Reihe von Dingen, etwa bei den Netzkosten, die 2026 im Jahresvergleich um durchschnittlich rund 18 Prozent höher sind als noch 2025. Mittel- und langfristig hilft auch eine höhere Inlandsproduktion, zumindest eine Stabilisierung – sowohl bei konventionellem Gas als auch bei erneuerbarem Gas. Da kommen durchaus Projekte in die Umsetzung, die die Erdgasproduktion steigern werden. Durch das Erneuerbares-Gas-Gesetz soll mehr Biomethan und Wasserstoff in den Markt kommen. Da kommt gelegen, dass Österreich für die nächsten Jahre bei der Anrechenbarkeit von grünem Wasserstoff von vereinfachten Regeln profitiert, da wir 2024 bilanziell betrachtet einen Anteil von mehr als 90 Prozent Erneuerbaren am Stromverbrauch hatten und in Österreich per Elektrolyse produzierter Wasserstoff damit als grün gilt. Und nicht zuletzt müssen wir, wo es möglich ist, von Erdgas auf andere Energieträger umsteigen, die günstiger sind. Gleichzeitig gilt es, Infrastrukturprojekte wie den WAG-Loop voranzutreiben. Ich glaube, dass wir alles in allem gute Aussichten haben, was die Gasversorgung betrifft, aber wir sollten uns robuster aufstellen.

Es ist davon auszugehen, dass der Gaspreis in den kommenden Jahren sinkt?
Tendenziell ja bzw. wird er sich stabilisieren. Experten gehen von 25 bis 30 Euro pro Megawattstunde aus. Europa ist derzeit aber sehr stark vom LNG-Preis dominiert. LNG ist zum Preissetzer in Europa geworden und dadurch sind wir auch stärker globalen Entwicklungen unterworfen – und die werden in Europa zunehmend auch von den USA dominiert, die heute mehr als ein Viertel der Gasimporte in die EU stellen. Eine Gegenmaßnahme wäre, mehr Gas selbst in Europa zu produzieren.
Wieviel Potenzial hat die Inlandsproduktion in Österreich tatsächlich?
In Österreich geht es eher um eine Stabilisierung als um eine Ausweitung. In Europa gibt es aber durchaus Potenziale. In der Nordsee beispielsweise. In Rumänien soll 2027 ein wichtiges neues Gasfeld unter OMV-Beteiligung erschlossen werden.
Sie haben schon angesprochen, dass die Netzkosten heuer deutlich höher sind. Wie könnte man dieser Entwicklung gegensteuern?
Wir müssen die Netz-Entgelt-Situation besser in den Griff bekommen. Dazu muss man sich Gedanken über eine Redimensionierung der Gasinfrastruktur machen. Dafür braucht es – ähnlich dem ElWG für den Strommarkt – eine grundlegende Neuordnung der Gasmarktregeln in Österreich, auch um den Hochlauf der Wasserstoffinfrastruktur zu ermöglichen. Diese Novelle des Gaswirtschaftsgesetzes soll 2026 in den parlamentarischen Prozess eingebracht werden.
Für längere Zeiten und größere Leistungen braucht es Gaskraftwerke. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
Christoph Dolna-Gruber
In Berlin gab es einen Anschlag auf ein Gaskraftwerk mit massiven Auswirkungen auf die Energieversorgung. Die Attentäter begründeten u. a. damit, dass in Deutschland weitere Gaskraftwerke gebaut werden sollen. Warum braucht es diese Gaskraftwerke?
Genau genommen ist eine Kabelverbindung zu einem Gaskraftwerk sabotiert worden und zwar dort, wo das Kabel ein Stück weit oberirdisch geführt werden muss. Das hat über eine Kaskadenwirkung dazu geführt, dass Netzbereiche abgeschaltet werden müssen. Weil es eben keine Freileitung ist, dauert nun auch die Reparatur länger. Eine gewisse Dezentralisierung, also viele kleinere Einheiten, wird das Stromsystem robuster machen. Trotzdem wird es auch in Zukunft Gaskraftwerke brauchen. Das liegt daran, dass sich die Logik im Stromsystem umdreht. Früher hat man sich nach dem prognostizierten Stromverbrauch gerichtet und genau das produziert, indem Kohle und Gas und in gewisser Weise auch Uran verbrannt wurden. Dank Merit-Order nutzen wir heute prioritär Wasserkraftwerke, Windkraft und Sonnenstrom, um den Stromverbrauch zu decken. Es gibt aber auch Zeiten, da gibt es aus diesen Quellen nicht genug Energie. Österreich etwa hat 2025 seinen Stromverbrauch zu 77 Prozent der Zeit nicht vollständig mit Erneuerbaren decken können. Dafür braucht es dann Gaskraftwerke, Biomassekraftwerke, Batterien und Pumpspeicher – in manchen Ländern auch Atomkraftwerke. Gaskraftwerke haben den entscheidenden Vorteil, dass sie sehr flexibel produzieren können. Batterien und Pumpspeicher überbrücken eher Minuten und Stunden. Für längere Zeiten und größere Leistungen braucht es Gaskraftwerke. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
Müssen wir auch in Österreich neue Gaskraftwerke bauen?
Momentan hat Österreich einen ausreichenden Park an Gaskraftwerken, deren Verfügbarkeit vorausgesetzt. Die Situation kann aber nicht rein national eingeschätzt werden. Unsere Gaskraftwerke werden etwa auch dafür genutzt, Systemdienstleistungen für Deutschland zu erbringen. Ein weiterer Punkt ist, dass erste österreichische Gaskraftwerke Mitte der 2030er-Jahre das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Wir müssen also über eine Nachfolgeregelung nachdenken, um diese Kraftwerke zu erneuern, zu revitalisieren und die Kapazitäten zu erhalten.
Aktuell sind die Temperaturen sehr niedrig. Ist das der Grund, warum sich diesen Winter die Gasspeicher in Österreich erneut schneller leeren als in den Wintern davor?
Das kalte Wetter hat sicher damit zu tun, dass sich die Speicher schneller leeren als in den Wintern 22/23 und 23/24 – das waren Heizperioden mit warmem Wetter und relativ wenig Verbrauch. 2024/25 haben wir aber wieder eine relativ normale Entleerung erlebt. Heute vor einem Jahr wurde auch durch das Aus des Ukraine-Transits mehr Gas aus den Speichern entnommen, gleichzeitig waren die Gasspeicher aber zu Beginn der Heizsaison noch voller als im vergangenen Herbst. 2025 war ein Jahr mit einem höheren Gasverbrauch als in den Jahren davor – auch deshalb entleeren sich die Speicher nun schneller.

Warum war der Gasverbrauch höher?
2025 haben wir 80 Terawattstunden Gas verbraucht, nach etwa 75 Terawattstunden 2023 und 2024. Dennoch ist der Verbrauch geringer als vor der Krise, wo wir teilweise 95 Terawattstunden eingesetzt haben. 2025 waren die Temperaturen niedriger, es musste also mehr geheizt werden – besonders der Oktober war kalt. Außerdem ist mehr Strom in Gaskraftwerken erzeugt worden. Das hat damit zu tun, dass die Wasserkraftproduktion 2025 um 12 Prozent geringer war als im Durchschnitt 2018-2022 und sogar um 24 Prozent geringer als im Jahr 2024. Darüber hinaus war 2024 die Produktion mit Windkraft geringer als 2024. Auch die industrielle Aktivität ist 2025 wieder leicht angestiegen – beispielsweise in der Nahrungsmittelindustrie, wo viel Gas eingesetzt wird, wie auch in der Chemieindustrie und in der Metallbranche.
Es bleibt zu hoffen, dass die industrielle Aktivität heuer weiter steigt – wird dann der Gasverbrauch auch wieder stärker steigen?
Wenn die industrielle Aktivität zunimmt, steigt auch der Gasverbrauch. Aber es gibt schon eine teilweise Entkopplung durch mehr Energieeffizienz und durch Umstieg auf andere Energiequellen.
Der Speicherstand liegt noch immer über dem EU-Schnitt – ab welchem Punkt sollte ein Speicherstand grundsätzlich Sorgen bereiten?
Wir sollten Ende März, also zum Ende der Heizsaison, noch ein komfortables Polster haben, das deutlich über 20 Terawattstunden liegt. Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Speicherentleerung analog zum letzten Jahr fortsetzt, werden wir Ende März etwa 30 Terawattstunden in den Speichern haben. Das heißt aber auch, dass wir über den Sommer wieder mehr Gas einspeichern müssen.