Leonhard Schitter ist CEO der Energie AG Oberösterreich © Energie AG | Montage: Selektiv
Leonhard Schitter ist CEO der Energie AG Oberösterreich © Energie AG | Montage: Selektiv
Interview

Energie-AG-CEO: „Energieversorgung ist Teil unserer Sicherheitsarchitektur“

Leonhard Schitter, Vorstandsvorsitzender der Energie AG Oberösterreich, fordert im Interview mit Selektiv ein neues Modell zur Netzkostenfinanzierung. Er schlägt einen „staatlich gestützten und unabhängig verwalteten Infrastrukturfonds“ vor, der sowohl schnelleren Ausbau ermöglichen als auch eine fairere und über eine längere Dauer gestreckte Kostenverteilung erlauben würde. Die Energiewende bezeichnet Schitter als das „größte Infrastrukturprojekt der Zweiten Republik“, bei dem Österreich jetzt nicht mehr viel Zeit verlieren dürfe. Dabei gibt er zu bedenken, dass das Energiesystem auch als Teil der Sicherheitsarchitektur verstanden werden sollte und daher auch gegen hybride Bedrohungen und Sabotage gerüstet sein muss.

Die Klimaziele 2030 und 2040 wirken im Jahr 2026 nicht mehr sonderlich weit entfernt. Wird die Transformation des österreichischen Energiesystems für Sie mit ausreichend Nachdruck verfolgt?

Leonhard Schitter: Wenn wir in Österreich handlungsfähig bleiben wollen, müssen wir den Umbau unseres Energiesystems wie das behandeln, was er ist: das größte Infrastrukturprojekt der Zweiten Republik. Das bedeutet nicht „ein bisschen mehr“ von allem, sondern konsequent handeln: bei Erzeugung, Netzen, Speichern und Effizienz. Wer hier auf ein „entweder oder“ besteht, verliert kostbare Zeit. Und Zeit ist in diesem Zusammenhang nicht neutral: Sie kostet Wohlstand, sie kostet Resilienz, sie kostet Handlungsspielraum. Bei der Transformation des Energiesystems sprechen wir viel über erneuerbare Stromerzeugung – zu Recht. Aber der entscheidende Punkt ist nicht nur, wo der Strom herkommt, sondern ob er dort ankommt, wo er gebraucht wird, und ob das System Lastspitzen, Dunkelflauten, Ausfälle und Cyberangriffe aushält. Genau deshalb sind Netze und Speicher keine technischen Fußnoten, sondern zentrale politische Aufgaben. Eine Windkraftanlage oder ein Wasserkraftwerk ist nur so wertvoll wie die Leitungen, die die Energie verteilen, und die Flexibilität, die das Netz stabil hält. Und ja, das kostet Geld.

Stichwort Geld: 80 % des Netzausbaus und dessen Kosten sind auf den Ausbau der Erneuerbaren zurückzuführen, so APG-Vorstand Gerhard Christiner. Stehen diese hohen Kosten ausreichend Nutzen gegenüber?

Energie war lange nur ein Kapitel der Wirtschaftspolitik: wichtig, aber selten dringlich. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wissen wir, wie aus politischem Kalkül ein Systemrisiko für beinahe ganz Europa wurde und wie rasch sich Abhängigkeiten auch in politische Verwundbarkeit übersetzen lassen. Wer Energie heute nur über Preise oder Marktmechanismen diskutiert, blendet den Kern aus: Energieversorgung ist Teil unserer Sicherheitsarchitektur. Denn die Risiken sind nicht mehr nur meteorologisch (wie geringe Wasserführung bei Kraftwerken aufgrund des Klimawandels) oder marktgetrieben (künstliche Verknappung durch Abgängigkeiten). Hybride Bedrohungen, Cyberangriffe, Sabotage – das sind keine Szenarien für Planspiele, sondern bereits weitere reale Herausforderungen für kritische Infrastruktur. Resilienz heißt in der Praxis: Redundanz, Schutz, schnelle Wiederherstellbarkeit und klare Verantwortung. Wer hier spart, spart am falschen Ende.

Sollten angesichts der von Ihnen hervorgehobenen sicherheitspolitischen Bedeutung der Energieinfrastruktur alternative Finanzierungsmodelle für den Netzausbau angedacht werden, um Industrie und Bevölkerung vor immer weiter steigenden Netzkosten abzuschirmen?

Die Netze sind die Autobahnen der Zukunft. Genau deshalb schlage ich einen staatlich gestützten und unabhängig verwalteten Infrastrukturfonds vor: Der Staat stellt über seine Bonität eine Garantie, damit privates Kapital von Banken, Versicherungen oder Pensionsfonds gebündelt und zu deutlich günstigeren Konditionen zweckgebunden in den Netzausbau gelenkt werden kann. Die Mittel würden den Netzbetreibern als eigenkapitalähnliche Finanzierung zur Verfügung gestellt, damit sie schneller bauen können. Zurück fließt das Geld langfristig über Zinsen und die regulierten Netzentgelte, die stabil und planbar sind. So verteilen wir die Kosten fair über die Nutzungsdauer und mehrere Generationen, entlasten das Budget und dämpfen langfristig die Netzkosten. Das verstehen wir als einen Beitrag zur Versorgungssicherheit und leistbare Energie.

Vor allem im Winter wird das europäische Stromsystem weiterhin Gas benötigen. Die EU hat sich den USA gegenüber verpflichtet, in den nächsten Jahren LNG im Wert von 750 Mrd. Dollar zu importieren. Wechseln wir von einer teuren Abhängigkeit in die nächste?

Wir dürfen nicht den nächsten strategischen Fehler begehen und alte Abhängigkeiten durch neue ersetzen. Europas Antwort kann nicht darin bestehen, den Lieferanten zu wechseln und sonst alles beim Alten zu lassen. Wir brauchen mehr eigene Kapazitäten, robuste Lieferketten und eine Industriepolitik, die kritische Energieinfrastruktur, als das behandelt, was sie ist: systemrelevant. Das gilt für Technologien, für Rohstoffe, für digitale Komponenten und auch für die Fähigkeit, in Europa zu produzieren, zu warten und im Krisenfall rasch zu reparieren. Wer Sicherheit nur als Polizei- oder Militärthema begreift, übersieht, wie verwundbar unsere Gesellschaft ohne stabile Energieversorgung ist. Diese neue Realität ist schmerzhaft, macht allerdings auch Prioritäten sichtbar. Die wirksamste Antwort auf Abhängigkeit von Energie außerhalb des Kontinents ist nicht Empörung, sondern Umsetzung. Und Umsetzung beginnt mit einem Satz, den wir uns öfter sagen sollten: Tempo ist kein Selbstzweck, Tempo ist Schutz.

Mehr Tempo sollen Reformen der Umweltverträglichkeitsprüfungen und das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz bringen. Könnte die Akzeptanz von Erneuerbaren-Projekten durch mehr Tempo weiter sinken?

In vielen Projekten ist das größte Risiko nicht die Technik, auch nicht unbedingt die Finanzierung, sondern eben die Zeit im Verfahren. Wer Versorgungssicherheit ernst meint, muss Genehmigungen schneller, Zuständigkeiten klarer und Regeln verlässlicher machen. Das ist keine Forderung nach weniger Standards. Im Gegenteil: Gute Standards brauchen eine gute Umsetzung. Wenn Prozesse aber jahrelang dauern, wird jede Investition zum Wagnis und jede politische Zusage zum Prinzip Hoffnung. Bei all dem gilt: Die Technik allein wird es nicht richten. Der Umbau gelingt nur mit Akzeptanz und Akzeptanz entsteht nicht durch Beschwichtigung, sondern durch Ehrlichkeit. Menschen spüren sehr genau, ob sie Teil einer Lösung sind, oder nur Adressaten von Entscheidungen. Darum braucht es nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Argumente, echte Beteiligungsmodelle und spürbare regionale Wertschöpfung. Wer will, dass Projekte vor Ort getragen werden, muss vor Ort immer wieder sehr viel erklären.

Wie kann die Transformation des Energiesystems in einer hybriden Bedrohungslage bei laufender Budgetkonsolidierung gelingen?

Am Ende läuft alles auf eine einfache Wahrheit hinaus: Österreich kann das schaffen. Wir haben das Know-how, die Unternehmen, die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Technologie und das Potenzial. Was wir allerdings weniger gut können, ist das konsequente Umsetzen in der Geschwindigkeit, die die Zeitenwende erfordert. Wenn wir in den kommenden Jahren Wohlstand, Industrie und gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern wollen, müssen wir den Ausbau von nachhaltiger Erzeugung, Netzen und Speichern massiv beschleunigen, Verfahren modernisieren, Sicherheitsfragen mitdenken und die Bevölkerung als Partner gewinnen. Nicht, weil es gut klingt. Sondern weil Handlungsfähigkeit in dieser neuen Welt einem nicht geschenkt wird – sie wird gebaut.