Johannes Benigni ist Direktor von JBC Vienna © Benigni | Montage: Selektiv
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Interview

Energie-Experte: „Anstieg an der Zapfsäule kommt wie das Amen im Gebet“

Energie-Experte Johannes Benigni sieht den Iran-Konflikt derzeit in der ersten Stufe eines zweistufigen Eskalationsszenarios. Durch die Schließung der Straße von Hormus sind 10-11 Mio. Fässer Rohöl, weitere 2,5 Mio. Fässer raffinierte Produkte und 270 Mio. Kubikmeter Erdgas „eingeschlossen“. Bis die Märkte sich neu kalibriert haben, werde es kurzfristige Preisanstiege geben. Sollte der Konflikt weiter eskalieren und auch Energieproduktionsanlagen unter Beschuss kommen, könnten die Preise längerfristig hoch bleiben und inflationär wirken, so der Direktor von JBC Vienna. Dabei werden auch die niedrigen Gasspeicherstände zum Problem: „Wir werden mit sehr niedrigen Gasspeicherständen in den nächsten Winter gehen“ und die Energieversorger werden „von der Hand in den Mund leben“, so Benignis Einschätzung.

Der Konflikt mit dem Iran hat sich am ersten Handelstag deutlich auf die Öl- und Gaspreise niedergeschlagen – sind das kurzfristige Reaktionen oder steht eine neue Energiepreiskrise bevor?

Johannes Benigni: Das hängt davon ab, wie lange dieser Konflikt andauern wird. Die USA haben das Ziel, den Iran wieder zum Petro-Dollar zurückzuführen. Also, dass die Iraner das Öl wieder in US-Dollar abrechnen, was sie seit Jahren nicht mehr machen. Denn das Abwenden der BRICS-Staaten vom US-Dollar gefährdet die Refinanzierungsfähigkeit der USA und den nachhaltigen Erhalt des US-Dollars als globale Leitwährung. In Venezuela ist Vergleichbares gelungen und diese Blaupause wollten die USA nun auch für den Iran anwenden.

Zuerst haben die USA und Israel versucht, den Umsturz von innen heraus herbeizuführen. Das hat aber nicht funktioniert und bei der Protestwelle im Jänner sind sehr viele Iraner ums Leben gekommen. Jetzt hat man zwar der „Schlange“ den Kopf abgeschlagen, aber Ayatollah Ali Khamenei dürfte ein Kalkül dahinter gehabt haben, nicht in den Bunker gegangen zu sein – es war eine gewisse Art von Selbstopferung, mit dem Ziel, die Schiiten dazu zu bewegen, sich verstärkt hinter das Regime zu stellen.

Dieser Konflikt wird daher nicht nur mit Raketen zu gewinnen sein. Ohne „boots on the ground“, also dem Einsatz von Bodentruppen, wird es sehr schwierig. Das wird am Ende des Tages entscheidend sein, denn US-Präsident Donald Trump wollte am Wochenende schon wieder aufhören. Er hat über Italien anfragen lassen, ob die Iraner zu Verhandlungen bereit wären – was diese jedoch abgelehnt haben. Aus innenpolitischen Gründen braucht Trump aber einen „quick win“, nur das funktioniert beim Iran aktuell nicht.

Trump hat dann davon gesprochen, dass der Konflikt „vier Wochen, oder weniger“ dauern würde. Mit „boots on the ground“ sind vier Wochen aber wohl unrealistisch?

Trump wird eben keine Bodentruppen schicken wollen, weil er die Verluste nicht argumentieren wird können und ihm das politisch vor allem bei seiner MAGA-Bewegung sehr schaden würde. Er muss jetzt die Erwartungshaltungen managen, weil er eingesehen hat, dass der Konflikt nicht so schnell wie erhofft vorübergeht. Deswegen kam jetzt die Ansage mit den vier Wochen.

Der Anstieg an der Zapfsäule kommt also wie das Amen im Gebet.

Johannes Benigni, Direktor von JBC Vienna

Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen Sie?

Was den Energiemarkt anlagt, sehe ich ein Zwei-Stufen Eskalationsszenario. Stufe 1 ist die Schließung der Straße von Hormus, was bereits eingetreten ist. Das bedeutet den Verlust von 15 Mio. Fass Rohöl sowie 2,5 Mio. Fass an raffinierten Produkten und 270 Mio. Kubikmeter Erdgas pro Tag.

Für Rohöl gibt es noch andere Kapazitäten, um die die Straße von Hormus umgehen zu können – mit Pipelines in Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber in Summe werden dennoch pro Tag ca. 10-11 Mio. Fass Rohöl „eingeschlossen“ bleiben. Was Europa besonders wehtut, ist aber der Wegfall der raffinierten Produkte. Der mittlere Osten ist eine wahre Dieselproduktionsanlage und Europa ist stark von Dieselimporten abhängig. Die Dieselversorgungsrouten werden sich – wie bereits bei den Russland-Sanktionen – neu kalibrieren müssen, aber die Mengen aus dem Mittleren Osten werden rasch fehlen. Aktuell sehen wir bereits einen Anstieg der Dieselmargen von 23 auf 42 US-Dollar pro Fass. Der Anstieg an der Zapfsäule kommt also wie das Amen im Gebet.

Bei LNG fällt mit Katar einer der drei großen globalen Exporteure weg, daher wird es jetzt mehr Nachfrage für amerikanisches LNG geben – und das treibt den Preis auch für Europa. Daher ist der TTF Börsenpreis für Erdgas übers Wochenende von 30 Euro/MWh bereits auf bis zu über 48 Euro/MWh gestiegen.

Dieser Krieg wird zum Leidwesen der Zivilbevölkerung wohl noch eine Weile dauern.

Johannes Benigni, Direktor von JBC Vienna

Wie sieht Stufe 2 im von Ihnen geschilderten Eskalationsszenario aus?

Eskalationsstufe 2 bedeutet, dass auch die Energieinfrastruktur verstärkt angegriffen wird. Der Iran hat bereits damit begonnen und die saudische Ras Tanura Raffinerie beschossen. Von Angriffen auf iranische Energieinfrastruktur haben die Amerikaner bisher noch Abstand genommen, weil man sich eigentlich auf einen Enthauptungsschlag beschränken wollte. Sollten aber die Assets und die Produktionsfähigkeit des Irans vernichtet werden, wird man sich dem iranischen Volk nicht mehr als Retter präsentieren können, und daher passiert das bisher auch nicht. Wenn die zweite Eskalationsstufe aber eintreten sollte und sich die Konfliktparteien wechselseitig die Energieinfrastruktur kaputtschießen, dann stellt sich nicht nur die Frage, wie lange die Straße von Hormus geschlossen ist, sondern auch wie lange es brauchen wird, bis überhaupt wieder genug Öl und Gas aus dem persischen Golf geliefert werden kann. Das könnte dazu führen, dass die Preise noch längerfristig hoch bleiben und diese entsprechend inflationär wirken.

Leider haben die Amerikaner für kein logisches Exit-Szenario gesorgt. Ein Nachgeben der Iraner ist derzeit nicht erwartbar und Bodentruppen sind ebenso unrealistisch, daher ist die Frage, wie der Konflikt ohne einen massiven Gesichtsverlust enden kann? Man wird schlussendlich die Frage beantworten müssen, was hat dieser Angriffskrieg im Iran gebracht, wenn das Regime dasselbe bleibt und nicht nachgibt? Die Antwort ist offen und somit wird dieser Krieg zum Leidwesen der Zivilbevölkerung in der gesamten Golfregion wohl noch eine Weile dauern.

Nur das warme Wetter hat Deutschland vor einer Gasmangellage bewahrt.

Johannes Benigni, Direktor von JBC Vienna

Europa und Österreich verlassen die Heizsaison mit niedrigen Gasspeicherständen, wird das Auffüllen jetzt empfindlich teuer?

Für die nördliche Hemisphäre ist der aktuelle Zeitpunkt ein bisschen ein Glücksfall, da der Nachfragehöhepunkt aufgrund des Winterwetters bereits hinter uns liegt. In Summe sind die Lagerstände aber sehr niedrig. Es ist eine heikle Situation. Wir müssen hoffen, dass das Wetter warm bleibt.

Das Wiederauffüllen wird zu einem Problem – aus zwei Gründen. Einerseits gibt es momentan einfach zu wenig Gasangebotsmengen, andererseits gibt die Marktstruktur ein Auffüllen derzeit auch nicht her, denn die Preise für den Sommer sind höher als für den Winter. Die Marktteilnehmer sind derzeit nicht motiviert einzuspeichern, weswegen wir mit sehr niedrigen Gasspeicherständen in den nächsten Winter gehen werden. Denn derzeit ist einfach keine ökonomische Motivation fürs Auffüllen gegeben. Historisch wurde der niedrige Sommerpreis gekauft und auf Lager gelegt und man konnte zum höheren Winterpreis verkaufen, was die Lagerhaltungskosten durch den Preisunterschied hereinspielte. Das ist derzeit aber nicht möglich. Energieversorger sind daher motiviert, von der Hand in den Mund zu leben und nur so viel zu kaufen, wie sie gerade brauchen. Dadurch werden wir weniger Sicherheitspolster für den kommenden Winter haben. Durch den Wegfall der Angebotsmengen aus Katar werden aufgrund der höheren Preise die asiatischen Energieversorger wieder dazu motiviert, mehr Kohle statt Erdgas zu verstromen.

Ist aufgrund der aktuellen Speicherstände Sorge angebracht?

Die Speicherstände sind niedrig. In Österreich muss aber das Volumen für die geschützten Kunden auf 30 Tage vorgehalten werden. Auch haben wir in Österreich noch die strategische Gasreserve von 20 TWh, auf die zurückgegriffen werden kann, wenn alle Stricke reißen sollten. Österreich hat somit eine adäquate Versorgungssicherheit. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Dort ist bis vor wenigen Tagen der Gasspeicherstand täglich um etwa 1 TWh gefallen und nur das warme Wetter hat diesen Trend nun gestoppt und Deutschland vor einer Gasmangellage bewahrt.

Nach Bundeskanzler Christian Stocker und Europaministerin Claudia Bauer will nun auch SPÖ-Staatssekretärin Michaela Schmidt eine Reform der Merit Order anstoßen. „Es ist schlichtweg unsinnig, weiterhin an einem System festzuhalten, das den Preis für unseren grünen Strom an russisches Gas koppelt“, so Schmidt in einer Aussendung. Wie könnte die Merit Order reformiert werden?

Die Stromkosten in Österreich sind derzeit höher im Vergleich zu Deutschland, weil die Grenzübergangskapazitäten nicht hoch genug sind – das ist derzeit unser Hauptproblem. Man kann also schon durch bessere Marktintegration die Preise etwas senken.

Der Bezug auf Russland ist in diesem Zusammenhang inhaltlich nicht hilfreich, denn weder bekommen wir derzeit Gas aus Russland noch spielt Russland eine Rolle bei unserer Preissetzung. Will man sobald wie möglich kein Gas mehr verwenden, muss man zunächst erklären können, wie man bei Dunkelflaute weiterhin Strom und Wärme produzieren oder weiterhin Hochtemperatur-Industrieprozesse am Laufen halten will. Darauf fehlt bisher eine Antwort. Nachdem Wasserstoff nicht wettbewerbsfähig ist bzw. extrem subventioniert wird, wird Erdgas bis auf weiters benötigt werden.

Die Merit Order wurde entwickelt, um Versorgungssicherheit herzustellen. Die teuerste Form der Produktion, oft ist das Gas, setzt den Preis für alle andere Formen der Stromerzeugung. Man kann jetzt gerne darüber diskutieren, ob das volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Der österreichische Konsument hat nämlich herzlich wenig davon, dass Österreich mit Wasserkraft gesegnet ist. Man könnte den Wasserkraftproduzenten den Strom zu einem „Cost-Plus“ Ansatz mit einer fairen Marge von zum Beispiel 10 % abkaufen und somit einen Großteil des österreichischen Stroms zu den Grenzkosten derWasserkraft anbieten. Das bedingt aber eine Änderung des Marktsystems und das ist natürlich schwierig, wenn man in einer europäischen Marktstruktur integriert ist, da man sich nicht einfach von den Nachbarländern abkoppeln kann. Auch gibt es österreichische Stromproduzenten, die im Vertrauen auf den Binnenmarkt und das Betriebssystem der Merit Order in ihre Anlagen investiert haben.

Volkswirtschaftlich stellt sich trotzdem die Frage, ob die Merit Order heutzutage noch eine sinnvolle Methode ist – einfach weil Windkraft, Photovoltaik und der Bau von Gaskraftwerken staatlich subventioniert werden und somit in vielen Bereichen der freie Markt gar nicht mehr funktioniert. Da vieles davon wenig mit einem freien Markt zu tun hat, brauchen wir auch nicht so zu tun, als hätten wir einen freien Markt. Sondern vielmehr besteht hier eine deutliche Überregulierung bzw. Protektionismus wenn man an die vielen Netzbetreiber in den Bundesländern denkt. Daher empfehle ich zunächst darüber nachzudenken, wie wir uns den Energiemarkt und die Energiewende realistisch anpassen können, bevor Gelder für hohe Subventionen ausgegeben werden, die letztlich der Industrie und den Konsumenten nicht viel bringen. Insbesondere im internationalen Wettbewerb ist günstige Energie vorteilhaft und nur so kann das Wirtschaftswachstum einer Exportnation wie Österreich erhalten werden.