Für China ist der Irankrieg ein katastrophales Erdbeben

13. März 2026Lesezeit: 4 Min.
Bernhard Seyringer Illustration
Kommentar von Bernhard Seyringer

Bernhard Seyringer ist Politikanalyst und Technologie-Berater bei AFUSS Consulting. Seine thematischen Schwerpunkte fokussieren „Strategic Foresight“ und „Neue Technologien und Internationale Politik“. Seyringer ist zudem Experte für digitale Geopolitik.

Chinas größtes Medienspektakel – die „Two Sessions“ – mit 5.000 Delegierten und der gesamten Nomenklatura in Feierlaune, standen unter keinem guten Stern. Nur wenige Tage vor deren Eröffnung in Peking, haben die USA und Israel mit ihrem Militärschlag gegen das Regime in Teheran begonnen den Nahen Osten über Jahrzehnte hinaus neu zu ordnen. Für Peking ist dies ein katastrophales geoökonomisches Erdbeben.

Investoren und Analysten blicken gebannt auf die Entwicklung der Öl- und Gaspreise in Folge des Krieges am Persischen Golf. Es wäre wichtiger, auf die langfristige Schwächung Chinas im globalen Machtkampf mit den USA und deren Folgen zu fokussieren. Chinas außenpolitische Architektur im Nahen Osten ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Der Iran war die wichtigste Säule im diplomatischen Konzept in einer Region, über die Peking bis dato weder Expertise oder Erfahrung hatte. China verliert dadurch massiv an Einfluss und muss sich auf eine strategisch freier agierende US-Außenpolitik einstellen. Ist die iranische Bedrohung im Nahen Osten erst beseitigt, können die USA bedeutende Ressourcen in Richtung indo-pazifischem Raum verschieben. Die Umsetzung eines außenpolitischen Paradigmenwechsels, den das Pentagon bereits zur Jahrtausendwende geplant hatte und der durch 9/11 zunichte gemacht wurde. Präsident Trump hat seinen Hebel bei Verhandlungen im Rahmen seines Staatsbesuchs in China wesentlich verlängert. Europa täte gut daran, diese Zeichen zu erkennen, die transatlantische Achse zu intensivieren und sich keinesfalls von den Sozialisten in London und Madrid in Geiselhaft nehmen zu lassen.

Die Aushöhlung des Dollar-Systems ist vorerst abgesagt

Peking hat bisher iranisches Öl zu äußerst günstigen Tarifen erworben und dafür über den geheimen Finanzierungskanal „Chuxin“ bezahlt. Dabei handelt es sich um eine inoffizielle Komponente innerhalb des von der Zentralbank betriebenen CIPS (China International Payment System), das für grenzüberschreitende Renminbi-Zahlungen angelegt ist. China muss nun auf die globalen Spotmärkte zurückgreifen, kriegsbedingte Aufschläge zahlen und massive Transaktionen in US-Dollar abwickeln. Und China muss das offenbar recht rasch tun, denn Daten des Energieanalyse-Unternehmens Kayrros  (allerdings vom März 2025) folgend, hat das Land seine strategischen Reservespeicher nur zu etwa 60 Prozent gefüllt. Diese erzwungene Rückkehr zum streng kontrollierten Dollarhandel wird Chinas strategische Devisenreserven stark dezimieren. Am verheerendsten ist jedoch, dass die Abschaffung dieses auf dem Renminbi (RMB) basierenden Netzwerks für Ölgeschäfte mit sanktionierten Staaten einen vernichtenden Schlag für Pekings Strategie der Internationalisierung des RMB bedeutet und seinen Kreuzzug zur Ablösung der US-Dollar-Hegemonie schwer beeinträchtigt.

Der Zusammenbruch der Rüstungsexporte

Für die chinesische Rüstungsindustrie ergab sich in den letzten Wochen ein enormer Reputationsschaden. Erwiesen sich vor kurzem die gelieferten JY-27-Radargeräte und Überwachungssysteme als völlig nutzlos, um den schnellen Militärschlag der USA zu verhindern mit dem Maduro in Venezuela verhaftet wurde, versagten nun ähnliche, integrierte Luftabwehrnetze im Iran. Darunter HQ-9B-Systeme und modifizierte S-300 Systeme, deren Lieferung China allerdings offiziell bestreitet. Die Anschaffungen von J-10C-Kampfflugzeugen und CM-302-Überschall-Anti-Schiffs-Raketen durch das iranische Regime wurden zusätzlich zunichte gemacht. 

Der Marsch in Richtung Westen ist blockiert

Der China-Zentralasien-Westasien (CCWAEC) Korridor der „Belt-and-Road Initiative“ (BRI) durchquert fünf zentralasiatische Länder und 17 Länder im Nahen Osten, darunter den Iran. Da die Nordroute durch Russland seit dem Ukraine-Krieg unter Sanktionen steht, hat dessen Bedeutung stark zugenommen und ist jetzt vollkommen außer Kontrolle. Dazu kommt, dass geplant war, den iranischen Hafen von Chabahar näher an den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) anzubinden. Ein herber Rückschlag für Pekings Energiediversifizierung. War doch der Plan, im Krisenfall unter Umgehung der Straße von Malakka, Öl über das Pipelinesystem des CPEC nach China zu liefern.

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