Guten Morgen Österreich!
Wir begrüßen Sie bei unserem wirtschaftspolitischen Briefing um 7 Uhr! Heute zusammengestellt und editiert von Stephan Frank, Christoph Hofer, Sara Grasel und Maximilian Kern – wir melden uns aus Wien.
News – das müssen Sie heute wissen:
🇦🇹 Regierung uneins über Aktivierung von Energiekrisenmaßnahmen. Im Rahmen einer Pressekonferenz warnte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer vor Schnellschüssen angesichts steigender Energiepreise infolge der kriegerischen Eskalation im Nahen Osten. Österreichs Gasspeicher seien im europäischen Vergleich gut gefüllt – bei insgesamt deutlich größeren Kapazitäten. Die strategische Gasreserve und die Pflichtnotstandsreserve an Erdöl sichern die heimische Energieversorgung ab. Die Regierung hat zudem eine Taskforce „Versorgungssicherheit“ eingerichtet, wie es aus dem BKA hieß. SPÖ-Staatssekretärin Schmidt forderte indes die rasche Umsetzung des Energiepreis-Krisenmechanismus, um Strompreise in Krisen deckeln zu können. Der niederösterreichische SPÖ-Obmann Sven Hergovich verlangt darüber hinaus die sofortige Aussetzung des Merit-Order-Systems auf EU-Ebene. Wifo-Ökonom Harald Oberhofer, Mitglied der Taskforce „Versorgungssicherheit“ sieht eine „typische Preisentwicklung in einer Krise“. Man befände sich trotz der rapiden Preisanstiege bei Öl und Gas immer noch im mehrjährigen Durchschnitt. [Quellen: BMWET-Pressekonferenz, BKA, Staatssekretärin Schmidt | Reaktionen: Grüne, WKÖ, AK, SPÖ Steiermark, SPÖ NÖ]
🇦🇹 🇩🇪 🇺🇸 Börsen reagieren auf Iran-Konflikt, ATX -3,6 %. Während Gas- und Ölpreise im Großhandel weiter steigen, müssen die Börsen in Europa und den USA infolge des Iran-Konflikts massive Verluste hinnehmen. Der Dutch TTF für Gas stieg gestern auf den Höchststand seit über 3 Jahren, Öl der Sorte Brent auf mehr als 80 Dollar pro Barrel. Die Preise sanken zeitweise wieder nachdem US-Präsident Trump ankündigte, die Sicherheit von Schiffen zu garantieren, welche die Straße von Hormus durchqueren. Der ATX schloss gestern mit einem Minus von 3,6 % und 5.434 Punkten und der DAX ging mit 23.791 Punkten aus dem Handel – ein Minus von 3,4 %. Der europäische Leitindex Euro Stoxx 50 schloss mit einem Minus von 3,6 % bei 5.774 Punkten. Dow Jones und S&P 500 rutschten am Dienstag teilweise stark ab, schlossen dann aber mit einem moderaten Minus von 0,8 bzw. 0,9 %. [Quellen: Öl/Gas – DutchTTF, Brent; Trump auf Truth Social, ATX, DAX, Euro Stoxx 50, Dow Jones, S&P 500 | Grafik: Europäische Gas- und Ölpreise steigen stark]
Kommentar: Wie viele Eingriffe verträgt der Strommarkt?
von Barbara Schmidt
Missverständnisse zur Merit-Order. Auch die österreichische Bundesregierung fordert in den vergangenen Wochen immer wieder eine Reform des Strommarkts auf EU-Ebene. Das Argument lautet: Trotz hoher Anteile an erneuerbaren Energien in Österreich würden die Strompreise durch teure Gaskraftwerke bestimmt. Das sei nicht mehr zeitgemäß. Allerdings: Aber auch wenn sie gut gemeint sind – Eingriffe in dieses komplexe System können nach hinten losgehen.
💡 Wem das Gas in Österreichs Speichern gehört. In den heimischen Gasspeichern befinden sich derzeit noch rund 37 Terawattstunden (TWh) Gas, das entspricht gut einem Drittel der Gesamtkapazität. Der Großteil davon entfällt auf die strategische Gasreserve von 20 TWh. Die vorhandene Menge reicht laut Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer für zwei kalte Wintermonate. 3,5 TWh sind von österreichischen Speicherkunden eingelagert und laut E-Control höchstwahrscheinlich für den österreichischen Markt vorgesehen. Für geschützte Kunden wie Haushalte und Krankenhäuser stehen noch 2,2 TWh bereit. Weitere 2,1 TWh sind „immunisierte Mengen“, welche Unternehmen gemäß Energielenkungsgesetz selbst eingespeichert haben und worauf sie im Krisenfall zugreifen können. Fast 9 TWh entfallen auf ausländische End- bzw. Speicherkunden, z. B. internationale Gashändler. Energie-Experte Johannes Benigni erwartet im Selektiv-Interview, dass das Wiederauffüllen der Gasspeicher „zum Problem“ werden und Österreich „mit sehr niedrigen Gasspeicherständen in den nächsten Winter gehen“ wird. [Quellen: Energie.gv.at, BMWET, E-Control, Selektiv | Grafik von Stephan Frank]

Alle Grafiken von Selektiv 📈
Die Redaktion von Selektiv gießt Zahlen und Daten in anschauliche Grafiken – hier geht es zum Überblick mit Download-Funktion.
Der Link wechselt jeden Freitag.
🇦🇹 Heimische Inflation wieder gestiegen. Nach 2,0 % im Jänner lag die Inflationsrate im Februar laut Schnellschätzung der Statistik Austria bei 2,2 %. Im Monatsabstand stieg das Preisniveau um 0,8 %. Der für den EU-Vergleich relevante HVPI ist im Februar auf 2,3 % gestiegen. Wichtigster Inflationstreiber waren die Dienstleistungen (+4,0 %), die Treibstoffpreise dämpften die Teuerung weniger als zuletzt (-4,1 %). Preise für Lebensmittel, Tabak und Alkohol stiegen im Februar um 3,0 %. In der Eurozone stieg der HVPI auf 1,9 %, auch hier befeuerten Dienstleistungen die Teuerung (+3,4 %). Der Iran-Krieg könnte laut OeNB-Gouverneur Martin Kocher „sowohl Inflationsentwicklung als auch Investitionsdynamik und Wirtschaftswachstum“ in nächster Zeit beeinträchtigen. [Quellen: Statistik Austria, Eurostat, APA via Medienberichte | Grafik: Inflationsentwicklung]
🇦🇹 Kickl würde Förderungen kürzen. „Das bisschen Wachstum kommt vom Staatskonsum“, kritisiert FPÖ-Chef Herbert Kickl gestern in der ZIB2. Er würde alle Staatsausgaben auf Sinnhaftigkeit durchforsten, wobei ihm vor allem Ukraine-Hilfen und NGO-Förderungen ein Dorn im Auge sind. Potenzial sieht er bei Förderungen generell – es solle nicht mehr als 50 Förderungen in Österreich geben. Umweltförderungen im Unternehmensbereich können laut Kickl gekürzt werden, da diese Investitionen auch ohne Förderungen getätigt würden. Bei der Wehrpflicht sprach er sich für das 8+2-Modell und eine Zivildienst-Verlängerung aus, würde aber eine Volksbefragung unterstützen. [Quelle: ZIB2 | Grafik: Wirtschaft stockt ohne Staatskonsum, Förderungen fallen auf Vorkrisenniveau]
🇦🇹 In der Produktion sinken Umsätze, Arbeitsstunden und Beschäftigung. Im Jänner verzeichnete der produzierende Sektor in Österreich im Vorjahresvergleich einen voraussichtlichen Umsatzrückgang von 6,7 %. Gleichzeitig sank das Arbeitsvolumen um 5,3 %, während die Beschäftigung um 1,6 % zurückging. Im Baugewerbe fiel der nominelle Umsatzrückgang mit 11 % am deutlichsten aus, begleitet von einer Reduktion der Arbeitsstunden um 7,4 % und der Beschäftigung um 1,8 %. Die Industrie wies ein Umsatzminus von 6,2 % auf, bei einem Rückgang des Arbeitsvolumens um 4,6 % und einer Beschäftigungsabnahme von 1,6 %. [Quelle: Statistik Austria]
🇦🇹 Frühjahrslohnrunden starten – „intensive Verhandlungen“ erwartet. Morgen startet die Elektro- und Elektronikindustrie in die Verhandlungen der Frühjahrslohnrunde – der Fachverband FEEI mahnt im Vorfeld auf Nachfrage „Augenmaß, wirtschaftliche Vernunft und Lösungen, die Beschäftigung sichern und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts langfristig erhalten“ ein. Die Lage bleibe herausfordernd und schwer vorhersehbar, wie die steigenden Energiekosten aufgrund der Lage im Nahen Osten zeigen würde. Auch in der chemischen Industrie, der Glasindustrie, Papierindustrie und Textilindustrie starten demnächst KV-Verhandlungen. Insgesamt geht es um 130.000 Industrie-Arbeitnehmer. Die Gewerkschaften Pro-GE und GPA gehen von „intensiven Verhandlungen“ aus, verweisen auf eine erste Aufhellung der Industrie-Konjunktur und erteilen Nulllohnrunden eine Absage. [Quellen: Selektiv, ÖGB]
🇦🇹 Österreich will sich in Ukraine konkrete Projekte sichern. Gestern ist eine Wirtschaftsdelegation unter Leitung des Ukraine-Wiederaufbau-Koordinator Wolfgang Anzengruber in die Ukraine aufgebrochen, heute reist auch Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer an. Ein neues Memorandum of Understanding soll Österreich konkrete Projekte sichern – das MoU von 2022 habe zu kurz gegriffen, aus drei Projekten im Krankenhausbereich wurde nichts. Vor dem Krieg war Österreich der sechstgrößte ausländische Investor in der Ukraine. Um den Kuchen des Ukraine-Wiederaufbaus gäbe es aber ein Match vieler Staaten. Österreich will vor allem bei Transport, (Energie-)Infrastruktur, Wohnbau, Landwirtschaft und Gesundheit punkten. [Quelle: Pressekonferenz BMWET]
🇦🇹 WKÖ setzt Reformgruppe ein. WKÖ-Präsidentin Martha Schultz will kommende Woche eine Reformgruppe in der Wirtschaftskammer einsetzen, in der je eine Person aus allen Fraktionen im Wirtschaftsparlament, aus den Bundessparten sowie aus der Bundesorganisation und den Landesorganisationen vertreten sein soll. Diese Reformgruppe soll „die Gesamtorganisation durchleuchten“. Nächste Woche werden die Schwerpunkte definiert, bisher wurde die Reform von Aufgaben, Angeboten, Organisation, Wahlrecht und Finanzierung sowie eine Transparenzoffensive angekündigt. Ein erster Zwischenbericht soll im Juni 2026 vorgelegt werden. [Quelle: WKÖ]
🇦🇹 Schumann denkt an Deckelung von Wahlarzthonoraren. Gesundheitsministerin Korinna Schumann zieht die Deckelung von Wahlarzthonoraren als Teil des Reformprozesses des Gesundheitssystems in Betracht. In einem Interview mit der Kronen Zeitung verwies sie auf ein deutsches Modell der variablen Honorarbegrenzung als mögliche Orientierung. Schumann betonte u. a. die Notwendigkeit, Privatisierungstendenzen einzudämmen, das Kassenarztsystem gegenüber dem Wahlarztsektor zu stärken und eine höhere Transparenz bei der Preisgestaltung zu schaffen. Die Ärztekammer kritisierte diesen Fokus und forderte stattdessen moderne Arbeitsbedingungen in der öffentlichen Versorgung. Zudem bezeichnete die Kammer das Wahlarzt-System als „sehr gut funktionierend“ und gab an, dass mehrere der ministeriellen Forderungen bereits umgesetzt seien. [Quelle: Kronen Zeitung, ÖAK | Reaktionen: Ärztekammer – Wien, Tirol, NÖ; SPÖ, FPÖ, FSG im ÖGB, SVS, AEK Tirol] | Grafik: Immer mehr Wahlärzte]
🇪🇺 Industrial Accelerator Act soll heute vorgestellt werden. Stéphane Séjourné, Vizepräsident der EU-Kommission für Industriestrategie, wird heute den Gesetzesentwurf für den Industrial Accelerator Act (IAA) präsentieren. Ziel der Initiative ist es, die Nachfrage nach europäischen klimafreundlichen Produkten zu stärken. Hierzu sollen verbindliche Kriterien für Nachhaltigkeit, Resilienz und die europäische Wertschöpfung („Made in Europe“) in öffentlichen und privaten Beschaffungsprozessen verankert werden. Die Veröffentlichung des Entwurfs wurde zuvor dreimal verschoben. Laut dem aktuellen Entwurf, der Table.Briefings vorliegt, wurden strategische Sektoren wie KI und Halbleiter gestrichen, während die Basismetall-Produktion aufgenommen wurde. Zudem wurden die Preisgrenzen für die Bevorzugung europäischer Produkte bei der öffentlichen Auftragsvergabe angepasst. [Quellen: EU-Kommission, Table Briefings]
🇭🇺 🇪🇺 Orbán knüpft Ukraine-Hilfen an Wiederaufnahme der Öllieferungen. Der ungarische Premierminister Viktor Orbán hat in einem Schreiben an die EU-Kommission bekräftigt, dass Ungarn künftige EU-Beschlüsse zur Unterstützung der Ukraine blockieren wird. Als zentrale Bedingung für das Ende seines Vetos fordert Orbán die Wiederinbetriebnahme der Druzhba-Pipeline. Zur Untermauerung seiner Position veröffentlichte er Satellitenaufnahmen, die belegen sollen, dass die Leitung entgegen ukrainischer Angaben unbeschädigt sei. Eine Sprecherin der EU-Kommission verwies darauf, dass die Pipeline infolge russischer Angriffe funktionsunfähig sei. Orbán wertet den anhaltenden Lieferstopp als bewusste Einflussnahme auf die ungarischen Parlamentswahlen im April. [Quellen: Orbán – Brief, Satellitenbilder; EU-Kommission I, EU-Kommission II]
🇩🇪 Höchststand der Teilzeitquote in Deutschland. Die Teilzeitquote in Deutschland erreichte im Jahr 2025 mit 39,9 % ihren Höchststand. 2016 lag die Teilzeitquote bei 38,3 %. Während die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten um 1 % zunahm, verzeichnete die Vollzeitbeschäftigung einen Rückgang um 0,6 %. Bei den Teilzeitbeschäftigten stieg die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Jahresvergleich um 0,2 Stunden auf rund 18,7 Stunden. Insgesamt ging das Arbeitsvolumen in Deutschland um 0,2 % auf 61,26 Mrd. Stunden zurück. Pro Kopf entspricht dies rund 1.332 Arbeitsstunden, was einer Abnahme von 2,2 Stunden im Vergleich zum Jahr 2024 entspricht. Das Arbeitsvolumen ist letztmals 2023 gestiegen. Die Zahl der Erwerbstätigen blieb 2025 mit 45,98 Mio. nahezu unverändert. [Quelle: IAB – 2025, 2024, Übersicht]
Selektive Agenda:
Heute, Rom: Bundespräsident Van der Bellen trifft italienischen Amtskollegen Mattarella
9:00 Uhr, Wien: Statistik Austria präsentiert die Hauptergebnisse der Konsumerhebung 2024/25
10:00 Uhr, Wien: Ministerrat mit anschl. Pressefoyer
10:00 Uhr, Wien: Zweistündige Warnstreiks der IT-Branche anl. KV-Verhandlungen
10:00 Uhr, Frankfurt: S&P Global gibt Einkaufsmanagerindex Dienstleistungen in EU, Eurozone und Deutschland für Februar bekannt.
11:00 Uhr, Luxemburg: Eurostat gibt EU-Arbeitsmarktdaten und -Erzeugerpreise für Jänner bekannt.
12:00 Uhr, Brüssel: EU-Kommission präsentiert Industrial Accelerator Act
15:00 Uhr, Rom: Außenministerin Meinl-Reisinger trifft italienischen Amtskollegen Tajani
Selektive Agenda, Termine & Events 🗓️
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung und wo treffen sich Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zum Austausch? Die wichtigsten Termine im Überblick.
Der Link zum Selektiv-Terminkalender wechselt jeden Freitag.
Selektives Networking:
Jobwechsel und Karriereschritte: Peter Kail wird CEO von Canal+. Norbert Hofer ist Gesellschafter von Exxtra24. Norbert Höpoldseder ist neuer Landespräsident des Pensionistenverbands Oberösterreich. Alexander Wrabetz ist neuer Beauftragter der Stadt Wien für KI in den Medien – angesiedelt bei der Wien Holding.
Geburtstage: Wir gratulieren Karl Mahrer, Georg Dornauer, Margot Klestil-Löffler, Wolfgang Rosam, Lisa Kaltenegger, Franz Löschnak, Gabriele Binder-Maier, Claudia-Sofie Jelinek, Reinhard Pisec und Michael Rosecker zum Geburtstag.
Sehen & gesehen werden:
10:00 Uhr, Wien: Wiener Stadtwerke-Generaldirektor Weinelt im Klub der Wirtschaftspublizisten [invite only]
18:30 Uhr, Wien: Film-Vorpremiere „Schicksalstage Österreichs – Der Fall des Kurt Waldheim“ und anschl. Diskussion u. a. mit Andreas Khol, Anneliese Rohrer und Danielle Spera im Haus der Geschichte [Info]