Wie viele Eingriffe verträgt der Strommarkt?
Barbara Schmidt ist seit 2007 Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung von Österreichs E-Wirtschaft. Davor war sie unter anderem in der Rechtsabteilung der E-Control Austria und als Klubreferentin im österreichischen Parlament tätig. Sie hat das Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien absolviert. Sie ist Coach und Mediatorin.
In Europa wird derzeit wieder intensiv über den Strommarkt diskutiert. Vor allem die jüngsten Entwicklungen im Iran und die erneute Sperre der Straße von Hormus wirken sich unmittelbar auf die Energiemärkte aus – auch in Europa. Im Kern ist das eine Wiederholung dessen, was wir in den vergangenen Monaten immer wieder gesehen haben: Geopolitische Konflikte stören Lieferketten, verknappen das Angebot – und die Preise steigen. Schon vor den aktuellen Ereignissen war deshalb ein Ruf besonders laut vernehmbar: Das Marktdesign sei schuld an den hohen Strompreisen, ein Eingriff daher erforderlich.
Auch die österreichische Bundesregierung fordert in den vergangenen Wochen immer wieder eine Reform des Strommarkts auf EU-Ebene. Das Argument lautet: Trotz hoher Anteile an erneuerbaren Energien in Österreich würden die Strompreise durch teure Gaskraftwerke bestimmt. Das sei nicht mehr zeitgemäß.
Es klingt einfach: Wenn die Preise an der Börse hoch sind, ändern wir die Spielregeln, entkoppeln den Strom- vom Gaspreis – und schon sinken die Rechnungen bei den Endkundinnen und Endkunden.
Missverständnisse zur Merit-Order
Der europäische Strommarkt ist ein Koordinationssystem, das Millionen von Erzeugern, Speichern und Verbrauchern sowie grenzüberschreitende Energieflüsse von Lissabon bis Istanbul koordiniert – und das jede Viertelstunde, an jedem Tag des Jahres. Und ja: Auch Knappheit wird dort sichtbar – in Form von höheren Preisen.
Aber auch wenn sie gut gemeint sind – Eingriffe in dieses komplexe System können nach hinten losgehen. Im harmlosesten Fall wird es insgesamt teurer, im schlimmsten Fall entstehen Risiken für die Versorgungssicherheit: Wenn Kraftwerke und Speicher nicht mehr verlässlich wissen, ob sich Bereitstellung und Flexibilität lohnen, dann werden sie nicht gebaut – oder nicht betrieben. Und dann hilft auch der günstigste Preis auf dem Papier nicht, wenn in der Realität die Leistung fehlt.
Die Merit-Order wird in den aktuellen Debatten oft so dargestellt, als wäre sie eine politische Vorschrift oder ein willkürliches Konstrukt, das man beliebig ändern könne. Sie beschreibt jedoch lediglich das Verhalten wettbewerbsorientierter Unternehmen in einem freien Markt: Anbieter können grundsätzlich jeden Preis bieten – die Preisbildung entlang der Grenzkosten ist keine Vorschrift, sondern das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Und dieser Mechanismus ist keineswegs einzigartig für Strommärkte: Auch andere Gütermärkte – von Getreide oder Zucker bis hin zu Cloud-Computing – funktionieren nach diesem Prinzip.
Vor allem aber hat die Merit-Order klare Vorteile. Sie sorgt dafür, dass zuerst jene Kraftwerke zum Zug kommen, die die geringsten Grenzkosten haben – es kommt immer das billigste noch verfügbare Kraftwerk zum Einsatz – typischerweise Wind, Wasser und Sonne. Das ist auch im Sinne der Konsumentinnen und Konsumenten, denn dieses System hat den europäischen Verbraucherinnen und Verbrauchern über 25 Jahre hinweg niedrigere Preise beschert als jedes regulierte Modell und während der Energiekrise hat es für Versorgungssicherheit gesorgt. Kurz gesagt: Die Merit-Order ist der beste Kompromiss aus Versorgungssicherheit, Investitionsanreizen und Leistbarkeit, den Europa bisher gefunden hat.
Wie machen wir es besser?
Heißt das, dass alles perfekt ist? Nein. Aber wer Strompreise nachhaltig senken will, muss dorthin schauen, wo die Probleme tatsächlich entstehen. Wir treten für ein Stromsystem ein, das fair und marktbasiert funktioniert – denn wir sind überzeugt, dass das der beste Weg ist, um die laufende Transformation effizient und zügig zu bewältigen.
Die Gründe für hohe Preise sind bekannt: Engpässe im europäischen Verbundnetz, zu geringe Kapazitäten an Erneuerbaren gerade in den Wintermonaten und – als übergeordnete Klammer – die fortbestehende Abhängigkeit von fossilen Importen. Solange Gas knapp und teuer ist, bleibt es in vielen Stunden der Preistreiber. Nicht, weil der Markt falsch ausgerichtet ist, sondern weil das Angebot an günstiger Leistung in diesen Stunden einfach nicht ausreicht.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht: „Wie entkoppeln wir Strom vom Gas?“
Sondern: „Wie sorgen wir dafür, dass wir Gas immer seltener brauchen?“
Das gelingt nur mit einem echten Mehr an günstigem Strom, den wir in Europa – und in Österreich – selbst produzieren. Und mit den Systemvoraussetzungen, damit dieser Strom auch dann verfügbar ist, wenn wir ihn brauchen.
Deshalb müssen wir das Netz ausbauen und die europäische Kopplung stärken, damit günstiger Strom dort ankommt, wo er gebraucht wird. Wir brauchen mehr erneuerbare Erzeugung – vor allem dort, wo sie auch im Winter verlässlich liefert. Und wir brauchen Speicher, Flexibilität sowie steuerbaren Verbrauch, um die Versorgung abzusichern und Preisspitzen zu glätten, statt sie zu zementieren.
Das alles ist vielleicht weniger griffig als die Forderung nach einem schnellen Eingriff ins Marktdesign. Aber es ist der Weg, der wirkt – und zwar dauerhaft. Denn eines ist sicher: Preise lassen sich kurzfristig politisch drücken. Doch wenn dadurch Investitionen ausbleiben, zahlen wir später doppelt – mit höheren Kosten und höherem Risiko.
Der klügste Weg führt nicht über eine Änderung des Marktdesigns, sondern über mehr Angebot an günstiger Energie – und über ein Netz, das diesen Strom verteilt. Alles andere ist eine Abkürzung, die sich am Ende als Umweg erweist.