Karl-Heinz Strauss ist CEO der Porr © Porr/Astrid Knie / Montage: Selektiv
Karl-Heinz Strauss ist CEO der Porr © Porr/Astrid Knie / Montage: Selektiv
Interview

Porr-CEO: „Teilzeitarbeit gehört unattraktiver gemacht“

„Die Baukonjunktur wird besser sein, als die meisten erwarten“ – Porr-CEO Karl-Heinz Strauss blickt optimistisch auf 2026, vor allem aufgrund des Infrastrukturausbaus in Deutschland, Polen, Tschechien oder Rumänien. Dafür müssen Arbeitskräftepotenziale gehoben werden. Der Wohnbau sei hingegen nach wie vor schleppend. „Ich habe den Eindruck, dass unter der KIM-Verordnung weniger Eigenkapital gefordert wurde als heute. Ganz verstehe ich das nicht.“ Und weiter: „Die Politik tut momentan nichts, um die Wohnungspreise zu unterstützen.“

Herr Strauss, Sie kommen aus der Immobilienentwicklung. Der Wohnbau erreicht den Tiefpunkt laut Prognosen erst 2026. Warum kommt dieser Bereich trotz sinkender Zinsen nicht aus der Krise?

Karl-Heinz Strauss: Wir haben in Österreich keine Baukrise gehabt, sondern eine Wohnbaukrise. Wir sehen leichte Anzeichen der Besserung, weil insbesondere die geförderten und gemeinnützigen Bauträger wieder etwas zu bauen beginnen. Die Projekte, die schon seit 2022 und 2023 vorbereitet werden, kommen jetzt in den Bau, was sehr erfreulich ist. Der private Wohnbau, vor allem im Einfamilien- und Zweifamilienhausbau geht nach wie vor schleppend, weil dort noch alles relativ teuer ist: die Grundstücke, Baupreise – was bei den Materialien zurückgegangen ist, wurde durch die Personalkostensteigerungen der letzten Jahre wieder wettgemacht. Die Finanzierungskosten sind auch noch immer hoch. Ich glaube, dass die Banken bei den Finanzierungen momentan auf der Bremse stehen und mehr Eigenkapital verlangen, obwohl die Ausfallquote bei den privaten Wohnbaufinanzierungen immer gering war und keine Gefahr ist. Ich habe den Eindruck, dass unter der KIM-Verordnung weniger Eigenkapital gefordert wurde als heute. Ganz verstehe ich das nicht. 

Was müsste passieren, damit wieder mehr gebaut und gekauft wird?

Die Wohnbauförderung ist nicht zweckgebunden, jedes Bundesland fährt seine eigene Politik und es wurden viel zu wenig Mittel bereitgestellt oder abgerufen von der Wohnbaumilliarde. Das System gehört auf ein nationales Wohnbauförderungssystem umgestellt. Nicht von Ideologie getrieben, sondern von reiner Zweckmäßigkeit. Das hat in den 70er- und 80er-Jahren bestens funktioniert, das könnte man wieder einführen: mit langfristigen Wohnbaudarlehen, die man mit einem besonders günstigen Satz aussteuert. Auf 20 bis 30 Jahre ausgelegt, man kann das auch sozial staffeln, also sehr treffsicher gestalten. Das würde dazu führen, dass wieder mehr gebaut und mehr Eigentumswohnungen gekauft werden. 

Die Baubewilligungen sind im Wohnbau im ersten Halbjahr 2025 gestiegen. Ist das für Sie schon ein Lichtblick oder eher ein statistischer Ausreißer?

Ich glaube, dass die Talsohle schon erreicht ist, aber nicht, dass es wirklich nach oben geht. Die Sparquote ist sehr hoch und die Leute sind sehr vorsichtig. Arbeitsplätze werden abgebaut, Unternehmen schließen Niederlassungen. Das ist auch ein Grund für diese Zurückhaltung.

Wie beurteilen Sie die bisherige Wohnbaupolitik der Regierung?

Die Politik tut momentan nichts, um die Wohnungspreise zu unterstützen. Dafür bräuchte es Maßnahmen bei der Wohnbauförderung, es braucht langfristige Darlehen. Die Regierung macht eher Kosmetik, etwa mit dem Mietpreisdeckel. Damit wird ja nicht die hohe Miete bekämpft sondern nur die Valorisierung. Ich kann mit staatlichen Eingriffen Angebot und Nachfrage nicht regeln. Ganz im Gegenteil: Je mehr reguliert wird, desto weniger wird gebaut. Es braucht einen mittelfristigen Plan: wo wird gebaut, welche Genehmigungen sind notwendig, wie sieht die Finanzierung aus? Dann beherrscht man den Mietpreis, der zwangsläufig höher wird, weil weniger auf den Markt kommt. Wir bauen weniger als 50 Prozent von dem, was wir bauen sollten. Angebot und Nachfrage regeln dann den Preis ganz automatisch.

Beim Tiefbau, bei der Infrastruktur ist die Entwicklung eine andere.

Die Lage ist in diesem Bereich nach wie vor gut – in Österreich und anderen europäischen Staaten. Österreich ist sogar vorbildlich. Für die großen Infrastrukturprovider ÖBB und Asfinag gibt es mittelfristige und langfristige Investitionspläne, die sie auch konsequent weiterverfolgen. Auch Länder wie Polen, Tschechien, Rumänien arbeiten derzeit an vielen Infrastruktur-Projekten. Polen hat für die nächsten vier Jahre 49 Milliarden Euro an EU-Förderung zum Ausbau des Bahnbetriebs und der Infrastruktur bekommen. Rumänien baut Autobahnen und verdoppelt damit das Autobahnnetz innerhalb der nächsten Jahre. Und Deutschland wird die größte Baustelle Europas. Ich glaube, dass wir die ersten Effekte davon schon 2026 merken werden und das wird dann die nächsten Jahre so weitergehen. Sie haben Sonderbudgets bereitgestellt für Straße, Schiene, Luft, Wasser, Energie, aber auch Wohnbau. Außerdem wurden die Formen der Ausschreibung geändert. Das ist in Deutschland immer ein großes Hindernis.

Infrastrukturausbau ist immer auch von öffentlichen Geldern abhängig. Welchen Einfluss hat die knappe budgetäre Situation auf die Baukonjunktur in Österreich?

Im Tiefbau wird die Konjunktur auch mittelfristig so bleiben, wie sie jetzt ist, und das ist in Ordnung. Neubau wird es davon nicht sehr viel geben. Was notwendig ist, wurde eingeplant, unsinnigerweise teilweise gestoppt, kommt aber jetzt. Sonst geht es vor allem um Instandhaltung und Reparatur – 75 Prozent des Asfinag-Budgets besteht aus diesem Thema. Worauf man als Regierung schauen müsste , ist die finanzielle Situation der Gemeinden. Ich glaube, dass wieder eine Gemeindemilliarde notwendig ist. Wir haben davon nichts, aber regionale Betriebe profitieren davon. Gemeinden mussten die Budgets wegen nicht vorhersehbarer Dinge erhöhen – Energiepreissteigerungen, Pflegeaufwendungen und andere Themen. Man muss die Gemeinden absichern, weil das sofort auch die lokale Wirtschaft stimuliert. Dort wird sofort umgesetzt durch lokale Maler, Installateure, Dachdecker und Tischler.

Im letzten Budget gab es auch ein Sparpaket für den Bahnausbau. Jetzt arbeitet die Regierung am nächsten Doppelbudget, rechnen Sie mit weiteren Kürzungen im Infrastrukturausbau?

Das werden wir sehen. Ich glaube aber nicht, dass man da noch weiter sparen muss. Man spart sich ja nicht wirklich etwas – alles, was nicht für Sanierung, Instandhaltung und Reperaturen investiert wird, schadet der lokalen Infrastruktur. Jedes Jahr, in dem nicht genug investiert wird, vergrößert sich der Schaden ca. um ein Drittel. In drei Jahren hat man dann einen Totalschaden und dann wird es doppelt und dreifach teurer. 

Wie in Deutschland, wo der Erneuerungsdruck nun sehr hoch war?

Deutschland ist ein klassisches Beispiel dafür. Insbesondere in Westdeutschland hat man bei der Infrastruktur gnadenlos gespart und heute ist man de facto bankrott, was die Infrastruktur angeht. Man sieht aber auch, wie wichtig eine funktionierende Infrastruktur ist – insbesondere in den Ländern Polen, Tschechien und Rumänien. Dort wurde in den letzten Jahren sehr viel investiert – und wo siedeln sich die Firmen heute an? Neben attraktiven steuerlichen und schnelleren Prozessen, ist die Infrastruktur eine der kritischsten Entscheidungen überhaupt. Für eine funktionierende Wirtschaft ist das ohne Zweifel zentral. 

Wie viel Potenzial steckt in den kommenden Jahren noch in den CEE-Ländern für die Bauindustrie? 

Es gibt ein großes Land, Ukraine, in dem leider noch ein schrecklicher Krieg geführt wird, der hoffentlich bald aufhört. Das muss alles wieder aufgebaut werden. Das ist aber nichts für uns als Porr. In Polen, dort gehören wir zu den Top-3-Unternehmen und sehen für die kommenden drei bis vier Jahre noch viel Potenzial bei Infrastruktur, Energietransformation und Industrie-Umbau. Ebenso in Tschechien und Rumänien. In Deutschland steckt auch viel Potenzial. Ich gehe davon aus, dass alle Megatrends, die kommen, nicht ohne Bauen gehen: Urbanisierung, Smart Traffic, Healthcare-Infrastruktur, Digitalisierung – dafür müssen die Voraussetzungen gebaut werden. Ohne Bauen geht gar nichts, deshalb schauen wir optimistisch in die Zukunft.

Die Porr hatte kürzlich einen großen Datencenterauftrag aus Deutschland. Wie sieht es in diesem Bereich in Österreich aus?

Wir haben auch in Österreich schon welche gebaut und bieten gerade wieder an. Die Porr ist ja eine der wenigen Firmen, die bereits sieben Datencenter und zwar richtige Hyperscaler gebaut hat. Wir haben in Berlin welche fertiggestellt, in Warschau, in Österreich.

Man sagt ja, Datencenter sind noch unbeliebter als Windräder.

Windräder sieht jeder und bekommt jeder mit. Die Frage ist auch, ob es wirklich an jeder Stelle in Österreich sinnvoll ist, ein Windrad aufzustellen. Datencentern braucht es an den großen Knoten der Datennetze, weil durch Streaming und KI enorme Datenleistungen gefragt sind. Ich wäre vorsichtig, mit der Annahme, dass diese Center immer sehr groß sind, da die CPUs durch die rasche Entwicklung immer kleiner werden und damit weniger Hitze produzieren. In Zukunft sind die sicher nicht so aufwändig gestaltet. Datencenter sind unauffällig, das einzige, was sie wirklich brauchen, ist leider jede Menge Energie.

Der Energiebedarf wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark steigen. Sind wir in Österreich darauf vorbereitet?

Österreich könnte das Saudi-Arabien der Wasserkraft sein. Dafür müssten wir aber endlich ideologiebefreit diskutieren, an welchen Stellen es Sinn macht, Wasserkraft für die Grundauslastung zu errichten und dann genau überlegen, wo wir Wind- und PV-Anlagen bauen. Momentan ist es ein Anachronismus in der Geschichte der Industrie, dass wir Energie massiv fördern, die dann produziert wird, wenn sie keiner braucht, nämlich zwischen 10 und 14 Uhr. Das überlastet unsere Netze. Wenn das eine Spur intelligenter gelaufen wäre, dann hätten wir uns wahrscheinlich viel erspart. 

Das Wifo prognostiziert für 2026 ein Plus in der Baukonjunktur von 1,6 Prozent. Teilen Sie diesen Optimismus?

Die Baukonjunktur wird besser sein, als die meisten erwarten. Einerseits wegen dem Energieausbau, der Infrastruktur und dem anlaufenden Wohnbau, aber ich sehe auch viele gesunde Unternehmen, die jetzt in neue Geschäftszweige investieren und die Chancen nutzen, die sich auftun. Auch in Deutschland gibt es, auch wenn die Autoindustrie dort leidet, viele Industrien, die in den nächsten Jahren investieren werden. 

Gibt es für diesen Aufschwung ausreichend Fachkräfte?

Österreich hat ein Arbeitsvolumenproblem und zu wenige Fachkräfte. Es arbeiten zwar so viele Menschen wie noch nie in Österreich, aber so wenige Stunden wie noch nie – bei der Produktivität haben wir leider ein Minus. Man sollte in Österreich nicht immer nur Umverteilungen von links nach rechts oder oben nach unten machen, sondern die Vollzeitarbeit attraktiver gestalten. Teilzeit arbeiten ja mittlerweile nicht nur die, die es brauchen. Das gehört gegenüber einer Vollzeitbeschäftigung deutlich mehr besteuert oder unattraktiver gemacht. 

Welche Signale kommen für die Bauwirtschaft aus der Industriestrategie?

Ich bin froh, dass es dieses Maßnahmenpaket gibt, aber es ist keine Strategie für die nächsten zehn Jahre, in der man erkennen könnte, was wir priorisieren. In diesen Maßnahmenkatalogen sind aber einige wirklich positive Dinge dabei, die jetzt konsequent umgesetzt gehören. 

Was fehlt, um wirklich eine wirtschaftspolitische Vision zu haben?

Ich muss mir möglichst ideologiebefreit darüber klar werden, welche Stärken wir in Österreich haben. Wir haben tolle Fachkräfte, zu wenige, aber toll ausgebildet. Wir haben sehr viel Know-how, eine gesunde Umwelt und gute Ausbildungsstellen. Man muss in einem Zehnjahresplan fortschreiben, wo Österreich mit was punkten kann. Man muss klare Ziele vorgeben, wo wir in zehn Jahren stehen wollen – im Gesundheitsbereich, im Bildungsbereich, in der Industrie. Dann kann man alles andere davon ableiten. Wenn dieser Plan steht, kann man alle zwei Jahre nachschärfen und alle können sich danach richten. Ich kann die Bildung darauf ausrichten, Förderungen bündeln, Arbeitskräfte gezielt aus dem Ausland holen. Ich muss klar priorisieren, mit dem Regulierungswahn und dem Gold Plating aufhören, die Kapitalmarktunion stärken und den Binnenmarkt endlich weiterentwickeln, denn ohne Europa geht es gar nicht. Ich bin Herrn Trump eigentlich für den Fußtritt dankbar, wenn er dafür sorgt, dass wir uns wieder mehr in Europa miteinander, statt gegeneinander beschäftigen. Ich erwarte mir mehr Optimismus und Einsatzwillen – etwas mehr Leadership in der Politik wäre sicher förderlich. 

In der Industriestrategie sind ja neun Schlüsseltechnologien definiert. Ist das gut, wenn die Politik vorgibt, in welche Technologien Unternehmen in Zukunft investieren sollen?

Es ist ja keine Strategie im eigentlichen Sinne entwickelt worden, sondern ein Maßnahmenpaket. In der Kürze ist es durchaus sinnvoll, diese Maßnahmen zu priorisieren. Die Politik muss darauf achten, dass sie möglichst gute Rahmenbedingungen schafft, damit die Wirtschaft frei agieren kann. Das bringt mich zur nächsten Forderung, dass man die Staatsquote von 56 Prozent, die ja dramatisch beängstigend ist, in Richtung 40 Prozent zurückdrängen sollte. Wenn wir Leute am Arbeitsmarkt haben, die wir nicht unterbringen, dann schicken wir sie offenbar in den öffentlichen Verwaltungsapparat, wo sie sich gegenseitig behindern und daraus eine überbordende Bürokratie entsteht. 

Der Staat wächst, die Industrie zieht sich zurück?

Das ist kein gutes Signal – genau die falsche Bewegung. Alle diese Systeme, die auf einer ideologischen Basis stehen, sei es Sozialismus oder Kommunismus, der ja heute auch wieder en vogue ist, haben sich nicht durchgesetzt. Keine in der Geschichte. 

Die Regierung widmet sich mit Nachdruck der Entbürokratisierung. Spüren Sie das schon?

Noch merkt man es nicht, aber das wird sich ändern. Es ist ein ehrliches Bemühen da, aber es fehlen wichtige Voraussetzungen. Wie lebe ich den Föderalismus? Wie beseitige ich Doppelgleisigkeiten? Da muss ich als Regierung Vorgaben machen – ich halte die Idee für gut, das Gesundheitssystem in den Bund zu überführen und nur Krankenhäuser ohne Tagesmedizin in den Ländern zu lassen. Auf der anderen Seite könnte man die Bildung in die Bundesländer auslagern, aber auch nicht ohne eine Vorgabe über die Qualität aus dem Bund. Was müssen Österreicherinnen und Österreicher in welchem Alter auch immer können und wissen.