Carmen Treml, Ökonomin der Agenda Austria, hält die geplante Stärkung von KI- und Medienkompetenz an den AHS-Oberstufen für überfällig. Allerdings kritisiert sie die überstürzte Umsetzung der Reform. „Man hat das Gefühl, dass jetzt im Schnelldurchgang alles auf einmal umgesetzt werden soll“, sagt Treml. Weder geeignete Schulbücher noch ausreichend qualifizierte Lehrkräfte seien derzeit vorhanden. Ein zentrales Problem sieht die Ökonomin auch beim bestehenden Wirtschaftskunde-Unterricht. Viele Lehrer würden das Fach nur beiläufig behandeln. Zudem kritisiert sie die einseitige Darstellung in manchen Schulbüchern: Globalisierung werde dort oft pauschal verteufelt, während grundlegende ökonomische Zusammenhänge wie Marktdynamik, Preisentstehung oder das Steuersystem zu kurz kämen. Treml plädiert deshalb für ein eigenständiges Unterrichtsfach mit klar definierten Lehrinhalten und neutralen Unterrichtsmaterialien.
Die Bundesregierung will ab dem Schuljahr 2027/28 an den AHS-Oberstufen Latein- bzw. Fremdsprachenstunden streichen und stattdessen KI- und Medienkompetenz in den Lehrplan aufnehmen. Ist das die richtige Prioritätensetzung?
Carmen Treml: Grundsätzlich ist die Überlegung, dass man Zukunftskompetenzen stärker in den Unterricht integriert, berechtigt. Ehrlicherweise ist das ohnehin längst überfällig. Man hätte schon viel früher beginnen müssen, diese Themen in den Unterricht mit einzubeziehen, anstatt zuzuwarten, bis unser Lehrplan völlig veraltet ist. Allerdings hat man das Gefühl, dass jetzt im Schnelldurchgang alles auf einmal umgesetzt werden soll. Man hat bei der AHS begonnen und die Unterstufen kommen dann in einem zweiten Schritt dran.
Zunächst hieß es von Bildungsminister Wiederkehr, dass Latein- bzw. Fremdsprachenstunden gekürzt werden, um Raum für ein neues Pflichtfach Medienkompetenz sowie KI-Unterricht zu schaffen. Mittlerweile hat man das schon wieder abgeschwächt, der Unterricht soll jetzt doch integrativ gestaltet werden dürfen. In Wahrheit weiß noch keiner so wirklich, wie es funktionieren soll. Und vor allem weiß keiner, wer diese Fächer unterrichten soll und mit welchen Qualifikationen. Aktuell gibt es weder ausgereifte Schulbücher noch Online-Materialien und auch keine speziell hierfür ausgebildeten Lehrkräfte. Die Etablierung eines eigenen Studiums dauert Jahre. Mit einer mehrwöchigen Weiterbildung ist es nicht getan.
Ist es dann nicht als Fortschritt zu bewerten, dass man nun auch wieder integrative Ansätze zulässt, die kein eigenes Fach erfordern?
Das schon, aber gerade bei Inhalten wie Medienkompetenz hängt es dann im Endeffekt wieder sehr an der einzelnen Lehrkraft, wie stark sie diese in ihren Unterricht integriert und vor allem wie. Hat sie wenig Wissen in diesem Gebiet, dann wird sie die Anforderungen tendenziell so wenig wie möglich oder im schlimmsten Fall gar nicht umsetzen. Das kann man bei der neuen Fach Wissenschaft, Innovation und Digitalisierung, die eben erst eingeführt wurde, gut sehen. Aus Erzählungen hört man, dass im Unterricht dann Basics im Erstellen von PowerPoint-Slides oder Vergleichbares gelehrt werden. Weil das die meisten Lehrer noch können. Ob das Sinn der Sache ist, ist fraglich. Ein fixer Plan und vor allem auch fixe Inhalte, an denen man sich orientieren kann, sind in meinen Augen nötig.
Was wäre dann ein Zeithorizont der Implementierung, der realistisch wäre? Gibt es hier Erfahrungswerte aus der Vergangenheit?
Eine Lehrplanreform oder eine Lehrplanüberarbeitung ist ein riesiger Prozess. Im Nachhinein redet man es sich immer schön, aber ich habe das Gefühl, man ist damit gleich einmal in die Öffentlichkeit gegangen, ohne die nötige Vorbereitung. Was sicher der falsche erste Schritt war. Weil über was muss man sich im zuvor alles Gedanken machen? Brauche ich eigene Schulbücher? Wenn ja, wer schreibt diese? Was sollen die Inhalte sein? Müssen diese in einer eigenen Stunde, in einem eigenen Fach vermittelt werden? Wie viele Wochenstunden müssen es sein?
Neue Schulbücher müssen einen Revisionsprozess durchlaufen. Das dauert aktuell mindestens zwei Jahre. Grundsätzlich sollte man diesen Prozess beschleunigen, aber wenn man sich überlegt, so ein Schulbuch hat gleich einmal 200, 300 Seiten, viele Abbildungen, viele Personen, die beteiligt sind, viele Quellen, viele Zahlen, die sich dann auch wieder laufend ändern. Das ist zwangsläufig ein komplexer Prozess.
Warum, glauben Sie, wurde diese Reform so schnell vorangetrieben?
Die Reform wird von einem Großteil der Bevölkerung gut aufgenommen bzw. befürwortet. Auch wenn die Lateinkürzung zunächst auch einiges an negativer Aufmerksamkeit erzeugt hat; erachten es die meisten grundsätzlich als gut und wichtig, dass man KI berücksichtigt; dass Medienkompetenz besser gelehrt werden soll. Insofern ist es politisch schon nachvollziehbar dieses Thema zu forcieren.
Stichwort: Lehrinhalte. Wie soll ein Unterricht in z. B. Medienkompetenz konkret ausgestaltet sein? Wie verhindert man ideologisch einseitigen Unterricht, wie er im Fach Wirtschaftskunde oft kritisiert wird?
Medienkompetenz ist zwangsläufig nicht wie Physik- oder Chemieunterricht, bei dem man eine Formel aufschreiben und dann ausrechnen kann, ob das Ergebnis stimmt oder nicht. Es geht vielmehr um praktisches Wissen, das einem auch von Beginn an Eltern bzw. die Familie vermitteln sollten. Dass das nicht immer der Fall ist, wissen wir. Ein wichtiger Punkt, um ideologisch aufgeladenen Unterricht zu vermeiden, ist es daher jedenfalls vorher ausreichend Raum für Diskussionen über Lehrinhalte und die Erstellung von Lehrbüchern zu schaffen. Es bleibt aber eine große Herausforderung, da diese neuen Kompetenzen bzw. Inhalte stark subjektiv geprägt sind. Es geht um Themen, bei denen jeder seine persönliche Meinung oder Einstellung hat und man kann nur versuchen, möglichst neutral alle Sichtweisen zu vermitteln.
Ohne eine fundierte Ausbildung und gute Lehrmaterialien, wird es einer Lehrkraft verständlicherweise schwerfallen, die konkreten Inhalte sachlich weiterzugeben. Entweder wird die Lehrkraft dann versuchen, so wenig wie möglich weiterzugeben und nur ganz banale Sachen unterrichten, oder eben sie vermittelt ihre eigene subjektive Meinung, wie das oft auch bei Geografie und Wirtschaftskunde geschieht. Es gibt auch guten Wirtschaftskundeunterricht, keine Frage, aber leider ist dieser häufig sehr einschlägig und von Werturteilen der konkreten Lehrer geprägt.
Gibt es international Vorbilder bzw. Länder, die ähnliche Fächer schon vor uns implementiert haben an denen man sich orientieren kann?
Internationale Fächer- oder Lehrplanvergleiche sind schwierig, weil die Schulstrukturen einfach ganz unterschiedlich aufgebaut sind. Was man aber sagen kann ist, dass gerade in den skandinavischen Ländern vergleichbare Inhalte viel integrativer gestaltet und nach und nach implementiert worden sind. Dort wird Unterricht generell viel verknüpfter gedacht als bei uns. Wir haben eine recht starre Fächerlogik. Auch bei Wirtschaftskunde haben wir zum Beispiel die Thematik, ob diese ein eigenes Fach sein muss und wenn es kein Fach sein soll, warum gibt man es dann zur Geografie, warum nicht auch in die Mathematik, oder in die Biologie? Dadurch könnte man aktuelle Themen abfangen und unterschiedliche Aspekte verknüpfen, sei es jetzt Wirtschaftskunde, sei es Werteverständnis oder Medienkompetenz. Hier sind andere Länder schon weit fortschrittlicher unterwegs.
Ist das der Fall, weil es von staatlicher Stelle vorgegeben wird oder weil die dortigen Schulen mehr Freiräume genießen und Eltern sowie Schüler auch mehr von diesen verlangen?
Ich glaube beides. Einerseits braucht es schon einen guten Lehrplan, der einen Rahmen gibt. Andererseits sollten Schulen auch viel mehr selbst entscheiden können. Das wird in Österreich gerade forciert, z. B. durch den Chancenbonus oder mehr Spielraum bei Lehrplänen. In anderen Ländern ist das Bewusstsein viel stärker, dass die Inhalte wichtig sind und regelmäßig an neue Zeiten angepasst werden müssen. In Österreich gibt es weder von Seite der Schüler noch von Elternseite das Verlangen etwas an den Lehrinhalten zu ändern. Es gibt wenig Eigeninitiative und aktive Ambitionen Best-Practices anderer Länder zu übernehmen.
Also ein Mentalitätsunterschied?
Ja, ich glaube, es ist schon eine Mentalitätsfrage.
Viele Lehrer wollen primär Geografie unterrichten und machen den Wirtschaftskunde-Unterricht nur beiläufig.
Carmen Treml
In Ihrer Publikation „Verbotenes Wissen“ führen Sie u. a. aus, dass Schüler nach 9 Pflichtschuljahren oft nicht einmal den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn kennen. Warum werden ökonomische Grundlagen im österreichischen Regelschulwesen nicht vermittelt?
Die größte Problematik ist, dass viele der Unterrichtsmaterialien extrem einseitig sind. Viele auch sehr globalisierungslastig, das ist uns in unseren Recherchen aufgefallen. Der Schwerpunkt auf Globalisierung bietet sich in Kombination mit Geografie natürlich an, aber dadurch fehlen sehr viele andere wichtige Aspekte. Z. B. wie eine Marktdynamik funktioniert, wie das Steuersystem aussieht, diese Basics werden kaum oder sehr kurz abgehandelt. Viele Lehrer wollen zudem primär Geografie unterrichten und machen den Wirtschaftskunde-Unterricht nur beiläufig. Ein weiteres Problem ist, dass die Schulbücher teilweise stark aufeinander aufbauen. Das ist grundsätzlich kein Problem, nur sind die Lehrer nicht verpflichtet, dass sie jedes Jahr dasselbe Buch derselben Reihe nehmen. Das heißt, wenn es zu einem Lehrerwechsel kommt oder nicht in allen Schuljahren die Bücher einer Reihe zum Einsatz kommen, werden vielleicht manche Themen doppelt und dreifach unterrichtet und andere wiederum vernachlässigt. Schließlich werden gewisse Themen in ein paar Schulbüchern sehr einschlägig, um nicht zu sagen ideologisch einseitig abgehandelt.
Was wären denn konkrete Beispiele für einschlägige Stellen?
Nehmen wir den Aspekt der Globalisierung. In einigen Schulbüchern wird Globalisierung generell verteufelt, die positiven Aspekte werden kaum erwähnt oder es wird, wenn ein positiver Aspekt erwähnt wird, sofort in der Folge auf die große Zahl negativer Aspekte hingewiesen. Unternehmen und Arbeitgeber werden als Ausbeuter hingestellt. Es gibt kein Verständnis dafür, wie eine neutrale Verhandlungsbasis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aussehen würde oder wie sie eigentlich in Wahrheit ausgestaltet ist.
Braucht es ein eigenes Fach Wirtschaftskunde mit eigener Lehrerausbildung und eigenen Schulbüchern, um diese Themen besser bzw. umfassender zu vermitteln?
Ich glaube schon, dass es ein eigenes Fach für Wirtschaftskunde braucht. Gerade bei Wirtschaftskunde ist diese Fusion mit Geografie einfach tödlich. In einem nachgelagerten Schritt könnte man dann auch überlegen, ob diese starre Fächergliederung, die wir in Österreich haben, überhaupt Sinn macht. Es sollte jedenfalls jeder eine gewisse Wirtschaftskunde vermittelt bekommen und das ist derzeit nicht garantiert. Dieselbe Problematik sehe ich bei Medienkompetenz und KI. Aber es kann natürlich auch nicht die Lösung sein, dass ich einfach für alles ein eigenes Fach einrichte. Sonst haben wir am Ende 30 Fächer mit 30 Wochenstunden. Das kann nicht Sinn der Sache sein. Doch ein gewisses Grundverständnis von Wirtschaft, dass jeder weiß, wie ein Markt funktioniert, wie ein Preis entsteht, wie ein Unternehmen aufgebaut ist, welche Steuern wir zahlen. Das sind Sachen, die sollte meines Erachtens jeder wissen, wenn er die Pflichtschule abschließt.
Aber es kann natürlich auch nicht die Lösung sein, dass ich einfach für alles ein eigenes Fach einrichte.
Carmen Treml
Woran liegt es, dass sowohl Lehrbücher als auch viele Lehrer ein negatives Bild von Wirtschaft, von Kapitalismus und Unternehmertum zeichnen?
Das ist wieder zum Großteil eine Mentalitätsfrage. Man sieht es in unterschiedlichsten Befragungen. Das Bild des Marktes als Ordnungssystem ist in Österreich eher negativ geprägt. Auch die allgemeine Einstellung zur Globalisierung ist in der Bevölkerung negativ. So lesen sich dann auch die meisten Medienberichte. Man liest selten Schlagzeilen, die die positiven Seiten der Globalisierung erwähnen. Aber wenn etwas Negatives passiert oder wenn tatsächlich ein Ausbeutungsfall vorliegt, dann berichtet sofort jeder darüber.
Wenn man von klein auf immer nur das Negative vermittelt bekommt, dann muss man sich über die globalisierungskritische Grundhaltung in der Bevölkerung nicht wundern. Dabei sind wir als exportabhängige Nation wie wenig andere von freiem internationalem Handel abhängig. Vielleicht führen die Krisen der letzten Jahre bei allem Schlechten, die sie mit sich bringen, zu einem besseren Verständnis dafür, woher Österreich seinen Wohlstand bezieht. Das wäre zumindest eine positive Folge.