Thomas Gindele, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Handelskammer in Österreich (DHK), kann der Debatte um eine Erhöhung der Arbeitszeit „einiges abgewinnen“ – das sei nicht nur notwendig, um Kosten zu sparen, sondern auch, um den Fachkräftebedarf abzudecken. Er findet: „Der Staat könnte mit einem guten Beispiel vorangehen“. An die Regierungen in Deutschland und Österreich appelliert er, auch größere Reformen anzugehen und von „Buy European“ hält er nur dann etwas, wenn es auch wettbewerbsfähige Produkte aus Europa gibt: „Wenn ein Staat sagt, wir wechseln jetzt von Microsoft auf ein europäisches System, dann würde ich sagen, dagegen ist eine Cyberattacke nichts“. Außerdem im Interview: Wie umgehen mit der Konkurrenz aus China und was Österreich fehlt, um an den europäischen Investitionen in Sicherheit und Verteidigung zu partizipieren.
In Deutschland und Österreich sind jeweils neue Regierungen in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage gestartet. Wie schlagen sich die beiden bisher wirtschaftspolitisch?
Thomas Gindele: Die Erwartungshaltung seitens der Wirtschaft war sehr groß, denn in Österreich und Deutschland pendeln wir seit drei Jahren zwischen Rezession und Stagnation. Insofern war es wichtig, schnellstmöglich Maßnahmen umzusetzen. Zum Teil ist das auch geglückt, allerdings mit Maßnahmen, die sehr niedrig am Baum hingen. In Deutschland waren das verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten oder der Industriestrompreis. Die Erwartung war aber auch, dass diese Regierungen größere Reformen angehen, die die öffentlichen Haushalte entlasten, um dann wieder Investitionen zu ermöglichen. Es wurde einiges geliefert, aber bei wichtigen Themen wie der Entbürokratisierung, Beschleunigung und Investitionsboosts ist der Druck nach wie vor groß.
Kann Deutschland Bewegung in die Sache bringen, indem es – wie beim Industriestrompreis – voranschreitet?
Man unterschätzt häufig, dass die Prozesse zur Entscheidungsfindung mit hoher Tragfähigkeit in der Gesamtregierung doch mehr Zeit in Anspruch nehmen, als vielleicht zur Verfügung stünde. Unternehmen können viel schneller agieren und Entscheidungen schneller umsetzen als das ein Staat tun kann. Ein breiter Konsens kann aber auch vorteilig sein.
Man spricht oft nur davon, was die Politik tun sollte, um die Situation zu verbessern. Welchen Hebel haben die Unternehmen selbst?
Die Unternehmen tun derzeit alles, um ihre Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen und ihre Kosteneffizienz zu steigern. Das wird sich auch in den nächsten Wochen und Monaten noch am Arbeitsmarkt bemerkbar machen. Denn auch Unternehmen müssen Ressourcen freimachen, um ihre technologische Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen und innovativ zu bleiben. Das war in den Zeiten vor der Krise einfacher.
Das hat Österreich und Deutschland in den vergangenen Jahren wohl auch Teile der industriellen Basis gekostet. Ist das etwas, was man wieder aufbauen kann?
Es wird sicher schwierig, das wieder zurückzuholen. Wir müssen jetzt das, was wir noch haben, so gut wie möglich erhalten und uns nach neuen Perspektiven umsehen. Ich finde positiv, dass die österreichische Industriestrategie einen Weg aufzeigt, indem man gezielt in Schlüsseltechnologien geht. In den energieintensiven Produktionsbereichen unserer Industrie, die in den letzten Jahren abgewandert sind, sehe ich aber wenig Perspektive für eine Rückkehr. Sie haben die Kapazitäten bereits woanders aufgebaut.
Das Potenzialwachstum bleibt niedrig. Was hat uns denn in diese schwierige Lage der vergangenen Jahre gebracht und was sollten wir in den nächsten Jahren anders machen, damit wir das geringe prognostizierte Wachstum nicht wieder verspielen?
Wenn wir ehrlich sind, hat sich schon 2018/2019 abgezeichnet, dass wir mit der Personalkostensituation und der Verfügbarkeit bezahlbarer Arbeitskräfte ein Problem bekommen. Das wurde damals noch vom bestehenden Erfolg überschattet. Gleichzeitig sind schon die Anforderungen an die Wirtschaft gestiegen, sich an Spielregeln zu halten, und die Flexibilität ist gesunken. Dann kam Corona und alles war on hold. Wir sind ins Homeoffice gegangen und die Fabriken in den ersten Wochen in den Stillstand. Danach mussten wir feststellen, dass in anderen Ländern weitergearbeitet wurde. Nach Corona folgte erst einmal ein Konsumboom und Nachhol-Sondereffekte, die wieder schwache Wirtschaftsstrukturen übertünchten. Die während Corona weitergearbeitet haben, sind inzwischen mit ihren Innovationen und Produkten auf dem Weltmarkt zu einer enormen Konkurrenz gewachsen. Gleichzeitig haben wir aufgrund des Arbeitskräftemangels nach Lösungen gesucht, mehr Menschen einsetzen zu können – auch mit stärkeren Teilzeitangeboten, die letztlich sehr teuer sind. Ich kann dieser Diskussion um die Arbeitszeit einiges abgewinnen. Nicht nur, um die Kosten zu senken, sondern weil wir sonst nicht in der Lage sind, unseren Fachkräftebedarf abzudecken.
Eine 41-Stunden-Woche wäre eine Lösung?
Es gibt natürlich bestimmte Berufszweige, die die Menschen physisch und psychisch so fordern, dass das nicht geht. Dafür wird man eine Lösung finden. Ein Großteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist aber durchaus in der Lage, ihr Stundenausmaß auszudehnen. Ich finde, da könnte der Staat mit einem guten Beispiel vorangehen. Im öffentlichen Sektor gibt es eine gute Absicherung und dort könnte man zum Beispiel in der Woche eine Stunde mehr arbeiten, um sich mit Digitalisierung zu beschäftigen. Das ist aber eine Diskussion, die wahrscheinlich jeder Politiker scheut.
Sie haben Länder angesprochen, die uns seit Corona international stärker Konkurrenz machen. Meinen Sie damit China?
Zum Beispiel, ja.
China hat uns bei Qualität und Innovationskraft in vielen Kernbereichen unserer Industrie eingeholt. Gleichzeitig sind die Produkte aufgrund von Subventionen deutlich billiger. Wie soll man damit in einem Umfeld des freien Handels und der Globalisierung umgehen?
Eine schwierige Frage. Mittlerweile haben wir in Europa enorme Handelsbilanzdefizite mit China. In den letzten zwei Jahren haben wir eine massive Marktbearbeitung durch die chinesische Industrie gesehen – in der Elektromobilität, aber auch im Maschinenbau und überall dort, wo sich China Schlüsseltechnologien erarbeitet hat. Es ist bedauerlich, aber eine Batteriefabrik können Sie heute ohne chinesische Automatisierungstechnik nicht aufstellen. Wir setzen uns alle seit Jahren für ein gleichberechtigtes Spielfeld mit China ein. Deswegen tendiere ich schon dazu, dass wir uns sehr genau anschauen sollten, wie die Preise, mit denen sie kommen, zustandekommen. Wenn wir es mit Subventionen zu tun haben, finde ich, hat Europa durchaus das Recht, das mit Zöllen und Tarifen auszugleichen. Die Chinesen spüren, dass das kommen könnte und werden deswegen verstärkt versuchen, in Europa zu investieren. Das muss man nicht unbedingt negativ beurteilen, umgekehrt muss es dann aber auch einen uneingeschränkten Marktzugang für europäische Exportnationen in China geben.
Was bedeutet das konkret?
Ein Beispiel: Wenn Sie als internationales Automobilunternehmen in China Elektroautos bauen, müssen Sie chinesische Batterien kaufen. Derzeit wäre das zwar eh alternativlos, aber wenn man als internationaler Hersteller Batterien in Südamerika bauen würde, könnte man die nicht zur Weiterverarbeitung nach China bringen. Sich zurückzuziehen, halte ich aber auch nicht für eine kluge Strategie. China wird als Weltwirtschaftsmacht für die europäische Wirtschaft ein wichtiger Partner bleiben.
Die EU und einzelne EU-Länder wollen jetzt auch „Buy European“ forcieren. Das würde umgekehrt auch den Marktzugang für andere erschweren.
Zur Stärkung der europäischen Wirtschaft wäre es natürlich sinnvoll, in Schlüsseltechnologien auf unsere Angebote zurückzugreifen. Wir sind aber am Ende in einer globalisierten Welt unterwegs. Unternehmen sind dadurch darauf angewiesen, in ihren Lieferketten auf die günstigsten technologischen Produkte zurückgreifen zu können. Wenn wir das konsequent durchziehen, könnte uns das im Kontext gesamtheitlicher Lieferkettensysteme durchaus Nachteile bringen. Man könnte aber sagen, wenn es ein wettbewerbsfähiges Produkt aus Europa gibt, ist diesem eine Priorisierung einzuräumen. Am Ende sollte es aber den Unternehmen selbst überlassen werden, wie sie ihre Lieferketten aufstellen. In einigen Bereichen wird es außerdem schwierig sein, eine europäische Lösung zu finden. Wenn ein Staat sagt, wir wechseln jetzt von Microsoft auf ein europäisches System, dann würde ich sagen, dagegen ist eine Cyberattacke nichts. Dass man Europa mehr Chancen gibt, kann ich nur unterstützen, aber es muss immer an die ökonomischen Realitäten angepasst sein.
Wie hat sich der Außenhandel zwischen Deutschland und Österreich in den vergangenen Krisenjahren entwickelt?
Die Zahlen für 2025 sind ganz aktuell und zeigen für 2025 einen Zuwachs beim Handelsvolumen von 4,7 Prozent. Die Jahre davor gab es Stagnation und Rückgang. Österreich konnte 2025 wieder mehr nach Deutschland exportieren und hat die Position als siebtwichtigster Handelspartner stabilisiert. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu sehen, dass das Handelsvolumen von 130 Milliarden Euro das Fünffache von dem ist, das wir mit Indien haben. Wir haben in beide Richtungen eine große Substanz und der Handel zwischen Österreich und Deutschland beschränkt sich nicht nur auf Automobil und Maschinenbau – es sind die Pharmazie, der Konsum, der Lebensmitteleinzelhandel. Die Märkte sind eng miteinander verwoben und der Warenaustausch intensiver als in vielen anderen Außenwirtschaftsbeziehungen. Die jüngsten Zahlen sind positiv, aber sie geben keinen Anlass zur Euphorie, denn die letzten Jahre haben wir doch Federn lassen müssen und das müssen wir erst einmal aufholen. Ein Blick auf die Außenhandelsstatistiken Deutschlands generell zeigt, dass Europa performt hat und die Beziehungen mit Amerika und China rückläufig sind. Das zeigt, dass es richtig ist, jetzt den Binnenmarkt zu stärken. Da müssen wir Vollgas geben.
Wo ganz konkret müsste man beim Binnenmarkt ansetzen?
Wir müssen dort ansetzen, wo der Zugang zu Märkten erschwert wird – dazu gehören die immer noch restriktiven Gewerbeordnungen, Einschränkungen bei der Arbeitnehmerüberlassung und ein flexiblerer Arbeitsmarkt. Wenn wir Systeme harmonisieren, sollten wir uns aber nicht an der höchsten Auflage orientieren. Ansetzen müsste man auch bei der Verkehrsinfrastruktur und der Energiemarkt wäre ein Paradebeispiel für eine Harmonisierung. Es wäre sinnvoll, Netze zu entwickeln, die einen problemlosen Transfer von Strom durch ganz Europa ermöglichen, damit man Strom immer dort herstellen kann, wo es gerade am günstigsten ist. Gleichzeitig müssen wir dort, wo die EU mit Regulatorik wild um sich schmeißt, die Anforderungen reduzieren. Bei der Entbürokratisierung müssen wir auch in die Umsetzung kommen. Ein kleines Beispiel: Zwischen Bayern und Oberösterreich gibt es eine Entbürokratisierungskommission, wo es genau um das Thema Arbeitskräfteüberlassung geht. Dort wird seit Jahren diskutiert, passiert ist bisher nichts.
Sprechen wir noch über die Wachstumschancen. Ist die Hoffnung, dass das deutsche Infrastrukturpaket auch Österreich mitzieht, berechtigt?
Ja, und das findet auch schon statt, insbesondere in der österreichischen Bauindustrie, die in Deutschland stark präsent ist. Die Impulse, die von den Investitionen in die Verkehrs- und Gebäudeinfrastruktur ausgehen, machen sich schon bemerkbar. Sie haben sich aber auch schon vorher bemerkbar gemacht – jene Bauunternehmen in Österreich, die nicht nur Wohnungsbau machen, sondern auch Infrastruktur, geht es relativ gut, weil sie auch von diesem Auslandsgeschäft profitieren.
Wie sieht es mit den Investitionen in Sicherheit und Verteidigung aus, die in Europa und auch in Deutschland hochgefahren werden. Welche Chancen liegen hier?
Es ist das Ziel der Bundesrepublik Deutschland, einen Beitrag zur europäischen Wehrhaftigkeit zu leisten. Der Bundeskanzler hat gesagt, er möchte, dass Deutschland die konventionell stärkste europäische Verteidigung aufstellt. Dabei geht es um Personal, aber auch darum, die Anforderungen an Rüstungsgüter voranzubringen. Wir haben aber nur noch eine überschaubare Größe deutscher und europäischer Rüstungsunternehmen. Wir müssen hier etwas weiterbringen, damit diese Unternehmen in der Lage sind, international damit tätig zu werden. Sonst haben wir nur einen Einmaleffekt, wenn in Deutschland 200 Panzer bestellt werden. Wie sieht die Situation in Österreich aus? Die deutsche Rüstungsindustrie hat enge Kooperationen mit Unternehmen in Ländern, die schon bisher stärker auf die eigene Sicherheit gesetzt haben. Das sind vor allem nordische Länder, Österreich gehört nicht dazu. Österreich ist nicht der größte Rüstungsbeschaffungsmarkt, da muss man die eigene Position schon realistisch einschätzen. Ich kann Österreich nur empfehlen, Kooperationen – auch mit der deutschen Rüstungsindustrie – zu suchen. Ich sehe meine Kollegen in Dänemark, Schweden oder Frankreich, die Rüstungs-Vernetzungsschritte setzen – mit Österreich gibt es das nicht. Warum? Weil Österreich denkt, das bekommen wir selber hin. Das werden sie aber nicht. Von dem Kuchen bekommen sie nur etwas, wenn sie in Kooperationen hineingehen.