Sylvia Schwaag Serger ist Präsidentin der Royal Swedish Academy of Engineering (IVA) und war davor stv. Vorsitzende des österreichischen Forschungsrats Forwit © Erik Cronberg / Montage: Selektiv
Sylvia Schwaag Serger ist Präsidentin der Royal Swedish Academy of Engineering (IVA) und war davor stv. Vorsitzende des österreichischen Forschungsrats Forwit © Erik Cronberg / Montage: Selektiv
Interview

„Europa ist nicht mehr automatisch in der Vorreiterrolle“

Sylvia Schwaag Serger war bis März stv. Vorsitzende des österreichischen Forschungsrats Forwit und ist nun Präsidentin der Royal Swedish Academy of Engineering Sciences (IVA). Die Expertin für Innovationspolitik warnt: Wenn Europa Prioritäten setzt, meint es damit meist ein Budget in einem Programm – China hingegen setzt den gesamten Werkzeugkasten in Bewegung: Landvergabe, Subventionen, Regelwerk, öffentliche Beschaffung. „Die linke Hand gibt ein kleines Budget für Forschung, aber die rechte Hand ändert nichts am bestehenden Regelwerk.“ Europas Dilemma: Weder verfüge man über die großen Tech-Unternehmen der USA noch über die Regierungsambition Chinas, aber über einen öffentlichen Sektor, der proportional sogar größer ist. Schwaag Serger plädiert dafür, den Blick auf Europa zu schärfen: weg vom Blick in den Rückspiegel der Innovations-Scoreboards, hin zu echten Vorwärtsvisionen.

Österreich hat in seiner Industriestrategie Schlüsseltechnologien festgeschrieben. Sie haben gesagt, das sei ein wichtiges Signal – aber die Frage gestellt, ob die Priorisierung auch wirklich effektiv ist. Was fehlt aus Ihrer Sicht, oder wo hakt es?

Sylvia Schwaag Serger: Ich finde, es ist ein guter Ansatz und eine gute Intention zu sagen, man will Schlüsseltechnologien identifizieren. Das ist schon mal positiv. Meine Anmerkung ist: Sehr viele Länder identifizieren dieselben Schlüsseltechnologien als ihre Prioritäten. Viele dieser Schlüsseltechnologien – vielleicht sogar alle – entwickeln sich in einem geopolitischen Kontext, in dem größere Länder mit kleineren konkurrieren. Und größere Länder haben viel mehr Ressourcen, viel mehr Daten, viel mehr Möglichkeiten, Hebel in Bewegung zu setzen. Das ist etwas, was wir manchmal vergessen. Österreich hat – genauso wie Schweden und die anderen nordischen Länder – sehr lange davon profitiert, dass wir eine Weltordnung hatten, in der kleine, innovative, exportorientierte Länder sich gut positionieren konnten. Jetzt bewegen wir uns auf eine Weltordnung zu, in der kleinere, offene Volkswirtschaften anders agieren müssen und es schwerer haben werden, mitzuhalten.

Wenn wir zum Beispiel auf KI oder Quantentechnologien schauen: Diese neuen Schlüsseltechnologien sind zwar ein Versuch der Priorisierung, aber einfach zu denken, man könne KI ähnlich strategisch priorisieren wie die USA, ist meiner Meinung nach unrealistisch. Man muss sich sehr genau überlegen, wo man mithalten kann und will. Der Anspruch, KI als General Purpose Technology in Gesellschaft, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung zu nutzen und dazu beizutragen, das ist legitim. Aber das ist etwas anderes.

Sie haben in Ihrer Abschiedsrede als stellvertretende Vorsitzende des Forschungsrats auch gesagt, dass China, wenn es Prioritäten setzt, nicht nur die Regierung mobilisiert, sondern wirklich das ganze Land mitreißt. Europa setzt jetzt auch Prioritäten, aber mobilisieren wir die Menschen auch genug?

Was in China passiert, wird oft missverstanden: Man meint, der Staat steuere alles. Aber so ist es nicht. Der Signaleffekt ist mindestens genauso wichtig wie die eigentlichen Ausgaben, vielleicht sogar wichtiger. Bei uns in Europa, aber auch in Österreich, meint man mit Priorisierung oft ein Budget in einem Programm, einen Posten im Forschungsministerium oder im Innovationsbudget. Was dabei selten mitgemeint ist – und genau das macht China – ist, alle Hebel in Bewegung zu setzen.

Wenn China sagt, wir setzen auf Elektroautos, dann heißt das: Alle Provinzen entwickeln die beste Elektromobilitätsindustrie in ihrem Bereich, man vergibt günstig Land, subventioniert Gebäude, ändert das Regelwerk. Wir hingegen senden oft widersprüchliche Signale. In Schweden etwa hat man Elektromobilität lange gefördert, während die letzte Regierung gleichzeitig den Preis auf Benzin und Diesel gesenkt hat. Das ist keine effektive Priorisierung. Die linke Hand gibt ein kleines Budget für Forschung, aber die rechte Hand ändert nichts am bestehenden Regelwerk, nichts an der öffentlichen Beschaffung.

China arbeitet mit einem relativ vollständigen Werkzeugkasten, wenn es Prioritäten setzt – und das geht weit über Forschungsausgaben hinaus. Ich will dabei mitschicken: Diese Priorisierung kostet in China sehr viel und ist auch nicht immer effektiv. Es gibt viele Dinge, die auch dort nicht funktionieren. Unser Problem im globalen Wettbewerb ist: Die Dinge, die in China scheitern, berühren uns nicht, aber wo sie erfolgreich sind, haben wir plötzlich keine Chance mehr, mitzuhalten.

In Europa hat der öffentliche Sektor einen größeren Anteil am BIP als in China oder den USA. Und wir haben weder die großen Tech-Unternehmen der USA noch die Regierungsambition Chinas. Wie sollen wir dann mithalten? Im Gegenzug haben wir einen öffentlichen Sektor, der proportional größer ist und ich finde, wir befassen uns viel zu wenig damit, wie dieser öffentliche Sektor zur Technologieentwicklung beitragen kann, anstatt sie nur zu bremsen. 

Sie haben gesagt, dass Xi Jinping immer mit Zuversicht über Disruption spricht, während Europa das eher mit Sorge tut. Warum ist das so?

Da gibt es viele Gründe. China ist ein Land im Aufstieg. Das darf man nicht unterschätzen. Als ich vor 20 Jahren dort gelebt habe und auch bei späteren Besuchen habe ich immer wieder festgestellt: Die Menschen sehen, dass sich das Land in eine positive Richtung entwickelt, und sie verbinden das sehr stark mit Technologie. Wir in Europa kämpfen eher mit Stagnation. Ich glaube, dieser geopolitische Wettbewerb dreht sich letztlich darum, dass Menschen entweder das Gefühl haben müssen, dass die Zukunft besser sein wird, oder dass sie zumindest in der Gegenwart gerecht behandelt werden. In China waren die Menschen lange fest davon überzeugt – und konnten es sehen –, dass sich Gesellschaft und Wirtschaft zum Positiven entwickeln. Ob das heute noch so ist, würde ich in Frage stellen. Aber das war ein wichtiger treibender Faktor.

Wir haben in Europa viel mehr zu verlieren, so kann man es vielleicht sagen. Ich glaube auch, dass Europa nicht so leicht mit Veränderungen umgehen kann wie die USA und China. Das ist etwas, womit wir immer kämpfen. Und ich kann akzeptieren, dass wir nicht so sein wollen wie die USA oder China. Ich bin überzeugte Europäerin. Aber dann müssen wir sagen: Was ist unser Weg in die Zukunft? Nicht nur festklammern an Dingen, die wir nicht bereit sind aufzugeben.

Sie haben Nobelpreisträger Acemoglu zitiert, dass es unsere Aufgabe ist, Technologie einzurahmen. Europa wird regelmäßig dafür kritisiert, dass es sehr viel reguliert. Wo ist das richtige Maß?

Keiner weiß genau, wo das richtige Maß ist. Weil bei uns so vieles über den öffentlichen Dienst und die öffentliche Verwaltung läuft, sind wir in einer besonderen Situation. Das ist nicht nur negativ, aber man muss dann auch viel mehr mitdenken. Wie schafft man auf der einen Seite Sicherheit, wie treibt man auf der anderen Seite die Zukunft mit voran? Ich denke da zum Beispiel an öffentliche Beschaffung.

Wenn man sich anschaut, wie viele junge Menschen mit KI-Doktortitel in die öffentliche Verwaltung gehen: In vielen Ländern, auch in den USA, ist dieser Anteil verschwindend gering. Das ist für mich ein Zeichen, dass der Staat bei uns zwar eine größere Rolle hat, aber diese Rolle im Moment nicht gut meistern kann, weil er technologisch nicht auf der Höhe der Firmen ist.

Ich verweise gerne auf das sogenannte Collingridge-Dilemma: Der Staat hat den größten Einfluss auf eine Technologie, wenn er sie am wenigsten versteht, also ganz am Anfang. Und ich glaube, genau das tun wir. Regulierung ist nicht per se schlecht, aber wenn man nicht in der Lage ist, sie kontinuierlich und agil anzupassen – wenn man feststellt, dass sie unseren Firmen im internationalen Wettbewerb schadet –, dann fehlt es uns genau da.

Die EU-Kommission hat sich auf die Fahnen geschrieben, jetzt an einer Deregulierung zu arbeiten und das aufzubrechen, es läuft aber noch nicht ganz optimal.

Ich war selbst am Heitor-Bericht beteiligt und dort haben wir sehr stark für das plädiert, was wir Radical Simplification genannt haben, auch für das Rahmenprogramm. Was ich dabei festgestellt habe: Manche haben das missverstanden und dachten, diese Vereinfachung soll die Dinge für die Kommission oder für die Programmverantwortlichen leichter machen. Wir haben aber immer die Perspektive der Nutzer, der Firmen in den Vordergrund gestellt.

Ich glaube wirklich, dass man in der Kommission ernsthaft um Deregulierung bemüht ist. Aber man stößt auf Widerstand von vielen Seiten, und das erzeugt leider diesen Lähmungseffekt. Ich glaube auch, dass man in der aktuellen historischen Phase, in der wir es mit extrem disruptiver Technologieentwicklung und einem intensiven geopolitischen Wettbewerb zu tun haben, mehr verinnerlichen müsste, dass diese Technologien nach dem Prinzip the winner takes it all funktionieren. Die, die den Vorsprung haben, werden mehr davon profitieren und diesen Vorsprung weiter ausbauen können. Ich weiß nicht, ob das Hauptproblem immer bei der Kommission liegt. Es liegt oft auch in den Mitgliedstaaten, die, wenn es hart auf hart kommt, eher jene Interessen vertreten, die sie zu Hause besser politisch verkaufen können.

Ja, vielleicht ist das ein Systemfehler. China macht noch etwas, was Europa eigentlich auch gerne täte: Es reduziert Abhängigkeiten und stärkt gleichzeitig die eigene Unentbehrlichkeit. Worin ist Europa eigentlich unentbehrlich, und wie wird es das noch mehr?

Europa hat viele Stärken. Erstens: Wir sind sehr stark in der Forschung, da reden wir uns manchmal klein. Wir haben ausgezeichnete Forschung, die mit China und den USA mithalten kann, in einigen Bereichen sogar überlegen ist. Wir haben starke Universitäten, denen die Mehrheit der Bevölkerung noch vertraut. In Schweden etwa ist das Vertrauen in die Universitäten konstant hoch, das unterscheidet uns von vielen angelsächsischen Ländern, wo man einen Verfall des Vertrauens in Wissenschaft und Akademie sieht. Wir schätzen wissenschaftliche Freiheit hoch ein und schützen sie.

Wir haben auch eine extrem dynamische Verbindung zwischen Kultur und Innovation, das sieht man nicht zuletzt in Österreich. Zusätzlich haben wir eine sehr starke Industrie und – vielleicht in manchen traditionellen Branchen – vor allem die Fähigkeit, komplexe Systeme zu entwickeln und zu bauen. Die USA kämpfen gerade darum, Manufacturing zurückzuholen, wir haben es nicht annähernd so verloren. Wir haben eine starke Manufacturing-Tradition und schaffen es sehr gut, die physische Welt mit Software zu verbinden.

Also kurz gesagt: Unternehmertum, kultureller Reichtum, Respekt und Vertrauen in unsere Institutionen, auf eine ganz andere Art als in den USA oder China. Das haben wir, und das könnten wir viel mehr nutzen.

Und wo liegen die Schwächen?

Die große Schwäche, die mich persönlich am meisten beschäftigt: Wir haben gerade darüber gesprochen, dass es politisch oft nicht gewinnbringend ist, sich für europäische Ideen einzusetzen, zumindest im nationalen Kontext. Wir sollten bei Themen wie der EU Inc. mehr machen. Wir müssen das Unternehmertum in Europa einfacher machen. Ich befürchte, dass das wieder im Prozess der Nationalstaaten zerredet wird. Das gleiche gilt für den Binnenmarkt. Alle sind sich einig, dass ein besser funktionierender Binnenmarkt uns erlauben würde, mit den USA und China mitzuhalten. Aber im Moment schaffen wir es nicht. Der dritte Punkt ist natürlich ein besser funktionierender Kapitalmarkt. Diese Dinge sind theoretisch erreichbar – aber wie Sie vorhin gesagt haben: Da haben wir es mit Systemfehlern zu tun. Es macht für alle Sinn, alle sprechen davon, aber wenn es konkret wird, setzt man sich dann doch für anderes ein. Man könnte darüber nachdenken, ob einzelne Länder oder Koalitionen von Ländern Vorreiterrollen übernehmen. Was mich positiv stimmt: Gerade kleinere Länder wie Österreich und die nordischen Länder hätten das Potenzial, so eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Nochmal zurück zu den Stärken. Eine traditionelle europäische Stärke ist die Automobilindustrie. China hat erkannt, dass es beim Verbrennungsmotor nicht mehr aufholen kann, und hat dann die Technologieführerschaft bei E-Mobilität übernommen. Sie haben gesagt, Europa soll sich das auch zutrauen. Was wäre denn so eine nächste Front für Europa?

Das ist eine sehr gute Frage und ich glaube, da könnten wir uns von China unterscheiden. Wie ich auch mit Blick auf Acemoglu gesagt habe: Technologie ist nur ein Mittel zum Zweck. Für mich ist Technologie ein Mittel, um Wohlstand zu garantieren und eine Gesellschaft zu gestalten, in der wir leben wollen. China hat einen sehr technokratischen Ansatz: Man identifiziert eine Technologie und peilt sie im Leapfrogging an.

Was Europa anders machen könnte: Wir könnten gemeinsam mit der Bevölkerung überlegen, wo wir dieses Leapfrogging gestalten wollen. Zum Beispiel in der Resilienz. In Nordeuropa, in den nordischen Ländern und im Baltikum sind wir sehr stark geprägt von der Sorge um Russland, von Cybersecurity-Bedrohungen und potenzieller physischer Aggression. Wir reden sehr viel von Resilienz. Das könnte auch technologisch gedacht werden.

Ich sehe Möglichkeiten etwa in Umwelttechnologien: Wir haben die Technologien, die Forschungsstärke, und wir haben eine Bevölkerung, die solche Technologien befürwortet und nutzen will, im Gegensatz zu großen Teilen der USA im Moment. Österreich ist auch stark in Quantentechnologien. Das ist aber ein Bereich, wo kleine Länder sich sehr genau überlegen müssen, wo ihre Nischen sind – oder eben gemeinsam auf europäischer Ebene agieren.

Kurz gesagt: Wir sollten uns überlegen, wo wir einen Sprung machen wollen, aber dieser Sprung sollte nicht nur von Leuten entschieden werden, für die Technologie selbst das Ziel ist.

Sie forschen auch zur China-Europa-Kooperation. Wo ist grundsätzlich eine Zusammenarbeit möglich, und wo liegen die Grenzen?

Im Moment gibt es viele, die Blacklists befürworten, also bestimmte Bereiche in der Zusammenarbeit als tabu erklären wollen. Ich verstehe das und bin mir selbst nicht immer ganz sicher, was ich denke. Aber das Problem mit solchen Blacklists zeigt sich zum Beispiel bei KI: Es wäre einfach zu sagen, wir wollen nicht mehr mit China in der KI zusammenarbeiten, weil China dort anders arbeitet und KI für die Überwachung seiner Bevölkerung nutzt. Aber dann schließt man sowohl die weltführende Forschung, die inzwischen in China stattfindet, als auch die Möglichkeit aus, gemeinsam Dinge zu entwickeln, die beiden Seiten nützen.

Man muss darüber viel differenzierter nachdenken. Die Stärke unserer Universitäten ist ihre Dezentralisierung. Die Schwäche ist, dass wir es mit einem Systemwettbewerb zu tun haben: Man kooperiert in China selten nur mit einem einzelnen Forscher oder einer einzelnen Firma, dahinter steht ein System mit klaren Ambitionen, wie wir es an den Fünfjahresplänen sehen. Dessen ist man sich zu wenig bewusst.

Das erfordert eine andere Vorgehensweise: Wenn ein Forscher zum Beispiel in KI- oder Wasserstofftechnologien mit China zusammenarbeiten möchte, dann muss er bereit sein zu sagen: Ich bin mir der Risiken bewusst – ethisch, sicherheitspolitisch, beim Schutz geistigen Eigentums. Und man muss auch bereit sein, Unterstützung und Ratschläge anzunehmen oder klare Grenzen zu setzen wie, Ich teile keine Daten. Darauf sind europäische Forscher im Moment noch nicht ausreichend vorbereitet.

Zum Schluss nochmal zurück nach Europa und Österreich. Österreich will schon seit Jahren zu den europäischen Innovation Leaders aufschließen. Sie haben gesagt, das sei eigentlich der falsche Referenzrahmen. Was wäre der richtige?

Man muss sich ein maßgeschneidertes Benchmarking-System beschaffen. In gewisser Hinsicht ist vielleicht Singapur der relevante Vergleichspartner, in anderer Hinsicht vielleicht Südkorea. Was ich damit meine: Erstens sind die europäischen Länder nicht mehr automatisch die innovationsführenden Länder, die sie früher waren, da gibt es inzwischen China, die USA, aber auch Südostasien, Australien. Man muss sich damit anfreunden, dass Europa nicht mehr automatisch in der Vorreiterrolle ist. Zweitens: Weil Österreich in der Aufholjagd schon so weit gekommen ist, stellt sich jetzt eine andere Frage, nämlich wie man von Catch-up zu Leadership übergeht. Das ist ein anderer Denkmechanismus. Österreich ist nun so nah an den führenden Ländern, zumindest in Europa und in vielen Forschungsbereichen auch international. Da muss man sich ganz anders überlegen: Wohin wollen wir als Land? Und deswegen habe ich in Schweden auch die Initiative „Swedish Futures“ gestartet, wo wir fragen: Wo wollen wir als Gesellschaft und als Wirtschaft sein?

Auch die Indikatoren selbst sind oft problematisch. Wenn man vom Innovation Follower zum Innovation Leader werden will, muss man sich die Ziele selbst setzen.

Also mutigere Visionen entwickeln, die über andere Länder hinausgehen.

Genau. Und als dritten Punkt möchte ich noch sagen: Weil sich die Welt gerade so dramatisch verändert, ist das European Innovation Scoreboard per Definition immer ein Blick in den Rückspiegel. Das ist das grundsätzliche Problem mit solchen Benchmarks – sie bauen auf jahrelangen Investitionen auf. Was wir brauchen, ist mehr vorausschauendes Denken: Wo wollen wir führend sein und in welcher Form? Nicht nur: Wollen wir die meisten Veröffentlichungen haben? 

Sie verlassen Österreich für Schweden, sind dort an der Universität Lund als Professorin und seit 2024 auch Präsidentin der Royal Swedish Academy of Engineering Sciences (IVA). Im Industrial R&D Investment Scoreboard 2025 steht Schweden besser da als Österreich. Was läuft in Schweden besser? Was kann Österreich lernen?

Vor fast 30 Jahren ermöglichte die schwedische Regierung Angestellten, steuerfrei einen PC auszuleihen oder zu mieten – mit dem Ziel, dass jeder zu Hause Zugang zu einem PC haben kann. Die Gründer von Lovable, einem der wichtigsten europäischen KI-Start-ups, verweisen heute noch darauf. Das war ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man zwei Gedanken gut verbindet: Alle sollen an der Technologie teilhaben können, wir werden sie nicht steuern, sondern nur die Infrastruktur anbieten, damit die Menschen sich damit befassen und selbst entscheiden können, wie sie die Technologie nutzen wollen.

Das andere Beispiel sind unsere privaten Forschungsfinanzierer wie die Wallenberg-Stiftungen und andere. Und das zeigt sich sehr gut am Beispiel KI: Wenn wir uns nur auf staatliche Forschungsförderung oder Universitäten verlassen hätten, wären wir nie so weit in der KI, wie wir es heute sind. Wenn große technologische oder gesellschaftliche Umbrüche passieren, ist der Staat leider nicht immer der Erste, der es erkennt. Deswegen ist es gut, neben staatlicher Forschungsförderung auch komplementäre Förderer zu haben, das schafft Vielfalt und Wettbewerb.

Dazu kommt, dass in Schweden das Forschungsbudget eigentlich nie politisch in Frage gestellt wird. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht – man darf das nie als gegeben hinnehmen, sondern muss es schützen. Diese Kombination aus Vertrauen in Universitäten, einem gesellschaftlichen Konsens, dass Forschung ein Gemeinschaftsgut ist, und dem Zusammenspiel privater und öffentlicher Akteure – das ist eine sehr starke Basis.

Dann haben wir natürlich eine sehr starke Unternehmenskultur. Wir haben diese großen Industrieunternehmen, Ericsson, Alfa Laval, AstraZeneca und andere, die es seit über 100 Jahren schaffen, sich immer wieder zu erneuern. Die tragen maßgeblich zur Technologieentwicklung bei und fördern über Generationen hinweg Kompetenzen in der Gesellschaft.